Sandra konnte es auf den Tod nicht ausstehen, wenn potenzielle Adoptiveltern im Kinderheim auftauchten. Denn innerhalb der sieben Jahre, die sie nun hier lebte, war sie kein einziges Mal ausgesucht worden.
Früher, als sie noch ganz klein war, hatte sie diesen Tagen entgegengefiebert. Wie verzaubert blickte sie auf die eleganten Damen und Herren, die wie Zauberer wirkten. Sie stellte sich vor, dass sie sie in ein Märchenschloss mitnehmen würden! Eine neue Mama, die ihr einen Kuss zum Einschlafen gab. Ein neuer Papa, der sie auf den Schultern trug. Ein eigenes Zimmer sollte sie dann auch endlich haben. Und vor allem müsste sie dann nicht mehr täglich diesen nervigen Viktor ertragen, der immer versuchte, an ihren Zöpfen zu ziehen und sie als Spatz verspottete.
Sandra wusste nicht, was das genau bedeutete, aber es klang verletzend. Und Viktor hörte nie auf:
Spatz! Spatz!
Mit fünf Jahren kam Sandra nach dem Unfalltod ihrer Eltern ins Kinderheim nach München. Damals verstand sie nicht, wieso Mama und Papa nicht mehr kamen und warum sie sie einfach alleine gelassen hatten.
Im Laufe der Jahre begriff sie, dass ihre Eltern nie wieder zurückkommen würden. Ihre Gesichter begannen zu verblassen, ihre Stimmen und ihr gemeinsames Zuhause verschwanden langsam aus der Erinnerung.
So sehr wünschte sich Sandra, irgendwann doch noch ausgesucht zu werden! Doch das Wunder blieb aus, und mit jedem Jahr wurde ihr klarer, dass es wohl nie passieren würde. Sie war einfach kein hübsches Mädchen. Die Erwachsenen bevorzugten immer die Mädchen mit prächtigen Schleifen im Haar und süßen Grübchen im Gesicht.
Auch Viktor ließ nicht locker. Inzwischen wusste Sandra, dass ein Spatz ein kleiner Vogel ist.
An diesem Tag waren wieder Interessenten im Heim. Alle Mädchen wurden schick gemacht, bekamen Zöpfe und Schleifen. Doch Sandra schnitt sich kurzerhand die Haare ab und trug sie fortan wie ein Junge. Sie hatte keine Lust mehr, dass jemand sie auswählte. Sie beschloss, dass sie ab jetzt selbst über ihr Leben bestimmen würde.
Die Erzieherinnen waren entsetzt, als sie Sandra mit kurzen Haaren sahen. Viktor hingegen rief wie immer hinter ihr her:
Spatz!
Mittlerweile war Sandra zwölf, Viktor war drei Jahre älter.
Auch an diesem Tag wurde Sandra nicht ausgesucht. Zu wild und abweisend blickten ihre grünen Blitze aus den Augen, zu unförmig war der Kurzhaarschnitt.
Drei Jahre später verließ Viktor das Heim. Nach einer kurzen Verabschiedung kam er noch einmal zu Sandra.
Na dann, Spatz, mach’s gut!
Na dann, bis bald, antwortete Sandra gleichgültig.
Halte durch! Sind ja nur noch drei Jahre! Und dann hole ich dich zu mir!, versprach Viktor ernsthaft.
Pah! Wer sagt denn, dass ich DICH auswähle? So ein Dussel!, schoss Sandra zurück.
Viktor schaute sie nachdenklich und lange an, drehte sich um und ging, ohne einmal zurückzusehen.
Die Jahre zogen vorbei. Als Sandra endlich das Heim verließ, öffnete sie die Tür, trat hinaus auf die Straße und atmete tief den Duft der Freiheit ein. Aus dem hässlichen Entlein war längst ein wunderschöner Schwan geworden: ihre Haare glänzten bis zur Taille, die grünen Augen leuchteten, ihre Figur war schlank und elegant. Sie machte sich auf den Weg zur alten Wohnung ihrer Eltern in München.
Plötzlich hörte sie:
Hallo, Spatz!
Sie drehte sich um vor ihr stand Viktor.
Was machst du denn hier?, fragte sie kühl.
Ich habe gesagt, dass ich dich holen komme. Und jetzt bin ich hier, antwortete Viktor, trat näher.
Ich habe gesagt, dass ich selber wählen will!, erwiderte Sandra trotzig und sah zu ihm hoch Viktor war inzwischen groß und kräftig geworden.
Dann wähl mich, Sandra!, bat Viktor leise.
Ich überlege es mir, entgegnete sie nur, drehte sich um und ging ins Haus.
Viktor wartete vor ihrem Fenster. Jeden Abend saß er auf der Bank vor dem Haus, blieb sitzen, bis in ihrer Wohnung das Licht ausging.
Der Sommer wich dem verregneten Herbst, auf den der Winter folgte. Viktor kam immer und immer wieder. Bis Sandra eines Abends zu ihm hinaus ging, sich zu ihm auf die Bank setzte und fragte:
Findest du das nicht langsam albern? Ist doch eiskalt!
Macht nichts. Hauptsache, du wählst mich eines Tages!, flüsterte er und sah ihr lange und liebevoll in die Augen.
Sandra sprang auf, als hätte sie sich verbrannt, und lief nach oben, spähte verstohlen hinter der Gardine auf Viktor, wie er zu ihrem Fenster hochschaute.
Am 31. Dezember eilte Sandra nach Hause noch schnell den Tisch decken, ins neue Kleid schlüpfen, gleich ist Silvester! Viktor war nicht auf der Bank. Ihr Herz schlug schneller. War etwas passiert?
Nach einer Stunde war alles vorbereitet, Sandra schenkte sich ein Glas Sekt ein und ging ans Fenster. Kein Viktor, und ein unangenehmes Gefühl kroch in ihre Brust Was tun? Suchen? Aber wo? Sie kannte keine Adresse, keine Telefonnummer
Was bin ich nur für eine törichte Gans!, schimpfte sie.
In diesem Moment erhellte draußen ein Flackern die Nacht.
Ach, das Neujahrsfeuerwerk fängt schon an, dachte sie und trat näher ans Fenster.
Mit brennenden Lettern im Schnee leuchtete es:
WÄHL MICH, SANDRA!!!
Und da saß Viktor auf der Bank, blickte zu ihrem Fenster herauf und winkte ihr lachend zu.




