Sie wurde aus ihrem Elternhaus verstoßen

Sie wurde aus dem Haus geworfen

Tagebuch, 4. März

Die Küche im Haus der Familie Steinbeck war so groß, dass man sich darin verlaufen konnte. Ich erinnere mich noch gut an den ersten Tag, als ich als Schwiegersohn dort ankam das Gefühl von Fremdheit verließ mich nie. Schwarzer Granit, eingelassene Geräte in Champagnerfarbe, das alte WMF-Geschirr hinter Glas, das ich auf keinen Fall anrühren durfte. Alles war fremd. Sogar die Luft.

Ich stand vor dem Herd und rührte die Haferflocken, als hinter mir Schritte erklangen. Nicht leicht, nicht schwer, sondern solche, die jemand macht, der daran gewöhnt ist, dass andere beim Eintreten verstummen.

Schon wieder Haferbrei? Die Stimme von Frau Steinbeck, Margarete, war ruhig, beinahe gelangweilt.

Sie haben um ein leichtes Frühstück gebeten, antwortete ich und drehte mich nicht um. Das hatte ich mir schnell angewöhnt.

Leichtes Frühstück und Kinderbrei sind zwei verschiedene Dinge. Aber woher solltest du das wissen?

Ich nahm den Topf vom Herd. Etwas zu tun brauchte ich meine Hände abtrocknen, obwohl sie trocken waren. Einfach, um die nervöse Energie zu besänftigen.

Ich kann auch etwas anderes machen.

Zu spät. Sie ging zum Kühlschrank, inspizierte dessen Inneres, als wäre es ein Lagerraum. Wo sind die Eier?

Zweite Etage, links.

Ich sehe das. Ich meine, warum sind es so wenige? Ich sagte doch, immer zwei Dutzend zu besorgen!

Ich habe am Freitag zwei Dutzend gekauft. Lukas hat heute früh welche mit ins Büro genommen.

Lukas. Sie sprach den Namen meines Sohnes so aus, als hätte ich ihn falsch verwendet. Du sagst Lukas, als wärs ein Studienfreund. Er ist dein Ehemann. Wenn er Eier nimmt, achtet die Hausherrin darauf, dass genug im Haus sind.

Ich blickte in den Topf Haferbrei mit schon fester Haut.

Ich gehe heute gleich noch einkaufen, murmle ich.

Du gehst nicht irgendwann, du gehst jetzt. Der Edeka ist gleich ums Eck.

Es ist erst Sieben. Dreißig.

Ja und? Hält dich jemand auf?

Ich sah sie an: Margarete stand in ihrem kaffeebraunen Seidenmorgenmantel am Fenster und musterte mich, wie man einen alten Toaster betrachtet, den man noch nicht wegwerfen möchte, obwohl er nicht mehr funktioniert.

Frau Steinbeck, sagte ich langsam, das Frühstück ist fertig. Lukas schläft noch. Vielleicht essen wir erst

Willst du mir jetzt meinen Tagesablauf erklären?

Nein. Es geht nur um eine Reihenfolge.

Ach so. Sie griff nach einer Orange aus der Schale. Drehte sie in den Händen, als prüfe sie Ware vom Markt. Reihenfolge. Weißt du, in diesem Haus gab es längst eine Ordnung, bevor du kamst. Eine gute. Lukas hat normal gegessen, alles lief, ich musste nicht kontrollieren, ob Eier fehlen. Jetzt muss ich dauernd an sowas denken. Weil du DEINE Ordnung mitgebracht hast.

Ich spürte Kälte in den Fingerspitzen, nicht von der Temperatur, sondern immer dann, wenn ich mich sehr zusammennehmen musste.

Ich gebe mir Mühe, sagte ich.

Das merke ich. Sie legte die Orange zurück. Seien wir ehrlich: Dachtet du wirklich, das Leben als Frau Steinbeck sei einfach für dich? Ohne richtigen Abschluss, ohne Familie, aus einer kleinen Mietswohnung kommend, direkt zu uns?

Das Wort Mietswohnung schmeckte in ihrem Mund wie dreckiger Staub.

Ich dachte nicht, dass es leicht wird. Ich habe gehofft, dass es Familie wird.

Einen Moment war es still. Schritte aus dem Flur. Lukas. Schläfrig, im alten Jogginganzug, fuhr sich durchs Gesicht.

Morgen. Ist Frühstück fertig?

Wird kalt, sagte ich.

Mama, irgendwas los?

Nichts, Margarete machte sich schon auf Richtung Tür. Frag deine Frau nach den Eiern.

Lukas sah mich fragend an, ich blickte nur auf den Topf.

Hättest du die nicht kaufen können?

Keine Antwort. Ich rührte in der verkochten, klebrigen Masse.

***

Wir waren jetzt drei Jahre verheiratet. Lukas und ich, unsere Geschichte war schlicht: Er, sieben Jahre älter, arbeitete damals in Düsseldorf, besuchte im Rahmen einer Aktion unsere Designschule. Ich zeigte ihm Skizzen. Er sah mich, erinnere ich. Er hörte aufmerksam zu. Ich, aus dem Heim, dann von einer kleinen Studentenwohnung aus, mit nur einem Koffer, und dem vagen Gefühl, nie so recht zum Rest der Welt zu gehören.

Ich hatte nie einen reichen Ehemann gesucht. Das war mir wichtig, und ich wiederholte es mir besonders in letzter Zeit. Ich hatte mich einfach in einen Mann verliebt, der als Erster meine Zeichnungen bemerkte und sagte: Hier spürt man, dass der Mensch, der das gemacht hat, versteht, wie andere leben. Das hatte nie jemand zu mir gesagt.

Margarete Steinbeck hatte mich von Tag eins an abgelehnt. Es war glasklar damals beim ersten Kennenlernen, als ich am großen Tisch saß, und sie mich musterte, wie Stoff aus zweiter Hand. Qualitativ ungeeignet.

Lukas ist ein guter Junge, sagte sie einmal, schenkte Tee aus dem WMF-Dekor ein. Aber zu gutgläubig. Das ist seine Schwäche.

Ich verstand. Natürlich. Aber ich dachte, Liebe sei stärker.

Ich lag falsch. Das wusste ich nach drei Monaten das erste Mal weinend im Bad, Hand über den Mund, damit es keiner hörte. Margarete traf immer den wunden Punkt. Sie war nie laut, nie grob. Sie erinnerte mich nur stumm an alles, was mir fehlte. Keine Familie, kein Diplom, keine Etikette, kein richtiges Leben.

Du hältst die Gabel falsch.

Du faltest die Tücher nicht richtig.

Besteck stellt man so nicht hin.

Das Kleid trägst du schon wieder? Lukas, sag deiner Frau, so läuft man bei uns nicht herum.

Lukas schwieg meistens. Oder sagte: Sie hat schon Recht, du weißt doch. Ich wusste. Er liebt mich, aber seine Ruhe liebt er noch mehr. Und Ruhe in diesem Haus bedeutete, Mutter nicht zu irritieren.

Mit der Zeit gab ich sogar das Widersprechen auf. Nicht aus Überzeugung, die Worte verschwanden einfach. Morgens Küchendienst, kochen, putzen. Lukas auf Arbeit. Margarete kam nur in die Küche, um abfällige Bemerkungen zu machen. Ich war wie so ein Mikrofasertuch: bequem, stumm, immer parat. Waschen, auswringen, trocknen, morgen wieder.

Eines Abends sah ich meine eigene Silhouette im schwarzen Geschirrglas und erkannte mich nicht mehr. Da stand ich kleiner, blasser. Wie ausgewaschen.

***

Von meiner Herkunft redete ich nicht. Nicht weil ich mich schämte. Sondern weil ich es nicht konnte. Im Heim lernte man Bettenmachen, Böden putzen, sich zu rechtfertigen. Nicht, von sich zu erzählen. Ich hatte nur ein Foto von meiner Mutter, das mir eine Erzieherin zum zwölften Geburtstag heimlich schenkte: eine junge Frau, blond, in geblümtem Kleid, lächelt seitlich. Ich habe oft versucht, darin etwas von mir zu erkennen: vielleicht den Nasenflügel, vielleicht die Brauen.

Meinen Vater kannte ich nicht. Im Formular stand ein Strich. Das passiert.

Ich machte meinen Abschluss, wohnte im Studentenwohnheim, lebte von einem kleinen Startgeld für ehemalige Heimkinder. Mein Koffer: alt, noch mit Metallecken, schwer selbst leer. Er reiste mit mir, über all die Adressen. Mein einziges Eigentum.

Als ich bei den Steinbecks einzog, stellte ich ihn in den Kleiderschrank. Margarete sah ihn eines Tages.

Was ist das für ein Kasten?

Mein Koffer.

Lukas, kauf deiner Frau einen anständigen. Das ist peinlich.

Lukas kaufte einen edlen, beige aus Kunstleder. Ich stellte ihn zum alten. Der neue war schöner. Der alte war lebendiger.

***

Jener Frühling war sonderbar. Zuerst fast sommerlich, dann Mitte April plötzlich wieder kalt und grau, wie ein alter Himmel. Fensterblick wurde mein einziger Luxus. Da konnte ich einmal ich sein, ohne Margaretes Urteil zu fürchten.

An einem solchen Tag kam sie unerwartet früh. Ich hörte die Tür nicht, saß im Wohnzimmer mit einem alten Skizzenbuch von Lukas, das ich mir angeeignet hatte keine großen Entwürfe, einfach Linien, damit die Hände zur Ruhe kamen.

Was ist das?

Margarete stand im Mantel, Tasche in der Hand, und sah auf das Skizzenbuch.

Ich zeichne, sagte ich.

Das sehe ich. Was sind das nur für Gekritzel?

Entwürfe.

Sie blätterte ein paar Seiten und warf das Buch aufs Sofa.

Machst du überhaupt noch was im Haus? Lukas kommt um sechs heim, gibts auch was zu essen?

Suppe steht auf dem Herd, Hauptgang ist im Ofen.

Schon kontrolliert? Dass nichts anbrennt?

Vorhin erst.

Du saßt aber hier und hast gekritzelt. Sie schnitt mir das Wort ab. Hör zu, ich sags dir ohne Umschweife. Ich hatte an dich andere Erwartungen. Lukas hätte besser wählen können. Aber so ists nun mal. Ich akzeptiere das. Aber ich hätte gedacht, du passt dich wenigstens an.

Ich wartete. Es kam noch mehr.

Unser Haus ist das Haus der Steinbecks. Alles hier hat einen Sinn, Geschichte. Dieses Geschirr hat schon meine Schwiegermutter gekauft. Die Sessel kommen aus München. Alles hat hier seinen Platz. Nur du sie umriss mich mit einer Bewegung, du hast keinen. Spürst du das?

Ja, sagte ich. Tatsächlich spürte ich es.

Margarete war offensichtlich überrascht über meine Offenheit. Sie kniff die Augen zusammen.

Und? Was willst du dagegen tun?

Weiß ich nicht, sagte ich ehrlich.

Es war keine kluge Antwort, aber die wahrste.

***

Lukas kam immer gegen sechs nach Hause. Er arbeitete in der Baufirma seines verstorbenen Vaters, die Margarete mithilfe vertrauter Leute leitete. Er war kein schlechter Mensch, Lukas. Ich habe ihn nicht weniger geliebt. Ich verstand nur irgendwann: Liebe und Hilfe sind nicht dasselbe.

Er hat nicht geholfen. Nicht weil er nicht wollte. Sondern weil er es nicht sah. Das habe ich über die Zeit verstanden. Margarete war eine Meisterin darin, die Atmosphäre so zu gestalten, dass für Außenstehende alles normal aussah. In Lukas Nähe war sie eine ganz andere: weicher, fürsorglich, mit der fürsorglichen Mischung, die zeigt: Ich bin nur besorgt um euch beide.

Mama meint, es geht dir nicht so gut, sagte Lukas eines Abends.

Hat sie das gesagt? Ich wunderte mich kaum.

Nicht wortwörtlich. Sie sagt, du bist abweisend. Irgendwas macht dir zu schaffen. Bei uns alles okay?

Bei uns beiden?

Ja.

Ich schaute ihn an, auf dem Sessel mit einer Zeitschrift, sah sein ehrliches, aber konfliktscheues Gesicht. Er wollte, dass alles gut war aber nicht wissen, warum es nicht gut war.

Ja. Alles in Ordnung. Und das meinte ich so: Nicht gut, nicht schlecht. In Ordnung, wie 37 Grad Fieber. Nicht krank, aber eben auch nicht gesund.

***

Dann kam ein ganz normaler Apriltag, der zu meinem letzten im Steinbeck-Haus wurde.

Was Margarete ausgerechnet an diesem Tag so aufbrachte, weiß ich nicht. Vielleicht platzte ein Geschäft, vielleicht ein schlechtes Wort bei einem Treffen, vielleicht war es einfach der Tag, an dem das Maß voll war. Sie kam drei Stunden vor Lukas nach Hause. Ich hörte die Tür knallen.

Ich sortierte gerade Linsen in der Küche ein beruhigendes, nutzloses Ritual nach einem Streit. Wahrscheinlich über die ewigen Eier, oder etwas ähnlich Banalem.

Lisa.

Ich hörte ihren Ton schon von weitem diesmal nicht neutral, sondern vibrierend.

Ja, antwortete ich, sah aber nicht auf.

Komm ins Wohnzimmer.

Ich tat es. Am Fenster die graue, nasse Welt draußen, Margarete davor.

Ich habe die Entscheidung getroffen, sagte sie.

Ich wartete.

So geht das nicht weiter. Drei Jahre bist du jetzt hier und bist kein Teil dessen geworden. Vielleicht ist es unmöglich. Manche Dinge passen einfach nicht zusammen, egal wie oft man es versucht.

Margarete, ich

Warte. Ich rede. Lukas ist ein guter Sohn, aber kein starker. Der würde aus Mitleid noch zehn Jahre mit dir ausharren und ihr macht euch beide unglücklich. Das will ich nicht. Ich will, dass er glücklich wird. Darum bitte ich dich, zu gehen.

Ich stand da und hörte zu. Es war nicht überraschend. Ich hatte längst gewusst, dass dieser Tag kommen würde. Nur nicht so nüchtern.

Ist das Lukas Entscheidung?

Das ist die Entscheidung der Familie.

Weiß Lukas davon?

Er wirds verstehen. Er ist klug.

Also weiß er es nicht.

Ein kaum merkliches Kopfnicken.

Lisa, bitte keinen Aufstand. Geh mit Würde. Ich gebe dir etwas Geld. Nicht viel, aber für den Anfang reicht es. Du findest eine Wohnung, bekommst das hin du bist ja nicht unfähig.

Das klang beinah freundlich. Wäre da nicht die Aussichtslosigkeit.

Was, wenn ich nicht gehe?

Sie zog das Kinn hoch.

Dann wirds schwieriger.

Lange sah ich sie an den perfekten Seidenschal, die Ohrringe, ihre Haltung, als gehöre ihr der Raum von Anfang an.

Gut, sagte ich. Ich nehme meinen Koffer.

Den alten, den du so angeschleppt hast.

Ja.

Ich drehte mich um und ging in die Ankleide. Die Hände zitterten nicht. Das überraschte mich.

***

Ich packte alles methodisch, wie immer: Kleidung, ein paar Bücher, mein Skizzenbuch, das Foto meiner Mutter. Den neuen Koffer ließ ich stehen, nahm den alten mit den Metallecken. Der war schwer, aber das war gewohnt.

Das Smartphone legte ich auf den Nachttisch ein Geschenk von Lukas, teuer, modern. Meines alten, das mit den Kratzern, fand ich am Schubladenboden, steckte es in die Jackentasche.

Im Flur, Koffer in der Hand, stand Margarete. Sie hielt einen Umschlag.

Hier sind zweitausend Euro. Das reicht.

Nein, danke, sagte ich.

Sie sah mich überrascht an.

Sei nicht albern.

Ich bin nicht albern. Ich will einfach kein Geld von Ihnen.

Ich schnappte den Koffer, öffnete die Tür.

Draußen war es kalt. Der Abend, der den Tag endgültig grau machte: es regnete, fast matschiger Schnee. Ich trat hinaus, ohne Regenschirm den hatten wir zusammen für den Haushalt gekauft, also war er nicht meiner.

Ich schleppte den Koffer durch den nassen Vorgarten. Die Rollen stotterten auf dem Steinweg.

Am Tor stand der Pförtner junge Kerl, ich kannte sein Gesicht, aber nie seinen Namen.

Guten Abend, sagte ich.

Abend, erwiderte er abgewandt.

Ich trat hinaus auf die Straße, schwerer Koffer, nasses Feld, Regen. Ich überlegte, Lukas anzurufen. Wenigstens sagen, was gerade passiert war. Es schien richtig.

Kein Durchkommen. Noch mal versucht. Besetzt oder aus.

Ich steckte das Handy weg und zog den Koffer Richtung Bushaltestelle.

Der Regen wurde stärker.

***

Vielleicht 40 Meter weiter hielt ein Auto. Nicht neu, aber gepflegt, dunkelblau. Das Fenster ging unten, ein Mann blickte heraus älter, etwa sechzig, irgendwie vertraut.

Sind Sie Lisa? fragte er.

Ja. Wer sind Sie?

Er stieg aus. Groß, im Mantel, das Haar schon nass er schien es nicht zu merken.

Mein Name ist Andreas König. Ich habe lange nach Ihnen gesucht.

Ich musterte ihn. Irgendwo hatte ich dieses Gesicht schon gesehen. Der Ansatz der Augenbrauen.

Kannten Sie meine Mutter?

Er stockte. In seinen Augen geschah etwas Unbenennbares.

Ich habe sie geliebt, sagte er. Und ich bin dein Vater.

Der Regen prasselte, es war kalt, mein Koffer stand im Nassen. Ich sah diesen Mann an und spürte einen Prozess in mir. Nicht Freude. Auch keine Erleichterung. Eher so, als wäre in mir eine Tür, die lange verschlossen war, deren Existenz ich aber immer geahnt habe.

Zwanzig Jahre, stellte ich fest, ganz nüchtern.

Dreiundzwanzig, sagte er. Steigen Sie bitte ein, bevor Sie erfrieren.

Ich bin schon klatschnass.

Dann erst recht.

Ich sah auf die Steinbecks Hauspforte zurück. Dann auf den Mann. Schließlich griff ich nach dem Koffer.

In Ordnung, sagte ich.

***

Wärme im Auto. Andreas fuhr selbst. Ich saß vorn und sah, wie die Scheibenwischer das Wasser wegrieben.

Wie haben Sie mich gefunden? fragte ich, als wir fuhren.

Ich habe vor Jahren einen Privatdetektiv beauftragt. Man fand Sie schon im Heim, aber zu dieser Zeit konnte ich noch nicht erscheinen. Es waren schwierige Jahre, ich will keine Ausreden machen.

Klingt auch nicht besser, sagte ich sachlich.

Nein, gab er zu.

Wir fuhren schweigend ein paar Minuten weiter.

Wussten Sie, dass heute sowas passiert? Dass ich rausgeschmissen werde?

Nein. Ich bin heute aus einem ganz anderen Grund gekommen. Ich wollte einfach an die Tür klopfen, reden. Nicht erwartet, Sie draußen zu treffen.

Ich brachte ein leichtes Lächeln hervor.

Sie hatten es leichter als gedacht.

Stimmt, vermutlich.

Die Stadt zog vorbei, Abend, Lichter, Leute unter Regenschirmen. Kein Geld, kein Zuhause, kein Kontakt zu Lukas. Nur ein Koffer und dieser Fremde, der sagte, er sei mein Vater.

Können Sie das beweisen? fragte ich.

Dass ich dein Vater bin? Ja, ich habe Dokumente. Und falls du es willst, auch eine DNA-Analyse.

Wozu das Ganze?

Er warf einen schnellen Blick zu mir, dann wieder auf die Straße.

Weil du meine Tochter bist. Und ich zu lange gewartet habe.

***

Später, nicht am gleichen Tag, aber in den Wochen danach, erzählte Andreas viel. Er war in gewissen Kreisen bekannt. Kein lauter, sondern ein solider Unternehmer, mehrere Betriebe Baustoffhandel, Logistik. Solide, verlässlich, nicht glänzend. Witwer, keine weiteren Kinder.

Mit meiner Mutter war er jung zusammen. Trennung, Umzug, sie verschwand mit dem Wissen um die Schwangerschaft. Andreas erfuhr alles erst nach ihrem Tod. Der Versuch, mich ausfindig zu machen, scheiterte zunächst. Die Jahre vergingen, erst Verdrängung, dann das schlechte Gewissen.

Ich erwarte keine Vergebung, sagte er am dritten Tag in seiner großzügigen, etwas leeren Wohnung. Nur die Chance, da zu sein, wenn du das willst.

Ich hielt eine Tasse Tee.

Ich weiß selbst nicht, was ich will.

Gut. Zeit hast du.

Er setzte mich nicht unter Druck. Das war ungewohnt. Im Haus der Steinbecks musste alles gleich passieren und immer auf Ansage. Andreas aber sagte nur: Du hast Zeit.

***

Was aus den Steinbecks wurde, hörte ich Wochen später zufällig von einer Nachbarin. Lukas hatte mich gesucht, rief auf dem alten Handy an, fragte meine beste Freundin ich hatte mich in den letzten Jahren kaum noch gemeldet. Später erfuhr er von jemandem, dass ich bei einem Herrn König wohnte. Lukas nahm an, es wäre einfach jemand anderes, und schmollte.

Zunächst aber rief Andreas im Steinbeck-Haus an.

Nicht weil ich wollte. Ich erfuhr davon erst danach. Er berichtete kurz:

Ich habe mit Margarete gesprochen, ihr die Sachlage erklärt.

Was genau?

Dass du ein Sparkonto bei mir hattest, dass ich notfalls einen Anwalt zur Durchsetzung deiner Ansprüche einschalte.

Ich schwieg.

Sie hat dich ohne Geld vor die Tür gesetzt, Lisa. Ich wollte klarstellen, dass hinter dir jemand steht.

Ich wollte immer allein stehen.

Ich weiß. Aber das heißt nicht, dass niemand neben dir stehen kann.

Ich überlegte, wie ich das fand.

***

Andreas fuhr selbst zum Steinbeck-Haus. Keine Szene, einfach nur ein Gespräch im Flur. Er stellte fest, dass er biolgischer Vater von Lisa Steinbeck sei, und juristische Schritte bezüglich ihres Ehegüterrechts erwäge. Nicht mit Drohungen, sondern in klarer, ruhiger Sprache.

Margarete verstand die Andeutung. Seinen Namen kannte man.

Sie sollten wissen, dass ich mit einigen beteiligten Geschäftspartnern Kontakt pflege. Damit war alles gesagt.

Später sagte ich zu Andreas:

Das hätten Sie nicht tun müssen.

Vermutlich nicht. Aber ich hab es getan. Bist du böse?

Ich dachte nach.

Nein. Bitte informiere mich künftig nur vorher.

Er nickte.

***

In einer Stadt wie Düsseldorf bleibt so etwas nicht unbemerkt. Margarete zog sich von einem Projekt zurück, ein Partner wurde distanzierter. Kein Drama, aber die Kälte im Umkreis nahm zu.

Ob das gerecht war? Ich fragte mich das manchmal, aber nicht oft. Margarete hatte mir viel Schmerz zugefügt. Aber der Schmerz war leise, alltäglich, keine Sache für Juristen. Nur etwas, das man trägt.

Vielleicht deshalb fühlte ich kein Triumphgefühl. Es war einfach nur: Jetzt konnte ich weitergehen.

Da fiel mir plötzlich der Anhänger ein.

***

Er war ein Geschenk von Andreas im ersten Monat. Ein schlichtes silbernes Lilien-Medaillon an einer Kette, ohne Stein, etwas abgenutzt.

Das gehörte deiner Mutter, sagte er. Ich wollte es dir geben, falls ich dich finde.

Ich nahm es, trug es unter der Bluse und hielt es manchmal in schwierigen Momenten fest. Es half.

***

Ein Monat später, dann noch einer. Zunächst blieb ich bei Andreas wir beide wussten, es war nur vorübergehend. Ich brauchte mein eigenes. Mein kleines, mein bescheidenes aber mein eigenes.

Er half mir eine kleine Wohnung zu finden, überließ mir das meiste selbst. Ich nahm nur das Nötigste an.

Ich fand Arbeit als Assistentin in einer kleinen Designwerkstatt. Inhaberin war Frau Becker, Anfang Fünfzig, direkt, herzlich.

Du hast einen guten Blick für Raum und Menschen, sagte sie nach Sichtung meiner Entwürfe. Die meisten denken nur an Optik. Du denkst daran, wie Menschen leben. Das ist wichtiger.

Ich arbeitete mit Leidenschaft. Früher floss die Energie in Haushalt und Tücher, jetzt wurde sie auch gesehen.

***

Ein halbes Jahr später durfte ich ein kleines Projekt eigenständig übernehmen.

Es geht um die Neugestaltung eines Kinderdorfs, sagte Frau Becker. Sie brauchen jemanden, der weiß, wies dort ist. Du bist unsere Wahl.

Ich ging dorthin, lief durch Gänge und Zimmer. Das vertraute Echo alter Wände, schwere Vorhänge, Zweckbetten, vertraute Geräusche und Gerüche.

Ich entwarf einen Plan, pragmatisch, warm, freundlich. Farben, Nischen, eine große Gemeinschaftsecke nichts Staatsdienstliches. Hauptsache, spürbar: Hier hat jemand an euch gedacht.

Als das Konzept angenommen wurde, wusste ich, das will ich öfter machen.

***

Nach knapp einem Jahr startete ich ein kleines eigenes Büro. Kein großes Ding, aber so, wie ich es wollte. Sozialprojekte, kleine Schulen, Kindereinrichtungen, alles, was mir gefiel. Frau Becker half mir, beriet bei Formalitäten, und sah mich mit dem wohlwollenden Respekt an, den ich einst vermisst hatte.

Geld kam langsam herein. Nicht viel, doch es war meins. Ich eröffnete ein Konto zum ersten Mal eines, auf meinen Namen, und brachte die erste Einzahlung mit Stolz zu Fuß zur Bank.

Andreas beobachtete das Ganze mit vorsichtiger Freude. Wir trafen uns regelmäßig, sprachen miteinander, manchmal schwiegen wir angenehm gemeinsam. Es war ein Prozess. Wir beiden wussten, er endet an keinem vorbestimmten Tag.

Einmal fragte er:

Hast du mir verziehen?

Ich überlegte.

Vergeben ist bei mir eher ein Prozess als ein Moment. Ich sage nicht ja denn das geht zu schnell. Aber nein sage ich auch nicht.

Er lächelte.

Das reicht, sagte er.

***

Im November, acht Monate nach meinem Auszug, rief Lukas an. Sein Name auf meinem Display löste erstaunlich wenig aus vielleicht eine leise Erinnerung an das, was einmal war.

Hallo, sagte er.

Hallo.

Wie gehts dir?

Gut. Und selbst?

Pause.

Ich wollte sprechen. Mal reden. Gehst du auf einen Kaffee mit mir?

Wir trafen uns im Café. Ich war früher da, trank schon Tee, als Lukas reinkam. Müder als früher. Nicht schlecht, nur verbraucht.

Gut siehst du aus, sagte er vorsichtig.

Danke.

Ich hörte, du machst jetzt in Design? Eigene Werkstatt?

Ein kleines Büro, ja.

Beeindruckend. Lisa, ich bin dir was schuldig.

Ich schwieg.

Ich weiß, ich hab dich im Stich gelassen. Mama hat mich immer überzeugt, dass sie Recht hat. Das ist keine Entschuldigung, nur eine Erklärung.

Schon klar, sagte ich.

Ich hab oft an dich gedacht. Ich wollte nur reden. Nicht alles zurück, einfach mal reden, falls das irgendwann mal passt.

Ich sah ihn an: Ein ehrlicher Mann, aber nicht stark. Früher dachte ich, das ließe sich ändern. Heute wusste ich: Das ist ein Wesenszug.

Lukas, wir reden doch gerade.

Stimmt. Ein zaghaftes Lächeln.

Hast du Probleme? Oder wolltest du einfach Kaffee trinken?

Er blickte auf die Tischkante.

Unsere Firma läuft schlecht, gestand er. Ich bräuchte einen Kontakt, einen Rat du hast ja jetzt Verbindungen dein Vater

Ich verschränkte die Hände.

Lukas, ich bin nicht nachtragend. Aber ich helfe dir nicht. Nicht aus Rache. Es ist nur ich baue was Eigenes. Und meine Kontakte, mein Vater, mein Leben: Das gehört mir.

Wir waren doch verheiratet.

Ja, und du hast geschwiegen, als deine Mutter mich hinauswarf.

Schweigen.

Nicht um es dir vorzuhalten aber so wars. Du hast so entschieden, auch ohne zu entscheiden. Verstehst du?

Er nickte.

Wie gehts deiner Mutter? fragte ich unwillkürlich.

Er zögerte.

Nicht gut. Ein paar Projekte liefen schief. Jetzt arbeitet sie als Pförtnerin im Studentenwohnheim.

Ich stellte die Tasse ab. Kein Triumph, keine Genugtuung. Nur eine eigentümliche Symmetrie: Jetzt sitzt sie am Empfang und sieht anderen beim Leben zu, wie ich es früher tat. Keine Freude nur das Leben.

Das ist nicht leicht, sagte ich leise.

Mitleid?, fragte Lukas.

Nein. Einfach nur so ist das halt.

Wir unterhielten uns noch eine Weile, tranken Tee, dann verabschiedeten wir uns. Er blieb stehen.

Du bist anders geworden.

Ich bin jetzt ich, sagte ich. Das ist ein Unterschied.

Er nickte. Ging. Ich tastete den Lilien-Anhänger unter meinem Pullover.

***

Es war goldener Herbst, der Geruch nasser Blätter in der Luft. Ich lief zu Fuß, die Kastanienallee entlang, drei Stockwerke alte Häuser rechts und links. Ich dachte an den Kinderdorf-Umbau, die frisch ausgesuchten Vorhänge, die große Gemeinschaftsecke diesmal nichts Amtsmäßiges, sondern mit Luft und Farbe.

Ich dachte an Andreas. Daran, wie wir am Sonntag zusammensaßen und er mir von meiner Mutter erzählte: lebendig, stur, mit diesen charakteristischen Brauen. Ich sah das Foto vor mir, die Frau am Zaun.

Wusste sie, dass Sie mich suchen?

Nein, sagte Andreas. Sie war weg, bevor ich merkte, was los war. Ich dachte, sie sei nur wütend.

Konnte sie das, wütend sein?

Absolut., sagte er mit Wärme. Das hast du geerbt.

Ich lachte.

Wir gingen nebeneinander schweigend. Es war das gute Schweigen.

***

Drei Jahre sind vergangen. Damals war ich ein anderer Mensch fest zusammengezogen, kleiner gemacht im Bemühen, es allen recht zu machen. Heute habe ich meinen Platz. Nicht groß, nicht auffällig. Aber ich nehme ihn ein.

Das Handy vibrierte. Unbekannte Nummer.

Lisa Steinbeck? weibliche, sachliche Stimme.

Ja.

Hier ist das Jugendamt Düsseldorf. Wir haben Ihren Entwurf für das Kinderdorf gesehen. Könnten Sie nächste Woche vorbeikommen? Es gibt noch weitere Projekte zu besprechen.

Ich stand unter Kastanien, ein Blatt fiel herab.

Ja, gern. Wann passt es Ihnen?

***

Abends rief ich Andreas an.

Erzähl mir was Lustiges über Mama, bat ich.

Kurze Stille, dann ein Lachen.

Wir haben uns mal darüber gestritten, ob man das Lorbeerblatt zu Beginn oder am Ende in die Suppe gibt. Nach einer Stunde hatten wir es ganz vergessen. Die Suppe war trotzdem lecker.

Ich lachte.

Draußen war schon Nacht, die ersten Zeichen des Winters. Nicht unbarmherzig, einfach ehrlich.

Ich tastete wieder den Anhänger die silberne Lilie, warm von meinem Körper.

***

Ich ging spät ins Bett, betrachtete lange die Zimmerdecke. Nicht mehr aus Sorge, sondern weil in mir so viel Platz geworden war wie in einem schönen, eigenen Zimmer.

Ich dachte an Margarete. An den Eingang des Wohnheims, an ihren Blick, als ich sie begegnete. Kein Triumph, keine Bitterkeit. Nur eine Frau in einer geliehenen Uniform, und ich, in meinem Mantel, mit meiner eigenen Zukunft.

Ich nickte ihr zu. Kurz, aber ehrlich.

Margarete sah mich an, mit einem unergründlichen Ausdruck. Ich ging weiter.

Erst da spürte ich: Das Leben geht weiter, oft anders und mit anderen, als man je gedacht hätte.

Und der Anhänger war da, unter dem Mantel.

***

Abends, zu Hause, blätterte ich mein Skizzenbuch durch aus der Steinbeck-Zeit. Alte Entwürfe, noch unsicher. Sie hatten trotzdem einen Wert. Frau Becker hatte Recht: Ich dachte immer an Menschen.

Ich griff zu Bleistift, zeichnete einfach eine kleine Zimmerecke. Ein Fensterplatz, eine Bücherwand, ein Ort zum Dasein ohne Angst, dass jemand kritisiert, wie man Handtücher faltet.

Ich arbeitete lange daran, ganz für mich.

Draußen lag die Stadt ruhig da, mit hellen Punkten im Dunkeln.

Das Telefon klingelte. Andreas.

Wie war dein Tag?, fragte er.

Gut. Ich habe Margarete gesehen.

Und?

Und nichts. Es war einfach so.

Pause.

Alles gut?

Ja. Alles gut.

Ich trat ans Fenster. Es schneite, jetzt still, ohne Regen. Alles bekam einen stilleren Klang.

Ich dachte daran, wie viel ich jetzt habe: eine eigene Arbeit, einen eigenen Ort, einen Mann, der inzwischen mehr Vater als Fremder war. Das alles entstand langsam, aus vielen gewöhnlichen Tagen.

Ich denke an die Kinder im Kinderdorf, die selbstgestrichene Wand, die neuen Vorhänge.

Wie findet man zu sich selbst? Das werde ich manchmal gefragt. Nie weiß ich, wie ich das kurz fassen soll.

Vielleicht so: Man findet zu sich, nicht wenn ein Kapitel endet, sondern wenn man merkt, dass man niemanden um Erlaubnis bitten muss, um zu beginnen.

***

Der Schnee fiel.

Ich hielt das Handy in der Hand.

Papa, sagte ich vorsichtig. Wie ein erster Schritt auf dünnem Eis.

Drei Sekunden Stille.

Ja, antwortete Andreas König leise. Ich bin hier.

Und ich wusste, das genügt.

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Homy
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