Sonntägliche Gefangenschaft

Sonntägliche Gefangenschaft

Es war als träumte Annemarie einen trüben Morgen voller grau flimmernder Fäden, die sich zwischen die Dinge legten. Sie stellte zum zweiten Mal einen Teller mit heißen Pfannkuchen auf den Küchentisch. Alles schien von milchigem Licht getränkt; irgendwo in der Ferne hörte sie das Murmeln eines Radios, aber es war ihr Mann Siegfried, der, in seinem karierten Morgenmantel, mit dem Rücken zu ihr am Fenster saß und in die Franfurter Allgemeine blickte. Sein Haar war wie gemeißelte Sahne, und die Schultern schwer von all den Oktobern ihres gemeinsamen Lebens.

“Man müsste es jetzt sagen”, dachte Annemarie, “gleich jetzt, bevor es wieder zu spät ist.” Die Gedanken waren wie Schlangen an einem Märchensee, wanden sich um die Beine, raubten ihr den Schlaf, drückten ihr am Sonntagmorgen auf die Brust.

Sigi, wagte sie leise, und setzte sich gegenüber.

Er legte die Zeitung gefaltet beiseite und schaute über den Rand seiner Lesebrille hinweg.

Was ist, Mariechen?

Lass uns ihr heute sagen, dass wir sie zum Abendessen nicht erwarten.

Er schwieg. Nahm die Brille ab, polierte sie mit einer Bewegung, die Annemarie kannte wie das Muster der Kachelwand. Immer, wenn Siegfried nicht weiter wusste, tat er genau das.

Wem denn?

Brigitte. Deiner Schwester. Sie wird doch wieder kommen. Wie immer. Mit den Kindern. Alles wird verschwinden, was ich gekocht habe, wieder wird sie Ratschläge geben, wieder werden die Kleinen überall meine Bücher verteilen…

Marie, sie ist doch meine Schwester. Sie steht doch alleine da, der Mann ist weg…

Seit drei Jahren! Ihr Ton war brüchig wie die Kruste vom Semmelbrot. Seit drei Jahren steht sie sonntags auf der Matte, verlangt es, als sei es Recht und Gesetz. Fragt nie, ob es uns passt. Sie geht einfach herein, als wäre es ihr Zuhause. Ich stehe stundenlang am Herd, vergeude Lebensmittel, die wir mühsam von deiner Rente und meiner Bibliothekarengehaltsstelle kaufen…

Siegfried schaute hinaus, als würde er irgendwo zwischen den Regenstreifen auf den Betonhöfen unter dem Wohnblock eine Antwort suchen. Ein paar Kinder, eingebildete Schattenwesen, schrien und jagten nach einem unsichtbaren Ball.

Ich weiß, dass es dir Unrecht ist, flüsterte Annemarie, aber mir ist es das auch. Ich arbeite die ganze Woche in der Stadtbibliothek, habe nur diesen einen Tag für uns. Wir könnten zusammen Tee trinken, reden, einen Krimi im Fernsehen schauen… Stattdessen backe ich Streuselkuchen für deine Schwester und ihre hungrigen Kinder, die niemals danke sagen.

Die sind noch klein, murmelte Siegfried.

Tim ist zwölf! Johanna acht! In dem Alter weiß man, was sich gehört. Aber Brigitte lässt ihnen alles durchgehen. Letzten Sonntag hat Tim meine Bodenvase zerschlagen, die mir meine Mutter zur Hochzeit schenkte. Weißt du noch?

Er zuckte zusammen. Ja, er wusste das. Annemarie hatte stundenlang die Scherben aufgesammelt und still geweint. Es war die letzte Erinnerung an ihre Mutter gewesen.

Also, was schlägst du vor?

Ruf sie an. Sag ihr, dass wir heute verplant sind. Besuch bei deinem Schulfreund, meinetwegen.

Lügen?

Nicht lügen… Ihre Stimme stockte, aber im Grunde war es doch gelogen. Nur dieses eine Mal. Damit wir wenigstens ein bisschen Ruhe haben.

Siegfried schüttelte den Kopf.

Ich kann ihr nicht so einfach etwas vormachen, Marie. Sie ist Familie, mein Blut.

Annemarie biss sich auf die Lippe. Es war immer das alte Lied: Blut ist dicker als Wasser! Als gäbe das irgendein Freibrief, alle Regeln des Anstands zu zerlegen, als dürfe man jederzeit, ungefragt, im Leben anderer herumpoltern. Als wöge Verwandtschaft schwerer als das Recht auf Frieden im eigenen Zuhause.

Dann sag es ihr offen, nach einer Weile. Sag, dass es uns zu viel ist, jeden Sonntag Besuch zu haben. Dass wir auch mal alleine sein möchten.

Sie nimmt es dir krumm.

Und ich? Sie stand auf, begann wortlos Geschirr einzuräumen, ihre Hände zitterten. Was ist mit meinen Gefühlen, wenn sie reinkommt und sofort anhebt: “Bei euch ist aber staubig!” oder “Ihr habt immer noch die alten Tapeten?”. Wenn sie ungefragt meine Cremetiegel aufreißt oder die Kinder ins Schlafzimmer schleppt, damit sie auf dem Bett springen?

Schon gut, Siegfried hob die Hände, als wolle er den Regen fernhalten. Ich spreche mit ihr. Irgendwie. Ganz vorsichtig.

Annemarie antwortete nicht. Sie kannte diese Versprechungen. “Irgendwann” und “vorsichtig” bedeuteten: es bleibt alles, wie es war. Brigitte kam wieder, immer wieder, weil Siegfried nie “Nein” sagen konnte. In ihrer Familie war es so: Verwandtschaft ging über alles, über das eigene Wohl, die eigene Grenze.

Doch wessen Frieden war das? Brigittes, die sich eingerichtet hatte in Erwartung sonntäglicher Wohltaten? Oder Annemaries und Siegfrieds, die sich auflösten im Lärm, im Chaos, im Gefühl, das eigene Leben sei nicht mehr das eigene?

***

Brigitte rief um halb sechs an. Annemarie zog gerade eine Form Kartoffeln mit Brathähnchen aus dem Ofen. Der Duft füllte alles flüssiger Traum von Kindheit, aber heute tat es weh, dass das alles nicht für sie war, sondern für die Schwester ihres Mannes und die hungrigen Kinder.

Mariechen, wir machen uns auf den Weg! schallte Brigitte durchs Telefon, laut wie ein Marktschreier. Wir sind in zwanzig Minuten da. Hab einen Strudel vom Bäcker mitgebracht, nicht dass ich mit leeren Händen komm.

Annemarie hätte fast etwas gesagt über das Missverhältnis eines dreißig-Cent-Weckerl und eines vollwertigen Essens für vier, schwieg aber.

Gut, wir warten.

Siegfried saß in der guten Stube vor dem Röhrenfernseher “Harmonie” und tat, als verschlinge er die Tagesschau. Seine Gestalt war angespannt, und Annemarie spürte: auch er wollte keinen Besuch, er konnte nur nicht entkommen.

Sie rollte die weiße Spitzendecke auf dem Tisch aus, legte das gute Porzellan auf, das sonst nur an Weihnachten herauskam. Schnitt Salate, stellte Brot, richtete das Huhn. Kochte Apfelkompott. Alles perfekt.

Aber ihre Gedanken liefen in Kreisen wie kann man die eigenen Grenzen wahren? Wie sagt man, dass selbst Verwandte nicht das Recht haben, auditiv durch das Privatleben zu schreddern?

Der Türgong vibrierte um Punkt sechs. Brigitte war nie zu spät, wenn ein Gratis-Abendessen winkte.

Die Schwester stürmte herein wie ein Windstoß, warf die Jacke achtlos auf die Fliesen. Die Kinder schnappten sich das Wohnzimmer Tim, ein langer Lulatsch mit fettigen Haarsträhnen und Kopfhörern um den Hals, grüßte nicht einmal; Johanna, verzerrte Miniversion der Mutter, brüllte “Hallo!” und raste davon.

Was für ein Duft! Brigitte tappte schnurstracks in die Küche, Schuhe noch klatschnass, Annemarie zuckte. Hähnchen! Du bist die Beste, Mariechen. Einfach in jeder Hinsicht!

Das wiederholte sie jedes Mal; es fühlte sich nicht wie Anerkennung an, sondern wie: “Du erledigst deinen Dienst tadellos.”

Setzt euch, sagte Annemarie, bemühte sich um freundlichen Ton.

Brigitte nahm den Ehrenplatz am Kopfende, kinder rechts und links. Siegfried kam, schob seine Schwester an den Tisch, umarmte sie steif. Annemarie setzte sich und sank in die erschöpfte Leere, die jetzt immer kam.

Wo ist der Strudel, Mama? fragte Johanna.

Ach, den hab ich in der Tasche vergessen! Lachte Brigitte dröhnend. Später vielleicht. Erst mal warm essen!

Schweigend beobachtete Annemarie, wie Brigitte sich großzügig Huhn und Kartoffeln häufte, dann den Kindern, dann Siegfried als wäre sie die Hausherrin. Annemarie wurde zum Servicegeist, unsichtbar.

Und, wie läuft’s bei euch, alles in Butter? Job, Haushalt das Übliche, was?

Ja, alles im Lot, Siegfried wich aus.

Bei mir ist’s wie immer: schwer. Unterhaltszahlungen kommen keine, im Büro ist das Gehalt wieder nicht pünktlich. Ich muss sparen, wo ich kann.

“Sparen, ja…”, dachte Annemarie. Deshalb jeden Sonntag an Annemaries Tisch.

Sag mal, weißt du, Mariechen, wo man günstig Gardinen bekommt? Im Wohnzimmer fallen die bald von der Stange, sind total peinlich…

Im ‘Stoffparadies’ an der Rheinstraße gibt es manchmal Ausverkauf.

Ach, das ist so weit. Habt ihr nicht noch alte? Ihr habt doch voriges Jahr neue gekauft?

Annemarie spürte, wie alles in ihr eng wurde. Erst Gardinen, dann das Geschirr, dann “…kannst du mir mal noch fünfzig Euro leihen?” nie kam etwas zurück.

Haben wir der Kirche gespendet.

Brigitte kniff die Lippen, sagte aber nichts. Die Kinder verlangten Nachschlag. Brigitte verteilte großherzig, als ginge sie in Vorleistung.

Als alles aufgegessen war, räumte Annemarie ab. Im Wohnzimmer türmte sich der Lärm. Brigitte hockte bei Siegfried, klagte über ihre Chefin und die Welt.

“…und dann sagt die, ich soll pünktlich sein. Als ob das mit zwei Kindern ginge!”

Annemarie starrte in die Regennacht. Sie wusste: So ging es nicht weiter. Aber wie? Streit? Die offene Konfrontation war in einem solchen Alptraum unmöglich Brigitte war einer jener Menschen, die nichts hören außer dem eigenen Echo.

Marie, komm doch! Brigitttes Ruf riss sie aus den Gedanken. Setz dich, trink einen Tee, hier, ich hol den Strudel.

Drei zerdrückte Stücke Strudel für ein Menü zu viert. Welch gerechter Tausch.

Danke, ich mag jetzt nicht, entgegnete Annemarie und verließ die Küche.

***

Um halb elf endlich stürmten Brigitte und die Kinder hinaus. Annemarie saß indessen im Schlafzimmer, starrte auf einen unsichtbaren Punkt. Als die Tür in der Realität ins Schloss fiel, kam Siegfried in das Zimmer, setzte sich an den Rand des Betts, Schultern eingefallen.

Entschuldige…, sagte er leise.

Wofür?

Für alles. Ich weiß, es ist dir zu viel. Aber ich kann ihr nicht absagen.

Siehst du nicht, dass das nicht normal ist, Sigi? Jede Woche. Sie nistet sich ein, sagt, was läuft, die Kinder machen die Wohnung kaputt und du schweigst, ich schweige, warum eigentlich?

Weil sie Familie ist, sein Gesicht war grau.

Familie ist keine Freikarte. Ich bin auch Familie deine Frau aber mein Empfinden zählt nicht?!

Er schwieg. Annemarie wusste, dass es keine Antwort gab.

Pass auf, sagte sie nach einer Weile. Ich überlege mir was. Aber du lässt mich machen, okay?

Was denn?

Weiß ich noch nicht. Aber ich werde etwas ändern.

Er nickte und ging. Im Regen da draußen schlief irgendwo Brigitte, satt vom Essen in ihrem nein, in Annemaries Zuhause, gebettet auf Sonntagsfrieden, den nicht ihr gehörte.

Und Annemarie wusste: Geduld hat ihre Grenze. Und manche Menschen wie Brigitte verstehen nur Fakten, keine Reden.

***

Die Idee kam an einem Mittwoch, als Annemarie in der Bibliothek Bücher sortierte. Zwei ältere Damen sprachen über Magenschmerzen. “Vom Arzt auf Diät gesetzt”, sagte die eine, “Haferbrei, ohne Salz, ohne Zucker, drei Monate lang.”

Da lächelte Annemarie innerlich.

Abends sagte sie zu Siegfried:

Sonntag sind wir beide auf Diät.

Er blickte sie verwundert an.

Welche Diät?

Strenge Schonkost, ärztlich verordnet. Uns tut der Magen weh. Haferbrei auf Wasser, nichts anderes. Wer kommt, bekommt das.

Siegfried schwieg. Dann lächelte er zaghaft.

Ernsthaft, Marie?

Ja. Keine Lüge. Einen Sonntag essen wir tatsächlich Brei. Brigitte wird entsetzt sein und dann freiwillig fernbleiben.

Sie merkt, dass das ein Theater ist.

Nein. Sie merkt nur, dass es bei uns nichts mehr zu holen gibt. Hauptsache, wir spielen überzeugend mit. Kannst du das?

Er nickte.

Lass es uns versuchen.

***

Samstag kaufte Annemarie die billigste Haferflockenpackung im Discounter, holte die alten, abgeschlagenen Teller aus dem Schrank. Am Sonntag gegen fünf rief Brigitte wie stets an:

Wir sind gleich unterwegs!

Gut zu wissen. Aber Brigitte: Heute gibts nur Diätkost. Haferbrei. Uns gehts beiden nicht gut.

Lange Stille.

Wie? Haferbrei?

Arzt hat es vorgeschrieben. Strenge Diät, lange Zeit. Wenn ihr mögt, seid ihr willkommen. Aber halt Brei für alle.

Brigitte klang hörbar verunsichert, sagte aber zaghaft: “Na gut, wir kommen dann.”

Annemarie kochte Haferbrei auf Wasser, ohne Geschmack, eine graue Pampe. Alte Teller, Karaffe Leitungswasser nichts sonst. Keine Salate, kein Brot, kein Kompott.

Als Brigitte mit den Kindern eintrat, saßen Annemarie und Siegfried schon da, bewegten fast feierlich ihre Löffel im Brei.

Hallo… Brigitte sah auf den Tisch, erschrak.

Setzt euch, sagte Annemarie, wies auf die Teller.

Brigitte rührte im Brei, als hätte sie einen Schrecken bekommen und tatsächlich. Sie hatte andere Bilder von Sonntagen im Kopf.

Und… das ist alles?

Alles, Siegfried klang leidend. Fällt uns schwer. Der Magen…

Und für die Kinder?

Gesundes Essen, erwiderte Annemarie.

Johanna verzog das Gesicht.

Igitt, das ess ich nicht!

Dann eben nicht, Annemarie zuckte mit den Schultern.

Brigitte blickte umher, als wüsste sie nicht, ob sie lachen oder weinen sollte.

Kann man nicht wenigstens für die Kinder was anderes machen?

Wir haben nichts anderes da. Der Arzt hat alle Versuchungen verbannt. Mindestens für Monate.

Für Monate?! Ihr wollt wirklich so leben?

Müssen wir. Gesundheit geht vor.

Stille. Die Kinder nervten, Brigitte wusste keinen Rat sollte sie schimpfen? Aber wogegen? Gegen Krankheit?

Dann gehen wir lieber, murmelte sie, sammelte die verschüchterten Kinder auf.

Annemarie öffnete demonstrativ den Kühlschrank: nur Haferflocken, Wasser, ein einsames Apfel.

Tja, mehr haben wir nicht.

Brigitte schluckte leer, wurde rot im Gesicht. Sagte dann leise: “Kommt, Kinder, wir gehen!” und warf die Tür zu.

Annemarie drehte sich auf dem Absatz um, setzte sich zu Siegfried. Der grinste.

Ich glaube, es hat funktioniert.

Wir werden sehen…

Sie aßen den Brei schweigend, zermalten die Tristesse in ein seltsames, befriedigendes Gefühl. Es war der Preis der Freiheit. Leicht zu bezahlen, für einen Sonntag in Frieden mit sich und der Welt.

***

Brigitte rief die nächste Woche nicht mehr an, auch danach nicht. Wochen gingen ins Land, waren ruhig wie langgezogene Uhrenschläge. Sonntage gehörten wieder ihnen. Sie kochten, was sie wollten, gingen spazieren im Grüneburgpark, sahen Fernsehkrimis, sprachen über Gott und die Welt.

Stille hatte plötzlich Wert. Kein Dienst für Gäste, keine fremden Kinder, keine Kritik. Und manchmal fühlte Annemarie eine seltsame Traurigkeit war es Schuld? Sie wusste es nicht. Vielleicht auch nur Leere, weil eine alte, wenn auch unangenehme Gewohnheit fehlte.

Manchmal dachte sie: Vielleicht war Brigittes ständiges Kommen ihres bemühen um Familie, um Nähe? Aber es war nie Gespräch darüber gewesen, nur unausgesprochene Erwartungen und Unzufriedenheiten.

Im November dann, als draußen der erste Schnee auf die Dachziegel der Siedlung fiel, sagte Siegfried beim Abendessen:

Brigitte hat angerufen.

Annemarie hielt in der Bewegung inne.

Was wollte sie?

Fragte, wie es uns geht. Ob die Diät noch läuft.

Was hast du gesagt?

Dass der Arzt noch zwei Monate verlängert hat. Sie… klang enttäuscht.

Annemarie blickte ins Kerzenlicht.

Wegen der Diät oder weil sie nicht mehr kommen kann?

Keine Ahnung, Marie. Vielleicht beides.

Sie schwiegen, hörten dem prasselnden Schnee zu, der kleine Märchenwesen schuf vor dem Fenster. Siegfried griff nach ihrer Hand.

Tut es dir leid? fragte er leise.

Was genau?

Dass wir… sie so ausgesperrt haben.

Er dachte lange nach.

Einerseits ja. Aber dann… Marie, ich war so müde von der ewigen Fremdbestimmung, davon, dass ich mich zuhause fremd fühlte. Früher dachte ich, so müsse Familie sein. Jetzt weiß ich, dass auch wir ein Recht auf Frieden haben. Unser Recht. Und das ist genauso wichtig wie ihrs.

Annemarie drückte seine Hand.

Ich hasse sie nicht, Sigi. Aber ich konnte das so nicht mehr. Unser Sonntag war nur noch Prüfung. Immer wieder alles geben, nie ein Dank, nur Kritik.

Meinst du, sie durchschaut das irgendwann?

Vielleicht. Aber selbst dann ändert es etwas?

Siegfried nickte. Sie saßen und sahen hinaus. Annemarie spürte, wie Last von ihr wich. Manchmal, um eine Beziehung zu retten, muss man sie aufgeben. Um sein Zuhause zu schützen, muss man die Tür schließen, selbst vor den Nächsten.

***

Weihnachten warf Schatten voraus. Brigitte rief diesmal Annemarie an.

Mariechen? Die Stimme war unsicher. Hier ist Brigitte…

Hallo, gab Annemarie zurück, ruhig.

Ich hab überlegt… Kann ich mit den Kindern zu Silvester kommen? Wir essen auch nichts, wenn ihr noch Diät macht. Nur… ein bisschen zusammensitzen.

Annemarie schloss die Augen. Brigitte gab nicht auf. Sie wollte wieder hinein in ihr Leben.

Brigitte, sagte Annemarie sanft, Siegfried und ich feiern dieses Jahr zu zweit. Ruhig, still, wir sind müde. Es ist kein böses Blut, sondern einfach… unser Bedürfnis.

Aber… wir sind doch Familie! Wie kann man die eigene Schwester nicht einladen?

Brigitte, es brodelte in ihr, doch sie blieb gefasst, wir sind nicht verpflichtet, jeden Anlass gemeinsam zu verbringen. Du hast dein Leben, wir unseres. Das ist kein Zeichen fehlender Liebe, nur ein Bedürfnis nach Ruhe.

Lange Stille. Dann plötzlich scharf:

Verstehe. Ihr braucht mich nicht mehr. Schon gut.

Brigitte…

Nein, ist schon gut. Ihr mit eurer Diät und euren Plänen… Uns bleibt nur das Alleinsein an Silvester. Schönen Abend noch.

Sie legte auf. Draußen war alles still. In Annemarie zog sich alles zusammen. Da war Schmerz, aber auch Klarheit: Wenn sie jetzt nachgibt, beginnt alles von vorn.

Als Siegfried heimkam, erzählte sie es ihm.

Sie fühlt sich verletzt.

Ich weiß.

Und?

Nichts. Wir müssen unser Leben leben, Marie. Sonst holt uns alles wieder ein.

Er widersprach nicht. Die Stille, die sie seither gewannen, wollte keiner von ihnen mehr opfern.

***

Silvester verbrachten sie zu zweit. Annemarie zauberte alles, was sie liebte, auf den Tisch: Kartoffelsalat, Gänsebraten, Apfelstrudel. Siegfried brachte Sekt und Schokoladenherzen. Sie saßen beim Kerzenlicht, schauten alten Nachkriegsfilm im Fernseher “Harmonie”, küssten sich um Mitternacht und waren – kaum zu fassen! – einfach zufrieden.

Siegfried sagte später, als das Feuerwerk verklang:

Ich dachte, ich hätte Schuldgefühle. Aber ich fühle mich nur erleichtert.

Ich auch, gab Annemarie zu. Wir sind keine schlechten Menschen, Sigi. Nur Menschen, die gelernt haben, “Nein” zu sagen.

Er zog sie in den Arm.

Danke dafür, dass du den Plan gemacht hast. Ohne Streit, ohne Zwang, sondern klug.

Annemarie lächelte: Manchmal ist Köpfchen besser als alles andere. Worte bewirken wenig bei denen, die nur nehmen wollen. Man muss den Nutzen entziehen dann gehen sie fort.

***

Monate vergingen. Brigitte meldete sich nicht mehr oft; die Sonntage gehörten Annemarie und Siegfried. An ruhigen Abenden, wenn Annemarie auf dem Balkon saß und auf die Dächer Frankfurts schaute, spürte sie: Sie hatte etwas gewonnen, das keine Schuld wiegte. Frieden, Stille, die Möglichkeit, nicht immer für andere zu leben.

Eines Tages im Mai sagte Siegfried:

Brigitte zieht nach Leipzig zu Mutter. Die Kinder brauchen Hilfe, sie kommt allein nicht zurecht.

Wegen uns?

Nein. Ihre Arbeit, das Geld, all das. Wir sind nur ein Teil der Gründe.

Trotzdem zuckte Annemarie das schlechte Gewissen. Vielleicht wäre alles anders, wenn sie Brigitte weiter gewähren ließen? Und gleich darauf wusste sie: Nein. Grenzen sind notwendig. Sonst verliert man sich selbst.

Im Juni zog Brigitte um. Siegfried half beim Umzug, Annemarie blieb zu Hause. Als er abends zurückkam, sah er erschöpft und traurig aus.

Sie ist weg…

Wie geht’s ihr?

Wortkarg. Kein richtiger Abschied. Die Kinder saßen still.

Annemarie nahm seine Hand.

Mir tut es trotzdem leid.

Es war nicht deine Schuld, antwortete Siegfried. Sie hätte auch einfach mal etwas zurückgeben können. Aber sie will nicht anders.

Das Leben ging weiter, Sie tranken Tee, betrachteten den Sonnenuntergang über dem Hof, ein ganz friedlicher Abend in einem Leben, das ihnen wieder gehörte.

Denkst du, wir werden uns wieder näher kommen?

Wer weiß. Vielleicht. Die Zeit wirds zeigen.

***

Das Jahr wurde älter. Die Sonntage auf der Obstwiese bei der alten Datsche wurden zum Ritual. Im August saßen sie auf der Veranda, tranken Tee, aßen Himbeermarmelade, hörten den Grillen und schauten dem färbenden Himmel zu.

Weißt du, sagte Annemarie, ich denke ab und zu an Brigitte. Und immer komme ich zum selben Schluss: Wir haben das Richtige getan. Klug, nicht schön, aber richtig. Heute sitzen wir hier, statt für andere zu schuften.

Siegfried nickte. Ich habe endlich gelernt, “Nein” zu sagen. Vielleicht spät, aber gelernt. Familie heißt nicht, sich selbst aufzugeben.

Vermisst du sie?

Ein Stück weit. Aber ich vermisse nicht ihre Übergriffigkeit.

Sie lächelten, sahen dem Sonnenuntergang zu, in dem die Welt zu tauchen schien. Sie spürten: Sie waren ein gutes Team.

***

Im Herbst, viele Monde später, meldete sich Brigitte. Der Traum neigte sich einem anderen Ton zu; ihr Anruf war ein hauchdünner Schatten auf dem Anrufbeantworter.

Sigi? Ich bins. Wir kommen vielleicht an Allerheiligen vorbei? Nur auf einen Kaffee. Ohne Essen, ehrlich.

Siegfried schaute Annemarie fragend an. Sie nickte. Sag ihr, sie ist willkommen, solange sie keine Ansprüche stellt.

Annemarie hatte Sorge. Hätte Brigitte wirklich verstanden?

Doch Brigitte kam. Sie brachte Marmorkuchen und einen Strauß Narzissen, die Kinder trugen Ranzen statt Forderungen. Sie saßen bei Tee, Brigitte redete ruhig, es gab keine Tipps, keine Kritik.

Nach einer Weile sagte Brigitte plötzlich:

Ich war lange böse auf euch. Fühlte mich ausgestoßen. Aber dann habe ich verstanden: ich habe es übertrieben. Ihr musstet ein Zeichen setzen. Danke dafür. Es war nötig.

Alle schwiegen. Annemarie sagte leise:

Ich hätte früher offen reden müssen, habe mich nicht getraut.

Nein, Brigitte lachte, das hätte ich nicht verstanden. Ihr musstet handeln.

Sie saßen da und tranken Tee. Endlich: Aus dem Nebel hatte sich etwas Festes geformt, man konnte wieder atmen.

***

So kam es, dass Besuche selten blieben, aber gut. Jeder brachte etwas mit, blieb nie zu lang. Die Kinder wuchsen zu höflichen Jugendlichen heran. Brigitte war nicht mehr Mittelpunkt, sondern Teil.

Annemarie dachte manchmal an jenen Haferbrei und musste lächeln. Alles, was Worte nicht vermitteln konnten, löste jenes seltsame Mahl. Ihre kleine List war zur Brücke geworden.

Im Frühjahr das Leben drehte sich bunt weiter schaute sie auf ein altes Foto: Siegfried, Brigitte, die Kinder, und sie selbst, etwas blass, etwas müde. Annemarie spürte: Sie hatte gelernt, den eigenen Wert zu schützen.

An einem windigen Abend, als draußen der Verkehr an den Hochhäusern vorbei rauschte, saßen sie auf dem Sofa, Tee dampfend, Fernseher murmelnd. Siegfried fragte:

Gibt es Zweifel?

Nein. Nur Neugier aufs Kommende. Wir haben gelernt, uns selbst zu bewahren, auch wenn es Mut brauchte. Wer das kann, darf zufrieden sein.

Sie nickte einander zu, ihre Hände fanden sich wie von selbst. Sie lauschten der Stadt in der Ferne, die irgendwo draußen weiterträumte. In ihrem kleinen Reich aber war Frieden. Endlich.

Und manchmal, so flüsterte ihnen der Wind zu, reicht ein Löffel Haferbrei, um das große Glück der kleinen Grenze zu entdecken.

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Homy
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