Tagebuch, 12. Mai
Heute denke ich viel über alles nach, was hinter mir liegt. Noch immer weiß ich, dass im Dorf der Tag, an dem mein Bauch unter dem Pullover hervorkam, zum Urteil wurde. Mit 42 Jahren! Witwe! Was für eine Schande.
Meinen Mann, Hans, haben wir vor zehn Jahren auf dem Friedhof von Lindenfels beerdigt. Und ich? Da war ich schwanger. Unfassbar.
“Von wem denn bloß?,” flüsterten die Frauen auf dem Dorfplatz.
“Wer kann das schon wissen! So eine ruhige, anständige Frau und dann sowas! Schwanger geworden!”
“Die Tochter heiratsfähig, aber die Mutter läuft herum wie eine, na ja Peinlich!”
Ich habe niemandem in die Augen geschaut. Ging von der Post, die schwere Tasche am Arm, den Blick auf den Boden. Ich biss nur die Lippen zusammen.
Wenn ich damals gewusst hätte, wie das endet vielleicht hätte ich es sein lassen. Aber wie sollte ich nein sagen, als mein eigener Fleisch und Blut in Tränen aufgelöst war?
Es begann nicht mit mir, sondern mit meiner Tochter, Annegret
Annegret, ein Bild von einem Mädchen. Ganz nach ihrem Vater. Hans war der Schönste im Dorf gewesen. Blond, blauäugig und so war auch Annegret geboren worden.
Das ganze Dorf war vernarrt in sie. Die Jüngere, Irmgard, ging ganz nach mir: dunkelhaarig, braune Augen, still und unauffällig.
Ich habe meine Mädchen immer geliebt. Alles alleine getragen zwei Jobs: tagsüber Postbotin, abends Kühe im Stall versorgen. Alles für meine Kinder.
“Ihr müsst lernen! Ich will nicht, dass ihr wie ich ewig im Dreck schuftet!”, habe ich ihnen immer gesagt. “Raus aus dem Dorf, in die Stadt!”
Annegret ist dann auch wirklich nach Frankfurt gegangen. Es hat ihr nichts ausgemacht, sie ist glatt durchgestartet und hat an der Handelsschule angefangen. Schon bald hatte sie dort einen Verehrer. Der Sohn eines Abteilungsleiters, sogar. “Mama, er hat mir einen Pelzmantel versprochen!”, schrieb sie.
Ich habe mich gefreut. Irmgard dagegen zog sich zurück. Sie blieb nach der Schule im Dorf, arbeitete im Krankenhaus als Pflegehilfe. Für eine Ausbildung als Krankenschwester reichte das Geld nicht.
Meine ganze Witwenrente und der Lohn von der Post steckten wir in Annegrets Stadtleben.
***
In jenem Sommer kam Annegret zu uns. Und nicht wie sonst gesprächig und aufgeputzt, mit Geschenken. Still war sie blass und zurückgezogen.
Zwei Tage kam sie kaum aus dem Zimmer, am dritten Tag ging ich hinein, da weinte sie ins Kissen.
Mama ich bin verloren
Dann erzählte sie alles. Ihr goldener Verlobter hatte sie sitzen gelassen. Und sie? Im vierten Monat.
Für eine Abtreibung zu spät, Mama! Was mache ich nur? Er will nichts mehr von mir wissen!
Er sagte, wenn ich das Kind behalte, gibt er keinen Cent! Und sie würde aus der Schule geworfen werden. Ihr Leben, vorbei!
Ich war wie vom Donner gerührt.
Du du hast dich nicht behütet, Kind?
Ist doch egal, oder? Sie schrie. Was nun?! Soll ich das Kind ins Heim geben? Oder einfach aussetzen?
Mir brach beinahe das Herz. Mein Enkel im Heim?
In dieser Nacht schlief ich nicht. Lief durch das Haus wie ein Gespenst. Gegen Morgen setzte ich mich zu Annegret.
So, wir schaffen das, sagte ich fest.
Mama! Aber wie?! Alle werden es erfahren! Die Schande!
Niemand wird etwas erfahren, entgegnete ich. Wir sagen, es ist meins.
Annegret traute ihren Ohren nicht.
Deins? Mama, du bist doch selbst 42!
Meins, beharrte ich. Ich fahre zu Tante Berta nach Heidelberg, um angeblich zu helfen. Dort bekommen wir das Kind, bleiben dort eine Weile. Du gehst zurück in die Stadt, studierst weiter.
Irmgard schlief hinter der dünnen Wand und hörte alles. Sie biss ins Kopfkissen, ihre Wangen von Tränen nass. Mitleid für mich und Abscheu für Annegret.
***
Ein Monat später fuhr ich fort. Das Dorf redete ein bisschen, dann war es vergessen. Ein halbes Jahr später kam ich zurück. Nicht allein. Mit einem kleinen, blauen Umschlag.
Schau mal, Irmgard, sagte ich zu ihr, Das ist dein Brüderchen Martin.
Das Dorf staunte. Die stille Liesbeth! Und dann schwanger!
Von wem denn? Etwa vom Bürgermeister?
Ach was, der ist zu alt! Von dem Landwirtschaftsmeister vielleicht! Der ist noch zu haben!
Ich schwieg, ertrug alles Gerede. Das Leben wurde nicht leichter. Martin war ein lebhaftes, lautes Kind. Ich war völlig erschöpft.
Postbote, Stall und jetzt noch schlaflose Nächte. Irmgard half, so gut sie konnte. Wusch still die Windeln, schaukelte den Bruder. In ihr aber brodelte es.
Von Annegret kamen Briefe aus der Stadt. Mama, wie gehts euch? Ich vermisse euch sehr! Geld habe ich keins, muss selbst klarkommen. Aber bald schick ich was!
Das Geld kam nach einem Jahr Eintausend Euro. Und eine Jeans für Irmgard, zwei Nummern zu klein.
Ich strampelte weiter. Irmgard immer an meiner Seite. Ihr Leben verkam auch. Die Männer beäugten sie, aber zogen sich wieder zurück. Wer will schon eine Frau mit so einem Anhang? Die Mutter leichtfertig, der Bruder ein Bastard
Mama, sagte Irmgard, als sie fünfundzwanzig wurde, sollten wir es nicht erzählen?
Mein Kind! Niemals! Wir würden Annegret das Leben ruinieren! Sie hat doch jetzt einen guten Mann, ist verheiratet.
Annegret hatte es wirklich geschafft. Abschluss gemacht, geheiratet, nach München gezogen. Schickte Fotos von Reisen Ägypten, Türkei auf jedem Bild eine echte Dame aus der Großstadt.
Nach dem Bruder fragte sie nie. Ich hielt sie mit Zeilen wie Martin hat jetzt Einschulung gehabt, lauter Einsen! auf dem Laufenden.
Als Antwort kamen teure, im Dorf aber nutzlose Spielsachen.
So vergingen die Jahre. Martin wurde 18.
Er ist groß geworden schön wie ein Bild. Blauäugig wie ja, wie Annegret. Fröhlich, fleißig. Er vergöttert mich (seine Mutter), und auch Irmgard.
Irmgard hatte sich an alles gewöhnt. War mittlerweile Oberkrankenschwester im Kreis-Krankenhaus.
Alte Jungfer, tuschelten sie hinter ihrem Rücken. Sie selbst hatte sich aufgegeben. Ihr Leben: Mutter und Martin.
Martin machte seinen Abschluss mit Auszeichnung.
Mama! Ich will nach Berlin! Studieren gehen!
Mir zog sich das Herz zusammen. Berlin da war doch Annegret.
Kannst du nicht nach Darmstadt gehen? schlug ich zaghaft vor.
Komm Mama, ich muss was wagen! Ihr werdet schon sehen! Ihr wohnt dann mal im Schloss bei mir!, lachte Martin.
Nach der letzten Prüfung fuhr ein glänzender schwarzer BMW an unser Gartentor.
Und ausstieg Annegret. Ich verschluckte einen Schrei. Irmgard blieb wie versteinert auf der Veranda stehen.
Fast vierzig war Annegret, aber sie sah aus wie aus dem Modemagazin: dünn, teuer gekleidet, mit viel Goldschmuck.
Mama! Irmgard! Hallo!, rief sie, küsste mich auf die Wange. Und wo
Da sah sie Martin, der sich im Hof die Hände abwischte, nach der Arbeit im Schuppen.
Annegret stockte. Schaute ihn an, Tränen schossen ihr in die Augen.
Guten Tag, sagte Martin höflich. Sind Sie Annegret? Die Schwester?
Die Schwester , wiederholte sie wie ein Echo. Mama, wir müssen reden.
Wir setzten uns an den Küchentisch.
Mama Ich habe alles. Ein Haus, Geld, einen Mann Aber ich kann keine Kinder bekommen.
Sie weinte, verschmierte ihre teure Mascara.
Wir haben alles versucht. Ärzte, künstliche Befruchtung. Nichts. Mein Mann ist wütend. Und ich ich kann nicht mehr.
Warum bist du gekommen?, fragte Irmgard leise.
Annegret hob ihre tränengefüllten Augen.
Wegen meines Sohnes.
Du bist nicht ganz bei Trost?! Welchen Sohn?!
Mama, schrei nicht! Er ist mein Sohn! Ich habe ihn geboren! Ich kann ihm jetzt alles geben! Kontakte, Studium in Berlin! Eine Wohnung! Mein Mann weiß Bescheid. Gib ihn mir zurück!
Er ist kein Ding, das man einfach zurückgibt!, rief ich. Er ist mein Sohn! Ich habe durchwachte Nächte, Angst, Liebe alles gegeben!
Da kam Martin in die Küche. Er hatte alles gehört. Er stand im Türrahmen, blass wie Kreide.
Mama? Irmgard? Worüber was welcher Sohn?
Martin! Mein Sohn! Ich bin deine Mutter, verstehst du?
Martin schaute sie an, wie einen Geist. Dann blickte er zu mir.
Mama ist das wahr?
Ich bedeckte mein Gesicht und brach in Tränen aus. Da explodierte Irmgard.
Diese stille, zurückhaltende Irmgard trat auf Annegret zu und verpasste ihr eine Ohrfeige, dass sie gegen die Wand taumelte.
Du Miststück!, schrie Irmgard, und in diesem Schrei steckte alles: achtzehn Jahre Demütigung, ein gebrochenes Leben, Wut für mich. Mutter?! Was bist du für eine Mutter?!
Du hast ihn weggeschmissen wie einen Hund! Wusstest du, wie sehr Mama hier litt, im Dorf bloßgestellt? Wusstest du, dass ich wegen deines Fehltritts allein blieb? Kein Mann, keine Kinder! Und jetzt kommst du und willst ihn mitnehmen?!
Irmgard, bitte!, flüsterte ich.
Doch, Mama! Es reicht! Wir haben genug ertragen! Irmgard wandte sich an Martin. Ja, es stimmt! Sie ist deine Mutter! Sie hat dich auf meine Mutter abgeschoben, damit sie in der Stadt Karriere macht. Und das da das ist deine Großmutter! Die ihr Leben für euch beide geopfert hat!
Martin schwieg lange. Dann ging er langsam zu mir, kniete sich und umarmte mich.
Mama , flüsterte er. Mama.
Er hob den Kopf, sah Annegret an, die mit der Hand auf der Wange an der Wand lehnte.
Ich habe keine Mutter in Berlin, sagte er leise, aber bestimmt. Ich habe nur eine Mutter. Hier. Und eine Schwester.
Er stand auf und nahm Irmgard an die Hand.
Und Sie, Tante fahren Sie bitte.
Martin! Mein Sohn! Ich kann dir alles geben!
Ich habe alles, was ich brauche, entgegnete er. Ich habe eine wunderbare Familie. Sie haben nichts.
***
Annegret fuhr schon am selben Abend wieder ab. Ihr Mann, der alles aus dem Wagen mitansah, stieg nicht einmal aus.
Es heißt, ein Jahr später habe er sie verlassen. Fand eine andere, mit der er ein Kind bekam. Annegret blieb allein zurück mit ihrem Geld und ihrer Schönheit.
Martin zog nie nach Berlin. Er schrieb sich in Darmstadt ein, für ein Ingenieurstudium.
Mama, ich werde hier gebraucht. Wir müssen doch noch ein Haus bauen.
Und Irmgard? Sie war wie ausgewechselt nach dieser Nacht. Sie blühte auf, mit 38 Jahren.
Sogar der Landwirtschaftsmeister, über den die Frauen sprachen, schaute nun nach ihr. Ein gestandener Mann, Witwer.
Ich weine oft, wenn ich sie anschaue aber jetzt vor Glück. Schuld gab es, ja. Aber das Herz einer Mutter es hält noch mehr aus.





