Der Wochenend-Papa

Sonntagsvater

Von Sonntag zu Sonntag döste Paul durchs Leben. Sechs Tage lang bloßes Existieren, und dann ein einzelner Tag, den er tatsächlich lebte. Selbst der aber war streng getaktet, durchgetaktet von seiner Ex-Frau Lena vor zwei Jahren: von zehn bis sechs. Keine Verspätungen. Kein Fast Food. Keine Geschenke einfach so. Denn er, Paul, war ja bloß ein Funktionspapa. Sonntagsvater eben.

Seine Tochter Annika empfing ihn vor dem Hauseingang, das Gesicht so ausdruckslos wie der deutsche Zollbeamte bei der Passkontrolle. In ihren Augen stand: Du bist zwei Minuten zu spät oder Heute ist laut Plan Kino angedacht.

Sie gingen ins Kino, in den Stadtpark, ins Café. Redeten über die Schule, über Filme, über ihre Freunde. Nie über Lena. Nie darüber, was nach 18 Uhr passierte, wenn er sie zurückbrachte und Annika, ohne sich noch einmal umzudrehen, Richtung Fahrstuhl verschwand. Zu Mama. Und zu deren neuem Ehemann, dem Thomas.

Thomas war ein richtiger Papa. Der wohnte mit ihnen zusammen, half bei den Hausaufgaben, kutschierte Annika am Wochenende auf sein Wochenendhaus im Taunus. Sie hatten gemeinsame Witze, gemeinsame Instagram-Posts. Paul sah sich diese Fotos klammheimlich nachts an und fühlte sich dabei, als würde er sich in ein fremdes Leben einloggen.

Alle Vaterliebe, die er eine Woche lang gestapelt hatte, versuchte er in die acht Stunden zu pressen. Klappte natürlich nur so mittel: angestrengt, ein bisschen hölzern.

Unbeholfen fragte er:

Brauchst du irgendwas?

Annika zuckte mit den Schultern:

Ich hab alles.

Dieses Ich hab alles schnitt tiefer als jede Beleidigung. Es meinte: Ich hab ein Zuhause. Und du bist nett, aber im Prinzip überflüssig.

***

Alles krachte an einem Dienstag.

Lena meldete sich. Ihre Stimme, sonst abgeklärt wie ein Steuerberater, klang diesmal gestresst, hauchdünn.

Paul Es geht um Annika. Sie man vermutet einen Tumor. Bösartig. Eine schwere Operation ist nötig. Teuer.

Die Welt schrumpfte auf einen Piepton im Hörer. Dann fasste Lena sich wieder und sprach von Geld. Sie hätten mit Thomas Rücklagen, aber das reiche nicht. Sie würden den Wagen verkaufen. Suchen noch nach Möglichkeiten. Sie bat gar nicht. Sie informierte als Leidensgenossin.

Paul ließ alles stehen und liegen. Rannte ins Krankenhaus. Sah Annika so klein und ängstlich im Krankenhaus-Schlafanzug. Ihm brach fast das Herz.

Neben ihr saß Thomas auf dem Besucherhocker, hielt ihre Hand, redete leise auf sie ein. Annika suchte Halt in seinen Augen.

Paul stand in der Tür, völlig fehl am Platz. Ein Sonntagsvater an einem Werktag total deplatziert.

Papa Annika lächelte schwach.

Dieses Papa klang wie ein Rettungsring. Paul trat näher, traute sich aber nur, ihr unbeholfen übers Haar zu streichen:

Es wird alles gut, mein Schatz.

Leere, Pflichtfloskeln…

Lena stand draußen am Fenster, sah hinaus und warf ihm einen goldwerten Hinweis zu:

Das Geld falls du kannst.

Er konnte.

Sein größter Wertbesitz: Eine alte Gibson-Gitarre, Baujahr 1972. Sein Jugendtraum, für viel Geld mal gekauft.

Er verkaufte sie zum halben Preis, Hauptsache schnell. Überwies Lena das Geld anonym. Er wollte keinen Dank. Nicht, dass Annika denkt, seine Liebe hätte einen Preis. Sollen ruhig alle glauben, Thomas habe alles organisiert. Thomas durfte der Held sein. Paul, das war ihm klar, hatte darauf kein Anrecht. Nur eine Verpflichtung.

***

Die OP wurde auf Donnerstag angesetzt. Mittwochs hielt Paul es zuhause nicht mehr aus und ging noch mal ins Krankenhaus.

Lena war da. Thomas irgendwo unterwegs. Annika lag mit geschlossenen Augen, aber wachte.

Mama, flüsterte sie, sag diesem… Arzt, der heute früh da war, er soll keine Witze mehr erzählen. Die sind nicht komisch.

Mach ich, sagte Lena.

Und… bitte Papa Thomas, er soll mir keine Business-Ratgeber mehr vorlesen. Zu öde.

Sag ich ihm.

Paul stand hinter dem Vorhang, und traute sich nicht herein. Er hörte, Annika schwieg eine Weile, dann noch leiser:

Und meinen Papa… bitte ihn, einfach zu kommen. Zum Dabeisitzen. Still. Und… dass er noch mal vorliest. Wie früher. Der Hobbit.

Paul hielt den Atem an. Das Herz trommelte ordentlich im Hals.

Wie früher

***

Das war vor der Trennung gewesen. Damals hatte er ihr zum Einschlafen vorgelesen, Stimmen verstellt wie ein echter Tolkien-Interpret.

Lena nickte ihm im Flur zu:

Geh rein. Aber nicht lange. Sie braucht Ruhe.

Er setzte sich an ihr Bett. Annika öffnete die Augen.

Hi, Papa.

Hi, Spatz. Hobbit?

Mmh.

Paul hatte das Buch nicht dabei. Suchte den Text auf dem Handy. Fing an zu lesen.

Leise, ein bisschen monoton, übersprang Sätze, verhaspelte sich. Keine Stimmen. Einfach nur lesen. Die Augen tränten leicht, Buchstaben verschwammen. Er spürte, wie Annikas Hand langsam schwächer wurde in seiner.

Eine Stunde? Zwei? Er las, bis die Stimme kratzig wurde. Bis er merkte, dass sie schlief. Wollte seine Hand vorsichtig entziehen aber Annika drückte sie im Schlaf noch fester.

Da, mit Blick auf ihr erschöpftes Gesicht, gestand er sich das, was er nie zugelassen hatte. Er beugte sich vor und flüsterte in die Stille des Krankenzimmers, so leise, dass nur die Wände es hörten:

Entschuldige, mein Mädchen. Für alles. Ich hab dich so lieb. Halt durch. Halt einfach durch. Für mich. Deinen Sonntagsvater.

Ob sie das hörte? Er wusste es nicht. Hoffentlich nicht, dachte er.

***

Die Operation dauerte ewig. Paul saß im Flur. Lena und Thomas auch. Arm in Arm.

Und er: allein.

Aber dieses Alleinsein war nicht mehr leer. Es war gefüllt mit leisem Vorlesen und der warmen Schwere von Annikas Hand.

Endlich kamen die Ärzte und berichteten: alles gut gegangen, Tumor war gutartig. Lena brach in Tränen aus, vergrub sich an Thomas’ Schulter.

Paul trat ans Fenster, ballte die Fäuste, um nicht laut loszuschreien vor Erleichterung.

***

Annika erholte sich schnell. Nach einer Woche kam sie auf die Normalstation.

Thomas, der echte Papa, sprintete von Arzt zu Arzt, hielt alles organisatorisch zusammen.

Paul kam jeden Abend. Las ihr vor. Schwieg. Manchmal schauten sie einfach nur zusammen eine Serie.

Einmal, als er gehen wollte, stoppte Annika ihn.

Papa.

Ich bin da.

Ich weiß, dass du es warst. Mit dem Geld… Mama hat nix gesagt, aber ich hab gehört, wie sie mit Thomas gestritten hat. Er wollte seinen Firmenanteil verkaufen, aber Mama brüllte, das dürfe er nicht, du hättest schon alles gegeben. Und du hättest deine Gitarre verkauft.

Paul schwieg.

Warum? fragte sie. Wir leben doch… nicht mal zusammen…

Ihr seid meine Familie, unterbrach er sie, das steht nicht zur Debatte.

Annika sah ihn lange an. Dann reichte sie ihm eine alte, zerlesene Pappkarte. Drauf stand mit krakeliger Kinderschrift: Für meinen allerliebsten Papa, von Annika.

Sie hatte sie vor sieben Jahren gebastelt…

Hab sie in einem Buch gefunden, als ich am Wochenende zuhause war. Hier, damit du nie die Seite verlierst…

Paul nahm die Karte. Sie war noch warm von ihrer Hand.

Papa, sagte Annika da, ganz ernst, fast schon erwachsen. Du bist nicht nur sonntags mein Papa. Du bist für immer. Verstehst du?

Er brachte kein Wort hervor. Nickte nur und presste die Karte in die Faust.

Dann floh er in den Flur. Denn deutsche Männer, sogar Sonntagsväter, weinen nicht vor ihren Töchtern…

Sie werden bloß still verrückt vor Glück und Schmerz, verstecken sich irgendwo und halten sich an einem Pappkartenschlüssel zur Vergangenheit fest, der man glaubt es kaum plötzlich ihre Gegenwart öffnet.

***

Am nächsten Sonntag kam Paul nicht um zehn, sondern um neun. Und ging nicht um sechs, sondern viel später.

Er und Annika saßen nur da und schauten aus dem Fenster auf das sanft brummende Frankfurt. Zeitpläne hatten Pause.

Weil Paul Annikas Papa ist.

Für immerSie redeten wenig an diesem Tag. Manchmal blätterte Annika in ihren alten Kinderbüchern, Paul half ihr beim Umblättern, als läge darin etwas zu bewahren, das sonst verlorengeht. Als draußen der Regen begann, rückten sie näher zusammen auf dem Fenstersims. Frankfurts Dächer glänzten schwarz, die Tropfen rannten Wettrennen an der Scheibe. Paul wusste nicht, wie viele Sonntage noch so werden würdenwusste nur, dass dieser nicht vergeudet war.

Annika lehnte sich an seine Schulter. Ihre Stirn war warm, ihr Atem ruhig. Ganz leise, fast schlafend, murmelte sie: Erzählst du noch was von Bilbo? Einfach so, ohne Grund.

Paul lächelte, faltete die kleine Pappkarte ums Buch wie einen Talisman, schaute hinaus in den nassen Nachmittag und begann zu erzählen: Von Drachen und Zwergen, von weitem Weg und Heimkehr. Von Mut und davon, dass echte Geschichten nicht jeden Tag geschrieben werden, aber an den richtigen.

Als er aufhörte, war es Abend, und Annika lächelte, als hätte sie ein großes Abenteuer erlebt, ohne die Wohnung verlassen zu müssen. Und Paulder Sonntagsvater, der keine Tage mehr zähltefühlte zum ersten Mal, dass er angekommen war. Vielleicht nicht an allen Tagen, aber an den wichtigsten. Dort, wo er gebraucht wurde. Und ein bisschen auch einfach nur gewollt.

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Homy
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Der Wochenend-Papa
Zehn Jahre lang: Eine Reise durch die Zeit