Oksana erscheint zum Vorstellungsgespräch und erstarrt, als sie sieht, wer im Büro des Geschäftsführers sitzt

Du glaubst nicht, was mir heute passiert ist ich musste so sehr an dich denken, als ich es erlebt habe. Also pass auf: Nach zwanzig Jahren im gleichen Unternehmen, den ganzen Tag Akten sortieren, ans Telefon gehen, lächeln, auch wenn der Gegenüber es echt nicht verdient hat und der Chefin den Kaffee so perfekt kochen, dass ich fast mal zur Kantinenleiterin befördert worden wäre wurde ich trotzdem wegrationalisiert. Tja, so spielt das Leben, oder?

Heute also das erste Vorstellungsgespräch seit Ewigkeiten. Ich stand zu Hause im Flur vorm Spiegel, tief durchgeatmet und mir selbst Mut zugesprochen. Blazer sitzt, Frisur ordentlich, klar 46 Jahre sieht man halt, aber ich kann ja dazu stehen. Nicht nervös werden, einfach hingehen, es ist nur ein Job. Neuer Schreibtisch, neue Anrufe, alles easy.

Meine beste Freundin, Sabine, hat mich bis vor die Haustür gebracht und im Aufzug noch getröstet: Du bist ein Profi, 20 Jahre Erfahrung, das nimmt dir niemand! Und ich so: Ja, aber trotzdem entlassen. Sie nickte: Aber jetzt hast du nen Batzen Erfahrung. Geh mal lieber arbeiten, Sabine. Und dann bin ich los.

Das Bürogebäude liegt in einer ruhigen Seitenstraße in München, vier Etagen mit so einem leichten Überheblichkeitsflair so klassische Säulen, gläserner Eingang, Security im Anzug. Musste kurz nochmal tief durchatmen, Brust raus, rein da.

Die Dame am Empfang zeigte direkt zum dritten Stock: “Der Geschäftsführer erwartet Sie. Zimmer 302.” Also hoch, Flur entlang, da ist ein Schild an der Tür.

Ich klopfe, trete ein und bleibe wie angewurzelt stehen! Wer da vor mir sitzt? Max. Mein Ex.

Der, dem ich mal einen Splitter aus dem Finger gezogen habe, den ich in der Prüfungszeit mit Käselaugenstangen gefüttert habe, dem ich verziehen habe, was ich eigentlich NIE hätte verzeihen sollen. Nach dem ich drei Jahre nicht richtig schlafen konnte.

Er schaut mich an, ich schaue zurück.

In dem Moment so eine lange Pause, da geht man normalerweise einfach oder bleibt. Was anderes gibts da nicht.

Weißt du, da dachte ich wirklich: Na herrlich, nennt sich das jetzt Schicksal mit Humor?

Max sieht natürlich gut aus. Logisch, was sonst. Ich hatte ihn mir in meiner Vorstellung nach acht Jahren ganz anders ausgemalt irgendwie schlaff, mit Bauch, Haarlücken, halt so, dass man ein bisschen Genugtuung spürt. Aber nix da.

Der sitzt im feinen Sakko, tolle Frisur, wirkt so, als hätte er mit seinem Gewissen einen Deal ausgehandelt. Leicht graue Schläfen. Auf dem Tisch Laptop, Notizbuch und ein kleiner Kaktus! Ein Kaktus! Wenn das kein Symbol ist.

Anna, sagt er. Einfach so. Nicht Frau Brenner, nicht Guten Tag. Als ob wir uns gestern nach dem Abendessen getrennt hätten.

Hallo Max, sage ich zurück.

Er zeigt auf den Stuhl. Ich setze mich, klemme meine Tasche auf den Schoß warum auch immer, aber irgendwie musste ich etwas festhalten.

Die Unterlagen habe ich schon hier, sagt er und tippt drauf. Hab ich schon gelesen.

Okay.

Zwanzig Jahre im Sekretariat, beeindruckend.

Ja.

Er spricht ganz sachlich, schaut etwas an meinem linken Ohr vorbei. Weißt du, ganz der Business-Profi eben. Als ob da nichts wäre. Ich denke: Na gut, dann spielen wir eben das Spiel Absolut professionell.

Erzählen Sie von Ihrer letzten Stelle. Und dann gehts los.

Ich erkläre alles sachlich: Aufgaben, Verantwortungsbereiche, Papierkram-Volumen, Softwarekenntnisse, Teamleitung. Aber im Kopf läuft ein ganz anderer Film ab.

Das ist genau DER Typ, der gesagt hat Du verstehst mich nicht und dann zu Carina aus der Buchhaltung abgehauen ist.

Welche Programme haben Sie genutzt? fragt er.

Ich zähle auf und denke gleichzeitig: Der, wegen dem ich monatelang kaum gegessen, geschweige denn geschlafen habe.

Waren Verhandlungsgespräche Teil Ihrer Aufgaben? Klar, Organisation von Top-Management-Meetings, Vertragserstellung

Und da sitzt er. Im schicken Anzug, macht Notizen. Oder tut nur so. Ich beobachte seine Hand und denke: Boah, das Leben hat echt einen fiesen Sinn für Ironie.

Draußen die ruhige Seitenstraße, Blätter auf dem Pflaster, lässiger Münchner Oktober. Drinnen diese acht Jahre nach der Scheidung, Streit um die Wohnung, nochmal um den Schrebergarten, endlose Gespräche mit Sabine nachts, mal sogar einfach schweigend, weil ich nichts sagen konnte.

Und jetzt sitzt er da. Mit seinem Kaktus.

Warum haben Sie die vorherige Stelle verlassen? Ganz sachliches Nachfragen.

Stellenabbau in der ganzen Abteilung.

Verstehe. Kurze Pause. Hatten Sie viel Kontakt zur Geschäftsleitung?

Ja, ich war zuständig für den direkten Draht zum Vorstand.

Und Verschwiegenheit? Natürlich.

Da schaut Max mich das erste Mal richtig an. Etwas länger. Ich halte stand, ganz ohne Lächeln, aber auch ohne Feindseligkeit.

Gut, meint er und legt den Stift weg. Ich würde vorschlagen, wir reden nochmal in einer etwas entspannteren Atmosphäre. Vielleicht bei einem Kaffee?

Und in dem Moment spüre ich, wie ich innerlich irgendwie hellhörig werde. Nicht aus Angst, mehr so ein Jetzt kommt was Neues-Gefühl. Zeit, sich neu zu sortieren.

Von mir aus gern, sage ich.

Max steht auf, geht zur kleinen Kaffeemaschine am Fenster, dreht mir den Rücken zu. Ich starre auf seinen Hinterkopf und ahne: Da kommt gleich noch was entweder was Wichtiges oder was Unangenehmes. Aber bestimmt nicht belanglos.

Die Kaffeemaschine schnauft und brummt.

Du siehst übrigens richtig gut aus, sagt Max plötzlich, ganz vertraut.

Ich schweige. Er stellt mir einen Becher hin, setzt sich wieder.

Wirklich jetzt.

Ich schaue erst den Kaffee an, dann ihn.

Danke, antworte ich sachlich.

Er wartet einen Moment.

Anna, ich wollte dir was sagen. Nicht als Chef, sondern als jemand, der dich kennt.

Ich dachte: Oha, jetzt wirds interessant. Aber auch ein bisschen heikel, so wie wenn im Flugzeug der Pilot rauskommt und was sagt, was nicht in der Anleitung steht, aber trotzdem wichtig ist.

Ich freu mich, dass du ausgerechnet hierher gekommen bist, sagt Max.

Zufall, sage ich nur.

Vielleicht. Aber ich meine es ehrlich. Du bist Profi. Und ich brauche genau so jemanden.

Okay.

Aber ich möchte , er stockt und sucht die Worte wie jemand, der vorsichtig über zugefrorenen See geht, ich möchte, dass wir uns richtig verstehen. Ohne alten Ballast, weißt du? Auf einem weißen Blatt Papier anfangen.

Da wars.

Ich stelle die Tasse ab. “Weißes Blatt Papier” so nennt man das also. Acht Jahre und ‘weiße Seite’. Die Sache mit der Wohnung alles vergessen? Die Monate, in denen ich nur funktioniert habe auch?

Ich halte kurz inne, schaue ihn an wie was, dem man erst mal ins Auge schauen sollte, bevor man eine Entscheidung trifft.

Max, verstehe ich das richtig: Du bietest mir den Job an, aber nur, wenn ich so tue, als hätte es unsere ganze Geschichte nie gegeben?

Er hebt leicht die Braue.

Ich will einfach, dass wir von Null anfangen.

Ist doch das gleiche, antworte ich.

Stille. Der kleine Kaktus reckt sich stachelig in die Höhe.

Weißt du, sage ich weiter, ich habe keine Lust, alte Kamellen hervorzukramen. Aber ich werde auch nicht so tun, als hätte es nie stattgefunden. Denn das da hat mich geprägt das ist MEIN Leben. Nicht nur eine Seite, die man einfach so umblättert.

Max schweigt, schaut mich an. Da ist tatsächlich Respekt in seinem Blick, fällt mir auf.

Du hast dich verändert, sagt er.

Ja, stimme ich zu. Acht Jahre eben.

Er steht auf, läuft zum Fenster, sieht in den Innenhof, dreht sich dann wieder um.

Anna, sagt er ganz leise jetzt. Ich weiß, ich hab damals Scheiße gebaut. Das war keine ‘weiße Seite’. Du hast Recht. Es war falsch von mir.

Das hatte ich überhaupt nicht erwartet. In all den Jahren hatte ich alle möglichen Szenarien im Kopf: dass er sauer ist, dass er mich ignoriert, dass er herablassend wird aber dass er einfach mal zugibt, dass er Mist gebaut hat, das nicht.

Das zu hören tut schon irgendwie gut, sag ich nach einer kurzen Pause. Auch wenns spät kommt.

Ja. Er nickt. Ziemlich spät.

Und dann ist da, wie nach einem langen Gespräch, endlich so eine entspannte Ruhe im Raum.

Wegen der Stelle, meint Max. Ich will dir die Teamleitung der Verwaltung anbieten. Das ist eine Stufe über dem Sekretariat. Die Konditionen sind top. Du kannst es dir überlegen.

Ich nicke nur, schaue ihn an.

Mach ich.

Gut.

Ich stehe auf, nehme die Tasche. Max steht mit auf, ganz normal, ohne Chef-Attitüde.

Anna, sagt er noch, als ich zur Tür gehe.

Ich dreh mich um.

Danke, dass du nicht gleich wieder gegangen bist, als du mich gesehen hast.

Ich überlege einen Moment.

Habs selbst nicht gedacht, sage ich ehrlich.

Im Flur bleibe ich kurz stehen, direkt vor der Tür mit der Nummer.

Unten vor dem Gebäude wartet Sabine schon auf mich, mit einem Kaffee-to-go in der Hand, liest mir im Gesicht ab, dass was war, und fragt gleich:

Und, wie wars?

Hab die Stelle angeboten bekommen, sag ich.

Was für eine?

Leitung Verwaltung.

Wow. Sabine schweigt erst mal. Und Chef ist?

Max.

Sie staunt mich an.

Echt jetzt? Dein Max?!

Mein Ex, ergänze ich.

Na und?

Hab gesagt, ich überlegs mir.

Ich nehme einen Schluck aus ihrem Becher. Der Automatenkaffee schmeckt zwar nicht wie der oben im Büro, aber irgendwie nach Zuhause.

Wir laufen zusammen durch den kleinen Münchner Herbst: Blätter knistern, die Sonne gibt sich Mühe, macht aber bloß Stimmung statt Wärme.

Aber diesmal entscheide ich, lächele ich Sabine zu. Nicht er. Ganz sicher diesmal.Sabine grinst und hakt sich bei mir unter. Das wird spannend. Hast du Angst?

Ich schüttle den Kopf und spüre zum ersten Mal seit Monaten dieses leichte Kribbeln, als würde mir der Tag gerade seine Hand reichen.

Nein, antworte ich, irgendwie nicht. Vielleicht sogar Lust drauf.

Wir spazieren nebeneinander weiter, jede von uns in Gedanken, aber gemeinsam. Am Straßenrand sitzt eine Katze und beobachtet uns, als würde sie prüfen, ob wir unsere Geschichte richtig machen.

Sabine sagt leise: Weißt du was? Es ist dein Papier. Schreibs voll.

Ich lache, ein echtes, helles Lachen, das ich aus tiefster Überzeugung meine. Wird gemacht.

Und während wir durch das Herbstlicht laufen, weiß ich plötzlich genau: Das Kapitel, das jetzt beginnt, schreibe ich wirklich selbst. Egal, wer im Büro sitzt mein Leben bleibt mein eigener Schreibtisch. Und diesmal lasse ich niemanden mehr meine Geschichte diktieren.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Oksana erscheint zum Vorstellungsgespräch und erstarrt, als sie sieht, wer im Büro des Geschäftsführers sitzt
„Ich fahre in den Urlaub, also kümmere ich mich nicht um jemanden! Wie ich meiner Schwiegermutter heimgezahlt habe, nachdem sie mich versetzt hat“