Eine Lektion für die Mutter
Was machst du da?! kreischte Renate Vogt. Das ist mein Grundstück!
Das Grundstück, ja! brüllte ihr Schwiegersohn und riss mit lautem Scheppern das Metallblech vom Zaun ab. Aber der Zaun ist meiner! Den habe ich gekauft, die Quittungen liegen noch im Kofferraum! Und die Verkleidung alles von mir! Die Fenster nehme ich auch mit!
Klaus! Tu doch was! Renate stürzte zu ihrem Sohn. Er macht noch das ganze Haus kaputt!
Renate saß in der Küche und gab das Bild einer Märtyrerin ab vor ihrem Sohn und der Schwiegertochter spielte sich ein Drama ab.
Es reicht jetzt, Kinder Renates Stimme zitterte. Ich habe beschlossen, ich will die Gartenlaube nicht mehr. Ich schaff das nicht mehr, hab keine Kraft, die Gesundheit lässt nach.
Bis man mit der S-Bahn durch halb Berlin gondelt, dann noch drei Kilometer durch die Felder stapft…
Letztes Mal ist mir dabei das Blut so in den Kopf geschossen, dass ich fast umgekippt wäre.
Nehmt sie euch! Macht, was ihr wollt. Baut, genießt den Garten, entspannt euch!
Klaus war sofort Feuer und Flamme. Seit seiner Kindheit kannte er das kleine Grundstück überwuchert von Himbeeren, mit einem schiefen Zaun und der Laube, die sein Opa einst in den Achtzigern aus zusammengestoppeltem Material gebaut hatte.
Ach Mama, komm schon er trat zum Tisch, strahlend. Fantastisch! Sophia, hörst du? Da machen wir einen richtigen Garten draus! Und das Häuschen bring ich selbst wieder in Schuss.
Sophia drehte sich langsam zu ihm. Sie war jetzt sieben Jahre Teil dieser Familie und wusste genau: Bei Renate gibt es nie ein Geschenk, ohne dass eine ganz besonders große Falle dranhängt.
Frau Vogt, das überrascht mich sagte Sophia ruhig. Aber lassen Sie uns das sofort klären.
Wie machen wir das? Schenkung? Oder überschreiben Sie direkt an Klaus?
Stille in der Küche. Klaus sah Sophia tadelnd an, die Schwiegermutter hob langsam ihren Blick.
Sophia, du bist ja… ungemein praktisch betonte Renate das letzte Wort. Ich geb euch das aus ganzem Herzen, segne euch noch mütterlich, und du kommst mir mit Grundbucheintrag, Papieren…
Bin ich Mutter oder was? Wenn ich sage, es ist euer Garten, dann ist er euer. Muss man immer gleich alles formal machen? Nur damit wieder Notargebühren anfallen
Deswegen, Frau Vogt, Sophia setzte sich ebenfalls an den Tisch. Der Zustand der Laube ist wirklich schlimm.
Der Zaun ist umgekippt, das Dach vom Schuppen undicht, sogar die Böden sind durchgefault. Um alles wieder in Ordnung zu bringen, steckt man mindestens zwanzig- bis dreißigtausend Euro rein.
Ich investiere aber kein Familienkapital in etwas, das mir rechtlich nicht gehört.
Sonst überlegen Sie es sich nachher wieder anders und wir stehen da, ohne einen Cent.
Wie kannst du nur! rief Renate und drückte sich theatralisch die Hände gegen die Brust. Klaus! Deine Frau unterstellt mir Gier! Mir deiner eigenen Mutter!
Jetzt beruhig dich doch, murrte Klaus. Mama hat doch gesagt, wir können es haben.
Nein, Klaus. Erst wenn du einen Schenkungsvertrag auf deinen Namen hast dann bestellen wir Bauarbeiter. Ansonsten soll das Unkraut ruhig weiter wuchern.
Der Konflikt ging zwei Stunden lang. Renate weinte, gedachte schluchzend ihres verstorbenen Mannes, klagte Sophia wegen ihres Kapitalismus-Kopfs an und warf die beiden schließlich fast raus. Solchen berechnenden Leuten würde sie nicht mal einen alten Blecheimer anvertrauen.
Zwei Wochen später, beim Familienabendessen, zu dem auch Klaus Schwester Katrin eingeladen war, verkündete Renate feierlich:
Wenn Klaus den Garten nicht will, bekommt ihn eben Katrin. Ihr Mann, Stefan, ist handwerklich begabt, sie haben schon alles verplant.
Klaus saß den ganzen Abend bedrückt, wischte immer wieder Fotos von Wochenendhäusern auf seinem Handy durch und seufzte demonstrativ. Sophia blieb ruhig. Sie wusste: Das Theater fängt erst an.
***
Katrin und Stefan gingen das Ganze sofort an. Im Familienchat tauchten täglich Meldungen auf:
Zaun aus Polen bestellt!
Drei Tonnen Kies liegen bereit.
Stefan hat selbst die Grube für die Kläranlage gegraben!
Siehst du, knurrte Klaus, als er aufs Handy sah und es aufs Sofa warf. Die packen wenigstens an. Und wir haben Angst, übers Ohr gehauen zu werden. Katrin hat keine Zweifel gehabt, jetzt wird ihr Garten ein Traum.
Warten wirs ab, Klaus, erwiderte Sophia nur. Mit der Zeit sieht mans.
Im August hatte sich das Grundstück verwandelt. Die alte Laube bekam neue helle Verkleidung, das Haus ein frisches Dach aus Metallziegeln, drumherum stellte Stefan einen schicken, gemauerten Zaun.
Sogar Rollrasen legte er aus und eine große Hängeschaukel baute er im Hof.
Zum offiziellen Einstand kamen alle. Renate präsentierte sich auf der neuen Terrasse, breitete sich im Liegestuhl aus und fächelte sich Luft zu.
Na, meine Lieben, sang sie und nahm von Katrin ein Glas Apfelsaft. Ist das herrlich! Katrin, Stefan, ihr seid klasse, mein Herz geht auf! Sophia, hast du DEN Zaun gesehen?
Stefan, inzwischen sichtlich abgespannt vom wochenlangen Umbau, kam zum Tisch.
Ja, Mama, wir haben uns richtig reingekniet. Jetzt können wir sogar die Kinder mitnehmen. Übrigens ich habe alle Papiere abgeheftet: Kassenbons, Rechnungen, Garantie für den Brenner.
Wie wärs fahren wir Montag ins Bürgerbüro? Du hast doch gesagt, sobald alles fertig ist, überschreibst du die Laube auf Katrin.
Renate betrachtete plötzlich eingehend ihren frisch lackierten Nagel.
Ach, Stefan, hauchte sie milde. Warum so ein Stress? Wozu der ganze Aufwand? Genießt den Garten. Schickt mich doch keiner weg!
Katrin runzelte die Stirn, stellte die Schale mit Gemüse auf den Tisch.
Mama, wie meinst du das genießt? Wir hatten eine Abmachung. Wir haben fast alle unsere Ersparnisse ins Haus gesteckt. Stefan hat sogar einen kleinen Kredit aufgenommen, um alles vor dem Herbst fertig zu haben. Du hast gesagt: Wer renoviert, bekommt den Garten.
Ich sagte, ihr SOLLT ihn nutzen verbesserte Renate betont. Und das tut ihr ja. Kommt, wann ihr wollt. Aber überschreiben
Weißt du, Kind, das Leben ist voller Überraschungen. Heute ist Stefan noch dein Mann, und morgen?
Der Garten, das ist ein Familiennest. Er bleibt auf meinen Namen. Da schläft es sich ruhiger.
Totenstille. Sogar die Waldvögel hinterm Garten schwiegen.
Das heißt… Stefan erhob sich langsam. Das alles ist nicht unseres? Nicht mal der Zaun für dreitausend Euro, nicht der Tank, nicht das Dach? Nichts?
Wieso nicht eures? entgegnete Renate. Ihr benutzt es doch! Ich erlaube euch sogar, nächstes Jahr Gurken anzupflanzen.
Aber Chefin bleibe ich. Das braucht meine Seele. Und wenn ihr murrt, nehme ich eben die Schlüssel weg. Mein gutes Recht!
Ach, gutes Recht?! Katrin schrie auf. Wir schuften uns hier ab, zahlen Schulden ab, und du behandelst uns wie Mieter!
Schrei deine Mutter nicht an! bellte Renate. So viel undank! Kommt hierher und machen auf groß!
Groß? Stefan platzte der Kragen. Hier war doch alles marode! Jeden Nagel hab ich selbst eingeschlagen!
Er drehte auf dem Absatz um und lief zum Schuppen.
Stefan, wo willst du hin? schrie Katrin.
Mein Werkzeug holen!
Eine Minute später kam er mit Brechstange und Akkuschrauber zurück. Ohne zu sprechen ging er zum Zaun, fing an, die Schrauben herauszudrehen. Klaus machte einen Schritt nach vorn, aber Sophia legte ihm ruhig die Hand auf die Schulter.
Lass, Klaus. Das ist ihr Problem.
Katrin, die sah, wie Stefan den Zaun auseinander nahm, riss sich plötzlich eine Gartenschaufel und stürzte sich auf die Rosenbeete, die ihre Mutter so liebte.
Da, bedien dich! schrie sie und riss den Busch samt Wurzel aus dem Boden.
Das Chaos auf dem Grundstück war perfekt. Stefan werkelte unerbittlich weiter: Zaun ab, dann ran an die Terrasse. Die Platten knackten unter seiner Hand.
Renate lief panisch zwischen ihnen herum, wollte mal Stefan am Shirt festhalten, mal sich vor die frisch gestrichene Tür stellen.
Ich rufe die Polizei! brüllte sie ins Telefon. Das ist Diebstahl! Überfall! Ich bring dich hinter Gitter, du Versager von Schwiegersohn!
Ruf doch an! Stefan warf eine Kunststoffplatte in den Kofferraum. Sollen die mal sehen, wer hier wen reinlegt!
Eine halbe Stunde später kam die Polizei. Der Polizist blickte müde in die Runde: Die halbe Parzelle ohne Zaun, Berge von Baumaterial, eine schluchzende Frau am Haus.
Was ist passiert? fragte er.
Einbruch! Renate zeigte auf Stefan. Sieh dir das an, alles zerstört! Den Zaun gestohlen! Zerstört meine Terrasse!
Stefan ging ruhig zu ihm und reichte eine Mappe mit Unterlagen.
Herr Wachtmeister, hier sind alle Quittungen auf meinen Namen. Alle Belege. Einen Mietvertrag gibt es nicht, auch keinen Schenkungsvertrag. Die Dame behauptet, ich sei hier Fremder und hätte keine Rechte.
Na dann nehme ich mein Eigentum wieder mit. Ich montiere nur ab, was ich selbst bezahlt und eingebaut habe. Das Haus bleibt stehen.
Der Polizist blätterte lange in den Quittungen, sah Renate an.
Tja, Frau Vogt, das ist zivilrechtlich. Und wenn er alles belegt, ist das kein Diebstahl. Sie können nur zum Anwalt gehen.
Was für ein Anwalt?! rief Renate verzweifelt. Der nimmt alles mit!
Wenns nachweislich sein Zeug ist, darf er das, gab der Beamte zurück. Aber vorsichtig bitte, keine Wände einreißen.
Die Polizei fuhr ab. Stefan lud alles, was er retten konnte, in Auto und Anhänger.
Die Gartenlaube sah aus wie nach einem Luftangriff: Der gepflegte Garten weg, der Pavillon nackt, der Boden übersät mit Löchern.
Katrin knallte die Autotür hinter sich zu.
So, Mama. Jetzt bist du hier alleinige Herrin. Viel Spaß mit deinem Besitz. Von uns siehst du niemanden mehr!
Mit lautem Motorgeheul fuhren sie ab. Renate Vogt blieb auf ihrem Familiensitz zurück.
Sie drehte sich zu Klaus und Sophia um, die das Spektakel von weitem verfolgt hatten.
Wenigstens ihr… krächzte sie. Klaus, mein Junge… Hilf doch deiner Mutter. Siehst du, was die angerichtet haben?
Katrin verrückt, Stefan ein Dieb Komm, du bist doch mein Sohn. Bring Holz, stell wenigstens einen Zaun wieder auf…
Klaus sah seine Mutter an.
Weißt du, Mama, sagte er leise. Sophia hatte recht. Du wolltest uns nie den Garten schenken. Du wolltest mich nur an der Leine halten.
Sollten wir unsere ganze Zeit und Geld investieren, nur um von dir Gnade für einen Nachmittag mit dem Rasenmäher zu bekommen?
Was redest du da?! Renate griff sich wieder ans Herz. Ich habe doch alles für euch gemacht!
Nein, Mama. Für dich. Komm, Sophia, wir gehen.
Sie stiegen ins Auto. Im Rückspiegel sah Sophia, wie Renate auf die alte, noch vom Großvater gezimmerte Bank sank und das Gesicht in den Händen vergrub.
An jenem Abend saß Klaus still in der Küche und starrte aus dem Fenster, während Sophia das Abendessen machte.
Sophia, rief er leise.
Ja?
Tut mir leid. Ich habe wirklich geglaubt, du übertreibst. Fast wären wir kopfüber in Schulden gefallen
Sie kam zu ihm, legte ihm die Hände auf die Schultern.
Vergiss es. Wichtig ist, dass du es jetzt verstehst.
Weißt du was er stockte. Morgen gehe ich ins Juweliergeschäft. Ich habe dort das Armband mit Granaten gesehen, das du so mochtest. Ein Geschenk weil du einfach so vorausschauend bist.
Sophia lächelte.
Ein Geschenk? Sehr schön. Aber machen wir eins klar: In unserer Familie gibt es keine Geschenke mehr von deiner Mutter. Die sind zu teuer, wie sich gezeigt hat
Abgemacht, Klaus zog sie an sich. Ich habe sogar meine Nummer gewechselt. Soll sie selber sehen, wie sie mit ihrem Familiensitz klarkommt.
***
Mit dem Grundstück wurde Renate nicht mehr glücklich als sie merkte, dass sie Rente und Ruhestand ohne Hilfe nicht für die Instandhaltung nutzen konnte, verkaufte sie den Garten schnell.
Weder Sohn noch Tochter reden mit ihr, und vor allen Verwandten sind Klaus und Katrin nun die Bösen.
Details des Skandals verschweigt Schwiegermutter Sophia aber sie sagt nur, ihre eigenen Kinder hätten sie nach all den Entbehrungen einfach verstoßen.





