Und alles wird anders sein…
– Ella, wir müssen reden.
– Einen Moment, Andreas, ich mache das hier fertig, ja?
Mit flinken Händen schnitt Ella die Kräuter für den Salat fertig, deckte den Topf mit der fast fertigen Suppe ab und drehte sich zu ihrem Mann um.
– Fertig. Andreas, was gibt’s? Sie schaute ihn genauer an und merkte sofort, dass irgendetwas nicht stimmte. Andreas lehnte an der Wand der kleinen Küche, sah zu Boden und sagte kein Wort. Sprich schon, sonst werde ich noch nervös.
Andreas seufzte. Er wusste, dass er es ihr sagen musste, auch wenn es eine traurige Nachricht war, die den kleinen gemütlichen Kosmos, den Ella in den letzten zwei Jahren geschaffen hatte, zerstören würde. Und was danach kommen sollte, wusste er selbst nicht.
– Du weißt ja, dass ich einen Sohn habe…
Ella ließ sich auf einen Stuhl sinken und drückte das Küchentuch in den Händen.
– Ja, das weiß ich.
– Heute rief meine Ex-Frau an. Entweder hole ich ihn zu mir, oder sie gibt ihn ins Heim.
– Moment mal, Andreas, ich verstehe gar nichts mehr. Wieso denn ins Heim? Wie alt ist er jetzt? Sechs?
– Fast sieben. Ins Heim will sie ihn geben, weil sie ins Ausland arbeiten möchte und niemanden hat, der sich um den Jungen kümmern könnte. Lisas Mutter ist kürzlich gestorben, und sonst hat sie keine Verwandten mehr.
– Ich verstehe das nicht. Warum muss sie so weit weg zum Arbeiten, dass sie ihr Kind allein lässt? Gibts denn keine Arbeit hier?
– Weiß ich nicht. Sie hat es mir nicht wirklich erklärt. Sie hat es einfach so gesagt, ohne Diskussion.
Ella dachte einen Moment nach. Irgendwie war das alles seltsam, aber es ging ja um ein Kind… Sie wusste von Anfang an, dass Andreas einen Sohn hatte. Er hatte ihr nie etwas verheimlicht.
Kennengelernt hatte sie Andreas auf der Arbeit. Ein großer, dünner Kerl, kam ins Behandlungszimmer und musste sogar den Kopf einziehen, um nicht an die Türzarge zu stoßen. Um genau zu sein, er humpelte fast an den Tisch, gestützt auf einen witzigen Gehstock, der ihm viel zu klein war, aber ohne den er sich gar nicht bewegen konnte. Der rechte Knöchel war so angeschwollen, dass er keinen Schuh anbekam und er trug einen Pantoffel, auf dem das Gesicht eines Mopses abgebildet war.
– Was ist passiert?
– Glatteis draußen. Bin direkt vor der Haustür gestürzt.
– Wann?
– Gestern.
– Und warum kommen Sie erst heute?
– Hatte gestern einfach zu viel zu tun, ging irgendwie noch, aber heute ist der Fuß richtig dick und tut höllisch weh. Sogar Berühren ist schlimm.
So hatten sie sich kennengelernt. Ella arbeitete als Chirurgin in einer Klinik, Andreas war Physiklehrer am Gymnasium.
– Die Ärztin und der Lehrer, lachte Ella später. Wir sind schon fast ein Paradebeispiel für die Gesellschaft.
Zu der Zeit war Andreas schon einige Jahre geschieden gewesen, was ihn schwer getroffen hatte sein Vertrauen in Frauen war nahezu zerstört. Ella hatte ihn nie nach Einzelheiten gefragt. Die Geschichte hatte sie später von Andreas’ Großmutter erfahren, die ihn nach dem Tod seiner Eltern großgezogen hatte und immer bemüht war, ihn zu stützen.
– Du, Ellchen, sei ein wenig sanftmütig mit ihm, wenn du kannst. Er hat wirklich viel durchgemacht mit Lisa. Sie war tüchtig, ruhig, aber sehr grob und wenig liebevoll. Immer alles mit Befehlen und Ultimaten. Und Andreas war schon als Kind besonders anhänglich, und das ist er bis heute. Als er klein war, kam er immer zu mir, hat sich einfach angeschmiegt. Wenn ich fragte, was denn los sei, sagte er: “Nichts, Oma, ich hab’ dich einfach lieb.” Lisa hat immer gesagt, das sei nicht männlich, diese ganze Umarmerei. Und den Jungen hat sie mir auch fast nie auf den Arm gegeben, das sollte er nicht gewöhnen. Aber weißt du, wenn er geweint hat, konnte Andreas das Weinen nicht ertragen. Als Maximilian dann größer wurde, wurde alles etwas ruhiger, aber Lisa wollte immer weg, ‘Selbstverwirklichung’ nannte sie das. Da kamen immer mehr Seminare, Treffen, Reisen. Ich fragte am Anfang oft, aber das störte sie. Meine Aufgabe war dann, auf Maximilian aufzupassen. Da lernte sie dann auch den Mann kennen, zu dem sie am Ende ging. Sie sagte Andreas dann, er fördere ihr Wachstum nicht genug, und sie wolle sich nicht aufhalten lassen, nahm den Jungen und zog weg.
– Und hatte Andreas danach noch Kontakt zu seinem Sohn?
– Anfangs wollte Lisa das nicht, aber dann stimmte sie zu. Er fuhr zu Max, nahm ihn auch mal mit ans Meer wenn sie es erlaubte.
– Und jetzt?
– Jetzt hat sich bei ihr wieder etwas geändert. Andreas zahlt Unterhalt, aber die Besuche musste er schon gerichtlich regeln. Lisa meinte, die Treffen würden den Jungen negativ beeinflussen.
– Wie das?
– Max hört nach dem Besuch beim Vater oft nicht mehr auf sie und will zurück. Irgendwann haben sie einen Kompromiss gefunden, dann zog Lisa nach Berlin. Von hier aus war das einfach zu weit für häufige Besuche. In den Sommerferien fuhr Andreas dann nur dorthin. Richtig Urlaub gemacht hat er nie immer nur bei Max. Gut, dass er angefangen hat, Nachhilfe zu geben, sonst hätte er sich solche Reisen mit seinem Lehrergehalt gar nicht leisten können.
– Traurig… Ella räumte Tassen ab und hielt plötzlich inne. Haben sie sich am Anfang geliebt, als sie geheiratet haben?
– Sicher, das denke ich schon. Sie waren beide jung, er kam gerade aus der Bundeswehr zurück, sie war noch auf der Fachhochschule. Maximilian kam dann ungeplant, sie wollten erst noch warten.
– Danke, dass Sie mir das erzählt haben. Ich wollte Andreas nie direkt fragen. Jetzt verstehe ich mehr.
Damals verstand Ella tatsächlich viel mehr über Andreas. Warum er manchmal zögerte, sie zu umarmen, dann aber die Arme wieder sinken ließ oder sich plötzlich zurückzog, wenn er ihre Hand nahm. Es dauerte fast ein Jahr und all ihre Geduld, bis er ihr voll vertraute. Und irgendwann merkte Andreas, dass er auf der Straße ihre Hand hielt, sie umarmte und sie darauf einging. Er hatte solche Angst, alles zu zerstören, dass Ella eines Tages so werden könnte wie Lisa. Obwohl er wusste, wie unterschiedlich die beiden Frauen waren.
Als seine Großmutter, inzwischen schon schwerkrank, ihn fragte, warum er so lange mit der Hochzeit wartete, gestand Andreas ehrlich:
– Ich habe Angst. Wenn sie mich verlässt, will ich nie wieder eine Beziehung. Sie ist mein Zuhause, verstehst du, Oma?
– Und wenn sie deins ist, dann zögere nicht. Solche Frauen sind ein Glücksgriff. Trödel nicht, sonst nimmt sie dir noch einer weg! Die Oma tätschelte ihm liebevoll den Kopf. So ein großer Kerl, dass ich dich nur noch im Sitzen anfassen kann. Jetzt wirds Zeit. Wenn du sie liebst, heirate sie und hör auf, sie zu vergleichen. Jeder Mensch ist anders.
Andreas nahm sich das zu Herzen. Ein paar Monate später heirateten sie und zogen erst einmal zu seiner Großmutter, weil sie alleine nicht mehr klarkam. Nach ihrem Tod zogen Andreas und Ella in Ellas kleine Wohnung, die zwar überschaubar, aber gemütlich war.
Jetzt schaute Ella sich in ihrer Küche um, in der sie es sich zu zweit so schön gemacht hatten und stellte sich vor, wie sie bald zu dritt waren… Vieles würde sich ändern.
– Hast du schon die Fahrkarten gekauft? fragte sie beim Tischdecken.
– Noch nicht. Moment mal… Bist du denn nicht dagegen?
– Wieso sollte ich? Es ist dein Sohn, Andreas.
Sie sah, wie ihr Mann erleichtert durchatmete, tat aber so, als hätte sie es nicht gemerkt.
– Lass uns essen, dann packe ich dir den Koffer. Und deine Arbeit?
– Ich habe drei Tage frei bekommen und Ersatz gefunden. Auch mit den Nachhilfeschülern ist alles geregelt. Nur Natalies Mutter habe ich noch nicht erreicht könntest du sie vielleicht morgen anrufen und alles erklären?
Beim Essen planten sie das Nötigste. Ella sah, wie Andreas entspannte und wieder lächelte.
Zwei Tage, während Andreas nach Berlin fuhr, verbrachte Ella in geschäftigem Durcheinander. Sie räumte, richtete das Haus her, schaffte Platz in dem Zimmer, das jetzt Maximilian gehören sollte, und bereitete alles für seine Ankunft vor. Endlich war alles fertig.
Ella stellte einen Apfelkuchen in den Ofen und blickte aus dem Fenster. Es war ein nasser, trüber Frühlingsabend. Sie sehnte sich nach Sonne, dem Sommerurlaub, der dieses Jahr erstmals nicht nur für Andreas, sondern für sie alle gemeinsam bevorstehen würde. Sie könnten endlich länger aufs Land zu Ellas Eltern fahren, nicht nur für ein paar Tage, sondern vielleicht für Wochen. Die würden sich freuen.
Das Klingeln der Türklingel riss sie aus den Gedanken. Sie öffnete die Tür und erstarrte kurz. Da stand ein verschlossener Junge, der etwas Abstand vom Vater hielt und Ella direkt musterte.
– Hallo, Maximilian! Schön, dass du da bist!
– Guten Tag… Maximilian war offenbar kein schüchterner Typ, wirkte jetzt aber verunsichert angesichts dieser fremden Frau.
Er erinnerte sich, was seine Mutter vor der Abreise gesagt hatte.
– Du bleibst für eine Weile dort. Versuch nicht, dich zu sehr einzulassen. Nicht mit Gefühlen, nicht, indem du zu viel Vertrauen schenkst. Das ist nur vorübergehend. Versuch ja nicht, jemanden zu lieben. Diese Menschen sind verpflichtet, dich zu versorgen. Dein Vater soll sich jetzt mal kümmern, nicht immer nur ich. Hör auf ihn, wenn du willst. Auf sie brauchst du nicht besonders zu achten. Sie ist nur irgendeine Frau, die ein bisschen aufräumt und dir Essen macht. Deine Mutter bin ich vergiss das nicht.
Maximilian hatte nur ruhig genickt, denn Mutter mochte keine großen Gefühle. Jungs weinen nicht. Das hatte er gelernt. Also hatte es keinen Sinn gemacht, sie umzustimmen. Bleibt nur, sich erst mal an Neues zu gewöhnen. Er wollte wissen, wie lange das Nur-vorübergehend dauern würde, aber ehe er fragen konnte, hatte sie schon von all dem vielen Geld gesprochen, das sie für ihn ausgeben müsse. Bei diesem Satz wusste Max immer, dass Nachfragen zwecklos war. Nun war also alles anders. Und alles würde sich ändern.
Ella zeigte Maximilian sein Zimmer und verscheuchte den dicken schwarzen Kater, der sich auf dem Sofa bequem gemacht hatte, lachend:
– Wenn er dich nervt, jag ihn ruhig. Sonst musst du ihm stundenlang die Ohren kraulen.
– Wie heißt er? Maximilian versuchte, den großen Kater hochzuheben, der sich zufrieden hängen ließ, laut schnurrte und die bernsteinfarbenen Augen zusammenkniff. Wow, der ist schwer!
– Er heißt Balthasar. Meist nennen wir ihn einfach Balti. Er mag es, auf dem Schoß zu sitzen, aber er wiegt ganz schön was. Wenn du willst, dass er zu dir kommt, brauchst du ihn nur zu rufen.
Ella lächelte, sah zu, wie Maximilian den Kater streichelte und das Tier genoss so offensichtlich jede Berührung, dass es im ganzen Zimmer zu hören war.
– Magst du Katzen?
– Und Hunde! Aber Mama hat nie Tiere erlaubt. Max stockte.
– Und Kuchen? Ella tat, als hätte sie nichts bemerkt.
– Kommt drauf an, welche. Maximilian schaute auf den Kater, als wäre er vollkommen vertieft.
– Ich hab Apfel- und Fleischkuchen gemacht. Klingt das gut?
Der Junge nickte.
– Dann hab ich ja den richtigen Geschmack getroffen!
Sie gewöhnten sich langsam aneinander und tasteten sich vorsichtig an die neuen Grenzen heran. Zu Andreas war Max bald offener, spürte, was er für ihn bedeutete. Bei Ella war er zurückhaltender, immer wieder mit Mamas Worten im Hinterkopf.
Der Sommer verging, der Herbst kam, und Maximilian wurde eingeschult. Ella half bei den Hausaufgaben, machte ihm das Neue leichter.
Eines Tages holte sie ihn aus der Betreuung ab Andreas hatte Unterricht am Nachmittag , da sah sie, dass der Hemdkragen zerrissen war und Maximilian mit mürrischer Miene gegen seine Schuhe trat.
– Frau Dr. Schwarz? Die Lehrerin, Frau Stein, winkte sie beiseite.
– Was ist los?
– Ich rede später noch mit Herrn Schwarz, wollte aber kurz Sie fragen: Hat Maximilian von Problemen in der Schule erzählt? Er sagt immer, alles sei in Ordnung.
– Nein, sagte er nicht. Er meint, alles sei gut.
– Also, ganz so stimmt das nicht. Er tut sich schwer mit den anderen Kindern. Heute gabs sogar eine Prügelei mit zwei Mitschülern.
– Warum?
– Ich glaube, es hängt mit Familiengeschichten zusammen. Etwas über seine Mutter fiel dabei. Ich hatte keine Zeit, nachzufragen. Außerdem erzählt Maximilian immer, dass er hier nur vorrübergehend ist, das macht es ihm schwer, Freundschaften zu schließen. Stimmt das? Zieht er bald wieder weg?
– Weiß ich nicht. Eher nicht. Vielleicht reden Sie besser mit seinem Vater darüber.
Frau Stein nickte.
– Klar, ich spreche ihn an.
– Können wir Maximilian irgendwie helfen?
– Im Moment weiß ich noch nicht wie. Aber er ist sehr lebhaft und braucht mehr Kontakt mit anderen Kindern. Vielleicht wäre ein Sportverein das Richtige aber schaut euch den Trainer genau an.
– Das ist eine super Idee! Warum sind wir selbst nicht drauf gekommen? sagte Ella und lächelte.
Auf dem Heimweg blickte sie immer wieder auf den verärgerten Max, schwieg aber. Daheim, nach dem Essen, setzte sie sich mit Tee zu ihm und fing ein Gespräch an, immer den Jungen im Blick.
– Sag mal, gibt es eine Sportart, die du spannend findest?
Max staunte.
– Ich dachte, du würdest schimpfen.
– Wegen der Prügelei?
– Ja, eben.
– Ich schätze, du weißt selbst, dass das nicht ganz richtig war, oder?
– Ja… Max schaute beschämt zu Boden.
– Aber manchmal gibts eben Gründe zu kämpfen. Darf ich fragen, warum du dich geprügelt hast?
Er schwieg erst, dann sah er ihr in die Augen und sagte:
– Sie haben über Mama schlecht geredet. Meinten, sie hätte mich ausgesetzt, hierher abgeschoben. Dass ich keine Mutter mehr hab.
– Was für ein Unsinn! Ella knallte empört die Teetasse auf den Tisch, so dass der Tee überschäumte. Sie schnappte sich ein Tuch und wischte den Tisch ab, während sie schimpfte.
– Wow! Maximilian war überrascht und musste grinsen.
– Was denn? Ich hab ja nicht geflucht. Denke daran, Papa nichts zu verraten, sonst bekomme ich Ärger!
Sie räumte auf und setzte sich wieder.
– Max! Was die gesagt haben, ist Quatsch! Deine Mama hat dich nicht einfach sitzen lassen. Kinder können bei Mama oder Papa leben. Es gibt viele Gründe dafür. Und das geht niemand anderen etwas an! Vielleicht ist das jetzt nicht pädagogisch aber das mussten die halt hören. Und… Gibt es denn in deiner Klasse niemanden, den du magst?
– Doch. Vadim, mit dem ich mich heute gestritten habe, bastelt gern Flugzeuge. Er hat mir mal eine Modell gezeigt, das er mit seinem Vater baut.
– Also bist du nicht absolut dagegen, dich mit ihm anzufreunden?
– Wir machen ja auch was zusammen. Er hat mich gefragt, ob ich im nächsten Jahr mit ihm und seinem Vater zelten gehen will. Da hab ich gesagt, dass ich bald weg bin, wenn Mama mich holt.
– Verstehe. Ella fütterte den Kater, der sich an sie schmiegte. Vielleicht sagst du das nächstes Mal nicht ganz so schnell ab?
– Glaubst du auch, dass Mama mich nicht holen wird? fragte Max schroff.
– Nein. Ich habe nur gedacht, deine Mama lässt dich vielleicht trotzdem mitgehen?
Max dachte lange nach.
– Sag mal, welchen Sport magst du denn?
– Weiß nicht. Boxen vielleicht. Das ist für Männer. Und man muss auch mitdenken. Papa und ich haben mal einen Film über Boxer gesehen.
– Würdest du gern selbst trainieren?
– Dürfte ich das?
– Klar, warum nicht? Lass uns abends mit Papa reden, dann suchen wir einen Boxverein.
Einen passenden Boxclub fanden sie schnell. Maximilian ging gern hin, ein paar Klassenkameraden machten mit. Und bald schon meinte auch Frau Stein, alles normalisiere sich. Es gab keinen Ärger mehr, die Jungen waren Freunde und Ella und Andreas atmeten auf.
Maximilian lebte fast sechs Jahre beim Vater. Er blühte auf, schloss sich nicht mehr ein. Ella sah, wie sehr ihm Nähe guttat wie auch seinem Vater. Anfangs noch zaghaft, dann immer selbstbewusster umarmte sie ihn, lobte jede seiner Errungenschaften. Und Max revanchierte sich, hängte ihr vor Freude alle gewonnenen Medaillen um den Hals.
– Die ist auch für dich! Du hast mich dahin gebracht!
Bald mussten sie noch ein Regal für die Auszeichnungen anbringen, weil eins nicht mehr ausreichte.
Als Ella herausfand, dass sie ein Baby erwartete, hatte sie Angst, wie Maximilian reagieren würde. Aber zu ihrer Überraschung freute er sich sehr, als Andreas ihm erklärte, dass er nun eine Schwester bekäme und großer Bruder werden würde.
– Cool! Fast alle in der Klasse haben Brüder oder Schwestern und jetzt ich auch!
– Stört es dich, dass es ein Mädchen wird? Ella sah lachend zu Max, der eilig seine Deutschaufgaben machte, bevor er zum Training musste.
– Fertig! Max klappte das Heft zu. Nö! Mädchen sind doch super. Die wird mich liebhaben, und ich beschütze sie. Ich bin dann der Coolste für sie, stimmts?
– Na klar!
– Also ist das doch gut! Ich geh jetzt, Ella, soll ich später noch was aus dem Supermarkt holen?
– Oh ja, danke, dass du dran denkst! Bring bitte Brot mit, das hab ich vergessen.
Die kleine Sophia wurde schnell zu dem wichtigsten Menschen für Maximilian.
– Weißt du, Papa, du hast Ella, Mama ist weit weg, aber Sophia… Die ist nur meine… Ich kanns nicht erklären, aber ich bin so froh, sie zu haben. Max streichelte zärtlich ihre winzige Hand.
Ella war stolz auf ihren Jungen. Max half zwischen Training und Hausaufgaben im Haushalt, spielte geduldig mit seiner kleinen Schwester, die sehr schnell herausfand, wie leicht sie ihn um den Finger wickeln konnte. Ella sah, wie Sophia auf Max zurannte, der nach der Schule den Rucksack abwarf, seine kleine Schwester hochnahm, und betete still, dass das ewig so bliebe.
Aber ob himmlische Instanzen zu beschäftigt waren oder die frohe Zeit auslief als Sophia drei war, brach das beschauliche Familienglück jäh ab. Lisa stand plötzlich, ohne Ankündigung, vor der Tür und wollte Max nach Berlin zurückholen.
– Das ist keine Diskussion! Lisa schob die Tasse mit unberührtem Tee beiseite und runzelte die Stirn. Von Anfang an war abgemacht, dass das hier nur vorübergehend ist.
– Ja, antwortete Andreas, der ihr schon seit einer Stunde verständlich machen wollte, dass er sie nicht unterstützte. Aber an ihrer grundsätzlichen Haltung scheiterte alles.
– Warum diskutieren wir dann? Sorg dafür, dass Maximilian seine Sachen packt. Ich habe wenig Zeit.
– Die Frau, von der Sie sprechen, steht leibhaftig hier und wohnt mit Ihrem Sohn, übrigens schon seit mehreren Jahren, in diesem Haus. Ella räumte die Tasse ab. Und ich denke, ich darf wohl auch meine Meinung sagen. Genauso wie Maximilian. Haben Sie ihn eigentlich gefragt, bei wem er leben möchte?
Lisa sah sie mit einer Mischung aus Überlegenheit und Unsicherheit an, dass Ella schmunzeln musste.
– Dachten Sie, ich sage gar nichts? Lisa, Sie sind hier nicht die Herrin im Haus. Und Sie wissen sicher, wie unangenehm das sein kann, behandelt zu werden wie Hauspersonal.
Lisa errötete unwillkürlich. In den letzten Jahren hatte sie schließlich in Spanien genau als Putzfrau gearbeitet, nachdem sie alle Träume vom besseren Leben hatte begraben müssen.
– Warum soll ich den Jungen fragen, was er will? Ich bin die Mutter, ich weiß es besser.
– Lisa, ich halte Sie für einen vernünftigen Menschen, lassen Sie uns sachlich bleiben. Sie haben Ihren Sohn viele Jahre nicht gesehen. Er hat hier ein vertrautes, schönes Leben. Vielleicht sprechen Sie wenigstens mal richtig mit ihm und hören ihm zu?
– Wozu? Ich wiederhole mich nicht gerne. Am Ende läuft es auf meine Entscheidung hinaus.
Ella seufzte und sah zu Andreas, der immer wütender wurde. Sie hatte diesen Zorn nur selten bei ihm erlebt, immer, wenn ihm Unrecht widerfuhr.
– So geht das nicht, Lisa. Du sprichst mit Max und hörst zu, egal was er sagt und entscheidest dann mit ihm. Sonst gehen wir wieder vors Gericht.
– Was willst du denn vortragen? Lisa lächelte spöttisch.
– Ich erkläre, warum Max hierbleiben sollte.
– Das Kind bleibt bei der Mutter! Lisa wurde gereizt.
– Nicht sicher. Du hast weder Wohnung noch Job, bist allein. Wir sind eine Familie, angesehen in der Stadt, Max hat Freunde, Schule, macht Sport. Wer wohl gewinnt?
Lisa wurde blass.
– Du wagst es nicht!
– Und ob, Lisa. Einmal hast du mein Leben durcheinandergebracht, das passiert kein zweites Mal. Weder für mich, noch für Maximilian.
– Du hast dich verändert… Lisa betrachtete ihn nachdenklich. Kaum wiederzuerkennen.
– Lass uns nicht streiten, das bringt niemandem was. Hör dir einfach an, was dein Sohn will, er ist schon alt genug.
Lisa nickte wortlos. Ella und Andreas gingen raus und riefen Max.
– Geh schon, Sohn. Mama will mit dir reden Andreas legte ihm die Hand auf die Schulter. Vergiss nicht: wir sind für dich da, egal wie du dich entscheidest.
– Ja, Papa.
Das Gespräch fiel Lisa schwer. Schnell merkte sie, dass dieser Max nichts mehr mit dem kleinen Jungen von früher gemein hatte, der ihr gehorchte. Doch der Junge gefiel ihr eigentümlich. Sie spürte sein Selbstvertrauen, seine Ruhe etwas, das sie ihm hätte geben müssen, was stattdessen eine andere Frau geschafft hatte. Es tat weh, so sehr, dass sie kaum atmen konnte.
– Du möchtest also beim Papa bleiben?
– Wenn du erlaubst, ja. Ich kann dich ja in den Ferien besuchen Mama, ich habe hier alles: Sophia, Freunde, Schule. Da drüben habe ich nichts.
Da öffnete sich leise die Küchentür, Sophia warf der fremden Frau einen verstohlenen Blick zu, dann ging sie zu Max und schmiegte sich an ihn.
– Was ist los, Sophilein? Ich komme gleich zu dir, okay? Geh schon mal zu Mama.
Aber Sophia schüttelte den Kopf.
Lisa musterte den Jungen aufmerksam und sagte schließlich:
– Gut. Du darfst bleiben. Aber in den Ferien kommst du nach Berlin.
– Super! Danke, Mama! Maximilian wollte sie umarmen, stoppte dann, weil er sich erinnerte, dass sie das nicht mochte.
– Komm her! Lisa drückte ihn an sich, wischte heimlich eine Träne weg. Ich warte auf dich, ja?
– Ich komme, versprochen!




