Für die Zukunft alles wagen

Fürs Risiko, für die Zukunft

Und wozu bitteschön brauchst du Berlin?!, rief Tim empört, als er sich abrupt zu Sabine umdrehte. Was ist denn hier so schlimm? Und warum passt dir der Studiengang an der Uni München nicht? Warum entscheidest du so einfach über solche Dinge, ohne mal wenigstens mit mir zu reden?

Sein Blick war eine Mischung aus Gekränktheit und ehrlicher Verblüffung, als könne er es selbst nicht fassen, dass Sabine so einen wichtigen Schritt nicht mal mit ihm diskutiert hatte. Innerlich fühlte er sich ein bisschen verraten.

Sabine kämpfte derweil schon tapfer mit ihren Nerven. Sie presste die Lippen zusammen, versuchte vernünftig zu sprechen, aber ihre Stimme zitterte leicht. Sie hatte bereits geahnt, dass das Gespräch nicht ohne Drama ablaufen würde und tja, jetzt war der Krach da.

Erstens: Das ist mein Leben und meine Zukunft, entgegnete sie. Und zweitens haben wir das nicht schon alles durchgekaut? Letztes Jahr, vor meinem Abi? Damals warst gerade du es, der mich davon abgehalten hat, nach Berlin zu gehen! Dabei habe ich schon als Kind von der Hauptstadt geträumt!

Ihre Stimme klang bitter und ihre Augen füllten sich mit Tränen die Enttäuschung nagte, auch wenn Sabine sie tapfer zu überspielen versuchte.

Tim blieb am Fenster stehen, verkrampfte die Finger am Fensterbrett, bis die Knöchel ganz weiß wurden als müsse er sich daran festhalten, um nicht vom eigenen Gefühlsorkan fortgespült zu werden.

Ja, das stimmt, ich habe dich damals überzeugt, sagte er nun etwas leiser, aber immer noch ganz aufgebracht. Ich versteh halt wirklich nicht, was der ganze Aufwand soll. Wieso nach Berlin? Die Mieten dort sind Wucher! Und ich habe hier doch meine eigene Wohnung.

In seinem Kopf liefen lichtdurchflutet die besten Zukunftsbilder ab: das lauschige Zuhause, Familie, Sicherheit, der berühmte deutsche Wohlstand eben. Doch jetzt fühlte sich all das plötzlich brüchig an, wie ein Kartenhaus in der Zugluft. Wenn Sabine nach Berlin geht wie sollen sie dann noch ein Paar bleiben? Sollte er ernsthaft fünf Jahre auf sie warten und jeden Abend grübeln, ob sie sich überhaupt nochmal meldet?

Ich verdiene gut, kann dir alles bieten, was du dir wünschst, argumentierte Tim und bemühte sich redlich, seine Gedankengänge verständlich zu machen. Du brauchst doch gar nicht arbeiten! Warum dann das ganze Theater mit dem Umziehen?

In seiner Stimme kroch echte Verzweiflung mit fast schon Flehen. Er wollte so gern, dass Sabine seine Welt zumindest für einen Moment mit seinen Augen sah.

Da war es vorbei mit Sabines Fassung. Sie schnellte vom Sofa hoch, die Wangen leuchteten feuerrot, Empörung blitzte in ihren Augen eine solche Richtung hatte die Diskussion in ihren schlimmsten Fantasien nicht genommen.

Und warum, bitte schön, denkst du, ich will dir auf der Tasche liegen?!, fuhr sie ihn an. Ich will eigene Brötchen verdienen das nennt man Emanzipation, schon mal gehört? Hausfrauendasein ist nicht mein Ding!

Sabine war überzeugt: Wer in dieser Welt klug ist, sorgt vor. Wer weiß, wie die Dinge laufen? Vielleicht trennen sie und Tim sich eines Tages, vielleicht bekommt er ein Burnout oder was weiß ich, es kann alles passieren. Was wird dann aus einer Frau, die immer nur Zuhause war und keine eigenen Euros verdient?

All das sprach sie lieber nicht aus Tim war ohnehin mit seinen Lebensplänen für die nächsten zwanzig Jahre beschäftigt. Er verstand nicht, dass alles jederzeit kippen kann: Die Firma macht dicht, die Abteilung wird eingespart und schwupps, unersetzbar ist man nur im eigenen Kopf.

Sabine hatte das schon mit 13 kapiert, damals, nach der Scheidung ihrer Eltern, als ihr Vater sich plötzlich nicht mehr an Unterhaltszahlungen erinnern konnte. Ihre Mutter musste alleine klarkommen, das Geld reichte hinten und vorne nicht. Hauptsache, sie wurden satt, mit neuen Klamotten war eh nichts zu machen die kamen von der älteren Cousine, neue Turnschuhe blieben ein Traum. Der Schmerz, das Gefühl, dass es ungerecht läuft, saß tief.

Später wurde es etwas besser die Mutter heiratete nochmal. Aber Sabine konnte damit nie recht warm werden: Ihr neuer Stiefvater ließ keine Gelegenheit aus, sie spüren zu lassen, dass sie das Brot eines anderen aß. Am Ende zog sie zu ihrer Oma die ihr zwar Halt gab, aber auf ihrer kleinen Rente kaum über Wasser blieb.

Das alles war Geschichte. Doch Sabine wusste, warum ihr Berlin so wichtig war. Mehr Möglichkeiten, mehr Chancen, ein Abschluss mit Renommee das öffnet Türen bei den großen Playern. Hier auf dem Land? Da geht die Karriere maximal ins Jugendamt oder ins örtliche Sparkassenbüro. Sie wollte Tim das alles erklären, ohne dass er ihre Worte als Rückzug aus ihrer gemeinsamen Zukunft missverstand.

Außerdem, sagte sie zögernd, könntest du doch einfach mitkommen nach Berlin? Hoffnung blinzelte in ihren Augen, als sie Tims Arm streifte. Schließlich ist doch eure Hauptzentrale da angesiedelt. Für dich wär das doch ein Klacks, dich versetzen zu lassen dein Chef hält doch große Stücke auf dich!

Ihre Worte schwebten optimistisch im Raum. Für Sabine war das die Lösung: Zusammen aufbrechen, zusammenbleiben, die Karriere wird irgendwie schon. Tim war ja schließlich kein Praktikant.

Und alles von neu auf anfangen? Tims Reaktion war eisig. Er zog seine Hand weg, sein Blick duster. Für ihn war der Gedanke, von München nach Berlin zu starten, als würde jemand vorschlagen, bei Null das Schuhebinden zu lernen. Warum sollte ich das tun? Hier kann ich was werden. Die Kollegen respektieren mich, die Chefs wissen, wer ich bin. So wies läuft, bin ich in zwei, drei Jahren vielleicht sogar Abteilungsleiter. Und in Berlin? Da bin ich nur noch der Neue, den erst mal keiner kennt.

Er sprach mit einer Bestimmtheit, als ob er mit jedem Satz einen Nagel einschlagen würde ein Musterbeispiel des deutschen Karrieredenkens. Hier: Sicherheit, Ansehen, Aufstieg. Dort: Risiko, Konkurrenz, alles auf Anfang.

Und für mich gibt’s die Perspektiven in Berlin! Punkt!, platzte es aus Sabine raus. Ihre Stimme bebte, Tränen stiegen auf, aber sie biss sich auf die Lippe jetzt bloß keine Schwäche zeigen. Wie sollte sie ihm noch erklären, wie viel ihr das bedeutete? Ich will nicht, dass du alles hinschmeißt. Nur prüf es doch wenigstens mal! Sprich mit deinem Chef. Das ist doch nicht zu viel verlangt.

Tim taxierte sie schweigend. Ihre Hände zitterten, der Blick huschte umher, als würde sie einen Ausweg suchen. War das wirklich nur wegen eines Diploms? Oder wartete da irgendwer auf sie? In seinem Inneren regte sich Eifersucht, die ihm die Kehle zuzog. Er versuchte, die Gedanken zu verdrängen Unsinn eigentlich , aber sie wollten nicht weichen.

Du glaubst, das ist alles so einfach?, erwiderte er stockend. Nachfragen, versetzen, alles stehen und liegen lassen und einen Neuanfang riskieren? Was, wenns schiefgeht? Dann sitzen wir ohne Job und ohne Perspektive da und alles, was ich hier aufgebaut habe, ist futsch.

Sabine atmete tief durch, suchte ihre Fassung.

Ich will nicht, dass du alles aus der Hand gibst, sagte sie leise. Aber warum nicht wenigstens ein bisschen nachdenken, reden, Optionen prüfen? Auch ich denke an unsere Zukunft. Ich stelle sie mir nur ein bisschen anders vor als du.

Tim wandte sich ab und starrte schweigend aus dem Fenster draußen spielten Kinder auf dem Hof. Ein Junge jagte Tauben hinterher, zwei Mädchen hüpften Seil, ein Kleinkind ackerte konzentriert mit einem roten Eimerchen im Sand. Aber Tims Gedanken hingen in der Luft fest wie eine Trader-Aktien-App nach zwölf Stunden.

Vor einem Jahr hatte Tim es noch geschafft, Sabine von Berlin abzubringen. Er hatte die richtigen Worte gefunden, sie überzeugt, dass auch München schön ist. Aber jetzt war alles anders: Die typische Unsicherheit, die Sabine früher hatte, war verschwunden jetzt stand sie aufrecht und kämpferisch in der Tür.

Was also tun? Die Mutter einspannen, vielleicht? Die konnte Sabine manchmal bremsen. Oder über Freunde gehen?

Oder hatte das alles gar nichts mit der Hauptstadt zu tun? Wollte Sabine mit dem Ganzen nur erreichen, dass er ihr endlich einen Heiratsantrag macht? So nach dem Motto: Take it or leave it? Aber sie riskierte alles… Bei diesem Gedanken wurde es ihm flau.

Er rang mit sich, während der innere Kessel aus Angst, Ärger und Sorge um Sabine regelrecht brodelte.

Also hör zu, sagte Tim schroff, ohne sich zum Fenster umzudrehen. Seine Stimme klang fremd, eisig. Wenn du an diesem Unsinn mit Berlin festhältst und wirklich gehst dann ist hier Schluss. Und zwar für immer. Ich werde nicht warten, bis du vielleicht mal zurückkommst, will auch nicht wissen, was du dort treibst, während ich hier Däumchen drehe. Überlegs dir gut was ist wichtiger: irgendein scheinbarer Karriereschub oder eine Ehe, eine Familie?

Die Worte kamen ihm schwer über die Lippen, aber diesmal meinte er es todernst.

Mit einem lauten Knall haute Tim die Tür nach außen zu. Von der Wand fiel ein kleiner Bilderrahmen und das Glas zersprang auf dem Teppich. Keiner achtete darauf.

Sabine stand mitten im Zimmer und versuchte, zu begreifen, was ihr da gerade widerfuhr. Was war das jetzt eben bitte?, dachte sie entgeistert. Hatte Tim tatsächlich geglaubt, dass sie ihm in einer anderen Stadt sofort fremdgehen würde? Ihr kam das alles albern und absurd vor. Und dann dieses Ehe-Thema war das gerade ein Antrag gewesen? Also so hatte sie sich einen Antrag nicht vorgestellt! Sie hatte von Blumen, Romantik, vielleicht einem Sonnenuntergang geträumt… und bekam stattdessen Krawall mit Drohung.

Sabine kochte vor Wut und Verletztheit. Nicht ein Funken Verständnis, nur dieser blöde Machtkampf um ihre Zukunft.

Brauchte sie das wirklich? Wollte sie ihr ganzes Leben ausrichten nach den Plänen von Tim? Sich begraben unter seinen Vorstellungen von Stabilität? Warum ging er nicht mal einen Zentimeter ihr entgegen? Selbst sein Chef hatte ihm das mit dem Versetzungsangebot schon durchblicken lassen! Aber Tim der hatte eine Heidenangst davor, irgendwann in der Hauptstadt nicht bestehen zu können, nicht mehr der King zu sein.

Sabine seufzte schwer. Es war offensichtlich: Tim konnte nicht akzeptieren, dass sie Träume hatte. Und er wurde dabei zum Inspirationskiller erster Klasse.

Sabine trat ans Fenster und blickte hinaus irgendwo da draußen lag Berlin, die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten. Und hier? Hier war zwar Tim ihr Liebling, der immer für einen guten Witz gut war. Aber: Es gibt viele Männer auf dieser Welt, aber nur ganz selten bekommt man die Chance, den eigenen Traum wahrzumachen. Gerade jetzt, da sie so klar wusste, was sie wirklich wollte.

Langsam, aber unerschütterlich, wuchs die Entscheidung in ihr heran. Sie hatte ihre Träume lange genug hintenangestellt.

Sie straffte die Schultern und sagte leise, aber unbeirrbar zu sich selbst:

Ich gehe nach Berlin.

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Sabine steckte systematisch ihre Sachen in den Koffer und versuchte, die Hände ruhig zu halten. Ihren Rücken durchbohrte Tims Blick vorwurfsvoll, gekränkt. Er stand in der Tür, Arme vor der Brust verschränkt, als würde er Wache schieben. Aus seinem Blick sprach das Unverständnis: Wie konnte sie nur nicht ihn wählen? Wie war ihr die eigene Zukunft wichtiger als das Zusammensein?

Sabines Finger zitterten leicht, während sie ihre Kleider zusammenfaltete. Mit dem Ärmel wischte sie sich resolut eine Träne ab. Keine Zeit für Sentimentalitäten, jetzt musste sie einen klaren Kopf bewahren: Kleider zusammenlegen, Bücher stapeln, alles ordentlich einpacken, alles hatte seinen Platz.

Noch einmal reden? Total überflüssig. Alles war gesagt, und Worte hätten es nur schlimmer gemacht. Vielleicht machte sie jetzt gerade die größte Dummheit ihres Lebens der Gedanke kroch immer wieder hoch. Was, wenn sie es in Berlin nicht schaffte? Ihre Vorbereitung war gut, aber Berlin war ein anderer Schnack. Wenn sie daran scheiterte, würde sie zurückkriechen müssen, gescheitert, und Tim hätte sicherlich längst eine neue, die sein Hausfrauenmodell besser zu schätzen wusste.

Doch Sabine ließ sich dadurch nicht abhalten. Sie schloss endlich den Koffer, nahm ihn an die Hand, warf sich die Tasche über die Schulter und ging auf die Tür zu. Ihr Herz hämmerte wild, aber unter allem schwang eine seltsame Erleichterung mit endlich bewegte sich was. Das war nicht nur Angst, das war der Puls der Freiheit.

Sie schaute Tim an, der noch immer regungslos dastand.

Ich muss das machen, sagte Sabine ruhig. Es ist meine Chance. Mein Weg.

Ohne ein weiteres Wort zogen Koffer und Sabine gemeinsam los ins Unbekannte, ins Neue. Angst, ja, aber vor allem das Gefühl: Jetzt wird endlich gelebt!

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Zehn Jahre später kehrte Sabine nach München zurück ihre Mutter feierte einen runden Geburtstag. Sabine stieg vor dem alten Wohnhaus aus dem Taxi und warf einen prüfenden Blick auf die vertraute Nachbarschaft. Alles erschien plötzlich kleiner die Straßen, die Häuser, die Bäume. Aber im Herzen wurde ihr warm: Hier hatte ihre Geschichte angefangen, hier lagen die Erinnerungen.

Sabine war der Inbegriff von Erfolg der Hosenanzug maßgeschneidert, das Perlenkettchen dezent, der Gang selbstbewusst. Die Männer auf der Straße schauten unauffällig, aber interessiert. Doch Sabine entging das völlig. Die Verunsicherung von damals war verschwunden, die alten Zweifel abgelöst von Freundlichkeit und innerer Ruhe. Sie lebte längst mit dem Menschen, mit dem sie alt werden wollte und das Wissen darum machte sie frei.

Die Entscheidung, nach Berlin zu gehen, war die beste ihres Lebens gewesen. Alles kam ins Rollen Abitur mit Auszeichnung, Abschluss an der Humboldt-Uni, Job-Angebot von einem internationalen Konzern. Wo andere noch ihre Lebensläufe polierten, durfte Sabine schon an die Chefetage klopfen. Ihre große Wohnung blickte direkt ins Grüne, jeden Morgen gabs Kaffee am Fenster mit Blick in den Park. Im Keller ein flotter BMW, auf dem Konto genug Euro, um spontan den Jakobsweg zu laufen oder einfach mal einen Asia-Urlaub zu buchen. Und, sehr wichtig: Sie war niemandem finanziell ausgeliefert. Auch nicht ihrem Mann.

Ihr Ehemann, Michael, war kein Multimillionär und kein Start-up-Papst, aber als Abteilungsleiter eines großen Unternehmens sorgte er für einen soliden Lebensstandard. Nie mussten sie sich für das neue Sofa rechtfertigen oder Socken dreimal flicken. Es war Teamarbeit Gleichberechtigung, Respekt, ein bisschen Berliner Schnauze und viel praktische Liebe. Kennengelernt hatten die zwei sich in Berlin, als Michael noch ihr Mentor im Job war. Sabine erinnerte sich immer noch daran, wie er sie zu Beginn unterstützte, ihr Mut machte und sie immer zum Lachen brachte. Aus Teamwork wurde Liebe, und aus Kollegen wurde Familie.

Ihre fünfjährige Tochter Angelina klebte, eine stolze Schleife im blonden Haar, wie ein Kaugummi an Sabine. Das Mädchen trug eine hübsche, bemalte Schmuckschachtel, die sie gemeinsam in Kreuzberg ausgesucht hatten. Angelina tippelte nervös auf der Stelle und flüsterte: Mama, wann darf ich Oma endlich das Geschenk geben?

Sabine lächelte, als sie ihre Tochter so sah. In deren wissbegierigem Blick entdeckte sie sich selbst so stark, so voller Träume. Sabine fuhr Angelina zärtlich durchs Haar: Bald, Mäuschen, gleich. Oma wird sich sehr freuen!

Angelina nickte, drückte die Schachtel fester und schmiegte sich an Mamas Hand. Sabine schloss einen Moment die Augen und spürte ein Strahlen in sich. Ja, alles war gut. Sie hatte die richtige Entscheidung getroffen für sich selbst und für das Leben, das sie wollte.

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Tim? Was machst du denn hier?, fragte Sabine erstaunt, als sie ihren Ex unter den Gästen entdeckte. Für einen Moment rumpelte ihr Herz los wie bei einer Achterbahnfahrt doch sie fing sich schnell und lächelte lässig. Du standest doch nie auf Mamas Freundesliste?

Ich habe ihn eingeladen, sagte Sabines Mutter salopp, mit einem typisch bayerischen Grinsen. Seit fünf Jahren treffen wir uns regelmäßig. Achja, und er ist jetzt mit Annette verheiratet, mit der Tochter von meiner Schulfreundin. Das hast du wohl verpasst, was?

Muss ich etwa Tims Liebesleben verfolgen?, Sabine hob die Augenbraue und bemühte sich um einen Tonfall irgendwo zwischen neutral und witzig. Ganz kalt blieb sie trotzdem nicht ein Rest alter Wunde machte sich bemerkbar. Dafür fehlt mir wirklich das Zeitbudget!

Tim stand ein paar Meter abseits, nervös die Hände in den Taschen seines Anzugs vergraben, und starrte zu Sabine hinüber. Den ganzen Abend schon musterte er sie verstohlen, mal voller Zorn, mal mit einem Anflug von Wehmut. Da standen sie: Sabine erfolgreich, souverän, umgeben von Glück und Familie. Tim musste innerlich grinsen-grimmig feststellen: Ja, bei ihr liefs.

Er schaute noch einmal auf ihr elegantes Outfit. Die Tochter sprang kichernd ums Bein ihrer Mutter und zupfte sie am Ärmel. Erst jetzt wurde Tim klar, dass er all die Jahre Sabines Weg heimlich verfolgt hatte sie nie ganz loslassen konnte. Im Stillen hatte er gehofft, dass sie in Berlin grandios scheitern und reumütig zurückkommen würde. Dann hätte er rufen können: Hab ichs doch gesagt!

Aber alles war anders gekommen. Sabine hatte gewonnen. Anders als er.

Mit dem Job hatte Tim nämlich weniger Glück. Die Münchner Filiale der Firma schloss vor vier Jahren und seitdem hangelte er sich von Projekt zu Projekt Einkommen mal so, mal so, aber nie wieder wie früher. Dafür hatte er sich jahrelang festgebissen, geglaubt, unersetzlich zu sein und dann das.

Was wäre gewesen, wenn ich damals mit nach Berlin gegangen wäre? Die bohrende Frage ließ ihn jetzt nicht mehr los und nagte an seinem Selbstbewusstsein wie eine deutsche Steuerprüfung. Er konnte sich richtig ausmalen, wie sich alles hätte fügen können: neue Chancen, neues Level, Sabine an seiner Seite. Aber nein, damals wählte er den deutschen Klassiker: Ultimatum statt Kompromiss.

An dem Tag hatte er Sabine gezwungen, sich zu entscheiden, dachte, er müsse seine Werte verteidigen. Er glaubte, dass sie bleibt. Dass er gewinnt. Dass sie es nicht schafft.

Aber jetzt, wo er Sabine so glücklich sah und Angelina, die ihren Esprit und ihr Kinn von der Mutter geerbt hatte , wurde ihm schmerzhaft bewusst, dass ER damals alles verloren hatte. Familie, Liebe all das, was vielleicht hätte sein können.

Tim umklammerte sein Saftglas so fest, dass es beinahe barst. Da wurde ihm klar: Sein Sicherheitsbedürfnis, seine Prinzipien letztlich war es bloß Angst. Angst, dass ein anderer Weg ihn aus der Bahn werfen könnte.

Er hatte Sabine verloren. Für immer. Die Fragen Was wäre wenn? ließen sich jetzt nicht mehr beantworten außer mit einem Schulterzucken voller Reue.

Er überlegte, ob er rübergehen und wenigstens ein paar Worte sagen sollte. Vielleicht ein klitzekleines Sorry oder einfach nur ein Glückwunsch. Aber da trat Michael zu Sabine, legte ihr entspannt den Arm um die Schulter und flüsterte ihr etwas ins Ohr.

Sabine lachte, unverstellt, herzlich. Ihr Blick antwortete dem ihres Mannes voller Wärme, wie ein eingespieltes Team. Ein stummes Stillleben, in dem alles gesagt war: Zusammenhalt, Liebe und niemals mehr Zweifel.

Da wusste Tim: Sie hatte damals riskiert und gewonnen. Und er? Er war stehengeblieben und alles verloren.

Tim drehte sich um und schlenderte schweigend zum Ausgang. Jeder Schritt fiel schwer. Er schaute noch einmal auf einen alten Fotoabzug, auf dem Sabine und er damals jung und voller Pläne Arm in Arm und lachend zu sehen waren. Eine melancholische Falte grub sich in seine Stirn: So viel Naivität, so viel Hoffnung.

Er legte die Hand auf das Bild, als könnte er damit die Zeit zurückdrehen.

Ein letzter Blick dann verließ er den Festsaal: Hinter ihm blieben die Party, das Lachen und vor allem all das, was hätte sein könnenSabine bemerkte im Augenwinkel, wie Tim verschwand. Einen Moment lang überkam sie eine Welle leiser Traurigkeit nicht um ihn, nicht um die alte Liebe, sondern um das, was sie beide verloren hatten: Die Illusion, dass das Leben planbar ist, dass Sicherheit vor allem zählt. Dann griff Angelina nach ihrer Hand, und Sabine beugte sich lachend hinab, ließ das Gestern sanft los. Die Stimmen ihrer Familie und Freunde, das Gläserklingen, der Duft nach Apfelkuchen all das vermischte sich zu einem warmen Klangteppich.

Mitten im Geburtstagsgedränge hob sie ihre Tochter auf den Arm. Weißt du, Mäuschen, flüsterte Sabine, es gibt im Leben manchmal Wege, da muss man sich einfach trauen. Auch wenns weh tut. Und weißt du was? Mut macht glücklich. Angelina strahlte sie an, der Schleifenhut verrutschte ein wenig, und Sabine musste lächeln.

Von draußen fielen goldene Sonnenstrahlen durch die Fensterscheibe auf die Festgesellschaft. Sabine atmete tief durch. Sie spürte es körperlich: Dies hier, genau hier, war die Zukunft, für die sie gekämpft hatte.

Draußen bog Tim mit hängenden Schultern in die Seitenstraße ein, während drinnen das kleine Mädchen endlich der Oma das Geschenk überreichte und die Familie in schallendes Lachen ausbrach. Im selben Augenblick wusste Sabine: Es war nicht der Mut der anderen gewesen, der ihr den Weg geebnet hatte. Es war ihr eigener. Und jetzt, da sie angekommen war, gehörte die Welt ihr mit all ihren Farben, mit allen Möglichkeiten.

Sie drückte Angelina an sich und schloss die Augen. Manchmal beginnt Glück mit nichts weiter als einem Koffer, einer Entscheidung und dem festen Glauben daran, dass der eigene Traum es wert ist.

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Homy
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