Die ganze Schule redete darüber, dass die Zehntklässlerin schwanger war. Die Spekulationen, wer der Vater des Kindes sein könnte, verbreiteten sich wie ein Lauffeuer, doch Anna schwieg beharrlich.

Lorelei brachte ihre Tochter zur Welt, als sie gerade 15 Jahre alt war und noch die zehnte Klasse am Gymnasium besuchte. Über fünf Jahre hüllte sie den Namen des Kindsvaters in Schweigen und ließ niemanden wissen, wer er war. Ihre Mutter, Frau Schneider, bemerkte die Schwangerschaft erst spät, weil Lorelei von Natur aus eine kräftigere Statur hatte. Beunruhigt über die plötzliche Gewichtszunahme, brachte sie Lorelei zum Endokrinologen, und dort tauchte die Wahrheit wie ein unerwartetes Bild aus dem Nebel auf. Frau Schneider war erschüttert und wütend zugleich, denn sie hatte ihre Tochter allein großgezogen und sah sich nun an einem Bahnsteig mit einer Enkelin, die viel zu jung erschien.

Lorelei verwahrte den Namen des Vaters wie ein funkelndes Geheimnis und verweigerte jede Antwort. In der Schule wurde der flüsternde Wind des Unbekannten zur Sensation. Dennoch hielt Lorelei standhaft Kurs, trotzte den Wirbeln des Alltags und drängte sich durch die Schwierigkeiten. Während einer Sommerpause, in der die Sonne wie flüssiges Gold am Himmel hing, kam ihre Tochter zur Welt. Frau Schneider nahm ein ungewöhnliches Mutterschaftsurlaub auf, um die kleine Enkelin zu behüten. Lorelei konzentrierte sich auf ihre Schule und schaffte den Sprung zur Universität Heidelberg mit einem staatlichen Stipendium. Während des Studiums arbeitete sie Teilzeit und schaffte es, sich und ihre Tochter mit einem geheimnisvollen, zusätzlichen Geldsegen über Wasser zu halten, dessen Ursprung sie in den Schatten des Traums verborg.

Als das Mädchen älter wurde, blieb der Vater ein Schatten hinter dem geschlossenen Vorhang. Mit drei Jahren nahm Lorelei ihre Tochter mit in die surrealen Büroflure einer Werbeagentur, wo Wörter und Bilder wie bunte Vögel herumflatterten, während sie gleichzeitig studierte und eine kleine Altbauwohnung in Mannheim mietete. Das Mädchen zeigte eine bemerkenswerte Wissbegier und Intelligenz, als würde sie die Sprache der Wolken und Spiegel verstehen.

Nach dem Abschluss an der Universität wurde Lorelei fest angestellt, in derselben Agentur, in der sie vorher als Teilzeitkraft schwebte. In einem Sommer, in dem die Stadt wie eine riesige Muschel dröhnte, wurde das Unfassbare offenbar: Lorelei brachte einen Mann nach Hause den Vater ihres Kindes. Sein Name war Emil Weber. Über Jahre hatte er Lorelei finanziell unterstützt, doch sie hielten seine Vaterschaft geheim, da Emil von den kühlen Fluren einer Militärakademie träumte.

Emil überwies regelmäßig Euro auf Loreleis Konto und traf seine kleine Tochter heimlich, während er studierte. Nach dem Abschluss entschied er, Lorelei zu heiraten jene Frau, die ihm sechs Jahre lang wie ein Bild im Traum ausgeharrt hatte. Das Paar bekam bald einen Sohn, dessen Wiegenlied zwischen den Fenstern schwebte. Ihre Tochter, die jetzt die dritte Klasse beendet und wie ein Sonnenstrahl das Haus erfüllt, wächst als glanzvolles und geliebtes Mitglied dieser sonderbaren, leuchtenden Familie.

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Die ganze Schule redete darüber, dass die Zehntklässlerin schwanger war. Die Spekulationen, wer der Vater des Kindes sein könnte, verbreiteten sich wie ein Lauffeuer, doch Anna schwieg beharrlich.
Vera wurde im Dorf am selben Tag verurteilt, an dem ihr Bauch unter dem Pullover hervorzuschauen begann. Mit zweiundvierzig! Witwe! Welche Schande! Ihr Mann, Friedrich, lag nun schon zehn Jahre auf dem Dorffriedhof, und jetzt – sieh an – kommt sie plötzlich mit einem Kind im Leib daher. „Von wem denn?“, zischten die Frauen am Dorfbrunnen. „Wer weiß das schon!“, stimmten die anderen ein. „Still und zurückhaltend… und dann sowas! Hat sich einen eingebrockt.“ „Die Tochter ist noch nicht mal verheiratet, aber die Mutter treibt’s! Wie peinlich!“ Vera blickte niemanden an. Sie kam von der Post, die schwere Tasche über der Schulter, und schaute nur auf den Boden. Ihre Lippen waren fest zusammengepresst. Wüsste sie damals, was das alles noch verursachen würde, hätte sie sich vielleicht rausgehalten. Aber wie sollte sie, wenn doch das eigene Kind in Tränen aufgelöst vor ihr stand? Und dabei fing alles nicht mal bei Vera, sondern bei ihrer Tochter Marina an… Marina war nicht einfach ein hübsches Mädchen, sie war ein richtiges Bild – ganz wie ihr verstorbener Vater, Friedrich. Auch er war ein stattlicher Kerl, der Schönste im Dorf, blond und blauäugig. So war auch Marina. Das ganze Dorf schwärmte von ihr. Die Jüngste, Kathrin, hingegen war ganz die Mutter: dunkelhaarig, braune Augen, ernst – eher unauffällig. Für beide Töchter gab Vera alles. Sie liebte sie abgöttisch, zog sie alleine groß, arbeitete wie verrückt: tagsüber als Postbotin, abends putzte sie im Stall. Alles für ihre Geliebten. „Ihr müsst was lernen!“, sagte sie immer. „Ich will nicht, dass ihr so wie ich euer halbes Leben mit schwerer Tasche im Dreck verbringt. Ihr müsst in die Stadt, unter Leute!“ Marina ging auch wirklich in die Stadt. Ganz leicht flog sie hinaus ins Leben, schrieb sich an der Wirtschaftsschule ein und wurde sofort bemerkt. Sie schickte Fotos: mal im Restaurant, mal im schicken Kleid. Und sogar einen Verlobten hatte sie – den Sohn eines Direktors. „Mama, er hat mir einen Pelz versprochen!“, schrieb sie. Vera freute sich. Kathrin dagegen wurde still. Sie blieb nach der Schule im Dorf, arbeitete als Hilfsschwester im Krankenhaus. Sie hätte gerne eine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht, aber das Geld reichte nicht. Die gesamte Witwenrente und Veras Gehalt gingen für Marina drauf – für ihr „städtisches“ Leben. *** In jenem Sommer kam Marina zurück. Nicht wie sonst, laut, schick, mit Geschenken, sondern still, ganz blass. Zwei Tage verließ sie ihr Zimmer nicht, am dritten fand Vera sie weinend im Bett. „Mama… Mama… Ich bin am Ende…“ Sie gestand alles. Der „tolle“ Verlobte hatte sie sitzen lassen – und sie war im vierten Monat. „Abtreiben ist zu spät, Mama!“, schluchzte Marina. „Was mache ich jetzt? Er will nichts von mir wissen!“ Er sagte, wenn ich das Kind bekomme, bekomme ich keinen Cent! Und von der Uni fliegen sie mich raus! Mein Leben ist… vorbei! Vera war wie vom Donner gerührt. „Du… du hast nicht auf dich aufgepasst, Kind?“ „Was soll’s!“, schrie Marina. „Was machen wir jetzt?! Ins Kinderheim abgeben? Irgendwo aussetzen?!“ Für Vera war das unvorstellbar. Ihr Enkel ins Heim geben? Diese Nacht schlief Vera nicht. Sie schlich wie ein Schatten durch die Wohnung. Am frühen Morgen setzte sie sich zu Marina ans Bett. „Ist schon gut“, sagte sie fest. „Wir schaffen das.“ „Mama! Wie denn?! Alle werden es wissen! Das wird eine Katastrophe!“ „Niemand wird etwas erfahren“, sagte Vera. „Wir erzählen… es ist mein Kind.“ Marina konnte ihren Ohren kaum trauen. „Dein Kind? Mama, du bist doch schon zweiundvierzig!“ „Mein Kind“, wiederholte Vera. „Ich fahre zu Tante Ruth im Kreis – helfe ihr angeblich. Dort bekomme ich das Baby und bleibe eine Weile dort. Du gehst zurück in die Stadt und studierst weiter.“ Kathrin, die hinter der dünnen Wand schlief, hörte alles. Sie biss ins Kissen, die Tränen liefen. Sie tat die Mutter so leid – und sie verachtete die Schwester. *** Einen Monat später fuhr Vera weg. Das Dorf redete, dann vergaß es. Ein halbes Jahr später kam sie zurück – nicht allein. Mit einem kleinen, blauen Umschlag. „Hier, Kathrin“, sagte sie zur blassen Tochter, „das ist dein Brüderchen… Michel.“ Das Dorf war fassungslos. So viel zur „stillen“ Vera! So viel zur Witwe! „Von wem wohl?“, zischten die Frauen wieder. „Etwa vom Bürgermeister?“ „Ach was, der ist zu alt. Vom Landwirt vielleicht! Der ist attraktiv, alleinstehend!“ Vera schwieg und ertrug den Klatsch. Es begann ein Leben, das man keinem wünscht. Michel war ein Schreihals, Vera fiel vor Erschöpfung um. Die schwere Posttasche, Stall, jetzt auch noch schlaflose Nächte. Kathrin half, so gut sie konnte – wusch Windeln, wiegte das „Brüderchen“, schwieg. Aber innerlich brodelte sie. Marina schrieb aus der Stadt: „Mama, wie geht’s euch? Ich vermisse euch! Geld habe ich gerade keines, irgendwie schlage ich mich so durch. Aber bald schicke ich euch was!“ Das Geld kam – nach einem Jahr… Hundert Euro. Und Jeans für Kathrin, zwei Nummern zu klein. Vera mühte sich, Kathrin half ihr – ihr eigenes Leben war ebenfalls ruiniert. Die Jungs guckten kurz hin, verschwanden dann aber wieder. Wer will schon eine Frau, bei der die Mutter als „leicht zu haben“ gilt und der „Bruder“ ein Bastard ist… „Mama“, sagte Kathrin mit fünfundzwanzig, „vielleicht sollten wir die Wahrheit sagen?“ „Um Gottes willen!“ Vera erschrak. „Das dürfen wir nicht! Marina würde es zerstören – sie hat doch jetzt endlich geheiratet. Einen guten Mann.“ Marina hatte tatsächlich „das große Los gezogen“. Machte ihr Diplom, heiratete einen Unternehmer, zog in die Hauptstadt. Bilder kamen: Ägypten, Türkei, eine richtige Großstadt-Dame. Nach dem „Bruder“ fragte sie nie. Vera schrieb von sich aus: „Michel geht jetzt in die Schule, bringt lauter Einser mit.“ Marina schickte als Antwort teure, aber völlig unnütze Spielsachen. So vergingen die Jahre. Michel wurde achtzehn. Er wuchs zu einem stattlichen Jungen heran: groß, blauäugig – wie… wie Marina. Fröhlich, hilfsbereit. Er liebte seine „Mutter“ Vera abgöttisch. Und Schwester Kathrin auch. Kathrin hatte sich an alles gewöhnt, arbeitete mittlerweile als leitende Krankenschwester im Kreiskrankenhaus. „Alte Jungfer“, tuschelte man im Dorf. Sie selbst hatte längst abgeschlossen – ihr Leben drehte sich um die Mutter und Michel. Michel beendete die Schule mit Auszeichnung. „Mama! Ich gehe nach Berlin! Studiere dort!“, erklärte er. Vera wurde eng ums Herz. Nach Berlin… Da ist doch Marina. „Willst du nicht lieber an unsere Landes-Uni?“, schlug sie verhalten vor. „Ach, Mama! Ich muss hinaus! Ich zeig’s euch noch, ich werde euch in einem Palast wohnen lassen!“ Und an dem Tag, an dem Michel seine letzte Prüfung ablegte, fuhr ein glänzender schwarzer Wagen vor ihre Gartentür. Ausstieg… Marina. Vera schnappte nach Luft. Kathrin, die gerade vor dem Haus stand, erstarrte mit dem Handtuch in der Hand. Marina war fast vierzig, sah aber aus wie von der Titelseite eines Magazins – schlank, teuer gekleidet, ganz in Gold. „Mama! Kathrin! Hallo!“, trällerte sie, küsste die verdutzte Vera auf die Wange. „Und wo ist…“ Sie sah Michel. Der stand da mit ölverschmierten Händen – hatte in der Scheune geschraubt. Marina verstummte. Starrte ihn an. Dann füllten sich ihre Augen mit Tränen. „Guten Tag“, sagte Michel höflich. „Sie sind… Marina? Meine Schwester?“ „Schwester…“, wiederholte Marina leise. „Mama, wir müssen reden.“ Sie setzten sich ins Haus. „Mama… Ich habe alles. Ein Haus, Geld, einen Mann… Aber keine Kinder.“ Sie brach in Tränen aus, verschmierte ihre teure Wimperntusche. „Wir… wir haben alles versucht. IVF… Ärzte… Nichts hilft. Mein Mann ist sauer. Ich… ich kann einfach nicht mehr.“ „Warum bist du gekommen, Marina?“, fragte Kathrin leise. Marina blickte sie mit verheulten Augen an. „Ich… ich bin wegen meines Sohnes hier.“ „Du bist verrückt geworden?! Wegen welchem Sohn?!“ „Mama, schrei nicht!“, auch Marina wurde laut. „Er ist mein Sohn! Mein! Ich habe ihn geboren! Ich kann… ich kann ihm ein neues Leben geben! Ich habe Beziehungen!“ Er kommt auf jede Uni! Wir kaufen ihm eine Wohnung in Berlin! Mein Mann – mein Mann weiß alles!“ „Weiß?“, keuchte Vera. „Und weiß er auch, wie wir gelitten haben? Wie Kathrin…“ „Ach, was soll’s!“, Marina winkte ab. „Die sitzt doch immer noch im Dorf! Aber Michel – Michel hat eine Chance! Mama, gib ihn mir! Du hast mir damals das Leben gerettet, danke! Jetzt gib mir meinen Sohn zurück!“ „Er ist kein Gegenstand, den man zurückgeben kann!“, schrie Vera. „Er ist mein Sohn! Ich habe keine Nacht durchgeschlafen, ihn großgezogen, erzogen! Ich habe…“ In dem Moment trat Michel herein. Er hatte alles mitgehört. Stand da, bleich wie ein Leintuch. „Mama? Kathrin? Was… was meint sie? Welcher Sohn?“ „Michel! Mein Sohn! Ich bin… deine richtige Mutter!“ Michel schaute sie an, wie auf ein Gespenst. Dann schaute er zu Vera. „Mama… stimmt das?“ Vera verbarg ihr Gesicht in den Händen und begann zu schluchzen. Und Kathrin explodierte. Die stille, zurückhaltende Kathrin trat auf Marina zu und verpasste ihr eine Ohrfeige, dass sie gegen die Wand fiel. „Du Miststück!“, schrie Kathrin voller Wut, Schmerz und Enttäuschung – 18 Jahre Demütigung, zerstörtes Leben, die Mutter entehrt. „Mutter?! Du hast ihn doch weggeschmissen wie einen Hund! Du wusstest genau, wie unsere Mutter deinetwegen durchs Dorf läuft, wie alle auf sie zeigen?! Du wusstest, dass ich… durch deinen ‚Fehler‘ alleine geblieben bin?! Kein Mann, keine Kinder! Und jetzt… willst du ihn holen?!“ „Kathrin, bitte!“, flüsterte Vera. „Doch Mama! Es reicht! Wir haben lange genug gelitten!“ Kathrin wandte sich an Michel. „Ja, das ist deine Mutter! Sie hat dich auf meine Mutter abgeschoben, um in der Stadt ihr Leben zu machen! Und das“, sie zeigte auf Vera, „ist deine Großmutter! Sie hat ihr Leben für euch beide geopfert!“ Michel schwieg lange. Dann ging er langsam zu Vera, kniete sich vor sie und umarmte sie. „Mama…“, flüsterte er. „Mami.“ Er hob den Kopf, sah Marina an, die an der Wand kauerte. „Ich habe keine Mutter in Berlin“, sagte er leise, aber bestimmt. „Ich habe nur eine Mutter. Da ist sie. Und meine Schwester.“ Er nahm Kathrin an der Hand. „Und Sie… Tante… fahren Sie.“ „Michel! Sohn!“, wimmerte Marina. „Ich gebe dir alles!“ „Ich habe alles, was ich brauche“, antwortete Michel. „Ich habe eine wunderbare Familie. Und Sie – haben nichts.“ *** Marina fuhr noch am selben Abend ab. Ihr Mann im Auto, der die ganze Szene beobachtet hatte, stieg nicht einmal aus. Man sagt, er verließ sie ein Jahr später tatsächlich. Fand eine andere, die ihm ein Kind schenkte. Marina blieb allein zurück – mit ihrem Geld und ihrer „Schönheit“. Michel zog nicht nach Berlin. Er schrieb sich an der Landesuni ein, wurde Ingenieur. „Ich werde hier gebraucht, Mama. Wir müssen ein neues Haus bauen.“ Und Kathrin? Sie war wie befreit, als sie an jenem Abend mal die Stimme erhob. Sie blühte mit achtunddreißig plötzlich auf. Sogar der Landwirt, über den das Dorf getratscht hatte, begann, ihr nachzusehen – ein attraktiver, verwitweter Mann. Vera sah sie an und weinte. Doch nun – vor Glück. Die Sünde… ja, sie war da. Aber ein Mutterherz kann noch viel Größeres auf sich nehmen.