Liebe auf Umstände
Und vergiss es nie, Annika, niemand wird dich je so lieben wie deine Mutter. Für andere bist du nicht wichtig, verstehst du das? Nur für mich! Ich habe dich zur Welt gebracht, großgezogen und auf die Beine gestellt!
Und Felix, Mama? Annika drehte sich vor dem Spiegel, zog das neue Kleid zurecht.
Was ist mit deinem Felix? Ein ganz gewöhnlicher Kerl! Jetzt weicht er dir nicht von der Seite und liest dir jeden Wunsch von den Augen ab, aber später? Wenn du Kinder bekommst und es Schwierigkeiten gibt? Glaubst du, er wird dich dann noch so ansehen? Nein, mein Kind. Das ändert sich alles, glaub mir!
Ursula strich den Gürtel ihrer Tochter glatt, trat ein Stück zurück und schnalzte anerkennend mit der Zunge. Wunderschön! Sie hatte wirklich ein hübsches Mädchen bekommen. Gut, dass Ursula damals nicht Rainer gewählt hatte, der zwar bis über beide Ohren verliebt und anhänglich war, aber sonst nichts Besonderes sie entschied sich für Thomas. Der war groß, stattlich und gut aussehend. Alle Mädchen schwärmten für ihn. Dass er dann nach der Hochzeit zu viel trank, stellte sich leider später heraus. Aber das hielt Ursula nicht aus sie trennte sich schnell. Alleinerziehende Mutter! Na und? Heute ist das ja nichts Besonderes mehr. Dafür ist ihre Tochter ein Traum! Schlank, leuchtende Augen, dicke, goldene Zöpfe. Ursula hatte Annika immer sehr gehütet. Sogar die Haare durfte sie ihr bis zum Abitur nicht selbst waschen. Ursula kochte Kräuter, spülte die langen Strähnen in sieben Wassern aus, betrachtete das goldene, schimmernde Haar mit Stolz. Annika jammerte, sie wolle wenigstens Hälfte abschneiden, aber Ursula ließ das nicht zu. Sie wusste, das würde Annika später schätzen.
Und so war es. Gerade die Zöpfe waren es, auf die Felix reagierte. Er folgte ihr wie ein Schatten, von der Uni an dem Tag, als sie sich kennenlernten. Später lachte Annika:
Mama, er hat nicht mal meinen Namen gefragt. Er kam einfach nur her und wollte meine Zöpfe anfassen! Stell dir das vor! Ist der verrückt?
Wie sich herausstellte, war an ihm wirklich nichts Verrücktes. Gute Familie, anständiges Einkommen. Was wollte man mehr eine eigene Wohnung sogar.
Ursula und Annika hatten auch ihre eigene Wohnung, aber das war nur ein kleines Apartment, kaum genug Platz. An eine größere war nicht zu denken woher das Geld nehmen? Ursula hatte sich Mühe gegeben, die Tochter gut anzuziehen und einen Studienplatz zu ermöglichen. Annika lernte zwar fleißig, aber ohne Nachhilfe ging es nicht. Dafür musste Ursula ordentlich sparen. Zum Glück bemühte sich der Nachhilfelehrer wirklich. Man hört ja so einiges, dass da viel Geld fließt, aber nichts rauskommt!
Annika bestand die Prüfungen, studierte und nun wollte sie heiraten. Ursula hatte Angst, aber was sollte sie tun? Ihre Tochter war über zwanzig, es wurde Zeit. Und Felix war wirklich in Ordnung, auch wenn sie als Mutter und Schwiegermutter immer etwas zu bekritteln hatte das musste so sein!
Als es klingelte, zuckte Annika erschrocken zusammen. Sie sah die Mutter ängstlich an:
Sie sind da, Mama
Wieso so aufgeregt? Ihr kennt euch doch schon. Was gibt es da zu fürchten?
Mama, das ist etwas ganz anderes
Annika spürte, wie ihr innerlich ganz flau wurde. Es ist eben ein Unterschied, ob man zum Nachmittagstee zu den Eltern des Freundes geht oder ob es ernst wird heute kommen sie, um um ihre Hand anzuhalten. Felix Mutter war offenbar eine strenge Frau, kein Wunder so viele Jahre in leitender Position, den Sohn allein großgezogen. Verständlich, da wird man eben hart. Annika fürchtete sie ein wenig, aber respektierte sie auch. Die Großmutter, Hannelore Elisabeth, war hingegen bezaubernd. Herzlich und freundlich. Sie nannte sie stets nur liebevoll Annikale. Mit ihr ließ sich wohl leichter ein Draht finden.
Blumen, Pralinen, Torte Man begrüßte sich. Setzte sich. Und dann begann der Trubel!
Annika tauschte Blicke mit Felix und wünschte sich, weit weg rennen zu können. Es war wie auf dem Wochenmarkt! Früher sagte man: Eure Ware, unser Händler! Genau so fühlte sich Annika jetzt ganz wie eine Ware, die begutachtet wird. Alles wurde besprochen die Familie, die entfernten Verwandten, sogar, dass der Onkel fünf Kinder hatte. Die Schwiegermutter dominierte das Gespräch, während Hannelore meist schwieg und ab und zu freundlich nickte.
Annika verkniff sich ein Lachen, spielte es mit einem Husten weg. Genau so wurden früher die Bräute verlobt. Wenigstens wurde sie nicht in die Sauna geschickt! Ansonsten alles, wie im alten Brauch. Es ging um Gesundheit, Vorlieben, Marotten.
Hannelore, wie kam es, dass Sie Ihren Sohn allein aufgezogen haben?
Annika sah erschrocken ihre Mutter an. Knifflige Frage! Ursula fragte sowas nie einfach so.
Über Felix Vater wusste Annika nur, dass er ein bekannter Ingenieur war, wohl Flugzeuge baute Näheres war ihr unbekannt. Sie hatte Felix immer mal auf die Geschichte ansprechen wollen, kam aber nie dazu.
Felix Vater kam ums Leben, als der Junge sieben war. Ein Unfall.
Annika sah die künftige Schwiegermutter überrascht an. Was war mit ihr? Sie blickte nur noch finster in die Tasse, verlor sich in Gedanken.
Auch Ursula fiel diese Stimmungsänderung auf. Hannelore lächelte freundlich, die Schwiegermutter war sichtlich verunsichert. Ursula wechselte geschickt das Thema. Es würde noch Gelegenheit geben, dem nachzugehen. Vorläufig gab es genügend andere Sorgen.
Die Hochzeit verlief wie gewünscht. Still, ohne großes Tamtam. Sie heirateten standesamtlich, aßen im kleinen Kreis im Restaurant. Annika warf die Schuhe unterm Tisch von den Füßen, kuschelte sich an Felix Schulter und träumte vom nächsten Tag zum ersten Mal im Leben sollte sie das Meer sehen!
Sie war nie verreist früher. Warum auch? Es gab ja das Schrebergartenhäuschen! Das kleine Stück Land hatte Ursula einst über die Firma bekommen. Es wurde zum Lieblingsort für Annika. Ursula machte daraus keine Plackerei, ließ ein kleines Holzhaus aufstellen, pflanzte Rosen und Beerensträucher, zwei große Apfelbäume ließ sie wild wachsen. Sie hängte eine Hängematte dazwischen und verkündete der Tochter:
Hier ist unser Ruhepol. Den Stress gibts schon genug in der Stadt. Ich hab mich auf Omas Feld abgerackert das will ich dir ersparen. Freu dich am Leben, Annika, solange es geht!
Annika rannte mit den Nachbarskindern an den See, saß mit ihnen abends am Lagerfeuer, verbrannte sich die Finger an im Feuer gegarten Kartoffeln, sang zu den schiefen Gitarrenklängen der Brüder Lehmann und genoss das Leben, wie die Mutter es ihr geraten hatte.
Doch gelegentlich erzählte ein Mitschüler, irgendwo gäbe es ein blaues Meer und hohe Berge, und das sei ganz nahe nur ein Tag mit der Bahn. Und Annika begann zu träumen. Sie wusste, die Mutter würde sie nie ins Ferienlager lassen, schon gar nicht ans Meer fahren. Ursula hätte nur trocken geantwortet:
Woher soll ich das Geld für deine Wünsche nehmen, Kind?
Annika mochte das nicht hören. Sie jobbte früh, legte stolz das selbst verdiente Geld auf den Tisch und hörte von der Mutter:
Gut gemacht! Kluges Mädchen! Merke dir, Annika, eine Frau darf nie von jemandem abhängig sein. Nur dann bist du wirklich Herrin über dich und lässt dich nicht unterdrücken!
Mama, was heißt das?
Du wirst es verstehen, wenn du groß bist! beendete Ursula das Gespräch und schüttelte den Kopf.
Annika wagte es nicht weiter zu fragen. Wenn die Mutter so resolut war, sagte sie nichts mehr. Annika merkte sich die Worte und legte ihre Träume für später in eine imaginäre Truhe. Eines Tages, so dachte sie, würde sie sie hervorholen können, und dann, irgendwann, würde all das wahr werden
Und nun sollte Annika wirklich das sagenumwobene Meer sehen, von dem sie so viel gehört und geträumt hatte.
Die zwei Wochen an der Ostsee waren für Annika wie eine Offenbarung. Sie könnte stundenlang in den Wellen baden oder einfach am Ufer sitzen, den Blick in die Ferne gerichtet. Felix, für den das Meer nichts Neues war, lachte über seine träumerische Frau, setzte sich aber oft zu ihr und fragte:
Wovon träumst du noch?
Von ihrem größten Wunsch erzählte Annika ihm einige Monate später, schüchtern errötend. Felix, sprachlos von diesem Lebenswandel, fragte nur heiser:
Einen Jungen oder ein Mädchen?
Ach Felix, das weiß ich doch nicht! lachte Annika. Man sieht noch nichts, sagt der Arzt.
Die Nachricht vom Enkel wurde in den Familien ganz unterschiedlich aufgenommen. Ursula jubelte, umarmte Tochter und Schwiegersohn und pochte laut darauf, das Kind nach ihrem Vater zu benennen. Hannelore umarmte Annika zurückhaltend und fragte, wo sie in Betreuung war, rief dann eine Freundin an, die Ärztin im Geburtshaus war, und bat Annika, am nächsten Tag zur Untersuchung zu kommen.
Ich vertraue dich Marie an. Sie ist eine sehr gute Ärztin. Alles, was nötig ist, macht sie perfekt.
Annika erinnerte sich an die Worte ihrer Mutter, dass sie der Schwiegermutter nicht zu viel Einfluss lassen dürfe, doch sie versuchte einzuwenden:
Ich habe eine gute Ärztin, das passt alles.
Annika, die überwacht dich nur, aber wer das Kind dann entbindet, ist jemand anders. Es ist besser, wenn die Ärztin auch deine Schwangerschaft verfolgt. Das Krankenhaus ist außerdem sehr modern, mit Top-Neugeborenenstation. Da gibt es sogar eine Intensivstation.
Wozu das? Glauben Sie, mit meinem Kind stimmt etwas nicht?
Das glaube ich nicht. Ich glaube, man sollte vorbereitet sein und absichern, was geht. Denk in Ruhe darüber nach.
Nach einigem Überlegen fand Annika den Rat der Schwiegermutter durchaus vernünftig und nahm an.
Ach, Kind! Warum bist du sonaiv? Ursula saß mit einer Tasse Tee in der Wohnung der Jungen und klirrte genüsslich mit dem Löffel.
Mama, hör auf! Mir tut alles weh! Annika, blass wie die Wand, kaute an einem Zwieback, vermied den Blick auf die Torte, die die Mutter mitgebracht hatte. Ursula liebte diese fetten, buttrigen Torten, Annika hingegen konnte sie nicht ausstehen. Sie dachte nur, sobald die Mutter weg war, würde sie das Prachtstück in den Müll werfen.
Was willst du denn? In deinem Alter? Ich war kerngesund! Ihr heult ja schon bei einer Kleinigkeit! Was für eine Generation! Hör lieber auf, was ich dir sage! Warum hast du denn jetzt zugestimmt? Jetzt weiß deine Schwiegermutter über jeden deiner Gesundheitsschritte Bescheid! Das brauchst du nicht! Je weniger sie weiß, desto ruhiger schläft sie und du erst recht! Ich erklärs dir immer wieder vergeblich!
Annika schwieg. Sie wollte ja keinen Streit. Schließlich hatte ihre Mutter genug Lebenserfahrung. Aber die Sache war schon gelaufen. Immerhin mochte sie die empfohlene Ärztin. Dr. Marie Schneider war eine rundliche, gut gelaunte Frau, die sanft mit ihren weichen Händen über Annikas Bauch fuhr und gleichzeitig mit Mutter und Baby sprach:
Na, ihr Lieben? Seid ihr brav? Du, Kleiner, musst wachsen und stark werden! So, mal das Herzchen anhören sehr gut! Deine Mama muss sich bitte schonen. Mir gefallen dein Puls und die Werte nicht so ganz, Annika. Aber das kriegen wir alles hin. Ich schreibe dir jetzt alles auf, du meldest dich immer, auch wenn du einfach Sehnsucht hast, okay? Jederzeit! Keine Heldin spielen. Wir haben nur ein Ziel: Das kleine Wunder da soll gesund auf die Welt kommen! Was möchtest du lieber Junge oder Mädchen?
Keine Ahnung
Wichtig ist, dass dein Kind gesund ist. Den Rest sehen wir dann. Vielleicht gibts später ja noch ein zweites. Aber jetzt lassen wirs dabei, du musst dich erst mal erholen.
Jonas kam termingerecht zur Welt, aber nicht ohne Komplikationen. Nach einem Kaiserschnitt, noch im Aufwachraum, forderte Annika sofort ihr Baby und fragte die Schwester, worüber die Nachbarinnen grinsten:
Sind alle Finger und Zehen dran?
Nach der Entlassung, als alle Verwandten weg waren, wollte Annika nur duschen, sich frisch machen doch Jonas ließ sie das nicht. Erst war das Weinen noch zaghaft, dann wurde es zum Gebrüll. Annika wiegte ihren Sohn und schmunzelte:
Da bist du aber laut für so einen kleinen Kerl!
Diesen Satz wiederholte sie oft, aber mit der Zeit immer weniger lachend. Jonas schrie viel, Tag und Nacht, gönnte Annika kaum Schlaf und Ruhe. Nur draußen, im Park mit dem Kinderwagen, beruhigte er sich manchmal.
Felix hatte eine Beförderung bekommen, nun musste er oft auf Dienstreise. Annika blieb allein.
Ruf doch deine Mutter sie kann doch helfen?
Guter Vorschlag eigentlich, aber Annika schwieg. Sie erzählte Felix nicht, dass sie längst ihre Mutter um Hilfe gebeten hatte.
Was du dir da einbildest! Ich habe dich ganz allein großgezogen. Keine Oma, keine Babysitterin, und was war? Du bist doch gesund und stark! Was beschwerst du dich? Wann hast du den Boden zuletzt gewischt? Der Staub liegt schon zentimeterdick! Annika, ich kenn’ dich gar nicht wieder. Du lässt dich ganz gehen! Willst dich auf mich verlassen? Ich hab meinen Teil schon mehr als erfüllt. Außerdem muss ich den Garten instand setzen. Wenn Jonas größer ist, kannst du ihn zu mir bringen. Der braucht frische Luft.
Mama, bis er läuft, dauert das noch ewig. Ich bin einfach am Ende. Mir träumts schon vom Schlafen! Bitte! Wenigstens ein paar Stunden pro Woche?
Annika, wie schämst du dich nicht! Ich arbeite! Und was tust du? Kommst mit einem Kind nicht klar? Und Felix? Warum hilft der nicht?
Er arbeitet auch, Mama. Neue Stelle und so. Du weißt doch, wie wichtig das jetzt ist.
Schon klar, aber Menschlichkeit sollte er trotzdem haben. Schließlich ist er Vater! Und du kannst du ihm nicht klarmachen, dass du Hilfe brauchst? Nein, hast du nicht bei mir gelernt! Denke mit dem eigenen Kopf, verstehst du? Bevor du Kinder kriegst, solltest du wissen, wer sie betreuen kann!
Aber du wolltest doch Enkel, solange du noch jung und fit bist?
Natürlich! Ich sag ja auch nicht nein. Aber ich kümmere mich, wenn sie älter sind. Du bist die Mutter, du bist verantwortlich, solange Jonas noch so klein ist. Ich habe meine Nerven schon für dich verbraucht. Immer warst du krank, Bauchweh, Mandelentzündung, und so weiter. Mir reicht das!
Schon gut Annika eilte zu ihrem schreienden Sohn.
Und wag es ja nicht, Hannelore zu rufen! Die wirst du nicht wieder los! Und anklagen kannst du sie auch nicht, da hast du dir selbst einen Klotz ans Bein gebunden! Dann heulst du aber da ists zu spät.
Warum sollte ich heulen?
Weil sie als Erstes sagen wird, dass du eine miserable Mutter bist! Nicht mal ein Kind kannst du versorgen.
Annika schwieg, aber die Worte ihrer Mutter klangen in ihrem Kopf nach, wenn sie den Hörer in der Hand hatte und kurz davor war, um Hilfe zu bitten.
Jonas wurde immer unruhiger. Annika lief mit ihm von einem Arzt zum nächsten, aber überall hieß es: Das Kind ist gesund. Verzweifelt rief sie Dr. Marie an.
Ach, meine Liebe, es liegt wohl an dir! Wie geht es dir?
Schlecht
Genau! Das spürt das Kind. Du bist erschöpft und nervös, und das merkt er. Ignorier alles, leg dich einfach schlafen. Gleich mit ihm.
Kann ich nicht.
Wieso?
Wer putzt und kocht dann? Und dazu arbeite ich noch. Bin zwar zu Hause, aber habe einen Nebenjob will den Anschluss im Beruf nicht verlieren. Solange ich im Homeoffice arbeiten darf, mache ich das.
Annika, so geht das nicht. Du bist doch kein Roboter! Am Ende holst du dir noch eine Depression, was wir auf keinen Fall wollen. Dein Sohn braucht eine gesunde Mama mit klarem Kopf, keinen ausgebrannten Besen. Jetzt wirst du es noch ertragen, aber bald wirst du vor Jonas davonlaufen, weil du selbst Erholung brauchst und dann wird er quirlig, neugierig, stellt hundert Fragen am Tag. Kannst du dir vorstellen, ob du dann noch genügend Kraft und Geduld hast?
Ich will kein Besen sein
Dann hör auf mich. Du musst auf dich achten.
Annika überlegte und nahm sich vor, Maries Rat zu beherzigen. Es half kaum. Die Nachbarn renovierten, also musste sie stundenlang mit Jonas weggehen, damit er zumindest draußen schlafen konnte zu Hause reichte schon ein leises Geräusch zum Aufwachen.
Dann geschah das, was Annikas Meinung über ihre Schwiegermutter für immer veränderte.
An dem Tag bohrte und hämmerte die Handwerkertruppe im Nachbarhaus besonders früh und laut. Jonas Gebrüll ließ Annika hochschrecken. Sie fluchte, was sie sonst nie tat.
Gleich, mein Schatz! Noch ein bisschen Geduld.
Sie fütterte ihn hastig, zog sich an und verließ das Haus.
Der Himmel war unfreundlich grau, der Nieselregen war kalt und unangenehm. Annika zog die Regenhülle über den Kinderwagen, die Kapuze auf und ging in den Park. Das kleine Café, wo sie gerne frische Brötchen holte, war geschlossen.
Was ist denn das für ein Pech heute
Sie seufzte, zog die Handschuhe über die kalten Hände und schlenderte durch den Park.
Felix war wieder auf Geschäftsreise, dabei hatte sie heute so viel zu erledigen, dass ihr der Kopf schwirrte. Arztbesuch mit Jonas, den Bericht fertigstellen, kochen. Brötchen und Naturjoghurt, den Annika mochte, war ja gut, aber Jonas machte Theater, wenn die Mutter darauf Diät hielt.
Mein kleiner Mann! Annika rückte das Verdeck zurecht und seufzte.
Nach mehreren Runden durch den Park beschloss Annika, nach Hause zurückzukehren.
Dort war es überraschend ruhig. Sie legte Jonas schlafen, bereitete eilig eine Suppe vor und setzte sich an die Arbeit, stets lauschend, ob Jonas noch schlief. Die Handwerker fingen erst mittags an, Annika war froh, den Bericht gerade noch rechtzeitig fertig zu haben, bevor der Bohrer wieder aufheulte.
Geschafft! Der Tag ist doch gar nicht so schlecht.
Nach Arzttermin und Hausarbeit war der Tag vorbei. Annika ließ für Jonas Badewasser ein, kniete an der Wanne und lachte, als ihr Baby jauchzend planschte.
Ist dir warm? Ach komm, wir machen das so
Sie ließ frisches Wasser ein, lehnte den Kopf an den Rand.
Ists gemütlich, mein Kleiner?
Die Hand blieb am Rand liegen plötzlich sah Annika schwarz, alles schwankte, und sie verlor das Bewusstsein.
Wieder zu sich kam sie, weil jemand sie an den Wangen schlug.
Annika, Kind, wach auf! Doch nun! Wo bleibt denn bloß der Notarzt!
Hannelore, ganz außer Atem und irgendwie nass geworden, rüttelte an Annika, während im Hintergrund Jonas laut schrie.
Du bist wieder da, Gott sei Dank! Noch ein bisschen. Die Ärzte sind gleich da!
Welche Ärzte? Warum? Annika war völlig verwirrt, erschrak zutiefst. Jonas!
Ruhig! Ihm gehts gut! Hannelore drückte sie zurück aufs Kissen. Hörst du ihn schreien? Alles in Ordnung
Annika schloss kurz die Augen, packte die Bettdecke.
Ich hätte fast meinen Sohn verloren
Stimmt.
Hannelores Stimme war ruhig, Annika erschrak ein wenig und öffnete die Augen.
Sie schreien mich nicht an
Warum sollte ich?
Meine Mutter würde es tun
Ich bin nicht deine Mutter. Und schreien möchte ich nur aus einem anderen Grund.
Aus welchem?
Warum hast du mir nie erzählt, dass es dir so schlecht geht? Warum Hilfe abgelehnt, als ich sie angeboten habe? Dacht ja wohl, ich wäre die böse Schwiegermutter, die dich nur kritisiert, oder?
Annika nickte verlegen.
Ich verstehe. Aber weißt du was, das ist auch mein Fehler.
Wie das? Annika sah Hannelore an.
Ich hätte dir von meinem Leben erzählen müssen. Von unserer Familie dann hättest du anders gedacht, und das wäre alles nicht passiert.
Erzählen Sie jetzt?
Wieso nicht? Bring Jonas dazu, er wird bei dir ruhig.
Hannelore brachte das Baby, fragte, als Annika den Sohn an sich legte:
Gehts dir besser?
Ja aber was ist da passiert? Ich weiß nichts mehr.
Du bist im Bad ohnmächtig geworden.
Wie sind Sie in die Wohnung gekommen?
Ich habe einen Schlüssel. Wusstest du das nicht?
Nein. Sie sind nie unangemeldet gekommen Annika stockte.
Ohne Erlaubnis? Hannelore lachte leise. Ich respektiere das Leben meines Sohnes, Annika. Vielleicht, weil meines nie respektiert wurde bis ich es selbst änderte. Ich hatte eine harte Schule als Frau und Mutter. Meine Mutter und meine Schwiegermutter waren meine Lehrerinnen. Aber dazu später. Ich bin heute gekommen, klingelte und hämmerte weil Jonas schrie, wusste ich, ihr seid da. Ich hatte Angst und bin rein.
Er hätte doch?
Ertrinken? Kaum. Eure Wanne hat ja diese Halterung. Er lag gut darin, hat so laut gebrüllt, dass mir fast die Ohren abfielen. Wir haben eben einen kräftigen Jungen!
Allerdings
Du hast mir einen Riesenschreck eingejagt. Ich hab Minuten gebraucht, dich wach zu bekommen. Selbst der Riechstoff hat kaum geholfen. Annika, das geht so nicht! Du bist keine Waise und lebst nicht allein auf einer Insel! Warum sagst du nichts? Warum erfahre ich alles von Marie? Ich fühle mich wie das Ungeheuer. Habe es nicht erkannt, nicht geholfen
Sie können nichts dafür. Ich wollte einfach nicht, dass Sie sich einmischen.
Tja. Klischees, Annika, sind ein Fluch. Wer hat erfunden, dass Schwiegermütter Monster sind? Ich war auch so hatte allerdings Gründe. Meine Schwiegermutter konnte mich nicht leiden.
Warum?
Weiß ich bis heute nicht. Sie duldete mich kaum, stichelte ständig. Sie kam sogar, wenn wir gar nicht daheim waren. Ich lebte mit Felix Uroma sie war bettlägerig, ich pflegte sie. Als sie starb, vererbte sie mir die Wohnung, nicht ihrem Enkel, versteht sich. Damit war ich in der Familie meines Mannes endgültig verleumdet. Damals stritten wir oft. Zuerst harmlos, dann wurde es schlimmer. Felix war schon auf der Welt, da hieß es, ich sei die schlechteste Mutter. So oft hat mir das jemand gesagt, dass ich es glaubte. Ich weinte, warf Geschirr und wollte Felix einer Oma geben, weil die sicher wüssten, was mit Babys zu tun ist. Ich hatte solche Angst, meinem eigenen Kind zu schaden, ich traute mich kaum, ihn zu berühren. Ich dachte, ich würde ihn fallen lassen, kaputtmachen so klein, so zerbrechlich Hannelore atmete tief durch. Dann kam Marie. Manchmal ändert ein Zufall alles. Ich schlug ihr aus Versehen die Tür ins Gesicht, sie tat dasselbe
Auch ins Gesicht?
Ja, aber nicht mit der Tür. Du kennst sie! Sie bringt Menschen dazu, sich zu öffnen, ob sie wollen oder nicht. Sie hört hin, interessiert sich ehrlich. Das kann ich nicht so gut. Marie war die erste, die mir sagte, es reicht. Die Ratgeber soll man rauswerfen, weil sie schaden, nicht helfen. Sie hatte schon den dritten Mann, zwei Kinder und genug Erfahrung für halb China.
Annika musste grinsen, erinnerte sich an letzte Gespräche mit Dr. Marie.
Marie hat mir geholfen, mein Leben zu wenden. Ich habe meine Angst konfrontiert, Schwiegermutter und Mutter die Tür gewiesen jeder Vorwurf verboten, sonst gibt’s keine Enkelkinder. Sieben Jahre lebte ich glücklich. Dann starb mein Mann, Felix Vater. Dumm und sinnlos. Er hatte getrunken, ich riet ab zu fahren, aber er fuhr zu seiner Mutter, die mal wieder einen Skandal gemacht hatte. Wegen nichts. Er verunglückte auf der nassen Autobahn. Man brauchte einen Schuldigen und das war ich.
Warum?
Irgendjemand musste, nicht wahr? Man kann der trauernden Mutter nicht sagen, dass sie selbst schuld ist. Ich ließ sie in dem Glauben. Das reichte nicht sie hetzte Felix gegen mich auf. Das ließ ich nicht zu. Wir zogen weg, Kontakt gabs kaum, nur noch selten ein Foto, kurze Berichte; aber als sie auch das zurückschickte, hörte ich auf. Sie interessierte sich nie für den Enkel, behauptete sogar, der sei nicht ihr Blut. Gut, sollte sie so leben. Ihre Entscheidung.
Und Hannelore?
Sie ist nicht Felix leibliche Oma. Sie ist meine Nachbarin, aber der wichtigste Mensch für mich. Keine hat mir so geholfen wie sie. Sie hat Felix geliebt, auf ihn aufgepasst, während ich arbeitete. Für Felix ist sie Oma, für mich wie eine Mutter. Meine Mutter lebt schon lange nicht mehr Mama Hannelore ist da. Unsere Liebe kam durch Umstände. Sie hat mir beigebracht: Es ist leicht, jemanden zusammenzustauchen. Aber mit einem lobenden Wort geben wir oft mehr Kraft als mit aller Tat. Manchmal ist Hilfe nicht eine Tat, sondern ein Wort. Ein Lob, und du hast neue Energie. Das ist viel wert. Aber in deinem Fall reicht das nicht mehr!
Hannelore stand auf, blickte aus dem Fenster, nickte.
Die Rettung ist da. Du machst jetzt alles, was sie sagen. Wenn sie meinen, du musst ins Krankenhaus, dann gehst du.
Nein! Geht nicht! Und Jonas?!
Jonas hat doch eine Oma! Es wird Zeit, dass ich meine Pflicht erfülle. Seine Mama ist wunderbar, aber die Oma ist auch nicht schlecht! Wenn du es mir zutraust, werde ich es dir zeigen. Vertraust du mir?
Ja
Annika musste nicht ins Krankenhaus. Der Kreislaufzusammenbruch wurde auf Überlastung und Erschöpfung geschoben. Am Abend kam Dr. Marie vorbei, füllte zwei Blätter mit verschriftlichten Anweisungen aus und drohte Annika scherzhaft:
Ich nehme dich in die Mangel!
Felix, zurück von der Reise, fragte erschrocken:
Was ist hier eigentlich los? Du wolltest doch keine Hilfe von Mama?
War dumm von mir.
Sechs Jahre später sitzt die ganze Familie im Garten des alten Wochenendhauses zusammen. Annika wischt das Erdbeermund ihrer Tochter ab, droht dem Sohn scherzhaft mit dem Finger:
Jonas! Der Katzenschwanz ist keine Glocke! Lass die Katze! Geh lieber zu den Omas und frag, wann ihr zum See könnt.
Und du?
Ich lieg in der Hängematte und lese wenigstens solange, bis mir keiner auf dem Kopf herumtanzt oder den Mond verlangt. Darf ich?
Klar, Mama! Jonas hüpfte die Stufen hinab. Omas! Wo seid ihr? Ich will nicht den Mond, ich will ins Wasser! Den Mond dann heute Abend, der ist jetzt eh nicht zu sehen!
Heute weiß ich: Familie entsteht manchmal aus ungewöhnlichen Umständen. Entscheidend ist, dass wir füreinander da sind vielleicht nicht perfekt, aber mit offenem Herzen. Darauf kommt es an.





