EINE BEGEGNUNG AN SILVESTER
Nach Hause wollte Elisabeth heute überhaupt nicht. Der Arbeitstag am einunddreißigsten Dezember war kurz gewesen, und all ihre Kolleginnen verschwanden direkt zu ihren Familien, ihren Ehemännern, Kindern und dem Kartoffelsalat. Strahlend, beschwingt und mit leuchtenden Augen verließen sie das Büro in ihren Händen riesige Tüten voller Mandarinen und natürlich eine Flasche Sekt, ein Geschenk von ihrem Chef, Wolfgang Heinrich.
Doch zu Hause wartete niemand auf Elisabeth. Und auch einen Salat musste sie für niemanden zubereiten. Seufzend warf sie einen Blick auf den Sack Mandarinen, der auf ihrem Schreibtisch thronte, und ihr Herz wurde ganz schwer.
Zuhause? Nein, da wollte sie heute bestimmt nicht hin. Also vertiefte sich Elisabeth noch weiter in den Abschlussbericht. Nach einer Weile lugte Wolfgang Heinrich zur Tür herein, leicht außer Atem, mit offener Lammfelljacke und Wollmütze der einzige Mann in ihrem Team und gleichzeitig der Chef.
Mensch Elisabeth, was machst du denn noch hier ganz alleine? Kannst du dir das vorstellen, ich habe das Geschenk für meine Frau vergessen!, sprudelte er heraus, schon war er wieder in seinem Büro verschwunden.
Nach fünf Minuten tauchte er erneut auf. Sag mal, warum bist du eigentlich noch da? Warum gehst du nicht heim?
Ich bin ja eh allein zu Hause, Herr Heinrich.
Er, eben noch auf dem Sprung zu seiner Frau, blieb überrascht stehen, kam an ihren Schreibtisch und setzte sich zu ihr. Ein paar Sekunden herrschte Schweigen, dann sah er sie mit ernster Miene an.
Ach Mensch, Elisabeth, das darf doch nicht sein. Es ist Silvester! Warum so ein Gesicht? Feiern muss man, lächeln muss man. Mit so einem Gesicht bist du noch ewig allein. Komm schon, Kopf hoch!, sagte er, begann, ihre Unterlagen zusammenzusammeln und stapelte sie eifrig Die anderen habe ich auch gleich gehen lassen, und sie
Herr Heinrich, machen Sie sich keine Sorgen. Ich gehe gleich, Sie können ruhig zu Ihrer Frau. Ich räume alles selber auf und schließe ab.
Ganz sicher?, fragte er skeptisch.
Natürlich, machen Sie sich keine Mühe!
Na dann guten Rutsch!
Wieder seufzte Elisabeth. Eigentlich war es albern, im Büro zu verweilen sie musste los.
Vielleicht sollte ich Pizza bestellen, dachte sie. Ob die Pizzerien noch aufhaben?
Die erste Nummer nahm gar nicht ab. Die zweite erreichte sie, doch die junge Frau dort verkündete fröhlich, dass der Laden nur bis sechs geöffnet hätte und wünschte ihr einen schönen Jahreswechsel. Ein Blick auf die Uhr: 18:05. Ein drittes Mal versuchte sie es und siehe da ihre Bestellung wurde angenommen. Sie sammelte ihre Sachen, schlüpfte in ihre Jacke, griff nach Mandarinen und Sekt und verließ das Büro.
Draußen stockte ihr einen Moment der Atem wie wunderbar der Winterduft schmeckte, und der Schnee knirschte wohlig unter den Schuhen. Die Straßenlaternen strahlten, und bunte Lichterketten blinkten überall. Familien, Paare und Freunde hasteten nach Hause, die Arme voller Tüten und Geschenkpakete. Noch waren einige Läden geöffnet, und last-minute-Käufer schlenderten auf der Suche nach Geschenken durch die Gänge. Allmählich fiel auch Elisabeth die festliche Unruhe wie ein köstlicher Schleier über die Seele.
Was mache ich eigentlich?, tadelte sie sich und steuerte zügig auf die sich öffnende Tür des Supermarkts zu.
Kurze Zeit später sortierte sie ihre Einkäufe in der Küche. Hoffentlich werden die Kartoffeln rechtzeitig gar.
Sie schaltete den Fernseher ein, hing die neu gekaufte Lichterkette ans Fenster und schloss sie an: Freudig surrten die bunten Lämpchen um den Fensterrahmen. Spontan schwenkte Elisabeth die Arme durch die Luft und warf sich an die Zubereitung ihres Silvestermenüs.
Na und? Für sich soll man ja auch Kochen!
Während auf dem Balkon die Kartoffeln für den Salat auskühlten, belegte sie Brote mit ihrer Lieblings-Lachscreme und Kaviar. Die im Supermarkt gekauften Wurst- und Schinkenspezialitäten drapierte sie mit Sorgfalt auf Salatblättern auf einer großen Platte. Eine Schale mit Käsewürfeln, ein frischer Ananas, Mandarinen von Herrn Heinrich. Bald war auch der Salat fertig und die Hähnchenkeulen bruzzelten duftend in der Pfanne.
Elisabeth rollte einen kleinen Beistelltisch an die Couch heran, deckte ihn mit einer schönen Spitzendecke, stellte Teller auf, dazu Sektglas und Saftglas, Besteck daneben. Sie trat ein Stück zurück und musterte stolz ihr Werk, als würde sie gleich Gäste erwarten.
Um halb zwölf wollte sie den Sekt öffnen, als plötzlich die Türsprechanlage schrillte.
Sie haben Pizza bestellt?, meldete sich eine muntere Männerstimme.
Oh Gott, das hatte ich ja ganz vergessen!, rief Elisabeth.
Natürlich! Kommen Sie hoch, drückte sie auf den Summer.
Als sie dem sympathischen jungen Mann mit der eckigen Pizzabox öffnete, fragte sie: Was bekomme ich von Ihnen?
Gar nichts. Nehmen Sie sie einfach so, ist ein Geschenk!
Er grinste freundlich. Aber das geht doch nicht, Sie müssen doch abrechnen
Keine Sorge, das ist als Entschädigung für die späte Lieferung. Jetzt nehmen Sie endlich Ihre Pizza!
Elisabeth bemerkte, dass sie noch immer die ungeöffnete Sektflasche in der Hand hielt.
Halten Sie mal kurz, bat sie und reichte sie ihm, während sie die Pizza entgegennahm.
Sie sehen nicht gerade wie ein Bote aus, bemerkte sie, als sie zurückkam.
Bin ich auch nicht. Ich bin der Inhaber. Hab die Angestellten zu ihren Familien geschickt. Silvester halt. Später sah ich, dass Ihre Bestellung noch offen war da hab ich den Sekt eingepackt und die Pizza selbst gebracht. Zuhause wartet eh niemand auf mich. Aber auf die Pizza wird immerhin gewartet.
Noch zehn Minuten!, rief Elisabeth, öffnen Sie sofort den Sekt, sonst verpassen wir das Anstoßen!
Na klar, gibt es Gläser?
Während Elisabeth zwei Gläser holte, knallte es schon laut.
Auf das alte Jahr!
Auf das alte Jahr!
Sie stießen an, nahmen einen kräftigen Schluck Sekt.
Was haben wir jetzt gemacht!, lachte Elisabeth.
Was denn?, fragte der Mann.
Sie haben doch Sekt getrunken sind Sie nicht mit dem Auto da?
Ja, er grinste wieder breit.
Und wie kommen Sie jetzt nach Hause?
Gar nicht mehr ans Steuer heute.
Und ein Taxi zu bekommen ist jetzt utopisch
Utopisch, wiederholte er zufrieden.
Dann machen Sie es sich bequem Schuhe aus und rein! Sonst verbringen wir Silvester im Flur.
Wow, bei Ihnen ist es echt gemütlich.
Schnell, schenken Sie ein, der Kanzler hält schon seine Rede!
Prost, auf das neue Jahr äh
Elisabeth, half sie aus.
Auf das neue Jahr, Elisabeth! Ich bin Oliver.
Prost, Oliver! Probieren Sie mal den Salat, hab ich selbst gemacht aber leider nur einen Satz Besteck. Nehmen Sie ruhig den Salatlöffel, essen Sie direkt aus der Schüssel!, sprudelte Elisabeth los, heiter und unbefangen.
Sie mochte Oliver, mochte seine unkomplizierte Art.
Aus der Schüssel schmeckts noch besser. Elisabeth, haben Sie vielleicht Schwarzbrot? Mein Magen knurrt wie verrückt.
Natürlich, kommt sofort!
Als sie zurückkam, hatte Oliver bereits in jeder Hand eine abgeknabberte Hähnchenkeule.
Entschuldigung, ich konnte nicht widerstehen, das war zu lecker. Elisabeth, Sie können wirklich gut kochen!
Wie ich mich freue, Oliver! Ich dachte, das landet alles im Müll. Schau nur, wie viel ich vorbereitet habe. Allein? Nie hätte ich das geschafft.
Wer sagt denn allein? Ab heute helfe ich!
Na dann, ran ans Buffet!
Auch Elisabeth bemerkte, wie hungrig sie war.
Gemeinsam aßen sie aus der Schüssel, tranken Sekt, schauten die Silvestershow im TV und plauderten über alles Mögliche.
Der Sekt ist aus!, stellte Elisabeth fest.
Ich hole noch welchen aus dem Auto!
Moment ich komme mit.
Draußen vor Olivers Wagen funkelte und krachte das Feuerwerk über der Stadt.
Wissen Sie was, Elisabeth? Heiraten Sie mich! Nicht gleich aber in einem Jahr! Sie sollen mich ja noch kennenlernen.
Das meinen Sie doch nicht ernst?
Und ob!, lachte Oliver.
Dann verspreche ich, darüber nachzudenken.
Aber jetzt, feiern wir weiter?
Elisabeth lachte und nickte freudig, Oliver schnappte den Beutel aus dem Auto und gemeinsam verschwanden sie zurück in die warme Wohnung, um die Nacht weiter zu feiern.
Bis morgen früh schaffen wir das schonDrinnen setzten sie sich nebeneinander aufs Sofa, während draußen der Himmel leuchtend bunt explodierte. Die letzten Minuten des alten Jahres zählten sie gemeinsam und lachten, als sie sich dabei in die Augen sahen und für einen Moment vergaßen, dass sie sich eigentlich gar nicht kannten. Um Mitternacht mischten sich die Stimmen vom Balkon, die Sirenen in der Ferne und der ausgelassene Jubel aus dem Fernseher zu einem wilden Chor.
Elisabeth und Oliver stießen noch einmal an, doch diesmal sagten sie nichts, sondern hörten nur, wie das leise Klirren ihrer Gläser vom prasselnden Feuerwerk verschluckt wurde.
Schließlich, als die Raketen verebbten und über der Stadt leise Flocken zu tanzen begannen, blickte Elisabeth hinaus. Neben ihr lag die leere Pizzaschachtel, halbvolle Schüsseln, zwei Gläser Zeugen eines unerwarteten Festes. Die Schatten der bunten Lichterkette auf dem Fensterrahmen tanzten immer noch über Olivers Gesicht.
Elisabeth atmete tief ein. Es roch nach Mandarinen, Sekt und nach einem Neuanfang.
Frohes neues Jahr, Oliver, flüsterte sie.
Er nahm ihre Hand, fest und warm, als wollte er sagen: Jetzt bist du nicht mehr allein.
Und während in der Stadt langsam wieder Ruhe einkehrte, ahnte Elisabeth, dass in dieser Nacht nicht nur das Jahr gewechselt hatte sondern auch ihr Leben.





