Du hast mich nicht enttäuscht. Du hast mich verraten. Das ist etwas anderes, sagte ich zu meinem Mann.
Das Telefon klingelte um halb acht, als ich noch am Herd stand und den Haferbrei umrührte. Ich sah auf das Display und las den Namen meiner Tochter. Irgendetwas sagte mir sofort, dass etwas nicht stimmt. Karla ruft nie so früh an, ohne Grund.
Mama, bist du zu Hause?
Natürlich, wo sollte ich sonst sein? Frühstück ist fast fertig. Was ist los?
Eine Pause. Ich stellte den Herd auf kleine Flamme.
Ist Papa bei dir?
Nein. Der ist gestern Abend noch weggefahren, hat gesagt, er bleibt länger bei Jürgen. Die wollten doch in die Garage.
Wieder eine längere Stille, zäh wie Honig.
Mama, er ist nicht bei Jürgen. Er hat mich vor einer Stunde angerufen. Er hat gesagt, er kommt nicht zurück. Dass er naja, dass er seit Längerem ein anderes Leben führt. Ich weiß gar nicht, wie ich dir das erklären soll.
Behutsam legte ich den Löffel auf den Untersetzer, weil sonst Flecken auf der Tischdecke blieben. Das habe ich immer so gemacht. Ich konnte nicht anders.
Was heißt, er kommt nicht zurück?
Mama, er hat gesagt, er hat eine andere Frau. Seit zwei Jahren. Er will die Scheidung.
Der Haferbrei blubberte leise im Topf. Ich sah den kleinen Bläschen zu und dachte, ich sollte den Herd ausschalten, sonst brennt es an. Ich schaltete ab, griff wieder zum Telefon.
Karlchen, bist du sicher, dass du ihn richtig verstanden hast?
Mama.
Was, Mama? Vielleicht spinnt er einfach gerade. Du kennst deinen Vater, er sagt manchmal Sachen im Affekt.
Er war ganz ruhig. Er hat gesagt, er hat schon eine Wohnung. In der Schillerstraße, du kennst das Viertel. Er wohnt da seit November.
November. Jetzt ist März. Vier Monate.
Ich trat ans Fenster. Draußen war es grau und nass, wie eben im März in Nürnberg, wenn der Schnee schon geschmolzen ist, aber die Sonne noch nicht richtig scheint. Gegenüber am Bäcker stand eine Frau mit Kinderwagen. Ich musste daran denken, wie Peter den Frühling immer mochte. Er sagte, da könne er besser atmen.
Mama, hörst du mich?
Ich höre dich, Karlchen.
Ich komm heute Abend vorbei. Soll ich kommen?
Nein, du hast doch Arbeit.
Die kann warten.
Ich sage nein. Es geht mir gut.
Das stimmte nicht, aber meine Stimme klang so überzeugend, dass ich es fast selbst glaubte.
Nachdem ich aufgelegt hatte, stand ich noch ein paar Minuten am Fenster. Dann ging ich ins Schlafzimmer, sah auf die Betthälfte von Peter, das Kissen zerknittert, weil er gestern Abend überstürzt gegangen war. Ich nahm das Kissen, hielt es einen Moment, legte es wieder hin, ging zurück in die Küche, goss den Haferbrei weg, setzte Wasser für Tee auf.
Siebenunddreißig Jahre. Wir waren siebenunddreißig Jahre zusammen.
Zweiundzwanzig Jahre war ich Chef-Buchhalterin in einer Baugesellschaft. Und in der Zeit habe ich eins sicher gelernt: Wenn man nicht weiß, was man tun soll, fang mit dem an, was getan werden muss. Liste machen, Prioritäten setzen. Auch jetzt hätte ich wohl gern eine Liste gemacht, aber im Kopf herrschte gähnende Leere, wie im Büro nach Feierabend.
Unsere Katze Mimmi kam aus dem Flur herein, strich um meine Beine und miaute. Ich goss ihr Futter in den Napf.
Na, Mimmi. So ist das jetzt.
Die Katze steckte die Nase in den Napf. Peter hatte sie mir geschenkt, zum Geburtstag vor fünf Jahren. Er sagte, eine Katze im Haus bringt Gemütlichkeit. Mimmi war faul und rotgetigert, schlief immer auf seiner Sofaseite.
Und nun?
Karla kam trotzdem am Abend. Unerwartet, klingelte einfach an. Ihre Augen wie die von Peter, die Wangenknochen wie meine. Eine schmerzliche Mischung.
Ich habe doch gesagt, du sollst nicht kommen.
Mama, lass mich rein.
Wir saßen in der Küche. Ich kochte Tee, stellte das Stachelbeermarmeladen-Glas auf den Tisch. Karla musterte mich, wusste nicht, wie sie anfangen sollte.
Mama, wie gehts dir wirklich?
Gut. Ich hab gegessen, bin nicht umgekippt, Schwindel habe ich keinen.
Ich meine es ernst.
Ich auch. Was willst du denn hören, Karla? Dass ich heule? Noch nicht.
Karla hielt die Tasse zwischen den Händen, wie sie es immer gemacht hatte.
Papa wird dich anrufen, denke ich. Er will mit dir sprechen.
Meinetwegen.
Willst du nicht wissen wer sie ist?
Ich sah meine Tochter an.
Schon. Aber heute nicht. Ich will nicht so tun müssen, als würde mir das nichts ausmachen.
Mama, er ist ein Schwein.
Karla.
Doch, ist er doch! Siebenunddreißig Jahre, und dann sowas, übers Telefon der eigenen Tochter.
Er wusste wohl nicht, wie er es anders hätte sagen können. Du weißt, wie er ist, Konflikte in die Augen sehen, das konnte er noch nie.
Karla schwieg, dann leise:
Du verteidigst ihn.
Nein, ich erkläre ihn. Das ist etwas anderes.
Wir schwiegen noch eine Weile. Die Marmelade blieb unangetastet. Die Katze sprang auf den Stuhl und starrte aus dem Fenster.
Bleibst du jetzt allein?
Mimmi ist bei mir.
Mama, ich meine es ernst.
Ich auch. Karla, ich bin achtundfünfzig, nicht dreißig. Ich wohne hier seit dreißig Jahren, kenne jede Leitung, jeden Schalter. Ich schaffe das.
Karla fuhr spät wieder ab. Ich spülte die Tassen, wischte den Tisch, fütterte die Katze und ging ins Bett. Ich lag da und starrte an die Decke, hörte, wie bei Frau Götz nebenan der Fernseher brummte, dumpfe Stimmen durch die Wand. Frau Götz ist schon acht Jahre allein, seit sie ihren Mann verloren hat. Sie lässt immer den Fernseher laufen, weil dann die Stille nicht so laut ist. Jetzt verstand ich sie besser.
Peter rief nach zwei Tagen an. Morgens, als ich Papierkram von der Arbeit sortierte, weil ich offiziell noch bis Ende April angestellt war und Berichte zu Hause fertig machte. Sein Name auf dem Display. Ich schaute einen Moment drauf, dann nahm ich ab.
Nina.
Ich höre.
Wie gehts dir?
Rufst du an, um zu fragen, wies mir geht, oder willst du was Konkretes sagen?
Pause.
Ich will erklären.
Dann erklär.
Nina, wir leben doch schon lange nur noch nebeneinander her. Weißt du selbst. Wie auf Schienen, parallel. Ich gebe dir nicht die Schuld. Mir auch nicht. Es ist einfach passiert.
Ich sah auf den Stapel mit Papieren. Alles sauber, ordentlich, mit Post-its.
Wie heißt sie?
Nina
Wie, Peter?
Gabi. Sie heißt Gabriele. Sie ist 44, Witwe, hat zwei Kinder.
Verstehe.
Ich wollte dich nicht verletzen.
Du hast mich nicht verletzt. Du hast mich verraten. Das ist was Anderes.
Mich erstaunte selbst, wie ruhig ich das sagte. Als ob ich etwas Abgelesenes vortrug.
Nina, ich verstehe
Nein, das tust du nicht. Ist aber auch egal. Die Scheidungssachen regle mit dem Anwalt. Ich streite nicht, wir teilen nichts. Die Wohnung ist auf mich eingetragen, weißt du. Meine Rente kommt, klein, aber ich komme zurecht.
Nina, aber
Schluss, Peter. Ich habe zu tun.
Ich beendete den Anruf, legte das Telefon weg. Dann zum Herd, Wasser aufgesetzt. Meine Hände zitterten nicht. Ich wunderte mich ein bisschen über mich selbst.
Nach einer Woche ging ich zum Bäcker und traf Frau Götz vor unserer Tür. Sie kam vom Arzt, Plastiktüte in der Hand.
Nina! Du siehst blass aus. Ist dir nicht gut?
Alles normal, Frau Götz.
Sie war ein paar Jahre älter als ich, laut, rundlich, die roten Haare knallten, sie färbte sie immer noch, mit 61. Sie sagte, Grau ist nichts für sie. Wir kennen uns seit zwanzig Jahren, reden im Treppenhaus, trinken manchmal Tee. Aber Freundinnen sind wir nie geworden.
Komm doch zu mir, gibt noch Kohlkuchen von gestern.
Ach, das ist doch zu umständlich.
Nun tu nicht so, Nina. Komm.
In ihrer Küche war alles wilder, bunter als bei mir. Fotos an den Wänden, Spielfiguren im Regal, drei Geranien auf der Fensterbank. Ich mag so viel Gedöns eigentlich nicht, aber heute war es irgendwie gemütlich.
Peter ist weg, sagte ich ganz unvermittelt. Weil ich es nicht mehr in mir behalten konnte.
Frau Götz zuckte nicht mal. Schnitt Kuchen, goss Tee in die Tasse.
Schon lange?
Seit November anscheinend.
Wusstest du es nicht?
Nein. Immer Garage, Kollegen, Dienstreisen. Er war doch Geschäftsleiter bis zur Rente, immer unterwegs. Ich habe ihm vertraut.
Passiert halt, sagte Frau Götz. Ohne Vorwurf.
Wie haben Sie das gemacht damals? Als Sie plötzlich allein waren?
Ersten Monat hab ich nur geweint. Zweiten war ich wütend. Dritten kann ich mich nicht erinnern. Aber dann naja, gewöhnt man sich. Nicht besser, nur anders.
Mir ist nicht nach Weinen.
Muss auch nicht. Dann kommts erst später. Kommt immer irgendwann.
Davor hab ich Angst.
Sie sah mich lange an.
Du bist achtundfünfzig.
Ja.
Ich war neunundfünfzig, als ich allein war. Dachte, das wars. Aber das stimmt nicht. Es ist nicht vorbei. Nicht schön, aber auch kein Ende.
Der Kohlkuchen war lecker, die Kruste knusprig.
Was machen Sie, wenns wenn Sie nicht wissen, wohin mit sich?
Zum Markt gehen. Da ist Leben, Leute, Stimmen. Das hilft.
Ich war nie der Markttyp. Schnell in den Laden, nach Liste, heim.
Tja, probier mal, was du sonst nie probiert hast.
Das war so dahin gesagt, aber ich merkte es mir.
Im April ging ich offiziell in Rente. Zufällig fiel das genau mit dem Scheidungstermin Anfang Mai zusammen. Die Anwältin, empfohlen von Karlas Freundin, sagte, das läuft unkompliziert. Wohnung war seit den 90ern schon auf mich, wenig Gemeinsames, Peter wollte nur alles schnell hinter sich.
Na klar will er das, muss ja sein neues Leben ordnen, sagte Karla am Telefon.
Lass das, Karla.
Mama, du verteidigst ihn schon wieder.
Ich verschwende keine Energie mehr auf Zorn. Was bringts?
Aber bist du wütend?
Wahrscheinlich. Kann nicht mehr sagen. Alles ist irgendwie verwoben.
Nach der Rente wurde es schwerer nicht wegen des Geldes. Die Rente sind 1.100 Euro, wenig, aber ich kann rechnen, Vorräte im Keller, das reicht bis zum Sommer. Schwer war bloß, dass plötzlich kein Rhythmus mehr da war. Immer acht Uhr ins Büro, das hat einen getragen. Nun wachte ich um sieben auf, und es war egal. Das war ein unsicheres Gefühl, als wenn der Boden nachgibt.
Ich schrieb mir Stundenpläne: acht Uhr Frühstück, neun Uhr Spaziergang, zehn Uhr Lesen oder Haushalt. Strichs immer wieder durch. Ich saß mit dem Buch da und nach zwanzig Minuten starrte ich schon wieder aus dem Fenster, dachte an November, an Peters Treffen und Notlügen.
Dann rief Karla an:
Mama, du musst was für dich tun. Bei irgendwas mitmachen.
Wo denn?
Tja Yoga vielleicht.
Ich doch nicht! Auf Yoga?
Oder einen Kurs. Oder freiwillig in der Bücherei, du mochtest doch Bücher.
Ich überlege es mir.
Stattdessen fing ich an, Schränke auszuräumen. Fand eine alte Fotokiste. Sechziger Jahre, blasse Ränder. Peter mit 25, dichte dunkle Haare. Wir zusammen am Chiemsee, wohl 1989 oder so. Karla als Dreijährige auf Peters Schoß mit einem Rieseneis. Ich hielt die Fotos lange. Dann packte ich sie weg. Ob ich sie noch einmal anschaue?
Die Wut merkte ich erst, als eine Untertasse kaputtging. Einfach so, fiel vom Tisch. Ich fluchte, dachte, dass das feine Geschirr eh zu zerbrechlich war. Sammelte die Scherben, blieb hockend hocken, atmete hektisch. Weinen konnte ich trotzdem nicht. Nach ein paar Minuten stand ich auf, wusch mir die Hände, ging einkaufen, weil Buchweizen und Öl fehlten.
Der Scheidungstermin im Mai war schnell vorbei, wie die Anwältin gesagt hatte. Peter trug den blauen Blazer, den ich ihm vor Jahren zum Geburtstag gekauft hatte. Viel gesprochen haben wir nicht. Beim Rausgehen blieb er stehen und murmelte:
Nina, ich wollte dir nichts Böses.
Weiß ich.
Das war die Wahrheit. Er wollte nichts Böses er wollte nur etwas anderes. Mir half das wenig.
Ich ging danach in ein Café nahe beim Gericht, allein, was ich sonst nie gemacht habe. Nahm einen Kaffee und ein Stück Bienenstich. Am Nachbartisch zwei ältere Frauen: “Die Tabletten, 18 Euro pro Packung!” “Geh zur Apotheke in der Wöhrder Straße, ist viel günstiger.”
Ich hörte zu und dachte: Das bleibt, wenn von allem anderen nicht viel bleibt. Medikamente, Preisunterschiede, Alltag.
Ich lief den Weg nach Hause. Warmer Maientag. Bänke, Bäume, Menschen. Am Brunnen fütterte ein alter Mann Tauben, eine Frau führte einen Terrier. Das Leben ging weiter, das kam mir auf einmal trostreich und sehr richtig vor.
Im Juni rief Vera an. Vera Seemann. Schulfreundin seit Ewigkeiten, zuletzt fünf Jahre aus den Augen verloren, seltene Telefonate, lebt nun in einem anderen Stadtteil, hat ihren Mann, Enkelkinder, Garten bei Erlangen.
Nina! Lebst du überhaupt noch? Hab gehört, Peter ist weg?
Vera, euer Tratsch-Club funktioniert.
Wie geht’s dir?
Ach, das fragt jeder. Ich haltes aus.
Aushalten heißt nur, dass es wehtut und du nichts dagegen tust.
So ist das.
Komm zu mir aufs Land. Garten, frische Luft. Komm, dann lenkst du dich ab!
Ach, Vera, ich war nie der Gartenmensch, du weißt doch. Peter mochte das, ich nicht so.
Dann mach eben nichts! Wir setzen uns auf die Terrasse. Ich koch Kaltschale, wie dus magst.
Ich schaute auf Mimmi. Die Katze streckte sich, als habe sie auch gern Gesellschaft.
Na meinetwegen, ich komm.
Ich fuhr mit der S-Bahn am Samstag, kleine Reisetasche, ein Buch, für das ich nie Zeit fand. Vera holte mich lächelnd am Gartentor ab, älter geworden, das Lachen noch so wie damals.
Du siehst gar nicht schlecht aus, Nina.
Vera, übertreib nicht.
Gut, du bist schlanker. Aber die Augen sind lebendig.
Wir saßen auf der Terrasse, aßen Kaltschale und tranken später Tee mit Kirschenmarmelade. Veras Mann, den eh alle nur der Scholze nannten, werkelte im Garten, ließ uns in Ruhe.
Erzähl alles, sagte Vera.
Und diesmal tat ich es, zum ersten Mal offen und ausführlich, nicht nüchtern, wie bei Karla. November, als er angeblich nur erkältet war, ich brachte ihm Tee, er las Bücher. Februar, als er plötzlich immer schicker aus dem Haus ging ich dachte damals, er achtet eben mal wieder mehr auf sich. Die letzten Jahre, wie wir gemeinsam am Tisch aßen und doch jeder für sich, ich hielt das für normal nach so langer Ehe.
Ist es nicht, sagte Vera.
Ihr hattet das doch sicher auch, oder?
Klar, wir streiten uns noch um Fernsehfilme, die er hasst und ich liebe. Aber wenigstens passiert noch was. Nicht dieses ewige Schweigen.
Wir haben fast nie gestritten.
Vielleicht wäre es besser gewesen.
Ich dachte nach.
Vera, meinst du, das hätte es verhindert? Wenn wir mehr gestritten hätten?
Keine Ahnung. Aber dann wärst du sicher, dass da noch etwas ist. Schweigen, Schweigen und irgendwann ist Stille.
Ich hielt unsere Beziehung für erwachsen. Über den Dingen, reif.
Nein, Nina. Das ist nicht Reife. Das ist, wenn man einander nicht mehr bemerkt.
Im Garten wuchs Erdbeeren, Zucchini, allerlei Grünes.
Vera, sei ehrlich. Meinst du, ich bin schuld?
Nina.
Sag schon, ich halt das aus.
Vera zögerte, schenkte Tee nach.
Ihr beide und keiner. Eine Beziehung muss gepflegt werden, oder sie endet. Ihr habt sie laufen lassen. Er entschied zu gehen. Das ist sein Anteil, nie deiner Wunsch.
Ich habe nie gesehen, dass das nötig wäre. Hielt alles für selbstverständlich.
So wurden wir erzogen: keine Streiterei, arbeiten, tun, alles andere ist Beiwerk.
Aber von allein läuft es nicht.
Genau.
Ich kam sonntags zurück, ein wenig gebräunt, eine Dose Veras Marmelade im Gepäck. In der Wohnung war es still. Mimmi sah mich vorwurfsvoll an die Fütterungsmaschine war nicht ihr Fall.
Hast es überlebt, Mimmi, sagte ich und kraulte sie.
Im Juli geschah etwas Unerwartetes. Ich ging am Kulturhaus vorbei, auf dem Schwarzen Brett klebte ein Zettel: “Aquarellgruppe, freitags ab 17 Uhr, Material wird gestellt.” Ich blieb stehen, las es zweimal, ging weiter, drehte um und fotografierte den Zettel.
Abends zeigte ich das Karla bei Whatsapp.
Mama, super! Geh hin!
Karla, ich kann nicht malen.
Es steht: Für alle!
Für alle, die schon was können.
Geh hin! Was hast du zu verlieren?
Was hatte ich zu verlieren?
Ersten Freitag, Kulturhaus, zweiter Stock. Sieben Leute, alle wohl schon in Rente. Papier, Farbkästen, Gläser. Die Leiterin, eine freundliche Dreißigjährige, nannte sich Katja.
Herzlich willkommen! Heute probieren wir mal einen Apfel.
Ich setzte mich, griff zur Bürste, sah auf das leere Blatt. Neben mir eine Frau mit Brille, ein bisschen älter:
Sie das erste Mal? Ich war vor drei Wochen neu. Geht ganz schnell.
Ich bin Nina.
Und ich bin Gabriele. Früher Technologin, jetzt Freizeit-Künstlerin.
Sie grinste, ich auch. Ihre Hände sahen sicher aus.
Mein Apfel missriet völlig, zu dick, ganz ungleichmäßig. Katja kam vorbei:
Prima Anfang! Hier etwas mehr Wasser, sehen Sie, wie der Ton lebt?
Ich probierte und staunte, wie zart die Farbe wurde. Es machte Freude.
Nach der Stunde gingen Gabriele und ich gemeinsam raus.
Wo fahren Sie hin? fragte sie.
Siebener Bus, Sie?
Ich laufe, wohne in der Uhlandstraße. Gehen wir zusammen?
Wir plauderten durch sommerliches Nürnberg. Gabriele erzählte, sie sei verwitwet, kein Kind, eine Nichte in Bamberg rufe zum Geburtstag mal an. Das sagte sie nüchtern, ohne Pathos.
Vermissen Sie nicht?
Meinen Mann, ja. Die Einsamkeit, die mir Angst gemacht hat, nicht mehr. Beschäftigung suchen, das ist die Lösung. Aquarell, Bücher, Nachbarshunde ausführen. Das Leben geht weiter.
Manchmal denke ich: Ich habe was verpasst. Es könnte anders sein.
Gabriele biss sich auf die Lippe.
Natürlich denke ich das. Ich war nie mehr am Meer seit zwanzig Jahren. Immer kam was dazwischen Arbeit, Krankheit Vielleicht fahre ich demnächst. Allein. Warum nicht?
Allein?
Klar darf man doch.
Ich sagte nichts. Am Eck trennten wir uns.
Kommen Sie nächsten Freitag wieder?
Ja.
Ich dachte auf dem Heimweg ans Meer. Mit Peter war ich einmal, 1993, an der Ostsee. Karla war zwei, hatte Angst vor den Wellen. Danach nie wieder: immer kam etwas auf, nie war Zeit, nie das richtige Geld, Peter wollte immer woandershin, dieses woanders war ein Phantom. Ich bestand nie auf meinem Wunsch.
Im August rief Karla an:
Mama, ist nächste Woche Armins Geburtstag! Er wird fünf!
Armin ist mein Enkel, lebendig wie ein Ferkel, neugierig, große graue Augen. Ich liebe ihn sehr, sehe ihn aber zu selten. Karla wohnt weit draußen, in einem neuen Stadtviertel mit Mann und Job.
Natürlich komm ich. Was wünscht er sich?
Ein Bauset, alles mit Autos.
Wird erledigt. Sag, kommt Opa?
Pause.
Ja, ich hab ihn eingeladen. Er ist ja der Opa. Was meinst du dazu?
Ist in Ordnung. Ich werde keine Szene machen. Armin braucht seinen Opa.
Bist du sicher, dass du das aushältst, Mama?
Ja, Karla, es ist genug Zeit vergangen.
Geburtstag. Ich kam mit großem Bausatz und selbstgebackenem Bienenstich. Peter war schon da, unterhielt sich mit Karlas Mann. Wir sahen uns an und nickten. Ich half Karla in der Küche, es lief alles normal.
Peter schien abgenommen zu haben, wirkte unsicher. Nicht als Schadenfreude, nur als Feststellung. Armin baute sofort los, Karla kümmerte sich um alles, fürchterlich warm und laut.
Nina, sagte Peter später leise, du siehst gut aus.
Danke.
Wirklich. Du wirkst verändert.
Ich male jetzt Aquarell.
Ehrlich? Jede Woche?
Sein Erstaunen war echt.
Du schaffst das. Echt.
Ich weiß.
Es war keine Selbstgefälligkeit, sondern nur wahr. Ich wusste es jetzt, brauchte keine Bestätigung mehr.
Im September meldete ich mich im Literaturkreis an, mittwochs in der Bücherei. Gabriele war auch da. Zwölf Leute, davon zwei Männer, ein Historiker, ein pensionierter Arzt alles gemütliche Diskutierer.
Man konnte hier sagen ich empfinde oder ich glaube, und man wurde gehört. Das war neu. Als Buchhalterin zählte nur: Zahl falsch, Zahl richtig.
Sie sehen vieles anders, Nina, sagte Herr Brandt, der Geschichtslehrer, einmal. Das ist wertvoll.
Ob das richtig ist?
In der Literatur gibt es kein richtig. Es gibt Resonanz.
Oft gingen wir danach noch einen Kaffee trinken. Redeten nicht nur über Bücher, sondern über Müdigkeit, Preise, Kinder.
Gabriele sagte mal zu mir:
Du bist anders geworden.
Positiv?
Ja. Mehr du selbst. Vorher hast du immer auf etwas gewartet. Jetzt lebst du einfach.
Finde ich auch. Ich bin gern unterwegs. Und langweilig ist mir überhaupt nicht, wie ich fürchtete.
Weil du jetzt Raum für dich hast.
Erstaunlich, dass ich das nie gemerkt hab.
Besser mit achtundfünfzig als erst mit achtundsiebzig.
Im Oktober schlug Katja bei der Aquarellgruppe vor, eine kleine Ausstellung im Dezember zu machen. Kein großes Ding, einfach Arbeiten zeigen.
Wer mitmachen will, bringt bis November ein Bild, sagte sie. Nur, wenn Sie möchten.
Ich musterte meine Bilder: Äpfel, Birnen, Stillleben, dann der Blick aus meinem Fenster: alte Birke, Spielplatz. Katja sagte, ich hätte Gefühl für Perspektive.
Ihr Fensterbild muss unbedingt dabei sein, sagte Gabriele.
Du meinst?
Es lebt. Man sieht, wie du da wirklich hinschaust.
Ich haderte erst, brachte es dann doch.
Im November fuhr ich ans Meer. Allein. Nach Norddeich, eine Woche, etwas günstig, nicht allzu weit. Karla war baff.
Mama, alleine? Im November?
Na und?
Ist doch kalt.
Ich will ja nicht baden. Ich will ans Meer. Ich war seit zwanzig Jahren nicht da.
Mama
Ja?
Du hast dich verändert.
Ist das gut oder schlecht?
Pause.
Gut. Früher hast du immer gefragt, was ich denke.
Jetzt denke ich erst und erzähle dir danach.
Fahrt mit dem Zug, Mitreisende: Familie, Frau mit Strickzeug. Ich schaute stundenlang raus, Felder, Ortschaften, alles vorbeifliegend. So vieles war immer wichtiger gewesen.
Norddeich war still, windig, das Meer graublau und endlos. Ich stapfte am Strand, atmete salzige Luft. Ich dachte über alles nach, ohne Hast, ohne Zwang.
In einem kleinen Gasthaus, Fischsuppe, Tee, die Wirtin: Wie, Sie alleine unterwegs?
Ja, zum ersten Mal.
Und?
Eigenartig. Aber schön. Ich bin mein eigener Chef.
Das ist wichtig, sagte sie, stellte extra Brot hin. Meine Freundin macht das seit ihrer Trennung auch so. Erst Angst, dann sagt sie: Die besten Reisen ihres Lebens!
Glaube ich gern.
Dritter Tag, am Kai Aquarell-Postkarten von einem alten Mann gekauft, einfache Motive, aber mit Seele. Für Gabriele, Frau Götz und mich.
Zuhause, leicht erschöpft, aber ruhig. Mimmi erschien missmutig offensichtlich zu lange auf sich gestellt.
Wars schlimm ohne mich? fragte ich.
Sie rollte sich auf meinen Schoß.
Im Dezember die Ausstellung. Ich kam mit Gabriele, Frau Götz, Karla und Armin. Mein Fensterbild hing mittendrin. Armin sprang herum, zeigte auf die Bilder: Oma, das ist unser Hof! Karla sah lange hin.
Das ist der Hof von früher, Mama?
Ja. Deine Rutsche, unter der Birke. Du hattest Angst davor.
Ach, Mama. Das ist wirklich schön.
Vielleicht bin ich doch lernfähig.
Frau Götz schob die Brille hoch.
Das ist von dir, Nina? Ich hätte nie gedacht
Ich auch nicht.
Später tranken wir alle Tee im Kulturhaus, Armin verdrückte zwei Kuchenstücke, Karla schimpfte, musste aber eigentlich lachen. Gabriele erzählte vom Lesekreis, Frau Götz mischte ihre Geschichten rein. Ich saß mitten in dem Stimmengewirr und dachte: Noch im März hätte ich mir das nicht vorstellen können. Dass ich im Dezember hier sitze und es ist wie? Nicht glücklich. Aber richtig.
Kurz vor Silvester rief Vera an:
Nina, wie gehts? Hab gehört, du hattest eine Ausstellung! Karla hats in unsere Gruppe geschrieben.
Ihr habt eine Gruppe?
Alle, die man aus der Schule wiedergefunden hat.
Vielleicht komm ich irgendwann dazu.
Mach! Sag mal, das Angebot mit dem Winter-Gartenaufenthalt gilt noch!
Ich komme nach Silvester vorbei.
So redet man!
Silvester war ich bei Karla, zu viert am Tisch, Peter feierte, wie ich wusste, bei Gabriele. Armin hielt bis Mitternacht durch, lachte beim Feuerwerk, fiel auf dem Sofa um. Karla deckte ihn zu.
Mama, wie war das Jahr?
Durchwachsen. Viel Schlechtes, aber auch Gutes.
Das Gute?
Die Ausstellung. Das Meer. Gabriele. Frau Götz mit ihren Kuchen. Lesekreis. Ihr.
Und das Schlechte?
Muss man das aufzählen? Es war da, und ist jetzt weniger wichtig.
Karla sah mich an.
Vermisst du Papa?
Ich dachte nach.
Den Peter von früher, ja. Uns damals, als du klein warst. Das war etwas. Die letzten Jahre, nein. Ich weiß jetzt: da war nichts mehr.
Tut es weh, das zu sagen?
Ein bisschen. Aber die Wahrheit schmerzt weniger als Selbstbetrug.
Ihr Mann brachte Sekt, es wurde ein typischer Familienabend.
Im Januar fuhr ich zu Vera. Wir saßen auf der Terrasse, eingemummelt in Decken, Vera bestand darauf, draußen zu sitzen: frische Luft sei gesund. Es gab heißen Tee mit ihrer selbstgemachten Himbeermarmelade.
Weißt du, Vera, früher hatte ich immer einen Plan. Arbeit, Rente, dann mit Peter alt werden. Alles fertig entworfen.
Und jetzt?
Kein Plan mehr. Erstaunlich: Es macht mir weniger Angst, als ich dachte. Ich bin gespannt, was kommt.
Das ist sehr gut, Nina.
Vielleicht kapiere ich nicht, dass Angst angebracht wäre.
Doch, du hast aufgehört, dich ans Vergangene zu klammern.
Naja, ein bisschen schon. Die Fotos sortieren, kann ich nicht wegwerfen.
Musst du auch nicht. Das war dein Leben. Man darf nicht so tun, als sei es nie gewesen.
Ob Peter jetzt glücklich ist, mit ihr?
Weiß nicht. Ist das wichtig?
Ich überlegte.
Früher wäre es das gewesen. Jetzt sollen sie. Mir hilft sein Unglück nicht.
Du bist endlich erwachsen, Nina.
Mit achtundfünfzig? Etwas spät.
Erwachsen hat nichts mit dem Ausweis zu tun.
Wir lachten. Veras Mann kam raus: friert ihr nicht? Wir verneinten. Kopfschütteln, er verschwand.
Vera, hast du manchmal bereut, wies gelaufen ist?
Sicher. Ich wollte früher Architektur studieren, bins nicht geworden, wurde Lehrerin, dann geheiratet, keine Kinder, das Leben zog vorbei. Aber was soll’s, ich mach heute meine Pläne. Wir malen ja auch, vielleicht ist da mein Architektenherz.
Zu spät.
Ach, Nina, was ist schon zu spät? Zu spät ist erst, wenn’s ganz vorbei ist.
Ich beäugte den verschneiten Garten, schaute auf ein Schild: Zucchini, im Sommer bestimmt ganz grün.
Weißt du, was das Verrückte ist? Ich sitze jetzt hier, mitten im Winter, im Garten, in Decken, und es ist einfach gut. Hätte ich vor einem Jahr nicht begreifen können.
So schnell kanns gehen.
Wir schwiegen eine Weile das war ein gutes, friedliches Schweigen.
Weißt du schon, was du weiter machen willst? So längerfristig?
Katja hat gefragt, ob ich nicht ihre Anfängergruppe mitbetreuen mag, Grundkenntnisse erklären. Sie sagt, ich kann das.
Na, dann machs!
Ich überlege noch.
Du weißt tief drin schon die Antwort.
Im Februar, als ich zurück war, kam eine neue Frau in die Aquarellgruppe. Irena, etwa dreiundsechzig, aufrecht, unsicher im Blick, als hätte sie sich verirrt.
Ich erinnerte mich an meinen ersten Tag, rückte näher:
Sind Sie das erste Mal hier?
Ja. Meine Tochter hat mich geschickt, soll doch mal wohin gehen. Jetzt bin ich eben hier.
Töchter reden oft das Richtige.
Wie sind Sie dazu gekommen?
Selbst entdeckt. Aber ich könnte es auch auf meine Tochter schieben.
Irena entspannte sich, blickte auf das leere Blatt.
Ich habe nie gemalt. Nie. Das ist für andere gedacht, mit Talent.
Ich dachte das auch. Aber das stimmt nicht ganz.
Katja begann den Kurs, ich erklärte Irena, wie man den Pinsel hält, wie man Farben verdünnt, dass Fehler manchmal schöner sind als Perfektion.
Nachher verließen wir das Haus zusammen.
Sie können richtig gut erklären. Haben Sie Lehramt gemacht?
Nein, Buchhalterin.
Wirkt aber so, als könnten Sie Wissen weitergeben.
Danke.
Wir gingen durch den leicht verschneiten Ort. Ich dachte daran, wie ich im letzten März am Herd stand, als das Telefon klingelte, wie alles auseinanderfiel, wie ich die Scherben aufsammelte und wie manche sich erst jetzt finden lassen. Aber das macht mir nun keine Angst mehr.
Sind Sie schon lang dabei?
Seit Juli letzten Jahres.
Gefällt es Ihnen?
Sehr. Ihnen wird es auch gefallen, das verspreche ich.
Skepsis in ihren Augen, aber auch Hoffnung.
Finden Sie, es ist nicht zu spät, jetzt noch was Neues anzufangen? fragte Irena.
Das dachte ich Anfangs auch. Ist nicht wahr.
Wir schwiegen dann, aber es war ein gutes Schweigen.
Leben Sie allein?
Ja, mit der Katze. Sie?
Jetzt auch. Mein Mann ist vor zwei Jahren Kinder weit weg. Viel Stille.
Das ist schwer am Anfang. Aber irgendwann lernt man die Stille neu zu hören. Sie wird dann nicht mehr leer.
Wieder Stille.
Ich bin froh, dass ich gekommen bin heute.
Ich auch.
Wir verabschiedeten uns an der Kreuzung. Ich ging heim, durch knirschenden Schnee, gelbes Lampenlicht auf dem Weg, dachte: Morgen Karla anrufen, Armin fragen, bei Frau Götz ein Rezept für Kohlkuchen holen, Katja Bescheid geben, daß ich als Hilfe zusage.
Zu Hause wartete Mimmi. Sie saß auf der Küchenschwelle, hungrig und irgendwie erwartungsvoll. Ich fütterte sie, stellte Wasser für Tee auf, nahm meine Lieblingstasse aus dem Schrank.
Am Kühlschrank hing ein Bild von Armin: Strichmännchen mit großer Mütze, darunter Oma Nina. Das Männchen lächelt. Ich betrachtete es lange, holte das Handy, schrieb Karla:
Ruf an, wenn du kannst. Ich möchte mit dir sprechen.
Sie rief nach fünfzehn Minuten zurück.
Ist alles okay, Mama?
Alles bestens, Karlchen. Sag mal, gäbe es in den Osterferien nicht Lust auf eine Reise? Ich habe gelesen, dass es in Dresden schön ist; Armin könnte da was entdecken. Ich würde gern mitkommen.
Mama.
Was denn?
Du schlägst also einen Ausflug nach Dresden vor.
Ja. Ich hab mal nach Wohnungen geschaut. Drei, vier Tage, Altstadt, Museen für Kinder. Armin liebt das.
Karla schwieg, dann hörte ich, dass sie lächelt.
Mama, du bist wirklich anders geworden.
Ich bin die alte.
Nein. Du bist du.
Ich sah hinaus. Draußen fiel leiser Schnee, unter der Birke im Hof schimmerte das Licht einer Laterne. Friedlich.
Karla, denk über Dresden nach, besprecht es mit Lukas.
Wir denken nach, wahrscheinlich machen wir das.
Schön.
Mama?
Ja?
Ich bin froh, dass du so bist dass es dir so geht.
Das bin ich auch.
Ich legte auf. Mimmi sprang auf den Stuhl neben mir und rollte sich ein. Der Wasserkocher pfiff. Ich goss Tee auf, griff mir das Buch, das ich bis Mittwoch zu Ende lesen wollte, und schlug die Seite auf.
Draußen schneite es weiter.





