Zehn Jahre lang
Zacharias hatte kein Glück in der Ehe. Nach drei Jahren ließ er sich scheiden, damals war er etwa dreißig.
“Zum Glück haben wir keine Kinder bekommen”, sagte er zu seinen Kollegen bei der Arbeit. “Schade wäre es gewesen, sie zurückzulassen.”
Er hatte sich in Tatjana getäuschtsie wollte keine Familie, nur Partys, Freundinnen und Geselligkeit. Er selbst war auch in ihrem Kreis gelandet und hatte sich in das lebhafte Mädchen verliebt. Doch wie sich später herausstellte, war sie zu lebhaft und frech.
“Zacharias, du fährst auf Dienstreise ins Dorf Felsblick, etwa fünfzig Kilometer von der Stadt entfernt. Sie brauchen Hilfe bei der Instandsetzung der Geräte”, teilte ihm der Chefingenieur mit. “Für einen Monat, vielleicht kürzer, je nachdem, wie schnell du fertig wirst. Du bist jetzt frei, kein Familienmensch mehrda hast du alle Trümpfe in der Hand”, grinste er.
Zacharias wollte ohnehin eine Veränderung und freute sich auf die Reise, zumal er noch nie dort gewesen war. Im Dorf bot man ihm an:
“Sie können im Gemeindehaus wohnen, allerdings wird dort gerade renoviert. Oder wir vermitteln Ihnen eine Wohnungein kleines Haus in der Nähe der Umspannstation, wo Sie arbeiten werden.”
“Nein, Renovierung ertrage ich nicht. Lieber bei einer Gastgeberin, vielleicht kocht sie gut”, lachte Zacharias. “Ich bin ein alleinstehender Mann…”
Tatsächlich quartierte man ihn bei einer Witwe ein. Die Frau, namens Adelheid, war streng und zurückhaltend. Sie trug lange, schwarze Kleider bis zu den Knöcheln und ein Kopftuch, das bis zu den Augenbrauen reichte. Doch trotz des ersten Eindrucks”Ist sie etwa alt, so dunkel gekleidet?”bemerkte Zacharias bald, dass sie voller Energie war.
Sie lebten still, sprachen wenig, doch Adelheid kochte ausgezeichnet. Zacharias hatte sich mit ihr über die Verpflegung geeinigter wollte nicht in der örtlichen Kantine essen, und wem er das Geld gab, war ihm egal.
“Hör mal, Sepp”, fragte er eines Tages seinen Kollegen, “meine Gastgeberin Adelheid scheint nicht alt zu sein, aber trägt diese seltsame Kleidung. Dachte erst, sie sei fromm, aber ich sehe sie nicht ständig beten.”
“Adelheid? Hast du sie denn ohne Kopftuch gesehen?”
“Nein, morgens kommt sie schon in ihrem ‘Nonnengewand’ in die Küche, wir wechseln ein paar Worte, das war’s. Aber sie füttert mich tadellosFrühstück, Mittag, Abendbrot.”
“Das ist wichtig, Zacharias. Eine gute Verpflegungich kenne das. Meine Greta füttert mich immer, selbst wenn ich betrunken heimkomme. Schimpft erst, erzieht michdafür ist sie ja meine Frauaber dann gibts Essen. Und steht dabei, nörgelt, aber nur zur Abschreckung… Ich kenne meine Greta”, sagte Sepp, und seine Augen leuchtten, wenn er von ihr sprach. Liebe.
“Da hast du recht, Sepp. Wir Männer lieben gutes Essendas ist unsere Schwäche”, lächelte Zacharias.
Nach einer Pause fragte er:
“Sepp, warum fragst du, ob ich sie ohne Kopftuch gesehen habe? Gibts da was?”
“Ach nein, nichts Besonderes. Schönes Haar, das sie versteckt. Sie ist jung, aber tut, als wäre sie alt.”
“Wieso?”
“Weil sie Schlimmes durchgemacht hat. Sie und Michael liebten sicheine Liebe, um die alle sie beneideten. Er behütete sie, dann heirateten sie. Ich war auf der Hochzeiter war mein Cousin, wir waren wie Brüder. Eine wunderschöne Paar waren sie. Doch nach nur einem Monat Ehe fuhr Michael im Frühling in die Stadt. Der Schnee lag noch, der Fluss war zugefroren. Wahrscheinlich wollte er schnell heim, es dunkelte schonalso nahm er die Abkürzung über das Eis. Sein Wagen brach ein. Sie fanden ihn erst nach der Eisschmelze, weit flussabwärts.”
Zacharias pfiff durch die Zähne.
“Unglaublich. Eile mit Weile…”
“Genau. Über die Brücke wären es fünf Kilometer mehr gewesen. Aber er… ach.” Sepp winkte ab. “Seitdem ist Adelheid Witwejetzt ist sie siebenundzwanzig, achtundzwanzig.”
Zacharias war beeindruckt. Wie traurig für Adelheidnur einen Monat verheiratet. Eine Tragödie. Nach der Arbeit kam er nachdenklich heimund erstarrte. Adelheid stand mit dem Rücken zu ihm und kämmte ihr langes, dunkles Haar. Es fiel in Wellen herab. Die Tür knarrte verräterisch. Sie drehte sich umund er verlor die Sprache. Adelheid war atemberaubend schön, ihr Gesicht von lockigem Haar umrahmt.
“Oh!” Sie erschrak, wand ihr Haar hastig zu einem Knoten und setzte das Tuch wieder auf, die Stirn bedeckend.
“Adelheid, warum versteckst du solche Schönheit?”, fragte er. “Und du bist so jung. Ich dachte… wegen der Kleidung.”
“Ich habe ein Versprechen gegeben…”
Sie ging in die Küche. Später, als er sich die Hände gewaschen hatte, folgte er ihr. Adelheid deckte den Tisches war Zeit fürs Abendbrot. Danach blieb sie wortkarg, mied ihn. Zacharias wusste nicht, wie er sie zum Reden bringen sollte.
Doch eines Tages kam er mit einem großen Strauß Wiesenmargeriten heim. Er hatte sie am Wegrand gepflücktfür Adelheid. Als er sie im Hof sah, überreichte er ihr die Blumen mit einem Lächeln.
“Für Sie. Lehnen Sie nicht abheute dürfen Sie mir nichts abschlagen.”
“Warum nicht?”
“Heute habe ich Geburtstag”, log Zacharias nicht.
Adelheid lächelte leicht.
“Danke. Sie hätten mir Bescheid sagen sollenich hätte einen Kuchen gebacken.”
“Brauchst nicht.” Er nahm seinen Rucksack ab und holte eine Torte, eine Flasche Wein und zwei Schokoladentafeln hervor. “Das gabs im Laden. Alsofeiern wir.”
Sie deckten den Tisch, Zacharias schenkte den Wein ein. Adelheid nippte und stellte das Glas ab.
“Zum Wohl. Aber ich trinke nichtnimms mir nicht übel, Zacharias.”
Ihre Stimme war sanft und warm.
“Adelheid, da sich die Gelegenheit bieteterzähl mir von deinem Schicksal. Ich weiß ein wenig. Manchmal wirds leichter, wenn man es ausspricht.”
Schweigen. Doch dann begann Zacharias von sich:
“Mein Leben war auch nicht einfach. Nach der Bundeswehr wurde ich schwer krank. Lange Behandlungaber ich besiegte es, der Arzt sagte, es sei vorbei. Dann heiratete ich, verliebte mich in ein lebhaftes Mädchen, dachte, es sei für immer. Doch… wir passten nicht. Sie wollte keine Familie, keine Kinder. Warum ich das nicht früher merkte? Ein Fehler. Geschiedenjetzt lebe ich allein.”
Adelheid hörte aufmerksam zu. Er spürte, sie wollte sich öffnen.
“Wissen Sie, Zachariasich liebe meinen Mann noch immer. Das Schicksal sandte ihn mirund nahm ihn ebenso schnell. Ich hatte keine Zeit, die Ehe zu genießen. Der Schmerz überwältigte alles. An seinem Grab versprach ich, nur in Erinnerungen an ihn zu leben.”
“Adelheid”, sagte er leise, “Erinnerungen sind wichtig. Doch wir haben nur dieses eine Leben.”
Sie nickte.
“Ich verstehe. Doch ich kann mein Versprechen nicht brechen… Sie sind ein guter Mensch, Zacharias. Sie werden noch glücklich werden.”
Einige Tage später endete die Dienstreise. Zacharias fuhr mit schwerem Herzen heim. Er





