Mein Schwiegervater hat mir gesagt, ich soll zum Bahnhof kommen.

Mein Ehemann und ich sind glücklich verheiratet.

Wir haben uns damals an der Universität kennengelernt. Mein Plan war nie, dortzubleiben ich wollte zurück in meine Heimatstadt. Mit meinem Abschluss wusste ich, ich werde eine Koryphäe sein: eine seltene Spezialistin, beinahe eine Königin im veterinärmedizinischen Bereich hier.

Ich bin Spezialistin für Herzkrankheiten, allerdings nicht beim Menschen, sondern bei Tieren Katzen, Hunde, sogar Kühe. Wohlhabende Klienten sind rar, doch es gibt sie, und selbst die weniger Betuchten rennen mit ihren Lieblingen zum Tierarzt. Mein Mann ist ebenfalls Tierarzt, seine Stärke liegt jedoch besonders in der Diagnostik.

Ich habe mich in den lokalen Praxen umgehört überall dasselbe. Sie erledigen nur das Einfachste: Kastration, Impfung Komplizierte Fälle nehmen sie nicht an, das lohnt sich nicht.

Also eröffneten wir eine Praxis für schwierige Fälle und bieten exzellente Diagnostik. Wir forschen auch, unterstützen unsere Kollegen. Wir funktionieren als Team und das läuft wirklich gut.

Wir verdienen nicht schlecht, aber unsere Preise sind moderat. Gerade deshalb haben wir genug Patienten. Wir konnten uns bereits eine eigene Wohnung leisten, Angestellte einstellen, sodass ich nicht mehr in der Praxis übernachten muss und Zeit für Kinder und Haushalt habe.

Aber die Eltern meines Mannes bleiben unzufrieden mit mir.

Ich spüre, sie sind enttäuscht, weil er in meine Heimatstadt gezogen ist. Sie hoffen immer noch, dass er in die Hauptstadt zurückkehrt und die Praxis samt Familie umzieht. Weshalb sie nun wirklich noch klagen seine beiden Schwestern wohnen weiterhin bei den Eltern, sie sind keineswegs allein. Und wir wir haben seinen Schwestern sogar beim Eigenheim geholfen, das Geld für die Anzahlung gestemmt.

Trotzdem bemühe ich mich stets höflich zu sein.

Und Grenzen oder Abstand kennen die Eltern meines Mannes nicht.

Heute ruft mein Schwiegervater an:

Wir treffen uns heute um 19 Uhr. Fahr sofort los und hol mich ab.

Es ist erst 17 Uhr. Dann beeil dich.

Gut, ich muss das Kind einsammeln, meiner Assistentin klarmachen, wie glücklich sie sein kann, länger bleiben zu dürfen und will lieber nichts über den Kuchen sagen, den ich gerade zerstört habe.

Unterwegs.

Die Kleine sitzt hinten, im Kindersitz. Mein Mann ist noch in der Praxis, muss operieren Notfall mit Patient. Der Schwiegervater verbietet mir das Taxi.

Also fahre ich selbst.

Noch bevor er eingestiegen ist, telefoniert er schon laut schimpfend, sucht hektisch das geparkte Auto. Ich weigere mich auszusteigen, das Kind soll nicht geweckt werden.

Er setzt sich, knallt die Tür und schreit mich an: Du hättest wirklich aussteigen können! Mein Sohn schläft, bitte nicht wecken! Was soll’s der Schwiegervater dreht das Radio lauter Schlafen? Wer schlafen will, schläft eben.

Das Kind wird wach und beginnt zu jammern.

Hat der Großvater versucht zu beruhigen? Hat er zumindest ein Spielzeug gereicht?

Nein, hat er nicht. Stattdessen erfahre ich, meine Kinder seien schlecht erzogen Schuld sei ich, weil ich zu Hause sitze, statt sie richtig großzuziehen. Fünf, manchmal zehn oder zwölf Stunden am Tag in der Praxis zählt das als zu Hause sitzen?

Aber sein Sohn arbeitet schließlich!

Nun beginnt er zu poltern, ich fahre zu schnell, wir würden alle sterben. Und nebenbei, mein Mann habe angeblich schon eine Verlobte in Berlin, eine junge Frau, die ihm normal erzogene, gehorsame Kinder gebären wird.

Das Kind weint heftig, der Großvater dreht sich um und herrscht sie an, sie solle still sein, wenn Erwachsene sich unterhalten.

Also kehre ich um.

Ich bringe ihn zum Bahnhof zurück: Auf Wiedersehen. Auf Wiedersehen, immer und immer wieder…

Zu Hause erwartet mich mein angewiderter Mann an der Tür: Sein Vater hat ihn bereits gefilmt irgendein Beweis? Ich übergebe ihm meinen weinenden Sohn:

Noch ein Wort, und du gehst zu Papa. Dort steht schon die Braut bereit. Dann kriegst du neue, perfekte Kinder. Bis dahin, jetzt anpacken, oder ich fange auch noch das Schreien an.

Mein Mann schaut weg, und mir wird klar dieses Gespräch hatten wir hier schon einmal. Sein Vater wird uns nie wieder besuchen.

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Homy
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