Das werden wir noch sehen

»Das werden wir ja sehen!«

»Nein! Solange wir in diesem Irrenhaus mit deiner Mutter und Lina leben, gibt es keine Hochzeit!«

»Annika, warum gleich so hart sein? Wir können das Kleid doch leihen, wir haben noch Zeit. Oder wir verschieben die Hochzeit, wenn du willst… Man kann doch alles in Ruhe klären«, seufzte Markus.

»Du verstehst es nicht«, verschränkte Annika die Arme. »Es geht nicht um das Kleid. Es geht darum, dass ich hier wie im Krieg lebe. Deine Schwester ist schon eine ausgewachsene Stute, aber von Verstand keine Spur. Und sie ist noch das Harmloseste eigentlich ist Maria Schuld.«

Markus gefielen solche Aussagen natürlich nicht, auch wenn Annika in manchem recht hatte. Irgendwann hatte Maria, ob absichtlich oder nicht, seine Schwester gegen seine zukünftige Frau aufgehetzt.

Annika und Markus hatten sich schon an der Uni kennengelernt. Die Beziehung entwickelte sich langsam, denn damals hatte keiner von beiden einen eigenen Wohnraum. Er lebte bei seiner Familie »der Bequemlichkeit halber«, wie er es nannte.

»Ich habe eine eigene Wohnung. Von Oma. Aber die brauchen wir noch nicht, also vermietet Mama sie erstmal. Wenn wir sie brauchen, renovieren wir alles.«

Tatsächlich wurde die Wohnung ein Jahr später gebraucht. Markus fand, es sei an der Zeit, den nächsten Schritt zu wagen. Beide hatten inzwischen ihren Abschluss und Jobs warten gab keinen Sinn mehr.

»Wir wohnen erstmal bei Mama, dann heiraten wir und ziehen um«, plante er laut. »Höchstens ein halbes Jahr, dann haben wir unser eigenes Leben.«

Annika war zuerst begeistert. Es klang gut und ernsthaft. Doch dann wurde sie nachdenklich: Sie hatten noch nie zusammengelebt, und jetzt sollte sie direkt in die Höhle der zukünftigen Schwiegermutter ziehen. Würde das ihre Liebe überleben?

Fast wäre es schiefgegangen.

Maria war nicht die typische böse Schwiegermutter, die ihren Sohn nicht loslassen wollte. Sie bot sogar an, bei der Hochzeit zu helfen. Sie kochte gut für alle, auch wenn Annika manchmal übernehmen wollte, sie schimpfte nicht und verlangte nichts. Das Problem lag woanders.

Maria hatte eine eigenwillige Art der Erziehung. Mit Lina, ihrer Jüngsten, ging sie strenger um vielleicht nicht ohne Grund. Das Mädchen war verwöhnt und brauchte Feingefühl. Doch Feingefühl war nicht Marias Stärke.

Einmal wurde Annika Zeugin einer Familienszene. Sie machte sich Tee, während Maria Linas Schulheft durchging voller Fünfen und Bemerkungen über ihr Verhalten.

»Na toll… Wieder nichts gelernt?«, seufzte Maria müde. »Gib mir dein Handy und das Tablet. Ab jetzt büffelst du. Das Handy kriegst du zurück, wenn du es draufhast. Das Tablet erst nach einer Eins in Deutsch.«

Lina schnalzte mit der Zunge und rollte demonstrativ die Augen.

»Nimms halt. Markus gibt mir sein Handy.«
»Ach ja?«, grinste Maria. »Glaubst du, du kannst dich ewig hinter deinem Bruder verstecken? Er zieht mit Annika aus, kriegt eigene Kinder dann sind wir vergessen.«
»Das werden wir ja sehen!«, fauchte Lina, warf die Geräte auf den Tisch und verschwand in ihr Zimmer.

Die Tür knallte. Annika blickte unsicher zu Maria. Sie fühlte sich unwohl, als hätte man ihr fremde Wäsche vor die Füße geworfen. Von außen war klar: Maria hatte zu hart reagiert. Doch einer erwachsenen Frau Vorwürfe zu machen, war peinlich.

»Maria, das war vielleicht etwas streng…«, sagte Annika vorsichtig.
»Und? Sie muss lernen, dass nicht immer alles nach ihrer Nase geht. Ich sage ihr die Wahrheit.«

Diese »Wahrheit« bekam Annika bald zu spüren.

Schon länger bemerkte sie, dass Lina ihr auswich. Sie aß nicht mit ihnen, ging, sobald alle zusammensaßen. Zuerst dachte Annika, das Mädchen sei schüchtern. Doch dann begannen kleine Gemeinheiten. Lina versteckte die Fernbedienung bei Hitze, ruinierte Annikas Make-up. Als Markus auf ihren Wunsch ein Schloss an die Tür machen ließ, gab es Geschrei.

»Wie soll ich jetzt am PC arbeiten?! Ich muss Referate schreiben!«
»Du tippst unter Aufsicht«, sagte Markus ruhig. »Wenn ich da bin.«
»Früher hast du dich nicht vor mir verschlossen!«
»Früher habe ich allein gewohnt, Lina. Und früher hast du auch nicht in meinen Sachen gewühlt.«
»Hab ich nicht! Deine Annika lügt! Ich hasse sie!«

Lina verbarrikadierte sich im Zimmer und heulte den Abend durch. Annika wusste nicht, was sie denken sollte. Linas Verhalten missfiel ihr, doch sie wollte nichts eskalieren lassen.

»Sie ist noch ein Kind«, zuckte Markus mit den Schultern.
»Dieses Kind ist zwölf«, erwiderte Annika. »Markus, können wir uns nicht einfach eine Wohnung nehmen?«
»Ach komm, wir müssen nur noch kurz durchhalten. Mama sagt, in vier Monaten ist alles fertig.«

Vier Monate… Für Markus kein Problem. Für Annika eine Ewigkeit.

Sie versuchte, mit Lina ins Gespräch zu kommen, brachte ihr Schokolade, fragte nach der Schule. Lina murmelte »läuft«, nahm die Süßigkeiten und verschwand. Nichts besserte sich.

Es wurde schlimmer.

Einmal hing Annika ihre Tasche an die Tür und ging ins Bad. Draußen bemerkte sie, dass jemand darin gewühlt hatte, doch sie hatte keine Zeit nachzusehen sie kam zu spät zur Arbeit. Eine Stunde musste sie warten, bis Maria ihr öffnete, denn die Schlüssel waren wie vom Erdboden verschluckt.

Annika ahnte, wo sie waren. Sie flüsterte es Maria zu. Die stellte Lina zur Rede und gab die Schlüssel zurück, doch der Beigeschmack blieb.

Seitdem passte Annika besser auf ihre Sachen auf. Markus jedoch ließ manchmal die Tür unverschlossen. Das wurde ihnen zum Verhängnis.

Am Vorabend der Hochzeit hatte niemand Zeit für Lina. Sie planten, schmückten das Auto, telefonierten mit Gästen, Fotografen, Verwandten… Alles näherte sich dem großen Tag. Abends wollte Annika ihr Brautkleid noch einmal bewundern, öffnete den Schrank und… es war weg. Jemand hatte es mit einer Schere zerschnitten. Annika wusste, wer.

Ihre Hände zitterten. Ihre Kehle schnürte sich vor Wut und Ohnmacht zu. Sie konnte Markus nicht einmal erklären, was passiert war, zerrte ihn nur wortlos zum Tatort. Es gab keine passenden Worte für diesen Moment…

»Du kleines Miststück!«, brüllte Maria. »Man sollte dich verhauen! Hast du das Kleid gekauft, um es zu ruinieren? Ich schmeiß dich raus, du wirst Flyer verteilen, bis du es abbezahlt hast!«

Diesmal bekam Lina richtig Ärger, doch das Kleid war hin. Ebenso Annikas Nerven.

Sie war nicht bereit für Kompromisse. Sie wollte kein Ersatzkleid, keine Verschiebung. Sie wollte nicht mehr auf andere Rücksicht nehmen müssen.

»Annika, leg dich hin, schlaf erst mal. Morgen regeln wir das. Vielleicht ist es noch nicht zu spät…«, begann Markus.
»Doch, Markus, es ist zu spät. Entweder wir leben allein, oder gar nicht«, seufzte Annika. »Ich habe es satt, darauf zu warten, dass deine Mutter uns deine eigene Wohnung übergibt. Dass deine Schwester erwachsen wird und nicht mehr in meiner Tasche wühlt. Für eine Beziehung muss man kämpfen aber nicht buchstäblich. Ich bin noch nicht mal deine Frau und kämpfe schon allein.«

Sie packte ihr Ladekabel ein und suchte nach ihren Papieren.

»Wohin willst du? Die Renovierung dauert nicht ewig, alles wird gut…«, versuchte Markus sie aufzuhalten, doch sie hörte nicht zu. Jedes Argument klang wie eine Ausrede.

Die Nacht verbrachte Annika bei einer Freundin, weinte sich aus, doch beruhigen konnte sie sich nicht. Noch gestern war sie eine glückliche Braut jetzt wusste sie nicht einmal, wohin mit sich.

Drei Tage lang rief Markus unzählige Male an. Erst am dritten Tag hob Annika ab.

»Annika, ich weiß, das ist Mist. Wir sind geschockt. Aber lass uns nicht alles kaputtmachen? Wir kaufen ein neues Kleid, heute noch. Geh nicht.«

Annika überlegte. Trotz allem war Markus ein guter Mann. Freundlich, einfühlsam, anständig. Vielleicht etwas unaufmerksam und zu nachgiebig. Sie liebte ihn wirklich. Aber…

»Falls wir heiraten, dann nur unter meinen Bedingungen.«
»Welchen?«, spannte Markus sich an.
»Die Hochzeit ist nur für uns. Keine Hilfe, aber auch keine Gäste. Mit deiner Familie haben wir genug gefeiert. Später machen wir ein Essen für die Nächsten, mehr nicht. Und zweitens: Wir mieten eine Wohnung. Damit ich nicht um meine Sachen zittern muss.«

Stille. Die Bedingungen waren hart, doch weniger akzeptierte Annika nicht.

»Okay«, sagte Markus schließlich.

Die Hochzeit verlief bescheiden. Sie heirateten, machten Fotos, fuhren aufs Land und verbrachten drei Tage allein. Ohne Trubel, ohne Stress.

Markus Familie war beleidigt, doch Annika kümmerte es nicht. Dieser Tag war nicht für Gäste. Einige hätten nicht mal Tee verdient.

Im Restaurant war Lina mucksmäuschenstill. Vermutlich hatte Maria ihr die Leviten gelesen sie hatte diese Schlacht verloren. Doch Annika sah es nicht als Sieg. Sie wollte nie kämpfen. Aber wenn schon… Dann würde sie die Grenzen hart verteidigen. Vielleicht war Lina nur ein Kind, vielleicht meinte Maria es gut doch in ihre eigene Familie ließ Annika niemanden mehr hinein.

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Homy
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Das werden wir noch sehen
Sie ist so langweilig, kann sich einfach nicht freuen