Silvesterabend: Das letzte Neujahr in Deutschland

Der letzte Silvesterabend

31. Dezember. Ich, Marianne, sitze in unserer Zwei-Zimmer-Wohnung in München und versuche, meinen Kartoffelsalat zu perfektionieren, als plötzlich die Sprechanlage schrillt. Die Gabel fällt mir vor Schreck in den Salat, Mayonnaisenspritzer zieren jetzt liebevoll den Herd.

Marianne, mach auf! Wir sind’s! höre ich die fröhliche Stimme von Mutter meines Mannes, Helga Schulze, durch den Lautsprecher. Meine Schwiegermutter erkennt man sofort.

Georg schaut aus dem Schlafzimmer, wo er gerade das neue Bettlaken auf das Sofa zieht wir hatten es uns idyllisch vorgestellt: das erste Mal Silvester zu zweit, seit drei Jahren Ehe. Ich hatte Prosecco besorgt, Lachs und Braten vorbereitet und das neue blaue Kleid mit Pailletten aus dem Schrank geholt, das, das ich mir letztes Jahr zur Weihnachtsfeier gekauft hatte.

Wer ist das? frage ich leise, obwohl ich es ahne.

Meine Mutter! Georg strahlt und springt zur Tür. Was für eine Überraschung!

Ich trockne langsam meine Hände am Handtuch ab, mein Herz klopft laut in meinem Hals. Ich gehe ans Fenster und blicke nach unten: Da steht das blaue Familienauto meines Schwiegervaters, Rolf Schulze, und heraus steigen: seine Helga in einem riesigen Daunenmantel, Opa Rolf mit mehreren Taschen, Georgs Schwester Ute mit ihrem Mann Tobias und deren drei Kinder, die jubelnd durch den Matsch rennen.

Georg, du hast doch gesagt, sie fahren weg über die Feiertage, flüstere ich ungläubig.

Ja, das war der Plan! Aber sie haben sich spontan umentschieden! Super, oder? Wir feiern alle zusammen Silvester!

In unserer Zwei-Zimmer-Wohnung. Wir sind jetzt neun.

Ach komm, ein bisschen enger rücken, wir sind ja keine Fremden.

Georg öffnet bereits die Tür und läuft ihnen entgegen. Ich bleibe wie angewurzelt im Flur stehen. Der nasse Fußabtreter, den ich morgens noch gesäubert habe, droht seinen guten Zustand zu verlieren. Etwas in mir zieht sich zusammen und will nicht loslassen.

Als erstes kommt Helga über die Schwelle, ihre Taschen klimpern, kalte Luft und ein starker Parfümduft Mitternachtsveilchen breiten sich aus.

Marianne, mein Schatz! ruft sie, küsst mich mit eisigen Lippen auf die Wange. Sorry, dass wir uns nicht angekündigt haben. Ute und Tobias haben sich mit seiner Familie gestritten, also sind sie halt doch nicht dorthin. Und allein wollten wir auch nicht sitzen.

Guten Abend, Frau Schulze, sage ich gezwungen freundlich.

Hinter ihr strömt Familie herein, wie Wasser durch ein Tor. Schwiegervater Rolf zieht seine Stiefel einfach am Eingang aus, ignoriert die ordentlich bereitgestellten Hausschuhe. Ute, temperamentvoll, im knallroten Parka, fegt schon durch:

Marianne, lass mich bitte mit den Kindern in euer Schlafzimmer? Die haben auf der Fahrt eh kaum geschlafen, die müssen ins Bett!

Aber das ist unser Schlafzimmer… setze ich an, doch schon wird über mich hinweg entschieden.

Die Kinder, drei kleine bunte Wirbelwinde, stürmen durch Flur, überall Schneeflocken und Matsch. Der Älteste, Max, interessiert sich sofort für mein Bücherregal.

Darf ich hier reinschauen?

Max, pass bitte auf! rufe ich und sehe mit Schrecken, wie er meinen liebsten Fotoalbum mit fettigen Händen durchblättert.

Tobias steht unschlüssig im Flur.

Sorry, Marianne. Ging irgendwie alles plötzlich… aber du weißt ja, Familie…

Natürlich, sage ich und verkrümle mich in die Küche.

Chaos breitet sich aus. Helga räumt schon aus ihren Taschen Schinken, Brathering, Gläser mit Gewürzgurken, Mehl und Zucker aus, schüttelt leicht tadelnd den Kopf, nachdem sie einen Blick in meinen kühlen, von mir vorsorglich gefüllten Kühlschrank wirft.

Ach Marianne, Kindchen, hast du gar nichts eingekauft? Zum Glück haben wir eigenes dabei. Ich mache gleich Pfannkuchen, und vielleicht einen Kartoffelsalat…

Helga, ich habe schon alles vorbereitet. Eben Kartoffelsalat, Lachs, Braten, Rote-Bete-Salat…

Kartoffelsalat an Silvester? Sie schaut mich irritiert an. Ach ja, die Jungen… Na gut, ich ergänze das Menü. Gäste müssen ja anständig bewirtet werden.

Aber ihr seid doch die Gäste, flüstere ich, aber sie tut, als hätte sie nichts gehört.

Sie sucht bereits nach dem größten Topf meine beste Suppenkelle, das Erbstück von Oma Emma, ist direkt im Einsatz.

Die ist super für Brühe. Daraus mache ich gleich einen Sülze.

Ich beiße mir auf die Lippe, im Hals sitzt ein Kloß. Ich will widersprechen, da passiert schon das nächste Malheur:

Marianne, hast du Bettwäsche übrig? Lisa hat Saft aufs Sofa gekippt! ruft Ute.

Der restliche Tag wird zur Dauerbelastung: Ständiges Hin- und Herlaufen zwischen Küche, wo Helga fast alles blockiert, und den Räumen, in denen Kinder toben und Erwachsene sich einrichten. Georg hilft beim Kofferschleppen, Ute und Tobias bauen das Notbett im Wohnzimmer auf. Unser Schlafzimmer wird Kinderlager. Das Sofa in der Küche für Georg und mich, direkt unter dem Fenster, wo es zieht.

Abends fühle ich mich völlig ausgelaugt. Die Spüle ist Berge von Geschirr, überall Brösel und Matsch, in der Badewanne trocknet fremde Wäsche Ute hat meine Maschine schon das zweite Mal klappern lassen.

Georg, säusle ich, schon halb am Rande der Nerven, als er mit einer Bierflasche in der Hand vorbeiläuft, Können wir reden?

Später, Mari, ein Kuss auf die Stirn. Papa braucht mich kurz im Keller, Werkzeug suchen. Du schaffst das schon, du bist unser Goldstück!

Und weg ist er. Ich stehe allein mit dem Lappen in der Hand im Flur.

Der Abend zieht sich. Am Fernseher läuft die große Silvestergala, die anderen lümmeln bequem auf Kissen. Ich schleiche in die Küche, massiere meinen schmerzenden Rücken, das Herz schwer. Über uns pulsiert in der Luft das eine Gefühl: Ich halte das alles nicht mehr aus.

Vorsichtig hole ich die alte Keksdose über dem Kühlschrank heraus. Monatelang hatte ich mein Geld darin gesammelt für einen neuen Laptop, mein Traum für die Online-Fortbildung, die ich neben dem Job als Buchhalterin machen wollte. Ob das Geld für einen Wocheneinkauf für neun reicht? Helga hatte ja schon angekündigt, die Hausherrin habe alle zu versorgen.

Was kramst du da so lange? Ute steckt den Kopf herein. Komm, die Kinder wollen einen Zeichentrickfilm sehen, dein Platz ist frei!

Bin gleich da, sage ich und schließe rasch die Dose.

Ich setze mich auf die Sofakante. Georg legt den Arm um mich.

Ganz schön anstrengend. Morgen ist’s ruhiger.

Aber es wird nicht besser.

Morgens zerschellt meine geliebte Kaffeetasse die mit handgemalten Margeriten, noch aus Lübeck am Küchenboden. Lisa, Utes Jüngste, weint bitterlich.

Macht doch nichts! Ute streichelt sie. Marianne, du hast doch noch andere Tassen. Das nimmt man einem Kind doch nicht übel!

Schweigend fege ich die Scherben zusammen. Etwas zerbricht still in mir.

Tagsüber ist die Küche weiter Helgas Reich. Sie kocht, hinterlässt Spülberge, ich wasche sie immer wieder. Ein- und ausgehend höre ich:

Du bist wirklich eine gute Hausfrau, Mari! Mein Georg hat es gut erwischt! So fleißig!

Ich will erwidern, dass ich kein Mädchen mehr bin, sondern 30, voll berufstätig und am Abend genauso erledigt wie alle anderen. Doch ich lächle und tauche ein weiteres Mal schmutziges Geschirr ins Wasser.

Spätabends merke ich, dass meine Gesichtscreme Sanfte Pflege, ein halbes Vermögen wert und nur für mich, auf einmal fast leer ist. Ute cremt fröhlich ihre Hände damit ein.

Deine Gesichtscreme ist super, darf ich mir nehmen?

Du nimmst sie ja schon, sage ich ruhig.

Ach, ich dachte, dir macht das nichts. Bist ja nicht geizig.

Geizig. Hört man immer öfter, wenn ich Max das Tablet nicht gebe, weil er mein Ladekabel schon zerlegt hat. Oder wenn ich Helga verbiete, meinen ollen Lieblingsschal auszusortieren, der angeblich nur Platz verschwendet, oder die Kinder vom Bett verjage.

Du bist in letzter Zeit seltsam, bemerkt Ute eines Abends. Immer diese Grenzen, wo wir doch Familie sind.

Auch in der Familie sollte Respekt herrschen, sage ich leise.

Was soll das heißen? Helga schaut von ihrem Teller hoch.

Ach, nichts, antworte ich und räume ab.

Georg schweigt. Immer, wenn es um seine Familie geht. Für ihn ist es selbstverständlich, dass meine Bedürfnisse zurückstehen. Helga hat immer recht, Ute sowieso, und mein Platz ist eben hinterm Kochlöffel.

Mitten in der Nacht, die Wohnung endlich ruhig, spreche ich es an.

Georg, das macht mich fertig.

Was denn? Er richtet die Bettdecke im Küchensofa.

Alles! Kochen, Putzen, Waschen für neun, und deine Mutter nimmt meine Sachen ohne Fragen, Ute leert meine Creme, die Kinder machen alles kaputt…

Mari, ist doch nur Kleinkram. Sei froh, dass wir alle beisammen sind! Mama freut sich so.

Und ich? Interessiert sich irgendwer, wie ich mich dabei fühle?

In seinen Augen nur blankes Unverständnis.

Es geht hier um meine Familie! Wir teilen doch alles. Oder bist du zu egoistisch?

Da zerreißt es mich endgültig. Eine seltsame Ruhe breitet sich aus. Ich drehe mich wortlos weg und schlafe kaum.

Am nächsten Morgen suche ich eine Packung Taschentücher in meinem Küchenschrank da liegt meine Ersparnisse-Dose offen da. Um sie herum leere Pralinenpapiere. Herzrasen. Ich zähle durch. Es fehlen 150 Euro.

Frau Schulze, gehe ich ins Wohnzimmer, haben Sie meine Ersparnisse gesehen?

Ach so, die! Ich brauchte Einkaufsgeld und du hattest im Haus nix mehr. Das war doch für uns alle!

Aber… ich habe das Geld für einen Laptop gespart. Für meinen Traum.

Laptop! Sie sieht mich mitleidig an. Mari, Geld ist für die Familie da. Wer da geizt, versteht nicht, was Zusammensein heißt.

Geizig. Das Urteil steht im Raum. In mir bleibt Schweigen und das Gefühl, keine Kraft mehr zu haben alles gegeben, niemandem und am wenigsten mir selbst.

Am 31. Dezember will Georg einkaufen fahren.

Mach eine Liste, Papa und ich gehen los!

Ich schreibe, er kommt zurück mit vollen Taschen meine eigenen Ersparnisse ausgegeben.

Von welchem Geld? frage ich leise.

Mama hatte doch genug, sagt Georg, als wäre es ganz normal.

Wenig später decken alle feierlich den Tisch. Überall Gelächter, Sektgläser klingen an. Helga hält Ansprachen auf die Familie. Ich nippe am Glas.

Wo gehst du hin? fragt Georg, als ich aufstehe.

Spülen. Sonst krieg ich das morgen nicht ab.

Jetzt?

Ich komm gleich nach.

Drüben ausgelassene Stimmung, ich stehe mit Tränen in den Augen vor dem Spülstein und frage mich, wann ich selbst aus meinem Leben verschwunden bin.

Um Mitternacht ruft Georg nur: Marianne, komm anstoßen!

Ich stoße pro forma mit an, dann kehre ich an meinen Platz in die Küche zurück. Immerhin scheint das meine Rolle zu sein.

Irgendwann, alle schlafen, bleibt zum ersten Mal seit Tagen Stille. Etwas in mir macht Klick. Ich gehe ins Schlafzimmer auf meinem Bett schlafen Utes Kinder. Ich packe leise eine Sporttasche: Sachen, Papiere, Telefon, die wenigen Scheine, die noch übrig sind.

Ich schreibe mit zitternder Hand: “Ich muss alleine sein. Sucht mich nicht. Marianne.” Klemme den Zettel unter einen Salzstreuer.

Gegen halb zwei verlasse ich leise die Wohnung, rufe mir ein Taxi zum Hauptbahnhof.

Im Regionalzug nach Passau sitze ich im Halbdunkel am Fenster und sehe, wie der Zug München verlässt, Lichter vorbeihuschen. Fast einen Tag dauert die Fahrt. Überall in mir Angst, aber auch eine ganz ungewohnte Leichtigkeit.

Ich fahre zu Oma. Zu Emma Weber, die in einem kleinen Dorf in Niederbayern lebt. Zwei Jahre war ich nicht dort. Oma hat nie geklagt am Telefon, immer nur gesagt: “Komm, wann du willst, Kind.”

Jetzt, als ich im Zug sitze, freue ich mich zum ersten Mal seit langem auf Ruhe, auf jemanden, der einfach nur zuhört, ohne etwas zu fordern.

Am späten Nachmittag des 1. Januar angekommen, liegt das Dorf verschlafen unter Schnee. Omas Haus am Rand, schief, klein, aber vertraut. Ich klopfe, Oma öffnet, als hätte sie gewartet, winzig, mit einem Strickschal um den Hals und diesem beruhigenden Blick, der keine Schuldigen sucht.

Herein, Kind, sagt sie einfach. Tee steht auf dem Tisch.

Ich trete ein und möchte sofort losheulen aber Oma drückt mich, und in dieser Umarmung ist alles gesagt.

Wir setzen uns an den alten Küchentisch, trinken Tee mit Marmelade. Ich schweige, Oma schweigt, streichelt nur hin und wieder meine Hand. Dieses Schweigen tut gut.

Erst am zweiten Morgen, als die Sonne goldene Muster an die Fensterscheibe malt, erzähle ich alles. Über meine Schwiegerfamilie in der Wohnung, Georgs Schweigen, das gestohlene Geld, das Verschwinden meiner eigenen Träume. Über mich, allein in der Küche an Silvester. Oma lauscht, unterbricht nicht. Als ich fertig bin:

Weißt du, Marianne, Familie ist kein Freifahrtschein für Respektlosigkeit. Wenn du die Fußmatte für alle bist das ist keine Familie. Das ist Gefangenschaft.

Ich nicke, trotz Kloß im Hals.

Vielleicht bin ich zu egoistisch? Vielleicht stimmt das sogar?

Quatsch, Oma schmunzelt. Einmal im Leben an sich denken, ist nicht selbstsüchtig. Du hast nur nach etwas Glück gesucht. Sie wollten deine Energie, deine Zeit und noch viel mehr aber nichts zurückgeben.

Omas Worte sind wie Balsam. Zum ersten Mal seit langem fühle ich mich ernstgenommen. Ich habe ein Recht auf mich selbst.

Wir backen Kuchen, holen Wasser vom Brunnen, füttern Hühner. Ich lasse Handy und Internet erstmal aus. Dutzende Anrufe, Kündigungsdrohungen, wütende Nachrichten warten auf mich, ich weiß es. Aber das hat Zeit.

Am vierten Tag schalte ich doch an: 43 Anrufe von Georg, 20 von Helga, zehn von Ute. Erst Bangen (Wo bist du?), dann Vorwurf (Wie konntest du?), zuletzt Beschimpfung (Du bist egoistisch, machst uns alle kaputt).

Ich spüre keine Schuld mehr. Nur Klarheit. Ich will nicht zurück.

Eine Nachricht: Mir geht’s gut. Ich brauche Zeit. Bitte weder anrufen noch schreiben.

Gut gemacht, meint Oma. Sollen sie ruhig mal sehen, wie das Leben ohne dich ist.

Am fünften Tag, ich hacke Holz für den Ofen, hält ein bekanntes Auto. Georg. Das Gesicht wütend und kalt.

Ich stelle die Axt ab.

Marianne! Was tust du nur?!

Servus, Georg, sage ich ruhig.

Was Servus? Du bist abgehauen und lässt uns in der wichtigsten Nacht sitzen! Meine Mutter ist fix und fertig!

Deiner Mutter geht’s bestens, da bin ich mir sicher.

Red nicht so über sie! Er kommt näher. Pack deine Sachen, wir fahren heim. Du entschuldigst dich!

Nein, ich fahre nicht mit.

Er starrt mich an, fassungslos.

Das ist nicht dein Ernst?!

Doch. Ich gehöre nicht mehr zurück in dieses Leben, Georg.

Du… du kannst doch alles nicht wegen ein paar Missverständnissen wegschmeißen! Wir sind eine Familie. Das kriegen wir hin!

Familie? In unserer Ehe gibt es nur dich und deine Familie. Mich als Mensch siehst du gar nicht.

Das ist doch Unsinn! Jeder liebt dich!

Man liebt mich, solange ich funktioniere. Liebe ist Respekt. Rücksicht. Dass meine Sachen etwas wert sind und meine Wünsche. Du hast nie auf mich gehört.

Marianne, du übertreibst! Die 150 Euro… Mama hat’s doch für Essen ausgegeben! Ich… wir brauchen dich!

Ihr braucht meinen Service, mein Hobby, mein Geld, meine Kraft. Aber fragt nie, was ich brauche.

Er ringt nach Worten, sagt am Ende: Du warst früher so kompromissbereit.

Ich war bequem. Habe geschwiegen, wenn ihre Kinder alles kaputtmachten, ihre Mutter mich kritisierte, du dich verstecktest. Geschwiegen und bin jetzt leer.

Ist das Omas Einfluss? fragt er ärgerlich.

Nein, meine Entscheidung. Ich will mein Leben, meine Ziele, Respekt und meinen Laptop selbst bezahlen können.

Also willst du dich wirklich scheiden lassen?

Ich weiß es noch nicht, aber zurückkehren werde ich nicht.

Was werden die Nachbarn sagen? So eine Blamage…

Sollen sie lästern, Georg. Hauptsache, du musst dich nicht schämen…

Er beißt die Zähne zusammen und sagt: Du bist nicht mehr die, die ich geheiratet habe.

Ich lächle: Endlich nicht mehr.

Er geht, knallt die Tür zu, ich schaue dem Auto nach. Das Herz schlägt schnell, aber ich bin ruhig. Angst und Erleichterung zugleich.

Drinnen sitzt Oma am Fenster, strickt.

Gut so, sagt sie leise.

Ich setz mich zu ihr.

Hab ich alles falsch gemacht? Hätte ich mehr Geduld haben müssen?

Nein. Wer immer nur gibt, wird krank, Kind. Familienbande dürfen nicht knebeln.

Aber ich habe Angst. Weiß nicht, wie es weitergeht.

Schritt für Schritt. Dein Selbstwert ist das Wichtigste. Einer muss anfangen, sich zu schützen.

Langsam kehren meine Kräfte zurück. Am Abend stöbere ich durch rechtliche Webseiten, recherchiere zu Trennung und Scheidung, mache Notizen, sammle Telefonnummern. Es wird nicht einfach, aber ich habe zum ersten Mal einen Plan.

Am nächsten Tag spreche ich mit einer Anwältin in Passau. Sie hört mir zu, schlägt erste Schritte vor.

Trauen Sie sich, meint sie zum Abschied. Es ist Ihr gutes Recht.

Abends bei Tee und Honig erzählt Oma Geschichten. Ich höre zu, bin zufrieden und ruhig. Hier bin ich einfach nur ich.

Bereust du irgendetwas, Oma? frage ich sie.

Viele Kleinigkeiten schon. Aber nie, meinen Weg gegangen zu sein, sagt sie. Lebe immer mit Anstand und deinem eigenen Kompass, dann wirst du nicht bereuen.

Nachts kann ich endlich wieder schlafen. Sonnenstrahlen am Morgen, klare Winterluft, frischer Pulverschnee auf den Feldern. Ich weiß nicht, was morgen kommt ob Georg anrufen oder Flehen oder Drohen wird, was andere sagen. Aber das ist nicht mehr entscheidend. Mein Leben gehört mir.

Ich buche einen Termin bei der Anwältin, beginne, mir eine Wohnung zu suchen, skizziere meine Ziele. Erster Punkt: Laptop kaufen. Zweiter: endlich einen Programmierkurs machen. Dritter: einmal ans Meer fahren.

Nachts, warm im Gästezimmer, denke ich daran, wie viel ich loslassen musste, nur um das Wertvollste zurückzugewinnen: mich selbst.

Draußen glitzern die Sterne frisch und kalt. Bis zu ihnen ist es weit. Doch mein Weg als Marianne hat erst begonnen.

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Homy
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