Die Hochzeit findet statt, aber du bist nicht willkommen – Tochter lässt nichts anderes gelten und bleibt am Handy hängen

Die Hochzeit wird stattfinden, aber ich bin dort nicht gebraucht, schnippte die Tochter, ohne vom Handy aufzusehen.

Was? Hast du wieder das Geld für die Nebenkosten vergessen?!, warf Gisela Petermann die Rechnungen auf den Küchentisch, sodass das Papier wie Konfetti über den Boden flog.

Gisela, ich habs doch erklärt die Arbeit hat sich verzögert, murmelte ihr Mann schuldbewusst. Morgen wirds klappen.

Morgen! Immer erst morgen! Aber die Rechnung musst du heute zahlen!

Jetzt nicht so laut! Leni schläft gerade!

Leni schläft nicht, sie hängt wie immer am Handy!

Gisela stapfte in das Schlafzimmer. Die 24jährige Leni lag mit dem Gesicht in ihr Smartphone und schenkte ihrer Mutter ein leicht abwesendes Lächeln.

Leni, hast du schon was zum Abendessen?

Stille.

Leni!

Ja, sagte das Mädchen, ohne den Kopf zu heben.

Was, ja? Hast du heute Abend was zu essen oder nicht?

Weiß ich nicht.

Gisela seufzte und ging zurück in die Küche. Als Leni noch klein war, waren sie ein unzertrennliches Duo. Gisela erinnerte sich, wie die Kleine nach dem Kindergarten zu ihr gerannt, sie umarmt und alles Mögliche erzählt hatte. Dann Schule, dann Uni und jetzt, ein Mitbewohner in der Nachbarwohnung, der kaum ein Wort mit ihr wechselt.

Eine halbe Stunde später kam Leni in die Küche, setzte sich an den Tisch und tippte weiter auf ihrem Handy.

Leni, leg das Handy doch wenigstens beim Essen beiseite, bat Gisela. Lass uns normal reden.

Worum denn?

Wie läufts bei der Arbeit? Was gibts Neues?

Alles okay.

Und dein Freund, wie heißt er, Maximilian? Seid ihr noch zusammen?

Leni hob kurz den Blick vom Bildschirm, ein Funken Ärger blitzte darin auf.

Mama, ich bin 24. Ich muss nicht über mein Privatleben berichten.

Ich verlange keinen Bericht, ich bin einfach neugierig.

Ja, wir sind zusammen.

Gisela goss sich einen Tee ein. Sie wollte noch etwas fragen, hielt sich aber zurück, aus Angst, wieder auf Widerstand zu stoßen.

Übrigens, legte Leni plötzlich das Handy beiseite, die Hochzeit ist im Mai.

Gisela erstarrte mit dem Becher halb zum Mund.

Hochzeit? Du willst heiraten?

Ja, Maximilian hat gefragt, ich habe zugesagt.

Leni!, sprang Gisela auf, wollte ihre Tochter umarmen. Das ist ja eine riesige Neuigkeit! Warum hast du das nicht früher gesagt?

Als? Er hat gestern gefragt.

Aber trotzdem! Du hättest es heute Morgen sagen können! Oder zumindest einen Hinweis geben!

Ich habe’s vergessen.

Gisela setzte sich wieder hin. Vergessen. Die Tochter hatte vergessen, der Mutter von ihrer Verlobung zu berichten.

Na gut, versuchte sie zu lächeln, Hauptsache ihr seid glücklich. Wann genau? Wo? Wo kann ich helfen?

Im Mai. Das genaue Datum steht noch nicht fest. Die Feier wird im Restaurant.

Und das Kleid? Wir könnten zusammen hingehen und aussuchen! Erinnerst du dich, wie du als Kind meine Hochzeitsfotos geliebt hast? Du hast gesagt, du willst ein ähnliches Kleid.

Mama, ich habe das Kleid schon ausgesucht. Wir sind mit Maximilians Mutter, Helga, hingefahren.

Mit seiner Mutter?

Ja. Sie hat die Kosten übernommen, deshalb waren wir zusammen.

Gisela fühlte einen Stich im Herzen. Das Brautkleid jedes Mädchen träumt, es mit seiner Mutter auszuwählen. Und Leni war mit der zukünftigen Schwiegermutter einkaufen gegangen.

Ich hätte ja auch mitfahren können, murmelte sie leise. Wir hätten zusammen

Wozu? Ihr würdet euch ja sowieso streiten. Du würdest ein schlichtes Kleid wollen, und Helga besteht auf etwas Prunkvollem.

Ich will kein schlichtes! Ich will, dass du dich einbringst!

Leni rollte die Augen.

Mama, reicht jetzt. Das Kleid ist gekauft, Thema erledigt.

Und die Gäste? Wie viele laden wir ein? Ich muss doch die Gästeliste für unsere Seite erstellen

Braucht nicht. Die Liste gibt es schon. Helga hat alles organisiert.

Aber ich bin deine Mutter! Ich muss mithelfen!

Wozu? Helga hat alles im Griff. Sie kennt das beste Restaurant, den besten Moderator, den besten Fotografen. Sie hat Kontakte und Erfahrung. Und du? Du willst uns nur in einem Dorfladen den Befehl geben, einen Akkordeon-Spieler zu buchen?

Die Worte schnitten wie ein Messer. Gisela wurde bleich.

Leni, wie kannst du so reden?

Ehrlich gesagt, ja. Du hast kein Geld, keine Kontakte, keinen Geschmack. Und Helga hat beides. Warum also soll deine Hilfe nötig sein?

Ich bin deine Mutter

Und was? Das gibt dir das Recht, dich überall einzumischen, wo du nichts drauf hast?

Gisela stand auf, verließ die Küche, ging in ihr Schlafzimmer, schloss die Tür und setzte sich auf das Bett. Tränen liefen über ihre Wangen, doch sie wischte sie nicht ab.

Ein paar Minuten später klopfte ihr Mann, Kolja, ins Zimmer.

Gisela, was ist los?

Leni heiratet.

Wirklich? Das ist doch gut! Warum weinst du?

Weil ich dort nicht gebraucht werde, Kolja. Meine eigene Tochter glaubt, ich sei bei ihrer Hochzeit überflüssig.

Das sagst du nicht ernsthaft!

Gisela erzählte das Gespräch. Kolja runzelte die Stirn.

Dieses unverschämte Mädchen! Ich rede jetzt mit ihr!

Mach das nicht. Es wird nur schlimmer.

Aber das geht nicht! Du bist ihre Mutter, dein ganzes Leben dreht sich um sie! Und sie sagt dir ins Gesicht, dass du nicht gebraucht wirst!

Bitte nicht schreien. Ich bin müde.

Kolja nahm seine Frau in den Arm, und sie saßen schweigend da.

Am nächsten Morgen stand Gisela mit schwerem Kopf auf. Die Nacht war schlaflos gewesen, das Gespräch kreiste in ihrem Kopf. Leni war bereits zur Arbeit gegangen und hatte eine schmutzige Tasse auf dem Küchentisch stehen lassen.

Gisela rief ihre Freundin Tamara an.

Tammy, kann ich zu dir kommen?

Klar, was ist los?

Erzähl ich dir, wenn ich da bin.

Im Café gegenüber trafen sie sich. Gisela bestellte einen Kaffee und schilderte alles.

Tamara schüttelte den Kopf.

Die Jugend von heute! Kein Respekt, keine Manieren!

Tammy, vielleicht habe ich ja wirklich keinen Plan von Hochzeiten, Restaurants?

Gisela, du bist die Mutter! Du musst nicht alles wissen! Du musst da sein, unterstützen, dich freuen! Und diese Schwiegermutter, Helga, kann das Geld investieren, wenn sie will. Aber du bist das Wichtigste!

Leni sieht das nicht so.

Dann sag ihr klar und deutlich: Entweder du bist bei der Planung dabei, oder du kommst gar nicht zur Hochzeit.

Gisela zuckte zusammen.

Nicht zur eigenen Hochzeit meiner Tochter kommen? Tam, das kann doch nicht wahr sein!

Was sonst sollst du tun? Sie schätzt dich nicht! Lass sie merken, wie es ist, ohne Mutter!

Nein, das geht nicht. Das ist ihr Tag, der wichtigste.

Tamara wurde ernst. Sie organisiert die Hochzeit ohne dich. Lass nicht zu, dass sie dich wie einen Staubwedel abtupft.

Gisela ging nach Hause, bedrückt von Tamaras Worten. Jeder weitere Dialog mit Leni fühlte sich an wie Folter.

Einige Tage später kam Leni spät abends nach Hause, ging ins Schlafzimmer und klopfte an die Tür.

Herein, kam Giselas Stimme aus dem Flur.

Leni saß vor dem Laptop.

Leni, ich muss mit dir reden.

Ich bin beschäftigt.

Es ist wichtig.

Leni drehte sich im Stuhl um.

Na?

Gisela setzte sich auf das Bett.

Hör zu, wegen der Hochzeit. Ich verstehe, dass Helga mehr Möglichkeiten hat. Aber ich will auch mitwirken, zumindest ein bisschen.

Mama, ich habe doch schon erklärt

Warte, lass mich ausreden. Ich kann die Einladungen machen. Die Dekoration. Oder wenigstens die Gästeliste für unsere Seite zusammenstellen. Ich will keine Hauptrolle, nur ein bisschen dabei sein.

Leni seufzte.

Okay, mach die Liste, aber nicht mehr als zwanzig Personen.

Zwanzig? Warum so wenig?

Weil Maximilians Seite fünfzig Gäste hat und insgesamt achtzig Plätze verfügbar sind. Uns bleiben nur die Restplätze.

Aber meine Verwandten, meine Freundinnen! Deine Patin, meine Cousinen!

Patinnen sind ein Relikt. Cousinen interessieren mich nicht. Lade ein, wen du willst, aber bleib bei zwanzig.

Das ist ungerecht!

Gerecht ist, dass Maximilians Eltern die Hälfte der Kosten tragen. Und ihr? Was zahlt ihr?

Kein Geld! Mein Mann verdient dreißigtausend Euro, meine Rente ist mickrig.

Dann nehmen wir einen Kredit!

Nein! Wir brauchen eure Kredite nicht! Helga hat alles bezahlt!

Gisela stand auf.

Also sind wir arm, haben keinen Platz bei der Hochzeit unserer eigenen Tochter?

Mama, hör auf mit dem Drama! Ich sage ja nicht, dass ihr arm seid! Nur, dass ihr weniger Mittel habt!

Und Helga hat mehr, deshalb ist sie jetzt die Chefkoordinatorin, richtig?

Ja! Sie kann das, was du nicht kannst Geld, Kontakte, Status! Und du? Willst du eine Armselige Feier im Café mit billigem Sekt?

Ich bringe Liebe, Unterstützung, bin da!

Das brauche ich nicht! Ich will eine schicke Hochzeit, wie normale Leute!

Wir sind doch nicht normal?

Nein! Ihr seid arm! Ihr seid immer arm! Und ich habe die Nase voll!

Gisela stand wie vom Blitz getroffen. Leni sah sie herausfordernd an.

Geh.

Ich muss arbeiten.

Gisela verließ das Zimmer, traf im Flur auf Kolja. Er hatte alles mitbekommen.

Ich werd die Sau hier umbringen, flüsterte Kolja. Wie kann sie mir so etwas antun?

Berühre sie nicht. Sie schämt sich nur.

Schämt sich? Wir haben sie 24 Jahre lang großgezogen, ihr alles Gegebenes verweigert, und sie schämt sich?

Bitte, Ruhe. Mir tut der Kopf weh.

Gisela legte sich auf die Couch, zog die Decke über sich, Kolja setzte sich daneben.

Gisela, sollen wir vielleicht doch zur Hochzeit gehen?

Red keine Dummheiten.

Warum? Wenn wir dort nicht gebraucht werden, warum sollen wir hingehen?

Sie ist meine Tochter, Kolja. Ich kann ihre Hochzeit nicht einfach überspringen.

Selbst wenn sie dich beleidigt?

Selbst dann.

Kolja seufzte und strich ihr über den Kopf.

Eine Woche verging. Gisela stellte eine Gästeliste zusammen, drückte sie auf zwanzig Personen zusammen, strich ein paar entfernte Verwandte und alte Freunde durch. Sie schickte die Liste an Leni.

In Ordnung, sagte die Tochter kaum hörbar. Schick sie an Helga, sie trägt sie ins Gesamtsystem ein.

Soll ich selbst Kontakt aufnehmen? Ich lerne sie ja kennen.

Wozu?

Na, wir sind jetzt Familie.

Noch nicht. Und überhaupt, lass das. Helga ist zu beschäftigt.

Ich also nicht beschäftigt?

Leni rollte die Augen und ging zurück in ihr Zimmer.

Eine Stunde später kam eine Nachricht: Liste erhalten. Einladungen folgen später. Helga. Trocken, offiziell, ohne ein Wort mehr. Gisela wollte etwas Freundliches schreiben, zögerte aber was, wenn Helga das als aufdringlich empfindet?

Ein weiterer Monat verging, die Einladungen blieben aus. Gisela fragte Leni.

Oh, vergessen zu erwähnen: Es wird keine Einladungen geben. Alle bekommen einfach Zeit und Ort.

Aber Einladungen sind Tradition!

Veraltete Tradition. Heutzutage macht das niemand mehr.

Leni, zeig mir wenigstens ein Foto vom Brautkleid.

Wozu?

Ich will es sehen!

Siehst du das an der Hochzeit.

Aber

Mama, lass mich in Ruhe! Ich habe viel zu tun!

Gisela zog sich zurück. Jeder Dialog wurde zur Qual.

Schließlich rief sie Helga an, Nummer hatte sie aus Lenis Chat.

Hallo, hier ist Gisela Petermann, Lenis Mutter.

Guten Tag.

Ich würde gern ein Treffen vereinbaren, vielleicht einen Kaffee zusammen trinken?

Gisela, ich schätze das, aber ich habe keine Zeit. Die Hochzeitsplanung raubt mir alles.

Ich kann helfen!

Danke, aber Hilfe wird nicht gebraucht. Alles ist unter Kontrolle.

Aber ich bin die Mutter der Braut! Ich muss mitmachen!

Gisela, Leni hat mich gebeten, die Organisation zu übernehmen. Wenn du etwas ändern willst, sprich mit ihr, nicht mit mir.

Aber

Entschuldigung, ich muss jetzt gehen. Wir sehen uns auf der Hochzeit.

Gisela ließ den Hörer sinken. Helga sah sie also ebenfalls als überflüssig an.

Am Abend fasste Gisela Mut für ein ernsthaftes Gespräch.

Leni, setz dich bitte.

Mama, ich muss los, ich habe ein Treffen mit Maximilian.

Fünf Minuten.

Leni setzte sich widerwillig.

Ich verstehe, du willst eine schöne Hochzeit. Ich verstehe, dass Helga mehr Mittel hat. Aber du hast gesagt: Die Hochzeit wird stattfinden, aber ich bin dort nicht gebraucht. Stimmt das?

Leni runzelte die Stirn.

So habe ich das nicht gemeint.

Doch, nicht wörtlich, aber gemeint.

Mama, reicht jetzt! Ich will dich nicht vertreiben! Du kommst zur Hochzeit, wie alle anderen!

Als Gast?

Ja, als Gast.

Aber nicht als Mutter der Braut?

Was ist da der Unterschied?

Gisela spürte, wie ihr die Kehle zuschnürte.

Eine Mutter der Braut ist nach dem Brautpaar die wichtigste Person sie segnet, hält die Rede, umarmt die Tochter vor dem Standesamt. Ein Gast sitzt nur am Rand und trinkt Sekt.

Das ist veraltet! Heute zählt nur das Aussehen, der Stil, die Likes auf Instagram!

Also bin ich aus der Mode?

Leni stand auf.

Ich habe genug von dem! Komm zur Hochzeit, wenn du willst, wenn nicht mir egal!

Mir egal? Gisela stand ebenfalls auf. Ist dir egal, ob deine Mutter bei deiner Hochzeit ist?

Ja! Mir egal, weil du immer nur jammerst, dich beschwert, dass wir dich nicht schätzen! Und ich habe die Nase voll!

Ich jammer nicht!

Doch! Dein ganzes Leben! Immer das Opfer, immer andere Schuldige!

Gisela wich zurück, wie von einem Schlag getroffen.

Leni

Genug! Ich gehe.

Leni schnappte sich die Tasche und stürmte aus der Wohnung, knallte die Tür zu. Gisela fiel auf einen Stuhl, weinte. Kolja trat ein, nahm sie in den Arm.

Ich gehe nicht zur Hochzeit.

Richtig, das spart dir das ganze Drama.

Lass sie mit ihrer Helga feiern!

Kolja streichelte sie zärtlich, wusste nicht, was sagen sollte.

Leni übernachtete nicht zu Hause. Gisela schlief die ganze Nacht, lauschte jedem Geräusch. Am Morgen schrieb Leni: Schlafe bei Maximilian. Komm später wegen meiner Sachen.

Gisela antwortete: Okay.

Den ganzen Tag wanderte sie durch die Wohnung, benebelt. Kolja ging zur Arbeit, sie blieb allein und grübelte, wo sie falsch lag. Vielleicht hätte sie die Tochter in eine Privatschule schicken sollen, die sie sich nicht leisten konnten? Vielleicht hätte sie teure Kleidung statt Essen kaufen sollen? Vielleicht hätte sie nicht arbeiten, sondern zu Hause bleiben und die Tochter zu allen Aktivitäten fahren sollen?

Aber das Geld fehlte. Ihr Mann war Schlosser, sie Krankenschwester, dann Rentnerin. Sie lebten bescheiden, gaben aber alles, was sie konnten. Und das reichte nicht.

Eine Woche später kam Leni endlich nach Hause, packte ihre Sachen, betrat nicht einmal die Küche.

Ziehst du aus? fragte Gisela.

Ich ziehe zu Maximilian, bis zur Hochzeit.

Warum?

WeAm Ende stellte Gisela ihr Lieblings-Tanzschuh-Paar heraus, zog die Schuhe an und sagte sich, dass selbst das größte Familienchaos kein Grund ist, nicht wenigstens ein bisschen mit dem Kopf zu schwingen.

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Homy
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Die Hochzeit findet statt, aber du bist nicht willkommen – Tochter lässt nichts anderes gelten und bleibt am Handy hängen
Die Mauer zu ihren Gunsten