Nichts Persönliches, nur Sachen

Nichts Persönliches, nur Sachen

– Die Vase dort bitte auch einpacken, – sagte Helga Baumann, ohne sich umzudrehen.

Sie stand mitten im Wohnzimmer und betrachtete die Regale so, wie man eine Vitrine in einem bereits bezahlten Geschäft ansieht. Ruhig. Geschäftsmäßig. Mit dem leicht zusammengekniffenen Blick eines Kenners.

– Welche Vase? fragte Katharina.

Ihre Stimme war leiser, als sie wollte. Sie räusperte sich und wiederholte:

– Frau Baumann, welche Vase meinen Sie?

– Die da hinten. Die blaue. Wir haben sie 1998 aus Prag mitgebracht. Ein Familienerbstück.

Katharina schaute auf die blaue Vase. Damals, an ihrem dritten Hochzeitstag, hatten sie und Erik sie in einem kleinen Laden in der Prager Altstadt gekauft. Der Verkäufer war ein alter Mann mit grauem Bart und hatte ihnen irgendetwas auf Tschechisch gesagt. Erik lachte und tat, als hätte er alles verstanden. Danach aßen sie Trdelník direkt auf der Straße, und Katharina verbrannte sich die Zunge. Sie lachten darüber noch eine halbe Stunde später.

– Das ist kein Erbstück, sagte Katharina ruhig. Wir haben sie 2009 zusammen gekauft.

– Kathi, Frau Baumann drehte sich nun endlich um, ihre Stimme in genau dem Tonfall, den Katharina schon im ersten Ehejahr zu deuten gelernt hatte: die geduldige Erklärung von Selbstverständlichkeiten an ein unvernünftiges Kind. Machen wir es nicht kompliziert. Du weißt doch, dass das alles hier, sie machte eine weite Armbewegung durch das Wohnzimmer, von unserer Familie bezahlt wurde.

– Von unserer Familie, wiederholte Katharina. Von unserer, von Erik und mir.

– Erik hat das Geld verdient. Wir, mein Mann und ich, haben geholfen. Du hast den Haushalt gemacht. Das sind unterschiedliche Dinge.

Erik stand am Fenster und schaute hinab; aus dem 23. Stock sah die Stadt da draußen wie eine Spielzeugkulisse aus. Kleine Autos, kleine Bäume, kleine Menschen. Er sagte nichts.

Katharina sah seinen Rücken an. Sie kannte jeden Zentimeter davon. Sie wusste, wie er sich krümmte, wenn er müde war; das Muttermal unter dem linken Schulterblatt; sein Atem, wenn er so tat, als würde er schlafen. Zehn Jahre kannte sie ihn. Und jetzt stand er am Fenster und schaute in eine Miniaturwelt, während seine Mutter ihr gemeinsames Leben in Umzugskartons verstauen ließ.

***

Die Wohnung war schön. Katharina hatte es sich immer eingestanden, selbst wenn sie oft darüber ärgerte. Hohe Decken, bodentiefe Fenster, Parkett aus Nussbaum, das man nicht mit Absätzen zerkratzen durfte. Die Küche aus dem Studio “WohnArt”, die Frau Baumann selbst bezahlt hatte und bei jeder Gelegenheit erwähnte. Der Kronleuchter im Wohnzimmer, der wie ein zu Eis gefrorener Wasserfall aussah.

Acht Jahre hatte Katharina hier gelebt und nie das Gefühl gehabt, zu Hause zu sein. Nicht, weil die Wohnung schlecht war. Sie war zu perfekt. Zu teuer. Zu akkurat nach Katalog ausgesucht den Katalogen, die Frau Baumann stets mitbrachte.

Gleich nach dem Einzug stellte Katharina einen einfachen Tontopf mit einem Veilchen ans Schlafzimmerfenster, für drei Euro auf dem Markt gekauft. Nach einer Woche war der Topf weg. Frau Baumann hatte ihn rausgeworfen, es habe “nicht ins Konzept gepasst”.

Katharina schwieg damals. Erik auch.

Es war das erste Mal. Dann folgten viele solcher Male.

***

Die Umzugshelfer kamen um zehn Uhr. Zwei wortkarge Männer mit Sackkarre und riesiger Klebebandrolle. Frau Baumann empfing sie im Flur, mit einer ausgedruckten Liste in der Hand. Die Liste war sauber nummeriert, mit Unterüberschriften. Katharina konnte einen kurzen Blick darauf werfen: Wohnzimmer: Ecksofa (Leder, grau), 1 Stk.; Couchtisch (Marmor), 1 Stk.; Stehlampe (Bronze), 2 Stk….

Sie wandte sich ab und ging in die Küche. Setzte das Wasser auf. Nur damit sie etwas mit den Händen zu tun hatte.

Erik kam hinterher, blieb an der Tür stehen.

– Katharina…

– Ja?

– Wie gehts dir?

Sie schaute ihn an. Sein schönes Gesicht, das sie so liebte und das jetzt den Ausdruck hatte, den sie im Kopf immer “das schuldbewusste Jungen-Gesicht” nannte: Stirn leicht in Falten, Blick zur Seite, leiser, beinahe bittender Tonfall.

– Geht schon, sagte sie. Willst du Tee?

– Katharina…

– Erik, willst du Tee oder nicht?

Er schwieg kurz.

– Ja, bitte.

Sie goss Wasser in zwei Tassen weiße Tassen mit kleinen Hasen drauf, die sie damals in Amsterdam gekauft hatten. Lustige Tassen, die überhaupt nicht in das Konzept der WohnArt-Küche passten. Frau Baumann nannte sie “billigen Kitsch”. Genau deshalb hing Katharina daran.

Sie standen nebeneinander und tranken Tee, aus dem Wohnzimmer hörte man das sachliche Rascheln des Klebebands und die Anweisungen von Frau Baumann.

– Sie hat kein Recht dazu, sagte Katharina leise, fast zu sich selbst. Das Sofa haben wir zusammen gekauft. Die Stehlampen habe ich ausgesucht. Die Bilder im Schlafzimmer habe ich aus Florenz bezahlt.

– Ich rede mit ihr.

– Das hast du heute schon fünfmal gesagt.

Er antwortete nicht. Schaute auf die Tasse mit dem Hasen.

– Erik, sagte sie, ihre Stimme wurde endlich so, wie sie es eigentlich verhindern wollte: müde, flach. Ich fordere nicht das Sofa. Ich brauche kein Sofa. Ich bitte dich nur, einfach… hier zu sein. Nur einmal. Einfach neben mir stehen.

Er sah sie an.

– Ich bin da.

– Nein, sagte Katharina. Du stehst am Fenster.

***

Helga Baumann war vierundsechzig, und sie gehörte zu diesen Frauen, die den Raum so einnehmen, dass für andere immer ein bisschen weniger Luft da ist. Sie war kein böser Mensch. Eher sehr exakt. Sehr sicher, was richtig war und was “nicht ins Konzept” passte.

Sie liebte ihren Sohn. Daran zweifelte Katharina nicht. Nur war diese Liebe so kompakt, so umfassend, dass darin für Katharina kein Platz blieb. Nicht, weil Frau Baumann grausam war sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass irgendjemand ihren Sohn so lieben könnte wie sie. Oder gar mehr.

Im ersten Ehejahr hatte Katharina noch versucht, sich anzufreunden. Sie lud Frau Baumann zum Mittag ein, fragte nach Rezepten, schenkte sogar mal einen sorgfältig ausgesuchten Schal. Frau Baumann bedankte sich, legte den Schal beiseite und meinte, sie habe empfindliche Haut.

Im zweiten Jahr hörte Katharina auf, sich zu bemühen. Sie hielt einfach höflich Abstand ohne Streit.

Im dritten Jahr erkannte sie, dass Distanz nicht funktioniert, wenn die andere keinen Respekt vor Grenzen hat, die sie nicht selbst gesetzt hat.

Im vierten, fünften, sechsten irgendwann hörte Katharina auf zu zählen.

***

– Erik Baumann, rief Frau Baumann aus dem Wohnzimmer. Komm mal, wir brauchen dich wegen der Bilder.

Er stellte die Tasse ab. Katharina sah, wie er zum Ruf seiner Mutter eilte: der leicht beschleunigte Schritt, die angezogenen Schultern, die Bereitschaft.

Wie oft war er so in den letzten zehn Jahren gegangen. Zum Ruf. Zum Klingeln. Beim ersten Wunsch.

Sie war nicht wütend. Sie war müde. Wut braucht Energie die hatte sie schon lange nicht mehr.

Aus dem Wohnzimmer hörte sie Frau Baumann: Das nehmen wir auf jeden Fall mit, das ist aus der Galerie Kanzler eine gute Geldanlage Und Eriks zustimmendes Gemurmel.

Katharina trank aus, spülte die Tasse, stellte sie zum Trocknen weg.

Dann ging sie zum Schlafzimmer. Nicht, weil sie dort etwas brauchte. Sie wollte nur nicht in der Küche stehen und zuhören, wie ihr Leben in Positionen einer Checkliste zerlegt wurde.

Im Schlafzimmer war es ruhig. Die Sonne fiel schräg, in Streifen, aufs gemachte Bett. Wer das Bett bekommt, war noch nicht entschieden. Wahrscheinlich wusste Frau Baumann das schon.

Katharina setzte sich auf die Bettkante. Fuhr mit der Hand über die Tagesdecke.

Sie erinnerte sich, wie sie die Tagesdecke kaufte. Stand im Laden, hielt zwei Ausführungen in der Hand: das eine praktisch, dunkel, nicht schmutzempfindlich, wie Frau Baumann es gesagt hätte; das andere ein zartes Hellblau, fast wie der Himmel, völlig unpraktisch. Sie wählte das blaue. Erik hatte sich gewundert, aber nichts gesagt.

Diese blaue Tagesdecke war vielleicht der mutigste Akt von Katharina in acht Jahren in dieser Wohnung.

***

Eigentlich öffnete Katharina das Fach über dem Kleiderschrank nur, um ihre alte Tasche zu suchen. Dort war sie auch daneben stand ein Karton.

Ein ganz normaler Schuhkarton, schon etwas abgewetzt. Auf dem Deckel, mit Filzstift von ihr geschrieben: Verschiedenes. Unseres.

Erst wusste sie nicht mehr, was darin lag.

Sie nahm den Karton heraus, setzte sich damit aufs Bett.

Obenauf lagen zwei alte Kinotickets, vergilbt, die Ecken abgerissen. Nach kurzem Überlegen fiel ihr ein: “Amélie”. Dritten Date hatten sie den Film gesehen, Erik hatte danach den ganzen Abend behauptet, er sei blöd und drei Jahre später gestanden, dass er gelogen hatte.

Unter den Tickets lag eine Postkarte aus Barcelona, damals in den Flitterwochen ergattert. Darauf gemalt: die Sagrada Familia, und auf der Rückseite hatte Erik geschrieben: Ich liebe dich mehr als Gaudí diesen Dom. Und er hat ihn 73 Jahre geliebt. Sie hatte gelacht und gefragt: Liebst du mich dann 73 Jahre? Er antwortete: Ich versuche es.

Jetzt war er vierzig, sie achtunddreißig. Zehn Jahre zusammen, noch 63 übrig.

Sie hielt die Karte in Händen und dachte daran.

Darunter: ein kleiner Paris-Magnet in Eiffelturmform, gekauft auf dem Flohmarkt Frau Baumann hatte ihn sofort vom Kühlschrank entfernt, das sei Geschmacklosigkeit; ein Plastik-Armband mit Teilnehmer vom Betriebsausflug, als sie beide getrunken hatten und bis eins tanzten; eine getrocknete Blume, sie fiel schon auseinander irgendwo auf einer Wiese gefunden, an einem frühen Morgen, als sie einfach anhielten, weil es schön war; drei Muscheln von einem Nordseestrand; eine Papierserviette mit ihrem Tic-Tac-Toe-Spiel, damals im Café während langer Wartezeit.

All das war billiges Zeug. All das stand auf keiner Checkliste.

Katharina saß auf dem blauen Bezug, die Serviette in Händen. Und irgendetwas in ihr, das sie lange fest und sorgfältig zusammengehalten hatte, begann sich langsam zu lösen.

Sie weinte nicht. Dazu hatte sie nie einfach so gekonnt. Sie saß nur da, atmete, während im Wohnzimmer weiterhin Klebeband raschelte und Frau Baumann etwas von Bleikristallgläsern erzählte.

***

Erik kam zufällig ins Schlafzimmer. Wahrscheinlich wollte er etwas holen. Sah sie mit dem offenen Karton und blieb stehen.

– Was ist das?

– Schau selbst.

Er nahm die Tickets in die Hand. Schaute, griff nach der Karte.

Katharina beobachtete sein Gesicht sie sah, wie sich darin langsam etwas veränderte. Wie der Lichtwechsel, wenn eine Wolke weiterzieht.

– Amélie, sagte er leise. Damals hab ich gesagt, dass der Film doof ist.

– Ich weiß.

– Ich hab gelogen.

– Ich weiß.

Er setzte sich zu ihr. Nimmt das “Teilnehmer”-Armband in die Finger.

– Das war der Betriebsausflug von Felix 2015.

– Ja, fünfzehn.

– Damals hast du auf der Tanzfläche einen Schuh verloren.

– Und du hast ihn an der Theke gefunden.

– Hab gesagt, du bist Aschenputtel.

– Ich hab gesagt, du siehst nicht gerade wie ein Prinz aus.

Er lächelte. Nicht das gezwungene Lächeln der letzten Jahre, sondern sein altes, echtes Lächeln, mit leicht hochgezogenem linken Mundwinkel.

– Bin ich auch nicht, gab er zu.

Sie schwiegen. Im Wohnzimmer fiel etwas laut zu Boden. Frau Baumann herrschte die Umzugshelfer an: Vorsicht!. Ein leises Entschuldigung.

– Erik, sagte Katharina.

– Ja?

– Wie sind wir hierher gekommen? Nicht nur in dieses Zimmer. Sondern genau an diesen Punkt?

Er schwieg. Drehte eine Muschel in den Händen.

– Ich weiß es nicht, sagte er schließlich.

– Weißt du schon, sagte sie ohne Vorwurf.

Er legte die Muschel zurück.

– Ich bin ein Feigling, sagte er nach einer langen Pause.

Katharina schaute sein Profil an, diese ihr so vertraute Silhouette.

– Ich weiß.

– Es hätte anders laufen sollen.

– Ja.

– Ich hätte so vieles tun müssen.

– Ja, Erik.

Er sah sie an. Zum ersten Mal an diesem langen, schweren Tag direkt.

– Ich möchte, dass du weißt, sagte er, ich erinnere mich an alles. An jedes davon. Er deutete auf die Schachtel. Ich weiß noch, wie wir die Kinotickets gekauft haben. Ich erinnere mich an den Trdelník, als du dir die Zunge verbrannt hast. Die Wiese damals. Jede Muschel, Kathi. Du hast gesagt, du machst einen Bilderrahmen. Ich habe gemeckert, es sei Kitsch, du warst verletzt, und dann sind wir nachts um drei schwimmen gegangen und

– Hör auf, sagte sie.

– Warum?

– Weil es dann wehtut.

Er schwieg.

– Mir tuts auch weh, sagte er leise.

***

Im Türrahmen tauchte Frau Baumann auf.

– Erik, du musst noch etwas unterschreiben

Sie sah den Karton. Sah die beiden. Irgendetwas in ihrem Gesicht veränderte sich kurz, kaum wahrnehmbar.

– Was ist das?

– Unsere Sachen, sagte Erik.

– Was für Sachen? Das ist Müll. Weg damit.

– Mama.

– Hier sind irgendwelche Zettel, Papier…

– Mama, wiederholte er, diesmal mit etwas Neuem in der Stimme. Kein Flehen. Etwas anderes.

Sie sah ihn an.

– Was?

– Geh bitte raus.

Pause, lang.

– Erik, die Umzugshelfer warten, die Zeit läuft…

– Mama. Geh bitte raus.

Katharina blickte nicht auf. Sie sah auf ihre Hände, auf ihren Knien. Sie hörte die Stille nach seinen Worten dicht, fast klingend.

– Gut, sagte Frau Baumann endlich. Der Ton sachlich, aber darunter lag etwas anderes. Wenn ihr fertig seid, sagt Bescheid.

Ihre Schritte entfernten sich, die Tür blieb offen.

Katharina atmete langsam aus.

– Du hast das zum ersten Mal gemacht, sagte sie.

– Was?

– Sie gebeten zu gehen.

Er schwieg.

– Zehn Jahre, fügte sie hinzu. Das erste Mal.

– Ich weiß.

– Warum jetzt?

– Keine Ahnung. Wahrscheinlich Er hielt inne, suchte nach Worten. Wahrscheinlich wegen dem Karton. Mir ist klar geworden, dass alles, was da draußen im Wohnzimmer aufgeteilt wird das sind nur Sachen. Ein Sofa ist ein Sofa, eine Vase ist eine Vase. Aber das hier, er nickte zur Schachtel, das sind wir. Das Einzige, was wirklich unseres ist.

Katharina sah ihn lange an.

– Erik, sagte sie endlich, das sind schöne Worte.

– Ich will keine schönen Worte. Ich…

– Warte, lass mich ausreden. Es sind schöne Worte und ich bin müde von schönen Worten. Du konntest immer gut reden, immer erklären warum alles so kommt, und dass es beim nächsten Mal anders wird, dass du verstehst Aber verstehen und handeln sind verschieden.

– Ich weiß.

– Nein, Erik, weißt du eigentlich nicht. Du meinst, du weißt aber wenn du es wirklich gewusst hättest, stünde deine Mutter nicht in unserem Wohnzimmer und würde unser Leben nach Planliste sortieren. Sie hat eine Liste gemacht, klar? Was unser ist, was nicht. Sie ist gekommen und hat entschieden.

– Ich beende das.

– Jetzt gleich?

– Ja.

– Es ist zu spät, sagte Katharina. Das hätte man tun müssen, als sie vor sieben Jahren meine Pflanze entsorgt hat. Oder sechs Jahre zuvor, als sie im Urlaub unser Schlafzimmer umgestellt hat. Oder fünf, als sie mir klargemacht hat, dass mein Kartoffelsalat nicht familientauglich ist. Oder vor vier, als…

– Kathi.

– Oder als sie vor drei Jahren meinte, Kinder seien jetzt nicht nötig, erst müsse man im Leben stehen und du hast genickt, und ich war fünfunddreißig und…

Sie stoppte.

Still war es im Zimmer.

– Das hat am meisten wehgetan, sagte sie leise. Mehr als alles andere.

Erik saß still. In seinem Gesicht dieses seltene, beinah nie da gewesene Ausdruck keine Entschuldigung, keine Ausflucht, nur offen, wehrlos.

– Ich weiß, sagte er. Ich damals…

– Keine Erklärung.

– Ich möchte aber erklären.

– Jetzt nicht.

Sie verschloss die Schachtel wieder. Drückte den Deckel gerade herunter.

– Ich nehme das mit, sagte sie. Nur das.

– Okay.

– Mehr will ich aus dieser Wohnung nicht.

Er sah sie an.

– Wohin gehst du?

– Erst zu Mareike. Dann such ich mir was.

– Katharina.

– Was?

– Geh nicht.

Sie stand auf. Nahm die Schachtel unter den Arm. Sie war leicht überraschend leicht für all das, was darin lag.

– Erik, ich gehe aus dieser Wohnung, nicht weg von dir. Ich kann hier nicht bleiben. Ich wollte nie hier bleiben, ich habe nur gelernt, so zu tun, als ob ich es wollte.

– Aus dieser Wohnung kann man auch gemeinsam rausgehen.

Sie hielt inne.

Drehte sich um.

– Was hast du gesagt?

Er stand auf. Hände an der Seite, blickte sie an.

– Ich sagte, man kann zusammen gehen. Ich will das Sofa nicht, keine Gläser aus Böhmen, keine Bilder aus der Galerie Kanzler ich brauche dich, die Schachtel, und sonst nichts.

Katharina sah ihn an.

In ihr passierte etwas. Etwas Komplexes, wie Hoffnung und Angst, und Müdigkeit, und noch etwas Unbenanntes.

– Erik, sagte sie langsam, du bist vierzig. Wenn du jetzt mit mir gehst, deine Mutter

– Weiß ich.

– wird sehr sauer sein.

– Weiß ich, Katharina.

– Bist du bereit dafür?

– Ich weiß nicht, ob ich bereit bin. Aber wenn ich es jetzt nicht mache, kann ich mich später nicht mehr achten.

Pause.

– Das ist ein anderer Ton, sagte sie.

– Ja?

– Ja. Das ist nicht ich will dich zurück. Das ist ich will an mich glauben. Das ist was anderes.

– Vielleicht, sagte er. Aber eins gibts nicht ohne das andere.

***

Im Wohnzimmer sprach Helga Baumann mit den Umzugshelfern. Als sie hereinkamen, drehte sie sich um. Ihr Blick blieb an der Schachtel in Katharinas Arm und am Gesicht ihres Sohnes hängen.

– Ist alles? Ausgesprochen?

– Mama, sagte Erik. Es reicht.

– Reicht was?

– Alles hier, er deutete durch das Wohnzimmer, wo bereits Möbel verschoben, ein Stehlampe folienverpackt stand, nimm es. Alles. Ich erhebe keinen Anspruch.

Helga Baumann starrte ihn an.

– Was redest du?

– Sofa, Vasen, Gläser, Bilder, die WohnArt-Küche alles deins. Mach, was du willst.

– Das sind teure Sachen, das sind Vermögenswerte, das…

– Mama Ich geh mit Katharina und der Schachtel raus. Das ist alles, was ich brauche.

Stille.

Sie sah von ihrem Sohn zu der Schwiegertochter, dann zurück. Irgendetwas, das Katharina noch nie gesehen hatte, huschte durchs Gesicht der Schwiegermutter keine Wut, kein Groll, eher Ratlosigkeit. Ein Mensch, der die Spielregeln genau kennt und plötzlich an einem Tisch sitzt, an dem anders gespielt wird.

– Du bist verrückt, sagte sie leise.

– Vielleicht, entgegnete er. Aber ich will lieber über meine eigene Entscheidung unglücklich sein als über eine fremde.

***

Sie verließen die Wohnung kurz nach eins. Katharina trug den Karton, Erik eine kleine Tasche mit Kleidung und Laptop.

Im Aufzug schwiegen sie. Spiegelten sich in der Wand zwei nicht mehr ganz junge Menschen mit erschöpften Gesichtern, mit einer Kartonschachtel und Tasche.

Unten auf dem Boden nickte der Hausmeister. Die Türen öffneten sich automatisch. Draußen war dieser typische Aprilmorgen, kühl, grau, nach feuchtem Laub und Regen.

Sie standen auf der Treppe.

– Wohin? fragte Erik.

– Zu Mareike, wie gesagt.

– Ich kann nicht zu Mareike.

– Musst du nicht.

– Ich will auch nicht zu Mareike. Ich will nur dahin, wo du bist.

Katharina schaute auf die Straße. Die Menschen, die eben noch winzig schienen, waren jetzt auf normaler Größe, mit echten Gesichtern, auf dem Weg durch ihren Alltag.

– Erik, sagte sie, wir haben keine Wohnung.

– Weiß ich.

– Wir haben kaum Geld. Alles eingefroren bis zum Gericht.

– Ich hab etwas zurückgelegt. Mama wusste nichts davon.

– Gut. Aber das ist nicht für immer. Wir müssen was bescheidenes mieten. Irgendwo klein und wahrscheinlich hässlich.

– Okay.

– Ohne WohnArt-Küche.

– Gott sei Dank.

Sie sah ihn an. Und in seinem Gesicht lag Erleichterung. Wobei “Erleichterung” zu leicht war für alles, was darunter noch an Schwere lauerte.

– Das ist kein Ende, sagte sie. Alles fängt erst an. Gericht, deine Mutter, viel Stress…

– Weiß ich.

– Ich bin mir nicht sicher, ob wir das packen.

– Ich auch nicht.

– Und trotzdem?

Er schwieg. Dann:

– Und trotzdem.

Katharina rückte den Karton zurecht. Leicht genug für zehn Jahre. Und doch alles, was davon wirklich zählte.

– Dann gehen wir, sagte sie.

Und sie gingen. Durch einen grauen Apriltag, ohne Plan, ohne Sicherheit, mit einer Tasche und einem Karton zu zweit. Weit oben und hinter ihnen blieb die Wohnung mit Nussbaumparkett und Eisleuchter und Frau Baumann, die sicher schon wieder Anweisungen gab.

Sie gingen voran. Katharina wusste nicht, ob es richtig war. Sie wusste fast nichts sicher, außer eines: Die Schachtel unter ihrem Arm. Er an ihrer Seite. April. Und der Geruch, der nur im Frühling so ist wenn es noch kalt ist, aber schon klar, dass es nicht für immer kalt bleibt.

– Erik, sagte sie unterwegs.

– Ja?

– Erinnerst du dich an die Muscheln?

– Nordsee. Du wolltest einen Rahmen machen.

– Du meintest, das ist Kitsch.

– Ist es auch.

– Ich mach trotzdem einen. Irgendwann.

– Gut, sagte er.

– Nur haben wir noch keinen Platz, um ihn aufzuhängen.

– Finden wir, sagte er.

Katharina entgegnete nichts. Sie ging einfach weiter, mit ihrer Schachtel, und dachte, dass finden wir kein Versprechen ist. Es ist nur ein Wort. Manchmal aber ist ein Wort alles, was man braucht um einen Schritt zu machen. Und dann noch einen. Und noch einen.

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Homy
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Nichts Persönliches, nur Sachen
Das werden wir noch sehen