**Tagebucheintrag**
Hör mir gut zu, fuhr der Mitbewohner fort. Entweder gibt deine Tochter mir das Auto, oder sie zieht aus! Ich werde nicht in einem Haus leben, wo man mich nicht respektiert! Und wohin soll sie denn gehen? Nicht dein Problem! Sie ist erwachsen. Zeit, selbstständig zu werden
Lina stand im Flur des Elternhauses und hörte durch die Badezimmertür, wie ihre Mutter ihr erklärte, warum sie ihr Auto abgeben musste.
Lina, denk doch mal nach! Andreas fährt täglich zur Arbeit. Du bist Studentin. Ist der Bus wirklich so schlimm?
Das Mädchen lehnte sich an die Wand und schloss die Augen. Das Auto hatte ihr der Opa zum zwanzigsten Geburtstag geschenkt. Alt, aber ihr eigenes. Ihr erstes überhaupt. Damals hatte er gesagt: Damit du von niemandem abhängig bist. Damit du selbst entscheidest, wohin du fährst.
Mama, das Auto ist auf mich zugelassen, antwortete Lina ruhig.
Und was soll das heißen? Wir sind doch Familie! Die Stimme ihrer Mutter wurde schrill. Andreas ist wie ein Vater für dich. Erinnerst du dich, wie er dir in der zehnten Klasse in Mathe geholfen hat?
Lina erinnerte sich. Sie erinnerte sich, wie er sie für jeden Fehler anbrüllte, wie er das Buch auf den Tisch knallte, wenn sie etwas nicht sofort verstand.
Dumm wie Brot! Ganz die Mutter!, hatte er damals gesagt.
Aus dem Bad drang das Geräusch des Föhns ihre Mutter machte sich offenbar fertig. In fünf Minuten würde sie herausplatzen, und das Gespräch würde weitergehen. Das wollte Lina nicht.
Ich werds mir überlegen, log sie und ging in ihr Zimmer.
Doch es gab nichts zu überlegen. Das Auto würde sie nicht hergeben. Aber was sie nun tun sollte, war unklar.
Lina war im letzten Semester ihres Studiums und gab nebenbei Nachhilfe in Englisch. Geld war knapp, aber fürs Leben reichte es.
Wenn man davon absah, dass dieses Leben in einem Haus stattfand, wo jeder ihrer Schritte kommentiert und kritisiert wurde.
Andreas war in ihr Leben getreten, als sie elf war. Ihre Mutter hatte ihn auf der Arbeit kennengelernt. Groß, mit Bart, selbstbewusst und redselig.
Das gefiel ihrer Mutter. Ihr Vater war ganz anders gewesen still, nachdenklich. Nach der Scheidung war er in die Hauptstadt gezogen und rief nur selten an.
Am Anfang hatte Andreas sich Mühe gegeben. Brachte Süßigkeiten mit, erkundigte sich nach der Schule, ging sogar ein paar Mal mit ihr ins Kino. Damals dachte Lina: Vielleicht ist er ja doch okay. Doch das hielt nicht lange.
Sobald Andreas sich endgültig im Haus eingerichtet hatte, änderte sich alles. Er begann zu befehlen. Nicht zu bitten, nicht vorzuschlagen zu befehlen. Als wäre Lina nicht die Tochter der Hausherrin, sondern das Dienstmädchen.
Mach Tee. Räum hinter dir auf. Stampf nicht so. Knall nicht die Türen. Mach den Fernseher leiser. Die Liste der Forderungen wuchs täglich.
Und ihre Mutter? Sie wurde Andreas Anwältin. Jede seiner Beschwerden nahm sie auf und verstärkte sie.
Lina, Andreas ist von der Arbeit müde. Kannst du nicht leiser gehen?
Lina, er hat doch recht. Musst du die Musik so laut aufdrehen?
Lina, denk doch mal an die anderen.
Die anderen das hieß Andreas. Denn wenn Lina für Prüfungen lernte und bat, den Fernseher leiser zu stellen, interessierte das niemanden.
Wir sind nicht in der Bibliothek, antwortete Andreas. Wenn du Stille willst, geh in dein Zimmer.
Linas Zimmer war winzig, ein ehemaliger Abstellraum. Darin fanden nur ein Bett und ein Schreibtisch Platz. Wenn sie sich dorthin zurückzog, drückten die Wände, die Luft wurde knapp. Doch es gab keine Alternative.
Mit der Zeit lernte Lina, unsichtbar zu sein. Kam nach Hause, wenn Andreas schlief oder nicht da war. Aß in der Küche, wenn niemand dort war. Nahm nicht an Familiengesprächen teil.
Das funktionierte bis die Sache mit dem Auto begann.
Am nächsten Morgen klopfte ihre Mutter an ihre Tür.
Lina, bist du wach? Wir müssen reden.
Lina setzte sich aufs Bett. Ihre Mutter trug ein neues, offensichtlich teures Kleid. Die Haare waren akkurat frisiert. Sie war bereit, irgendwohin zu gehen.
Ich höre.
Andreas war gestern enttäuscht. Er dachte, du würdest leicht einwilligen.
Warum dachte er das?
Die Mutter setzte sich auf die Bettkante, blickte aus dem Fenster.
Lina, du verstehst doch Andreas und ich planen die Hochzeit. Wir wollen alles schön machen, Gäste einladen. Aber Geld du weißt, wie schwer es gerade ist.
Lina schwieg.
Andreas braucht das Auto für die Arbeit. Er hat eine neue Stelle, verantwortungsvoll. Er muss durch die Bezirke fahren. Mit dem Bus ist das unpraktisch.
Dann soll er sich selbst eines kaufen.
Wovon? Ihre Mutter hob die Stimme, fing sich aber sofort. Lina, wir sind doch Familie! Andreas hat so viel für dich getan
Was genau hat er für mich getan?, fragte Lina.
Die Mutter war verlegen. Schwieg, suchte nach Worten.
Nun er hat dich erzogen. Wie ein richtiger Vater. Dir bei den Hausaufgaben geholfen
Mich angeschrien, meinst du.
Unverschämtheit!, fuhr die Mutter auf. Er hat sich bemüht! Und du du warst immer undankbar. Dein Vater hat dich verwöhnt, das ist das Problem.
Es wurde still im Zimmer. Lina betrachtete ihre Mutter und erkannte sie nicht wieder. Früher waren sie sich nah gewesen. Früher hatte ihre Mutter sie beschützt nicht einen fremden Mann.
Das Auto gebe ich nicht her, sagte Lina.
Dann such dir eine Wohnung, erwiderte die Mutter kalt und ging.
Lina blieb allein zurück. Ihre Brust war wie zugeschnürt, das Atmen fiel schwer. Sie hätte nie gedacht, dass es so weit kommen würde.
Als Andreas abends von der Arbeit kam, begann das Theater. Durch die dünne Wand hörte Lina ihr Gespräch.
Und, hast du mit deiner Tochter gesprochen?, fragte Andreas.
Ja. Sie weigert sich.
Aha. Dann hätte man sie anders erziehen müssen. Zu nachsichtig.
Andreas, sie ist noch jung. Versteht das nicht.
Wann wird sie es verstehen? Wenn sie selbst Mutter ist? Nein, Sabine. Wenn wir sie jetzt nicht in ihre Schranken weisen, nutzt sie das aus.
Die Mutter antwortete etwas, aber zu leise. Lina verstand es nicht.
Hör mir gut zu, fuhr Andreas fort. Entweder sie gibt das Auto her, oder sie zieht aus. Ich werde nicht in einem Haus leben, wo man mich nicht respektiert!
Und wohin soll sie denn gehen?
Nicht dein Problem. Sie ist erwachsen. Zeit, selbstständig zu werden.
Nach diesem Gespräch konnte Lina bis zum Morgen nicht schlafen. Sie lag wach und dachte: Würde ihre Mutter sich wirklich für Andreas entscheiden?
Die Antwort kam zwei Tage später. Ihre Mutter betrat ihr Zimmer mit ernster Miene.
Lina, Andreas und ich haben entschieden. Wenn du der Familie nicht entgegenkommst, lebst du eben allein.
Mama, das meinst du ernst?
Ja. Du bist erwachsen, arbeitest, kannst dir also eine Wohnung leisten.
Lina sah ihre Mutter lange an.
Gut. Ich ziehe aus.
Die Mutter hatte offenbar Tränen, Bitten, vielleicht einen Streit erwartet. Aber nicht diese ruhige Zustimmung.
Lina willst du nicht noch mal darüber nachdenken?
Worüber? Du hast deine Wahl getroffen! Jetzt treffe ich meine.
Die Wohnungssuche dauerte weniger als eine Woche. Lina fand ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft nahe der Uni. Günstig, aber sauber und geräumig. Die Vermieterin, eine ältere Lehrerin, mochte sie sofort. Sie sprach leise, mischte sich nicht ein.
Als Lina ihre Sachen packte, stand ihre Mutter in der Tür und sah zu.
Vielleicht war das falsch, begann sie.
Mama, lass gut sein. Es ist richtig so.
Du musst verstehen, ich wollte dich nicht rauswerfen. Aber Andreas
Andreas ist dir wichtiger. Habs kapiert!
Die Mutter fing an zu weinen.
Sag das nicht. Du bist meine Tochter.
War deine Tochter, erwiderte Lina ruhig und legte Bücher in eine Kiste.
Die ersten Wochen in der WG waren schwer. Nicht wegen des Alltags daran gewöhnte sie sich schnell. Schwer war zu begreifen, dass ihre Mutter einen fremden Mann ihr vorgezogen hatte.
Doch allmählich normalisierte sich ihr Leben. Lina gab mehr Nachhilfe, bekam mehr Schüler. Das Geld reichte nicht nur für Miete und Essen, sondern auch für kleine Freuden.
Sie konnte essen, wann sie wollte. Musik hören. Manchmal Freunde einladen. Niemand befahl, kritisierte oder machte Theater.
Ihre Mutter rief selten an. Meist nur an Feiertagen.
Wie gehts, Lina? Alles gut?
Alles gut.
Kommst du mal vorbei?
Mal sehen.
Doch Lina kam nicht. Und ihre Mutter verstand das.
Ein halbes Jahr verging. Lina hatte sich an ihr eigenes Leben gewöhnt, als ihre Mutter eines späten Abends anrief. Ihre Stimme klang seltsam müde oder traurig.
Lina, kann ich zu dir kommen? Wir müssen reden.
Klar. Komm vorbei.
Ihre Mutter war eine Stunde später da. Sie sah schlecht aus leicht abgemagert, mit dunklen Ringen unter den Augen. Sie setzte sich an den Tisch und schwieg lange.
Was ist los?, fragte Lina.
Andreas ist weg.
Weg?
Zu einer anderen Frau. Kennengelernt auf der Arbeit. Zehn Jahre jünger als ich.
Lina schenkte Tee ein, stellte der Mutter eine Tasse hin.
Wann ist das passiert?
Vor zwei Wochen. Erst dachte ich, er kommt zurück. Gestern kam er, holte seine Sachen und sagte, er reicht die Scheidung ein.
Die Mutter fing an zu weinen. Nicht hysterisch, sondern leise, erschöpft.
Ich war dumm, oder?
Lina antwortete nicht. Was sollte sie sagen?
Sie tranken schweigend Tee. Dann fragte die Mutter:
Kann ich heute hier bleiben? Ich will nicht nach Hause. Dort erinnert alles an ihn.
Klar. Nimm dir die Couch.
In der Nacht hörte Lina ihre Mutter weinen. Sie wollte hingehen, sie trösten. Doch etwas hielt sie zurück. Zu viel war passiert.
Beim Frühstück sagte die Mutter:
Lina, ich verstehe jetzt, dass ich Unrecht hatte. Dass ich ihn statt dir gewählt habe. Es tut mir leid.
Mama
Nein, lass mich ausreden. Ich dachte, ich bräuchte einen Mann. Um jeden Preis. Selbst wenn der Preis meine Tochter war. Ich dachte, ohne Mann bin ich nichts. Jetzt weiß ich: Lieber allein, als mit jemandem, der mir das Leben vergiftet.
Lina nickte.
Kommst du nicht nach Hause?, fragte die Mutter leise.
Nein. Ich hab mich hier eingelebt. Und außerdem ich bin nicht mehr dieselbe.
Wie bist du denn?
Selbstständig. Unabhängig von den Launen anderer. Und das gefällt mir!
Die Mutter seufzte.
Und wir bleiben wir in Kontakt? Sehen uns ab und zu?
Ja. Aber nicht wie früher. Das geht nicht mehr.
Als ihre Mutter gegangen war, saß Lina lange am Fenster und dachte nach. Natürlich tat ihr ihre Mutter leid. Doch Mitleid ist keine Liebe. Und verlorenes Vertrauen lässt sich nicht einfach zurückkaufen.
Sie nahm die Autoschlüssel, trat vor den Spiegel. Darin blickte ihr eine erwachsene, unabhängige Frau entgegen.
Kein Mädchen mehr, das Angst hatte, die Mutter zu enttäuschen. Keine Studentin, die sich in einem winzigen Zimmer vor einem fremden Mann versteckte.
Lina lächelte ihr Spiegelbild an.
Na dann, auf in die Zukunft?, sagte sie und ging zur Tür.
Draußen schien die Sonne. Vor ihr lag ein ganzes Leben. Ihr Leben frei von den Launen anderer.
Und das war wunderbar.
**Was ich gelernt habe:** Manchmal ist es nötig, sich abzugrenzen selbst vor Familie. Denn wer sich selbst nicht respektiert, dem respektiert auch niemand anderes. Und manchmal ist das schwerste der erste Schritt in ein besseres Leben.



