Samstag ohne Mama

Samstag ohne Mama

Der Topf mit Buchweizen köchelte damals auf dem Herd, und dieses Blubbern war für Annemarie längst mehr als nur ein Geräusch. Es war wie ein Taktgeber, der den Tag strukturierte. Zwei Stunden bis zum Mittagsschlaf von Gregor. Noch vierzig Minuten, bis Thomas am Tisch zu nicken begann. Fünfzehn Minuten, um selbst hastig und stehend am Waschbecken etwas zu essen, bevor beide Jungs womöglich gleichzeitig wach wurden.

Gregor war im Februar genau zwei Jahre und vier Monate alt geworden und saß auf dem Linoleumboden der Küche, das Spielzeug-Kochtöpfchen vor sich. Plastikkarotten flogen nach rechts, Brokkoli nach links, der Spiel-Maiskolben segelte in einem großen Bogen unter den Kühlschrank. Thomas, fünf Jahre alt und am Freitag immer besonders ernst, stand am Fenster und kommentierte das Dorfgeschehen, als sei er ernannter Ortsbeobachter.

Mama, warum hat die Frau da so einen großen Hund? Hat die einen Bären als Haustier?

Komm vom Fenster weg, Thomas.

Aber Mama, der Hund ist wirklich wie ein Bär! Oder noch größer! Mama, hörst du mich?

Annemarie hörte. Annemarie hörte immer alles, auch wenn sie gern mal einfach nichts hören wollte. Sie rührte gleichzeitig im Buchweizen, schob mit dem linken Fuß den Maiskolben weiter von Gregor weg, damit er ihn nicht in den Mund steckte, und schaute kurz zur Milch auf der zweiten Herdplatte. Die Milch für Gregors Frühstücksbreidie neigte nämlich dazu, immer genau dann überzukochen, wenn Annemarie gerade abgelenkt war.

Ich höre dich, Thomas. Das ist bestimmt so eine große Rasse. Es gibt eben große Hunde.

Wie heißen die?

Ich weiß es nicht, Liebling.

Warum nicht? Du bist doch erwachsen.

Gregor ließ das Kochtöpfchen fallen. Ein lauter Knall, dass beide zusammenzuckten. Gregor blickte auf das Töpfchen, als wundere er sich, wie es ganz allein hatte herunterfallen können. Dann hob er sein Gesicht und sagte:

Bumm.

Bumm, stimmte Annemarie ihm zu.

Sie nahm den Topf mit der Milch gerade noch rechtzeitig vom Herd. Ein kleiner Erfolg an diesem langen Abendund sie nahm sich eine kurze Atempause. In diesem Moment klickte das Schloss der Haustür.

Thomas stürzte los, ehe Annemarie recht begriff, was vor sich ging.

Papa! Papaaaaa! Papa, draußen ist eine Frau mit einem Bärenhund! Komm schnell mit!

Sebastian kam mit der Haltung eines Mannes, der den ganzen Tag Güterwaggons entladen hätte, dabei saß er im Büro, am Computer, bei Zentralheizung. Das Sakko offen, die Krawatte verschoben, strich er Thomas zerstreut über den Kopf, stieg über Gregors verstreute Stiefel und erschien schließlich in der Küchentür.

Hallo. Gibts was zu essen?

Annemarie schaute ihn für eine Sekunde an, drehte sich dann zum Herd.

Buchweizen in zehn Minuten.

Buchweizen, sagte er, mit einer Betonung, in der unausgesprochen doch alles mitgemeint war.

Mit Frikadellen. Die sind im Ofen.

Ach so. Na, dann. Er öffnete den Kühlschrank, starrte in die Leere wie auf den fahlen Horizont. Sag mal, warst du heute draußen?

War ich. Im Edeka.

Na, bist du wenigstens frische Luft schnappen gegangen?

Darin lag nichts wirklich Böses. Oder alles Schlechte zugleich. Annemarie wusste es selbst nicht so genau.

Genug Luft, sagte sie trocken. Als ich zwei schwere Tüten und den Kinderwagen gleichzeitig geschleppt hab, hab ich ziemlich tief geatmet.

Sebastian goss sich Saft ein und trank. Gregor hatte inzwischen seine Hosenbeine entdeckt und klammerte sich daran wie an einen alten Schatz.

Pa-pa, sagte er bedächtig.

Hallo, mein Großer. Sebastian hob ihn hoch, warf ihn einmal spielerisch in die Luft. Gregor kicherte diesen glucksenden Kleinkind-Lachen, in dem aller Staunen über die Welt steckt. Ganz schön schwer geworden. Isst er denn gut?

Er isst wunderbar.

Der ist aber moppelig geworden.

Er wächst halt, Sebastian.

Thomas kam in die Küche, stellte sich diplomatisch zwischen die Eltern.

Papa, bist du kaputt?

Ich bin ziemlich müde, mein Junge. Sehr müde.

Mama auch?

Sebastian warf Annemarie einen Blick zu. Sie rührte im Topf.

Mama war heute zu Hause, sagte Sebastian. Ohne Vorwurf, eher sachlich. Worte, weiter nichts. Mama hatte frei.

Der Löffel in Annemaries Hand erstarrte für einen Moment, dann drehte sie weiter.

Thomas, geh bitte Hände waschen, sagte sie gleichmütig.

Aber Ma

Hände. Waschen. Bitte.

Thomas schlich zur Tür wie ein kleiner alter Mann, dem man eine wichtige Arbeit entzogen hatte. Gregor zappelte auf Sebastians Arm, streckte sich zu Annemarie hinüber. Sebastian setzte ihn ab, und Gregor stapfte zu ihr, klammerte sich an ihre Jeans.

Mama. Mama. Mama.

Ich bin da, mein Schatz.

Mama!

Ich hör dich, mein Spatz.

Sebastian nahm am Küchentisch Platz, zückte sein Handy. Bläuliches Licht spiegelte sich in seinen Augen.

Sag mal, Annemarie, hast du eigentlich das Fleisch bestellt, von dem ich letzte Woche gesprochen habe?

Wollte ich morgen machen.

Ich hab aber schon letzten Freitag Bescheid gesagt.

Ich weiß. Mache ich morgen.

Is dann schon spät, ich wollte doch am Wochenende grillen

Sebastian, sagte sie leise, nicht gereizt, eher milde, aber etwas in der Stimme ließ ihn vom Handy hochblicken. Ich war seit sieben heute wach. Gregor wurde halb sieben wach, ich war dann auf, dann Frühstück, dann Thomas Bastelstunde, dann Einkauf, dann Mittag, dann hat Gregor keinen Mittagsschlaf gemacht und war über eineinhalb Stunden am Weinen, dann hat Thomas das Lego in alle Zimmer verteilt, hab ich wieder eingesammelt, und dann hab ich angefangen, das Abendessen zu kochen.

Sebastian hörte zu. Das Handy lag noch in der Hand, aber sein Blick war jetzt bei ihr.

Schon klar, sagte er nach kurzem Schweigen. Aber du bist doch zu Hause. Das ist nicht wie auf der Arbeit.

Die Frikadellen waren rechtzeitig fertig, goldbraun. Annemarie holte das Blech aus dem Ofen.

Nein. Das ist nicht dasselbe.

Mit ruhigen Bewegungen deckte sie den Tisch. In ihrer Stimme lag eine Ruhe, die aus einer Entscheidung erwuchsdie nur sie selbst kannte.

Das Abendessen war wie immer: Thomas erzählte vom Bärenhund und bestand darauf, ihn morgen zu suchen. Gregor zermatschte begeistert den Buchweizen am Hochstuhl, wie ein junger Künstler, dem jede Form zu eng ist. Sebastian aß, starrte ins Handy, antwortete manchmal einsilbig auf Kinderfragen. Annemarie aß stehend, den unruhig werdenden Gregor mit Grimassen unterhaltend. Dann kippte Gregor die Wasserflasche um, Annemarie säuberte Tisch, Stuhl, Boden, Gregor. Thomas bestellte Nachschlag Frikadellen, aber es war keine mehr da und er war wirklich enttäuscht, als ginge es um mehr als nur eine Frikadelle.

Willst du ein Butterbrot, Thomas?

Will kein Brot, will Frikadelle!

Es gibt keine mehr. Es gibt Brot, Quark, Apfel.

Will nichts davon. Will Frikadelle.

Es gibt keine mehr, Thomas.

Warum hast du nicht mehr gemacht?!

Weil ich nicht mehr geschafft habe.

Ach Mamaaa…

Gregor sagte dazu: Nein.

Alle schauten ihn an.

Noch einmal zufrieden: Nein. Und patschte auf den Buchweizenrest.

Thomas lachte. Die Anspannung zerstreute sich. Annemarie räumte ab, spülte, badete Gregor, während Sebastian in der Stube saß und Fernsehen schaute. Dann putzte sie Thomas die Zähne, legte Gregor mit Fläschchen schlafen, las Thomas eine Ewigkeit Autos vor, bis er endlich einschlief. Erst dann lehnte sie sich im Flur an die Wand.

Aus dem Wohnzimmer tönten Stimmen vom Fernseher, draußen rauschte die Samstagnacht auf der Dorfstraße.

Annemarie stand ein paar Minuten so, dann ging sie ins Schlafzimmer. Sie schob einen kleinen Koffer unter dem Bett hervor und begann, Sachen zu packen. Ruhig, methodisch, so wie Menschen tun, die lange entschieden haben und nun nur auf den Moment gewartet haben.

Sebastian kam gegen elf Uhr vorbei.

Was machst du?

Ich packe Sachen.

Seh ich. Wohin gehst du denn?

Ins Stille Ufer. Das ist ein kleines Gästehaus hinterm Dorf. Hatte schon am Mittwoch reserviert. Zwei Nächte.

Er setzte sich aufs Bett, überrascht wie einer, der eben etwas gänzlich Unerwartetes erfährt.

So einfach? Am Wochenende?

Am Wochenende.

Und wir? Die Kinder?

Annemarie steckte ein Buch ein, das sie seit einem halben Jahr nicht angerührt hatte.

Du schaffst das, Sebastian. Du hast doch eine Woche im Büro ausgeruht.

Sie sagte es ohne jede Bitterkeit, und gerade das war so deutlich.

Sebastian öffnete den Mund. Schloß ihn wieder. Versuchts noch einmal.

Wegen der Frikadelle?

Nein.

Wegen was denn?

Nicht wegen etwas Bestimmtem. Sie schloss den Koffer. Ich brauch zwei Tage Ruhe. Ich fahre morgen früh, bin Sonntagabend zurück. Kühlschrank ist voll. Gregors Brei auf der zweiten Ablage, beschriftet. Thomas isst alles, außer gekochte Zwiebeln. Gregor schläft nur mit Flasche und Bär, der ist im Kinderbett. Beide baden gern. Das ist alles.

Annemarie…

Ich möchte jetzt schlafen. Können wir morgen reden?

Sie ging morgens, bevor er wach war.

Er hörte die Haustür, blieb noch minutenlang liegen, starrte an die Decke. Dann beschloss er, es werde schon klappen. Zwei Kinder. Ein Tag. Was kann da schon dran sein?

Um Viertel vor sieben meldete sich Gregor.

Er brauchte, um zu kapieren, dass das kein Straßengeräusch war. Es kam aus dem Kinderzimmer. Und da war Gregor, stand am Gitterbett, beide Hände am Rand, schaute erwartungsvoll zur Tür.

Hallo, sagte Sebastian.

Mama!, sagte Gregor.

Papa. Ich bin Papa.

Mama!

Mama ist fort, Kumpel. Aber ich bin da.

Gregor dachte darüber nach. Sein Gesicht sagte: Das reicht nicht.

Mama, wiederholte er, als habe Sebastian bloß nicht richtig gehört.

Mama ist nicht da. Ich mach dir Frühstück.

Sebastian nahm ihn auf den Arm. Gregor griff sich Sebastians Wange, zog spielerisch am Ohr, wechselte von Mama zu einem ausgiebigen Schweigen.

Na komm, seufzte Sebastian. Ab in die Küche.

Die Küche hatte damals das Licht des Samstagmorgens, und Sebastian keinerlei Plan. Gregor schaute sehr ernst am Hochstuhl. Sebastian fand unzählige Behälter im Kühlschrank. Gregors Brei. Zwei Minuten in der Mikrowelle. Butter dazu. Früh. Sorgfältig beschriftet. Butter, wohl ein Stückchen, zugegeben, kurz umgerührt, minimal gesalzen.

Gregor sah den Brei.

Nein, sagte er.

Doch, das ist dein Brei.

Nein.

Deine Mama hat den extra gemacht, schmeckt gut.

Nein.

Gestern hast du den doch gegessen.

Gregor betrachtete den Brei. Schaute Sebastian in die Augen und sagte mit größtem Ernst:

Will nicht.

Sebastian stellte die Schale vor ihn. Sofort schob Gregor sie weg, fast wäre sie runtergeglitten. Dann stellte er sich auf den Stuhl. Dann fingerte er im Brei.

Gregor, nicht mit den Fingern.

Nicht, nickte Gregor, und bohrte gleich noch einen Finger ins Essen.

Gregor!

Ah!

Sebastian nahm die Löffel, hielt sie an Gregors Mund. Gregor presste die Lippen zusammen, entschlossen wie einer, der einen Schwur leistet. Die Löffel verharrte. Pause. Sebastian hielt den Löffel. Gregor öffnete nicht.

Da tippelte es aus dem KinderzimmerThomas, im Schlafanzug, die Haare wild, das Gesicht ernst.

Papa, warum hat Mama mich nicht geweckt? Sie weckt mich doch immer.

Mama ist in einem Hotel.

Wo?

In einem kleinen Hotel, wo man ausruhen kann.

Warum sind wir nicht mit?

Mama wollte allein ausruhen.

Thomas ließ das sacken.

Vor uns?

Nicht nein. Sie wollte einfach allein entspannen.

Hats dort ein Schwimmbad?

Weiß nicht.

Rutschen?

Weiß ich echt nicht.

Dann ruf Mama an.

Mama hat ihr Handy aus.

Thomas sah ihn mit tiefem Misstrauen an.

Wie, aus? Sie geht sonst immer ran. Ich ruf sie doch oft an

Diesmal ist es eben aus.

Kurze Pause.

Papa, sagte er langsam. Kannst du Pfannkuchen?

Pfannkuchen?

Samstags macht Mama immer Pfannkuchen. Ist doch Samstag.

Sebastian schaute zu Gregor, der sich inzwischen mit dem Brei verschmierte. Zu Thomas. Auf die Uhr. Sieben Uhr vierzehn.

Ja, sagte er. Kann ich.

Konnte er nicht. Vielleicht mal, vor fünfzehn Jahren. Milch, Eier, Mehl, das wusste er noch. Proportionen musste er im Handy nachschauen. Thomas saß dabei, beobachtete alles wie ein Praktikant am ersten Tag, kaute auf einem eigenmächtig geholten Stück Brot.

Der erste Pfannkuchen warwie sollte es anders seinunbrauchbar. Festgeklebt, zerrissen. Sebastian kratzte die Reste ab.

Papa, der ist nix geworden.

Seh ich.

Warum?

Die Pfanne war zu kalt.

Mama fettet die Pfanne immer zuerst ein.

Ich weiß, Thomas.

Hast dus vergessen?

Nicht vergessen, ich gleich wirds klappen.

Der zweite entstand besser. Nicht mamamäßig, aber essbar. Thomas aß ihn beglückt mit gezuckerter Kondensmilch, die er selbst herausgesucht hatte. Gregor hatte inzwischen einen Banane bekommen und wirkte zufrieden.

Gegen zehn Uhr ließ Sebastian sich mit Kaffee aufs Sofa fallen und fand: Das läuft doch. Gregor spielte auf der Spieldecke, Thomas baute etwas. Draußen schien die Oktober-Sonne ins Dorf.

Genau in dem Moment entdeckte Gregor das Telefonkabel.

Sebastian ahnte nicht sofort, was geschah. Ein komisches Geräusch, das Kabel spannte sich da zog Gregor schon am Notebook-Ladekabel oben auf dem Schreibtisch. Sebastian sprang, rettete das Laptop im letzten Moment, aber die Kaffeetasse kippte um. Kaffee ergoss sich langsam, seelenruhig über die Tastatur.

Sebastian starrte überrascht auf das Gerät. Dann blieb der Bildschirm schwarz.

Ach, ne, murmelte er.

Papa, was ist? rief Thomas aus seinem Zimmer.

Nichts, Thomas, alles gut.

Küchenrolle ist auf dem Halter!

Super.

Die Tastatur wurde notdürftig abgetupft, Laptop angeschaltetmehrere Tasten tot. Mit Hoffnung ins Reispacken (stand so im Internet), Kabel entfernt und gegen ein Spielzeugauto an Gregor getauscht, der sogleich in die Ecke trottete.

Im Arbeitslaptop war eine Präsentation, die bis Montag fertig sein musste.

Sebastian schloss die Augen für drei Sekunden, öffnete sie: weitermachen.

Thomas brütete leise über seinen Bausteinen, was irgendwie beruhigend wirkte. Während der Laptop im Reispaket ruhte, fiel Sebastian ein, dass das Ladekabel im Auto lag, er holte es. Als er zurückkam, war Gregor verschwunden.

Thomas, wo ist Gregor?

Weiß nicht. Irgendwohin gegangen.

Wohin?

Na, irgendwo da. Thomas winkte Richtung Flur.

Sebastian lief durch Haus und Flur. Nichts. Bad Nichts. Offene Tür zum Schlafzimmer.

Da saß Gregor im Kleiderschrank, umgeben von heruntergefallenen Sachen, hielt Annemaries Schal. Glücklich.

Wie bist du da reingekommen?

Gego, sagte Gregor mit Ernst und meinte: Gregor.

Gregor, raus da.

Nein.

Doch, komm.

Nein!

Sebastian ging in die Hocke, streckte die Hände aus. Gregor blickte zum Schal, dann zu Sebastian, legte den Schal erstaunlich sorgfältig auf die Ablage und stieg, ganz würdevoll, aus dem Schrank.

Brav, meinte Sebastian.

Mittags war Sebastian einiges klar geworden: Kinder sind klein, aber nicht so leicht im Zaum zu halten. Ihre Bewegungen sind unberechenbar; da, wo eben noch ein Kind war, ist plötzlich keins mehr und irgendwo, wo niemals eines sein sollte, ist plötzlich ein Kind. Wenn zwei Kinder zeitgleich Unterschiedliches wollen, hat man stets verloren. Nebenbei noch zu kochen fühlt sich an, als jongliere man mit lebenden Meerschweinchen.

Er kochte Maultaschen. Das schien einfachtatsächlich fand er eine Tüte Maultaschen Hausgemacht im Gefrierschrank, kochte sie auf. Thomas sagte, er esse keine Maultaschen.

Was heißt das? Die mochtest du doch immer!

Früher ja, jetzt nicht.

Warum nicht?

Will Suppe.

Sebastian fand im Kühlschrank einen beschrifteten Behälter: Hühnerbrühe für zwischendurch, nur aufwärmen. Kartoffeln und Karotten dazu und zwanzig Minuten gekochtThomas überwachte alles und gab Tipps. Gregor schlief. Ihn hatte Sebastian mit Geduld und Bärchen zum Mittagsschlaf gebracht.

Die Suppe war dünn, aber Suppe. Thomas aß sie, schmeckt gut, aber wie bei Mama eben nicht, und lief wieder weg. Sebastian aß die Maultaschen, im Stehen.

Als Gregor schlief, beschäftigte sich Sebastian mit dem Laptop. Mit externer Tastatur ging es notdürftig. Auf einmal herrschte im Kinderzimmer verräterische Stilledas war nie ein gutes Zeichen.

Thomas hatte filzstiftmalend ein Raketenbild auf dem großen weißen Kissenbezug hinterlassenals Geschenk für Gregor. Sebastian erklärte ihm, dass Bettwäsche zum Malen nicht gedacht war, gab ihm stattdessen Papier. Während er die Kissenhülle zur Waschmaschine brachte, fiel ihm ein: Das hätte gestern schon gemacht sein müssen, Annemarie erinnerte ihn daran. Er sortierte die Wäsche, fand Pulver, stellte auf 60 Grad Baumwolle, und machte weiter.

Nach Gregors Mittagsschlaf wiederum ging alles in den bekannten Takt. Gregor hatte nach dem Schlaf besonders abenteuerlichen Appetit auf die Welt, Sebastian musste den geregelten Nachmittag neu erfinden.

Gegen vier war die Wäsche fertigüberraschend rosafarben, zumindest alle hellen Sachen. Der bemalte Kissenbezug war blasser, der Filzstift nur halb entfernt, alles in sanftem Lachsrosa: Socken, Handtücher, Hemd, Decke.

Thomas!

Ja?

Komm bitte mal.

Thomas betrachtete die Wäsche: Schön!

Thomas, das war nicht der Plan. (Whg.: Schön.)

Mama findet rosa schön, sagte Thomas.

Sebastian wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Er hing die Wäsche auf, überlegte, wie er Annemarie das erklären sollte.

Um fünf verlangte Thomas nach Abendbrot.

Gibts um sechs.

Ich hab Hunger jetzt.

Nimm einen Apfel.

Will keinen Apfel.

Thomas

Papa, wann kommt Mama wieder?

Zum ersten Mal direkt gefragt.

Morgen Abend.

Fehlt sie dir?

Ja.

Mir auch. Gregor auch, der kanns halt nicht sagen.

Sebastian blickte zu Gregor, der mit Autos spielte und leise dazu murmelte.

Wahrscheinlich hast du recht, sagte Sebastian.

Papa, konntest du Mama nicht bitten, nicht wegzufahren?

Konnte ich. Hab ich aber nicht gemacht.

Warum?

Weil sie müde war. Sie brauchte Ruhe.

Kann man nicht auch zu Hause ausruhen?

Manchmal ist es besser so, wie Mama es gemacht hat.

Thomas überlegte, akzeptierte es.

Zum Abendessen gab es Bratkartoffeln, Sebastians Spezialität. Mit Petersilie. Thomas aß mit Genuss, Gregor ebenfalls. Das freute Sebastian mehr als erwartet.

Papa, das schmeckt toll. Kochen kannst du!

Ein Gericht!

Reicht. Mama sagt, wenn man eine Sache richtig kann, ist das schon super.

Sebastian lachte. Da hat Mama recht.

Nach dem Abendessen räumte er alles ab, spülte, während Thomas Serien schaute, Gregor auf dem Fußboden mit Autos spielte. Es war nicht das erste Mal in seinem Leben, dass Sebastian Geschirr wusch, aber jetzt war es anders. Während es im Hintergrund krabbelte und plärrte, wurde ihm bewusst: Annemarie machte das jeden Tag. Und dann sagte er einfach: Du bist doch den ganzen Tag zu Hause

Er stellte Teller weg. Nahm einen Lappen und wischte das Kühlschrankglas, wo Gregor ein Händchenabdruck hinterlassen hatte. Einen Moment lang tat er das alles, während er nachdachteüber die Arbeit, die Annemarie immer leistete, sichtbar und unsichtbar.

Um Viertel nach sieben schlief Gregor auf dem Fußboden ein, den Kopf auf ein Auto gelegt. Sebastian hob ihn auf, trug ihn ins Kinderzimmer.

Mama, murmelte Gregor und schloss die Augen.

Papa, flüsterte Sebastian. Papa ist da.

Papa. Gregor testete das Wort, es schien ihm zuzusagen; er schlief fest in Sebastians Arm ein.

Thomas durfte noch etwas Fernsehen, bat dann selbst darum, schlafen zu gehen. Papa, bleibst du morgen mit uns?

Bin den ganzen Tag mit euch, bis Mama abends kommt.

Gehen wir in den Park?

Klar.

Mit Gregor?

Natürlich.

Der läuft so langsam.

Dann gehen wir langsam.

Händeschütteln, fast ein Vertrag.

Um halb elf war alles still. Sebastian brachte Thomas ohne ihn zu wecken ins Bett, deckte beide Jungen zu, die Wohnung still. Dann saß er abends in der Küche, trank Tee, schaute sich um: Eine typisch belebte Kinderküche. Überall Spuren, kleine Flecken, Krümel. Händeabdrücke auf Kühlschrank, getrocknete Flecken auf dem Kindertablett, die er noch nicht ganz entfernt hatte. Er räumte auf. Wischte, fegte Krümel auf. Tat das alles langsamer als gewöhnlichnicht aus Faulheit, sondern weil er nachdachte.

Er legte sich um Mitternacht hin.

Um zwei Uhr schrie Gregor.

Sebastian schleppte sich müde ins Kinderzimmer. Gregor stand da, beleidigt, weil die Welt nicht so war wie erwartet. Sebastian nahm ihn, trug ihn hin und her, bis er gegen drei schlief. Sebastian blieb sicherheitshalber noch zehn Minuten sitzen. Dann wieder ins Bett.

Um zehn vor sieben das gleiche Spiel. Der Sonntag begann noch grauer als der Samstag. Sebastian machte Brei, fütterte, räumte auf, weckte Thomas, der versprach, nach dem Frühstück in den Park zu gehen.

Das Anziehen dauerte vierzig Minuten. Gregor wollte keine Mütze. Dann keine Jacke. Thomas fand seinen Schuh nicht, er lag seit Vortag im Bad. Die Mudkinderstiefel waren voller eingetrocknetem Lehm. Sebastian schrubbte sie, während Thomas sich anzog und Gregor die Mütze wieder auszog.

Im Park war es sehr schön. Gregor ging tatsächlich sehr langsam. Trat an jede Pfütze, jede Kante, jeden Vogel heran. Die Tauben ließen sich von Kind zu Kind locken und flogen, als Gregor fast da war, auf, was ihn immer wieder überraschte. Thomas rannte voraus, stoppte, kehrte zurück. Sebastian ging mit Gregor Seite an Seite und hatte Brotkrümel dabei.

Schau, Gregor, sagte er, jetzt kommen sie. Er streute Krümel, Gregor stand regungslos. Eine Taube wagte sich näher, dann die nächste, sie pickten. Gregor sah sie an, als sei dies das größte Wunder Deutschlands.

Siehst du?, wisperte er.

Er sagte nie viele Wörter am Stück, aber solche Sätze überraschten selbst Sebastian.

Sehe ich, flüsterte er zurück.

Vögel. Unsere, sagte Gregor und sah Sebastian an. Unsere Vögel. Unsere, antwortete Sebastian.

Heimwärts schlief Gregor auf Sebastians Schulter ein schwebend schwerer als im Wachen, das wusste jede Mutter und jeder Vater.

Zu Hause legte er Gregor ins Bett, ohne ihn zu weckensein zweites Tageserfolgserlebnis. Thomas stellte den Fundstein aufs Fensterbrett neben die vertrocknete Topfblume und forderte Sebastian auf, diese zu gießen. Das tat er. Die Blume sah wirklich traurig aus, aber trank willig Wasser.

Wächst die wieder?

Wir werden sehen.

Mama sagt, man soll mit Blumen sprechen.

Wirklich?

Ja, schon mal gehört. Mach du mal.

Sebastian beugte sich zur Blume. Wachse, sagte er. Mehr!, forderte Thomas. Bitte schön wachsen, du Blume.

Das passte. Thomas nickte zufrieden.

Zum Mittag kochte Sebastian Suppe richtig von Grund auf und Thomas verlangte sogar Nachschlagso einen Lob hatte es nie zuvor gegeben.

Nach dem Essen widmete sich Sebastian der Wohnung. Nicht aus Ehrgeiz, sondern weil er langsam begriff, dass diese ganze unsichtbare Arbeit immer einfach irgendwie da ist und irgendjemand sie erledigen muss. Er saugte das Wohnzimmer erst mussten die Spielsachen beiseite. Thomas half teils, Gregor folgte dem Staubsauger und kommentierte. Später entdeckte Sebastian das Badund brachte auch das in Schuss. Er wechselte die Handtücher aus fand einen Stapel frischer im Schrank hängte die alten in die Waschmaschine. Die rosa Wäsche ließ ihm keine Ruhe, er fand im Internet, dass Weißzauber Oxygen helfen kann. Er legte die Belohnungen darin ein.

Gegen halb fünf war er ganz gleichmäßig müde. Keine arbeitsmüde Mattigkeit, sondern diese gleichmäßige Erschöpfung, die alles durchzieht, ohne dass etwas besonders schmerzt. Die Glieder schwer, der Rücken von Gregors Gewicht verspannt.

Er saß und dachte nachwie das Leben von innen aussieht. Nicht so, wie wenn man nach Hause kommt: Kinder gewaschen, Wohnung halbwegs ordentlich, Essen steht auf dem Tisch. Sondern mittendrin. Ohne Feierabend, ohne Schnitt.

Er dachte: Er hatte geglaubt, zu Hause mit Kind wäre einfacher. Weicher. Und Annemarie konnte ruhig lesen, entspannen, wenn Gregor schlief. Nein. Nicht einfacher. Anders. Aber nicht leichter.

Gegen sechs klingelte das Telefon.

Annemaries Nummer. Er erkannte sie nicht sofort.

Hallo, sagte sie.

Ihre Stimme war anders. Ruhiger, entspannter, als hätte etwas Altes endlich Pause gemacht.

Hallo, sagte er. Wie gehts dir?

Gut. Ich bin auf dem Rückweg, bin in eineinhalb Stunden da.

Schön. Die Kinder sind okay. Gregor schläft, Thomas spielt

Das freut mich. Und dir? Wie gehts?

Kurzes Nachdenken.

Ich bin müde.

Schweigen am anderen Ende. Kein Vorwurf einfach Schweigen.

Verstehe, meinte sie leise.

Annemarie

Hm?

Er wollte eigentlich etwas Banales sagenBring Brot mit oder so etwas. Stattdessen sagte er:

Es tut mir leid. Für Freitag. Was ich da gesagt hab.

Stille. Dann:

Was genau?

Dass du zu Hause nur ausruhst.

Ach so. In ihrer Stimme schwang diesmal etwas Mitgefühl.

Ich habs nicht verstanden, gestand er. Jetzt schon. Zumindest ein wenig.

Gut, sagte Annemarie. Das ist gut, Sebastian.

Komm gut heim.

Bin schon unterwegs.

Sie kam um halb acht. Thomas hörte sie durch das Türschloss noch als Erster und rannte ihr entgegen. Sebastian hängte Gregor auf den Arm, der beim Erwachen im Bett gesessen hatte.

Annemarie trat ins Wohnzimmer. Sie sah gut aus. Nicht wie aus der Werbungaber wie jemand, der sich ausgeschlafen hat und etwas Ruhe genossen hat.

Sie betrachtete Gregor auf Sebastians Arm. Gregor fixierte sie intensiv, dann hauchte er ein leises:

Mama?!

Ich, sagte Annemarie. Ich bin da.

Sie nahm ihn, drückte ihn fest. Gregor bohrte die Nase an ihren Hals.

Alles in Ordnung? fragte Sebastian.

Alles gut.

Ich hab Suppe gekocht. Kartoffeln sind auch da vom Mittag.

Annemarie sah ihn an und da war etwas Neues in ihrem Blick. Weicher.

Du hast Suppe gemacht?

Richtig selbst. Thomas sagt, sie war gut.

Thomas sagt, sie war gut?

Nicht wie bei dir, aber lecker, bestätigte Thomas, der stolz in der Tür stand.

Das ist doch eine Auszeichnung!, lachte Annemarie. Es war das erste Mal seit langem, dass Sebastian sie ungezwungen lachen hörte.

Sie aßen gemeinsam in der Küche. Thomas erzählte von der rosa Wäsche, Annemarie blickte Sebastian an, er zuckte entschuldigend mit den Schultern:

Filzstift in der Maschine.

Hab ich gesehen. Du hast Weißzauber benutzt?

Ja, stand so im Internet.

Das hilft hoffentlich. Und wo ist der Kissenbezug mit Rakete?

Auch eingeweicht.

Rakete weg?

Halb. Der Rest ist so eine Art Geisterrakete.

Papa meinte, das ist ruiniert, sagte Thomas. Aber ich wollte Gregor doch was schenken.

Ich weiß, mein Schatz. Die Idee ist super, nur Kopfkissen sind ein schlechter Malgrund.

Papa hat das auch gesagt.

Dann sind wir mal einer Meinung, lächelte Annemarie ihn an.

Gregor löffelte die Suppe. Immer wieder schaute er hoch, ob Annemarie immer noch da war. Sie war da, und er aß weiter.

Nach dem Essen spülte Sebastian ohne Kommentar, während Annemarie Gregor ins Bett brachte.

Als sie aus dem Kinderzimmer kam, wusch er noch den letzten Topf.

Sebastian, sagte sie.

Ja?

Danke.

Fürs Spülen?

Auch fürs Spülen.

Er stellte den Topf ins Regal, trocknete sich die Hände ab, drehte sich zu ihr.

Schläft Thomas schon?

Fast. Er liest mit der Taschenlampe unter der Decke, denkt, ich merke nichts.

Sag ihm morgen, dass dus nicht gesehen hast.

Lieber nicht. Soll seinen Spaß haben.

Sie lehnten sich an die Küchenarbeitsplatte. Aus dem Kinderzimmer hörte man leises Blättern. Sonst war es still.

Darf ich dich was fragen?, bat Sebastian.

Gern.

Bist du schon lange so kaputt? Oder erst neuerdings?

Annemarie überlegte, lehnte sich gegen den Kühlschrank.

Schon länger. Früher dachte ich, das gehört einfach dazudass ich es einfach so schaffen muss.

Und dann?

Dann hatte ich das Gefühl, ich stemme alles allein. Nicht weil du nicht da bistdu bist ja da. Aber dieses Zusammenspiel, als ob wir gleichberechtigt wirken, das fehlte.

Sebastian schwieg. Schaute sie an.

Ich kann mich mit solchen Dingen schlecht ausdrücken, gab er zu.

Ich weiß.

Aber ich verstehe dich. Wenigstens jetzt.

Annemarie nickte. Das ist viel wert, Sebastian.

Ich will mehr. Mehr machen. Nicht nur, wenn du abhauen musst.

Sie schaute ihn lange an, dann lächelte sie ein anderes Lächeln als früher, weniger stolz, mehr ruhig.

Dann lass uns klare Regeln machen. Nicht Ich helfe, sondern: Wer, wann, was.

Abgemacht.

An den Wochenenden machst du morgens die Kinder. Ich schlafe bis acht.

Geht klar.

Unter der Woche kocht jeder jeden zweiten Tag.

Ich kann nicht viel.

Du lernsts. Ich habs auch gelernt.

Was noch?

Erst mal das.

Okay.

Stille. Über dem Flur hörte man weiter das Blättern.

Lesen, sagte Sebastian.

Lesen, wiederholte Annemarie.

Sie blieben noch einen Moment, spürten, dass diese Stille nicht leer war, sondern erfüllt. Dann gähnte Annemarie.

Geh ruhig schlafen. Ich sag Thomas gute Nacht.

Er schläft nicht.

Weiß ich. Nur kurz gute Nacht.

Mach das.

Als sie im Schlafzimmer war, blieb Sebastian einen Augenblick allein in der klaren Küche stehen. Dann klopfte er leise an Thomas Tür.

Ich schlaf nicht, murmelte Thomas.

Darf ich rein?

Klar.

Thomas lag im Bett, das Buch zugeklappt, Taschenlampe aus.

Gelesen?

Bisschen.

Worum gings?

Über Schiffe. Ein Junge fährt auf einem Riesenschiff.

Spannend?

Sehr. Papa, fahren wir auch mal Schiff?

Vielleicht.

Mama sagt immer vielleicht, wenn sie nein meint.

Ich meine auch vielleicht, weil ichs wirklich nicht weiß.

Thomas überlegte.

Na gut. Gute Nacht, Papa.

Gute Nacht, Thomas.

Papa?

Ja?

Ich bin froh, dass Mama zurück ist.

Ich auch.

Und dass ihr normal geredet habt, nicht gestritten.

Hast du das gehört?

Nicht richtig. Nur die Stimmen. Aber es klang gut.

Alles in Ordnung, Thomas.

Gut. Weil wenn ihr streitet, kann ich nicht schlafen.

Das war so schlicht und treffend, dass Sebastian schluckte.

Ich verstehe. Wir geben uns Mühe.

Abgemacht, sagte Thomas feierlich.

Sebastian machte das Licht im Flur aus, schaute ins Kinderzimmer: Gregor schlief fest, Bär im Arm. Schlafzimmer: Annemarie lag im Bett, das Buch in der Hand, aber schon eingeschlafen.

Er legte sich dazu. Eine Weile Dunkelheit.

Annemarie?

Hm?

Wie war es in der Pension?

Pause. Dann:

Schön. Still. Gutes Essen. Es gibt einen kleinen Teich. Enten.

Enten, wiederholte Sebastian.

Ganz dumme Enten. Sie laufen jedem hinterher, der Krümel bringt.

Thomas hätte Spaß gehabt.

Und Gregor erst. Der würde hinter den Enten herrennen.

Vielleicht fahren wir mal alle zusammen hin.

Vielleicht.

Schweigen. Draußen erstarb die Dorfstraße. Die Kinder schliefen.

Sebastian.

Ja?

Morgen bist du mit Kochen dran.

Pause. Dann lachte er leise.

Kartoffeln kann ich jedenfalls.

Ich mag auch Kartoffeln.

Okay.

Okay, murmelte sie schon verschlafen. Gute Nacht.

Gute Nacht, Annemarie.

Montagmorgen kam; alles wie immer. Sebastian stand um halb sieben auf. Gregor schlief noch, Thomas auch, Annemarie schlief. Er ging in die Küche, stellte den Wasserkocher an, holte Gregors Brei aus dem Kühlschrank, erwärmte ihn. Er zog die Vorhänge aufNiesel, grauer Morgenglanz wie jeden Herbst in Deutschland.

Kein besonderer Tagund doch war etwas anders. Nicht aufdringlich, nur ein wenig.

Er berührte die welken Blätter der Topfpflanze am Fenster, die er gestern gegossen hatte. Die Erde war noch feucht. Die untersten Blätter wirkten einen Hauch weniger grau. Vielleicht nur eine Einbildung.

Wachse, sagte er leise. Zur Pflanze. Vielleicht auch zu allem andern.

Der Wasserkocher klickte. Gregor rief hinter der Wand. Gleich würde all das wieder losgehen, was jeden Morgen geschahlaut, fordernd, chaotisch, nie endend. Doch etwas war neu: Er war nicht allein damit.

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Homy
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