12. März 2023
Heute Morgen in unserer kleinen Münchner Wohnung saß ich wieder am Küchentisch. Noch vor einer Stunde hatte ich gedacht, es wird ein ruhiger Tag. Doch dann fing Rainer, mein Mann, während des Frühstücks mit seiner Predigt an wieder einmal.
Sei bitte etwas sparsamer mit dem Käse, Anna, sagte er leise, ohne den Blick von der Süddeutschen Zeitung zu heben. Das ist Emmentaler, der kostet heute ein Vermögen. Und du, nur zur Erinnerung, trägst im Moment noch nichts zum Haushalt bei. Zwei Scheiben auf ein Brötchen, das ist verschwenderisch.
Sein Ton war so nüchtern, als würde er mir einfach nur das Wetter vorlesen. Aber gerade dieser Gleichmut war wie Salz in meiner Wunde. Ich legte mein halbes Käsesemmel zurück auf den Teller. In meinem Hals steckte plötzlich ein Kloß, meine Wangen glühten aus Scham und aus einer Wut, die wie Feuer brannte. Rainer blätterte nur um und trommelte nervös mit den Fingerspitzen auf die Tischkante. Er war gereizt, auch wenn er es nicht zeigen wollte.
Stille. Nur das leise Brummen des alten Bosch-Kühlschranks war zu hören. Ich blickte meinen Mann an und hatte das Gefühl, einen Fremden zu sehen. Zwanzig Jahre Ehe, gemeinsam durch dick und dünn. Freude, Trauer, unsere Hypothek, die Erziehung unseres Sohnes Jonas alles geteilt. Ich war immer diejenige, die gearbeitet hat. Als Bilanzbuchhalterin hatte ich oft mehr verdient als er mit seiner Beamtenstelle im Tiefbauamt. Es war mein Weihnachtsgeld, von dem wir damals die kleine Hütte am Tegernsee gekauft hatten worauf Rainer so stolz war, wenn Freunde zu Besuch kamen. Es war meine Initiative, Nachhilfelehrer für Jonas zu bezahlen, damit er das Abi schaffte.
Und dann, vor vier Wochen, ging die Firma, in der ich zehn Jahre beschäftigt war, insolvent. Der Inhaber floh in die Schweiz, unsere Konten wurden eingefroren, ich stand mit einer Eigenkündigung auf der Straße und einer lausigen Abfindung in Höhe von 200 Euro.
Ich habe nicht gleich den Kopf in den Sand gesteckt. Mit meinem Lebenslauf, dachte ich, findet sich schnell eine neue Stelle. Doch der Arbeitsmarkt ist erbarmungslos gegenüber Frauen, die auf die Fünfzig zugehen wie mir eine junge Personalreferentin freundlich, aber bestimmt ins Gesicht sagte.
Ich bin satt, murmelte ich, und schob meinen Teller weg. Der Emmentaler aus dem Sonderangebot schmeckte plötzlich bitter.
Sehr gut, nickte Rainer und legte die Zeitung weg. Sparen heißt das Zauberwort. Ich habe übrigens auf deinen Einkaufsbeleg geschaut, den du gestern auf der Kommode liegen gelassen hast. Wozu hast du Weichspüler gekauft? Waschmittel reicht doch völlig. Wir müssen jetzt wirklich den Gürtel enger schnallen, Anna. Ich stemme den ganzen Laden alleine das ist nicht leicht.
Er sammelte Brotkrümel von seiner Seite des Tisches und warf sie in den Mund. Diese eigenartige Angewohnheit hat er erst entwickelt, seit ich keinen Job mehr habe.
Als er zur Arbeit ging und die Tür ins Schloss fiel, sackte ich auf den Küchenstuhl. Die Tränen, die ich seit Tagen zurückgehalten hatte, liefen über mein Gesicht. Ich bin neunundvierzig, gesund, voller Energie und Arbeitswillen und plötzlich ein Klotz am Bein, der sich für jedes Stückchen Brot rechtfertigen muss. Rainer, der immer so zuverlässig und ruhig schien, mutierte jetzt zum kleinlichen Aufpasser. Als ob meine Arbeitslosigkeit eine Maske von ihm heruntergerissen hätte und zum Vorschein kam, was tief vergraben und hässlich war.
So verging der Tag zwischen Bewerbungen und abgelehnten Telefonaten. Immer: Wir rufen Sie zurück, Leider suchen wir jüngere Bewerber, Sie passen nicht in unser junges Team. Gegen Mittag klopfte die Migräne an. Ich ging in die Küche für einen Tee und griff nach der Keksdose. Leer. Ach ja. Rainer hatte das Gebäck gestern eingesammelt und in den Vorratsschrank gelegt: Damit es frisch bleibt. In Wirklichkeit, damit ich nichts davon esse, solange er arbeitet.
Am Abend kam Rainer nach Hause, grimmiger denn je. Ohne Gruß marschierte er in die Küche, inspizierte Kühlschrank und Kochtöpfe.
Wieder nur Gemüseeintopf? fragte er, ohne mich anzusehen. Nur Brühe?
Mit Hühnerbrühe, Rainer. Ich habe einen Suppenhuhn-Mix gekauft.
Was für’n Mix… das sind nur Knochen! Ich schufte, ich brauche Fleisch. Richtiges. Nicht diesen Abfall.
Fleisch kostet 10 Euro das Kilo, versuchte ich ruhig zu bleiben, obwohl meine Stimme zitterte. Du hast mir diese Woche 40 Euro gegeben. Für alles. Essen, Putzmittel, alles. Wie soll ich davon Filet kaufen?
Er knallte den Kühlschrank zu. Du musst halt mehr improvisieren! Eine gute Hausfrau kann aus nichts ein Festmahl zaubern, und jammert nicht. Und wärst du nicht ständig am Internet, sondern würdest aktiver suchen, gäbs heute vielleicht ein Steak!
Das war gemein. Ich war pausenlos am Bewerben. Es hatte keinen Sinn zu diskutieren er kostete seine Autorität als Alleinverdiener jetzt regelrecht aus.
Jede Woche zog sich wie Gummi. Bald hatte ich abends Angst vor dem Geräusch des Schlüssels im Schloss. Was jetzt? Kassenbon-Kontrolle? Moralpredigt über meinen Wasserverbrauch beim Duschen? Ein Kommentar zum verschwundenen Apfel?
Es wurde völlig absurd, als mein Shampoo leer war. Normales Shampoo, kein Luxus. Während des Abendessens sagte ich: Rainer, ich brauche Shampoo und Zahnpasta. Kannst du mir zehn Euro geben?
Er kaute sein Nudelgericht langsam weiter (das Kotelett gönnte er weiterhin nur sich selbst; ich sollte fasten, das sei gesund).
Shampoo?, musterte er mich über seine Lesebrille. Wozu? Haushaltsseife reicht genauso. Meine Oma hat auch immer Kernseife genommen und hatte prallglänzende Zöpfe.
Ich hielt meine Gabel in der Luft. Im Ernst jetzt?
Ganz ernst. Der Rest ist nur Marketing. Die Zahnpastatube reicht noch, wenn du sie aufschneidest und richtig auskratzt. Anna, wir haben einfach kein Geld übrig für so einen Quatsch. Wenn du wieder eigenes Geld verdienst, kauf dir, was du willst. Bis dahin: Maß halten.
In jener Nacht konnte ich lange nicht schlafen. Ich lag wach neben einem Menschen, der mir nahe lag und der mir riet, meine Haare mit Kernseife zu waschen, obwohl er wusste, dass wir genug auf einem gemeinsamen Sparkonto hatten. Nur ich kam da nicht ran, seitdem es strategischer Notfallfonds hieß.
Am nächsten Morgen war ich schon vor Rainer auf den Beinen. Nachdem er gegangen war (ohne Gruß, nur die Anweisung, Strom im Flur auszuschalten), traf ich meine Entscheidung. Ich würde nie wieder betteln.
Ich holte meine wenigen goldenen Schmuckstücke hervor: Ohrringe, die ich zum Dreißigsten von meinen Eltern bekam, eine schmale Kette, ein paar Ringe. Das war mein, nur mein Notgroschen. Zum Glück hatte Rainer daran nie einen Gedanken verschwendet. Das Pfandhaus war nur zwei Straßen entfernt.
Der junge Pfandleiher taxierte das Gold, nannte mir einen Preis. Es war viel weniger wert als der eigentliche Marktpreis, aber für zwei Wochen Unabhängigkeit reichte es. Ich nahm an.
Danach gönnte ich mir einen guten Schampoo, ein Stück Gouda und eine Tafel Milka. Ich saß auf einer Parkbank, aß Schokolade und musste weinen vor Erleichterung. In mir wuchs wieder diese kalte, fokussierte Entschlossenheit. Sie braucht man, wenn man alles auf sich allein gestellt stemmen muss.
Zuhause suchte ich weiter, diesmal ohne Scheuklappen: nicht nur Jobs als Buchhalterin, sondern alles möglich Empfang, Ladendienst, Disponentin, Reinigungskraft. Hauptsache eigenes Geld, so schnell wie möglich.
Das Glück kam zwei Tage später, und zwar auf die unerwartetste Weise. Meine ehemalige Kollegin Birgit rief an.
Anna, suchst du noch was? Ein Bekannter sucht dringend eine Buchhalterin. Die Chefin ist schwanger, die Quartalsabrechnung steht an. Die Firma ist klein, nur ein paar Leute, Logistik im Umland. Es gibt keine goldenen Berge, aber eine faire Bezahlung. Homeoffice möglich, nur einmal die Woche im Büro. Lust?
Birgit, du bist ein Engel! Wann soll ich anfangen?
Melde dich gleich, schick mir deinen Lebenslauf.
Das Vorstellungsgespräch war online. Der Chef, ein bodenständiger Mann um die vierzig, fragte ein, zwei Sachen zum Rechnungswesen. Schnell war klar, dass ich Ahnung hatte. Wir machen erst mal einen Honorarvertrag, Probezeit ein Monat. 1.700 Euro netto im Monat. Schaffen Sie den Quartalsabschluss, nehmen wir Sie fest und heben das Gehalt an. Einverstanden?
Absolut!, sagte ich entschlossen.
Einhundertsiebzig Euro früher war das weniger, als ich Wochenende dafür einbrachte, aber jetzt fühlte sich das an wie ein Schatz. Vor allem: Mein Geld!
Abends, als Rainer nach Hause kam, sagte ich nichts. Ich war neugierig: Wie tief kann er noch sinken? Es war ein unbarmherziger Test, aber ich musste wissen, ob unsere Ehe noch zu retten war.
Was gibts zu essen?, fragte Rainer und steckte den Kopf in die Töpfe. Mal wieder Grünkern? Bald wuchere ich selbst Wurzeln!
Das ist gesund, Eisen ist wichtig, antwortete ich gelassen und schnitt Kohlrabi. Fleisch hast du ja diesmal nicht gekauft.
Karte lag im Auto, log er. Ich hatte gesehen, wie er das Portemonnaie in die andere Tasche steckte. Egal, gib her!
Demonstrativ verzog er das Gesicht beim Essen.
Ach übrigens, sagte er mit vollem Mund, meine Mutter will am Samstag kommen. Mach mal ordentlich was zu essen: einen Hähnchenbraten, Salate, Apfelkuchen. Sie liebt deine.
Gut, gib mir bitte Geld für die Einkäufe.
Er seufzte tief, als hätte ich ihn nach seiner Niere gefragt. Schon wieder Kohle… Du kannst einfach nicht planen! Ich habe dir doch Montag 20 Euro gegeben. Wo ist das alles hin?
Waschmittel, Klopapier, Milch, Brot, Grünkern. Kassenbons liegen dort.
Mit Bedauern holte er einen Fünfziger, drehte ihn zwischen den Fingern, als müsste er sich verabschieden, und legte ihn auf den Tisch. Aber das reicht jetzt! Mutter soll nicht merken, dass wir schwierige Zeiten durchmachen. Blamier mich bloß nicht.
Blamier mich nicht. Es ging nie um mich sondern um sein Ansehen bei Mutti.
Am Samstag kam Schwiegermutter Helga dominant, laut, die ihren Reini anhimmelt. Ich zauberte einen Braten aus dem Sonderangebot, mehrere Salate, einen Apfelkuchen. Ich strengte mich an, doch innerlich war ich leer.
Das Mittagessen lief wie immer: Helga lobte Rainer in den Himmel, schimpfte auf die Politik und schickte mir giftige Spitzen.
Du wirkst ja ganz blass, Anna. Sind das schon deine echten Haarwurzeln? Keine Zeit mehr fürs Färben? Eine Frau muss sich zurechtmachen! Sonst schnappt sich noch eine Jüngere deinen Mann.
Rainer grinste selig und schenkte seiner Mutter noch ein Glas Wein ein.
Was solls, Mama. Sie findet eben keinen Job. Ist schwierig heute. Ich schmeiße gerade alles allein.
Ach du armes Kind! Schwiegermutter schlug theatrisch die Hände zusammen. Und Anna, dich sollt’s nicht schämen? Früher haben wir jede Arbeit angenommen, geputzt, um was dazuzuverdienen. Ihr seid halt verwöhnt ihr wollt Chef spielen!
Ich legte die Gabel beiseite und sah meinen Mann an. Er kaute nur weiter, zufrieden, endlich bewundert. Aber kein Wort der Verteidigung. Nicht einmal: Mama, Anna hat zwanzig Jahre alles gewuppt, jetzt darf sie auch mal durchatmen. Nein. Nur Selbstgefälligkeit.
Ich suche doch, Helga, sagte ich leise.
Du bemühst dich eben nicht genug!, entgegnete sie scharf. Wer wirklich sucht, findet!
Das war zu viel. Ich begriff: Diese Brücken waren abgebrannt. Nicht von mir, von ihnen. Mit diesem Schmatzen, diesen Vorwürfen und der Bettelei um Geld für Monatsbinden und Shampoo.
Eine Woche später kam mein erster Lohn, auf ein neues Konto, das Rainer nicht kannte. Ich starrte auf die SMS-Benachrichtigung: Überweisung eingegangen. Und ich lächelte.
An diesem Abend stellte ich kein Essen auf den Tisch. Nichts. Als Rainer fragte, was los sei, antwortete ich:
Es gibt nichts zu essen. Und von mir wird’s das künftig auch nicht mehr geben.
Ist das jetzt dein blöder Aufstand, oder was?
Ich meine es ernst. Ich gehe.
Wohin? Zum Supermarkt? Er wurde unruhig. Geld kriegst du von mir nicht eher, bis du die letzten Fünfzig abrechnest!
Ich gehe weg. Für immer.
Er erstarrte, völlig perplex. Bist du verrückt? Wo willst du denn hin? Wen interessierst DU denn noch? Du bist alt, arbeitslos, mittellos! Nach drei Tagen flehst du mich um Hilfe an!
Falsch, Rainer. Ich habe längst wieder einen Job. Seit zwei Wochen. Als Hauptbuchhalterin. Mit mehr als genug Gehalt. Ich ziehe aus. Ich brauche nichts mehr von dir.
Und das hast du verschwiegen? Bist du denn irre betrügst du deine Familie um Geld!
Familie? Die hast du vor vier Wochen abgeschafft, als du mir Kernseife für die Haare empfohlen hast. Einen Monat lang warst du kein Mann, sondern ein Aufseher. Jetzt weiß ich, mit wem ich zwanzig Jahre zusammen war. Danke für die Aufklärung.
Ich habe für uns gespart!
Dann spar weiter. Für einen goldenen Sarg.
Ich ging zur Tür.
Wart Anna! Bitte! Ich hab übertrieben, ja? Das war Stress! Bleib. Wir gehören zusammen. Ich kann dir jetzt gleich Geld überweisen!
Ich löste seine Hand und sagte ruhig: Behalte dein Geld. Versuch, dir davon ein Gewissen zu kaufen.
Auf der Treppe spürte ich kein Zittern, keine Angst mehr. Nur eine überwältigende, klare Freiheit wie ein blauer Himmel, selbst in diesem dunklen Treppenhaus.
Ich suchte mir eine kleine Wohnung in Schwabing, sonnig, ruhig. Gleich am ersten Tag kaufte ich alles, was mir verboten worden war: würzigen Camembert, echten italienischen Kaffee, frische Forelle, Weintrauben und einen Strauß Tulpen.
Abends, am eigenen Küchentisch, biss ich in mein Lieblingsbrot mit dick Butter und Lachs, trank Kaffee und blickte in die Lichter der Stadt. Endlich lebendig.
Vier Wochen später stand Rainer plötzlich mit Blumen in meinem Büro. Daheim ist alles chaotisch, mir fehlt das Familienleben. Komm zurück!
Ich ging raus, nahm den Strauß entgegen und sagte freundlich, aber klar:
Rainer, es ist vorbei. Ich habe die Scheidung eingereicht. Geteilt wird alles auch das berüchtigte Reservekonto. Gemeinschaftsgut.
Er wurde rot vor Ärger. Das habe ich alleine angespart!
Versuchs. Ich bin Buchhalterin. Ich weiß, was du so nebenbei verdient und verheimlicht hast, Rainer. Lass uns das besser fair klären.
Er trollte sich, schimpfte leise. Ich aber kehrte in mein Büro zurück, zu freundlichen Kollegen und duftendem Kaffee. Ich wusste: Die schweren Jahre waren vorbei. Nie wieder würde ich mich für ein Stück Brot demütigen lassen.
Denn: Brot, für das man selbst bezahlt hat, schmeckt immer am besten selbst, wenn es nur eine einfache, selbstgekaufte Scheibe Schwarzbrot ist.





