Sabine lag auf dem Sofa und starrte an die Decke. Unruhige Gedanken raubten ihr den Schlaf. Wie könnte sie auch schlafen, wenn ihr kleiner Liebling krank ist? Warum nur habe ich sie in diese Kita gebracht? Wäre sie noch ein, zwei Tage zu Hause geblieben, hätte sie sich diese blöde Krankheit vielleicht gar nicht eingefangen…

11. Oktober

Heute Nacht konnte ich kaum schlafen. Ich lag auf dem Sofa im Wohnzimmer, starrte die Decke an und drehte mich von einer Seite zur anderen. Die Sorgen um meine Tochter ließen mich einfach nicht zur Ruhe kommen. Wie soll man schlafen, wenn dein eigenes Kind krank im Bett liegt? Ich frage mich ständig, warum ich sie gestern überhaupt in den Kindergarten gebracht habe. Hätte ich sie zuhause gelassen, wäre sie jetzt vielleicht gar nicht krank geworden

Mein Herz zog sich vor Sorge zusammen, und ich hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Ich stand auf und trat ans Fenster. Über dem kleinen Ort Senftenberg hing ein tristes, wolkenverhangenes Herbstgrau. Es regnete nun schon seit drei Tagen beinahe pausenlos so ein typischer, nieseliger Regen, der einfach nicht aufhören will. Ich seufzte schwer. Dann hörte ich, wie meine Tochter Lena sich im Bett unruhig regte, im Schlaf stöhnte und prompt zu husten anfing. Ich eilte zu ihr und legte meine Hand auf ihre glühende Stirn. Auch ohne Fieberthermometer konnte ich spüren, dass sie wieder hohes Fieber hatte. Leise knipste ich das Nachtlicht an, holte doch das Thermometer und schob es ihr unter die Achsel.

Vierzig! Mein Gott, was mache ich bloß?

Lena öffnete schlaftrunken die Augen.

Papa, mir ist heiß

Schon gut, mein Schatz. Natürlich ist dir heiß, du hast Fieber

Plötzlich wachte Paul, mein Sohn, auf und setzte sich zu uns. Ich holte schnell das Fiebersenkende und machte alles bereit. Doch trotz aller Bemühungen sank die Temperatur kaum. Gegen Morgen flackerte dann das blaue Licht des Notarztautos über den Hof und der Rettungsdienst brachte mich mit Lena ins Krankenhaus.

Die Krankenschwester war freundlich und ließ sich von meiner Angst nicht beirren. Mit routinierter Hand setzte sie den Tropf bei Lena.

Keine Sorge, wir kriegen das schon hin. Alles wird wieder gut.

Ich konnte nur resigniert nicken.

Bald darauf fühlte Lena sich tatsächlich besser. Sie schlug die Augen auf und bat um etwas zu trinken. Ich drehte mich um und bemerkte, wie ein Mädchen von der Nachbarliege mit riesigen, blauen Augen zu uns herüberschaute. Etwa sechs Jahre alt, zierlich, fast durchsichtig, mit ungekämmten hellen Haaren, die wirr auf schmalen Schultern lagen. Sie trug löchrige Strumpfhosen und ein ausgewaschenes T-Shirt. Unter dem Bett standen anstelle von Hausschuhen Turnschuhe im blauen Überzug.

Hallo.

Guten Tag. Seid ihr heute Nacht gekommen?

Ja, das stimmt.

Wie heißt ihr denn?

Ich heiße Herr Meier, das ist meine Tochter Lena. Und du?

Ich bin Annegret.

Bist du schon lange hier?

Ja. Am Freitag darf ich raus.

Das dauert ja noch. Heute ist erst Montag.

Ist deine Mama bei dir?

Nein Meine Mama ist schon gestorben, da war ich noch klein. Und mein Papa Der hat zu viel getrunken, ist dann auch gestorben. Danach kam ich ins Kinderheim.

Sie seufzte altklug.

Ich wohne dort jetzt. Aber hier mag ich es lieber. Das Essen ist besser und die Großen ärgern einen nicht.

Annegret stand auf und zog ihre Turnschuhe an.

Gleich gibts Frühstück. Soll ich dir was bringen?

Lass mal, das mache ich lieber selbst

Mir schmerzte das Herz, als ich ihr nachsah. Meine ältere Zimmernachbarin schaute der Kleinen ebenfalls hinterher, schüttelte traurig den Kopf und flüsterte: Ein liebes Kind, so höflich und freundlich. Sie hatte es wirklich schwer

Ich wollte gerade etwas erwidern, als mein Handy klingelte.

Hallo?

Wie gehts euch, mein Junge? Wie geht es Lena?

Mama, wir sind im Krankenhaus.

Ach du liebe Güte. Was ist passiert?

Keine Sorge, Lenas Fieber ist hochgegangen, aber jetzt gehts besser. Die Ärzte tippen auf Bronchitis, sie schläft gerade.

Meine Mutter schniefte besorgt. Mein armes Enkelchen. In welchem Krankenhaus seid ihr? Ich komme sofort vorbei. Was soll ich mitbringen?

Mama, ich habe meine Hausschuhe vergessen und Lena ihre rosa Schlafanzughose. Und noch was Hier ist ein Mädchen aus dem Heim. Kannst du vielleicht Shampoo und Seife mitbringen? Und du hast doch noch Sachen von Sonja übrig, oder?

Welches Mädchen denn, Junge?

Ich erzähle dir später. Bring einfach ein, zwei Shirts, einen Bademantel und Leggings mit. Am wichtigsten: Hausschuhe in ungefähr Größe 29, okay?

Mach ich. Ich komme gleich vorbei.

Am nächsten Morgen war Lena schon wieder viel fröhlicher und spielte vergnügt mit ihrer neuen Freundin. Ich ging auf den Flur und hielt eine Krankenschwester an.

Kommt denn niemand zu Annegret?

Nein. Die holen sie erst bei der Entlassung ab.

Darf sie baden?

Die Schwester lächelte traurig: Sie sollte. Leider fehlt die Zeit dazu

Abends war Annegret kaum wiederzuerkennen: sauber gewaschen, mit frischer Schlafanzugjacke und nagelneuen rosa Hausschuhen, auf denen stickende Hunde zu sehen waren. Sie strahlte vor Glück. Die geschenkten Sachen von uns legte sie sorgsam unter ihr Kopfkissen die Hausschuhe sogar unter die Matratze.

Warum versteckst du die Sachen, Annegret?, fragte ich sie leise.

Damit sie nicht geklaut werden

Mir blieb nur ein Seufzer.

Als das Licht ausging, machte Annegret die Augen zu und träumte, wie sie Hand in Hand mit Lena durch sonnendurchflutete Straßen lief, auf der anderen Seite hielt ich sie an der Hand. Sie wünschte sich so sehr, auch eine Mama und einen Papa zu haben. Jemanden, der ihr abends die Stirn küsst, sie liebevoll wäscht und eine warme, kuschelige Schlafanzughose anzieht. Der Papa wirft sie hoch bis zur Decke und sie lacht fröhlich aus ganzem Herzen. Sie hätte sogar beim Abwasch geholfen, mit Lena die Buchstaben geübt nur damit sie auch geliebt würde. Nur ein bisschen Familie, mehr wollte sie nicht

Sie seufzte leise. Im Heim wurde sie nicht geschlagen. Aber die Erzieherin Frau Schmidt schrie schnell, die anderen Kinder hänselten sie und stahlen Essen und Sachen. Erst vor kurzem hatte Annegret in der Heimküche einen Teller Brei fallen lassen. Zur Strafe steckten sie sie in die dunkle, kalte Kammer. Der heimtückische Tim raunte: Na, jetzt sitzt die Blöde bei den Ratten. Annegret fürchtete sich schrecklich. Sie weinte lange an der Tür, zitternd vor Kälte und Angst. Abends, völlig erschöpft, sank sie auf den Boden. Dort hatte sie sich dann erkältet und landete deswegen im Krankenhaus.

Bei diesen Erinnerungen füllten sich ihre Augen mit Tränen, die langsam über ihre Wangen rollten. Leise schluchzte sie. Doch plötzlich spürte sie, wie jemand ihr über den Kopf streichelte. Sie öffnete die Augen.

Herr Meier

Ach, mein Schatz Weine nicht. Alles wird gut. Ich verspreche es dir

Ich schloss sie spontan in den Arm.

Ganz ruhig, kleine Maus

Annegret wurde langsam still. Es war, als würde ihre eigene Mutter sie trösten, zärtlich über die Haare streichen.

Herr Meier?

Ja?

Wärst du doch mein Papa

Nun liefen auch mir die Tränen übers Gesicht. In diesem Moment wusste ich: Ich will, dass sie zu uns gehört. Nicht mit dem Verstand das entschied mein Herz. Ich musste nur noch mit meiner Frau sprechen.

Meine Mutter verstand mich und stimmte sofort zu. Auch meine Schwiegermutter, die als Kind elternlos war, unterstützte uns. Nur meine Frau zögerte.

Hast du dir das gut überlegt? Weißt du, was das bedeutet? Für immer?

Ja, ich weiß es. Und noch mehr weiß ich, dass ich mir nie verzeihen könnte, es nicht versucht zu haben.

Sie sah mich lange an.

Ich möchte sie kennenlernen.

Gut.

Am Abend gingen wir zusammen zu den Kindern. Ich nahm Lena auf den Arm.

Komm her, meine Süße. Wie habe ich dich vermisst

Dann wandte ich mich an Annegret: So, das ist meine Frau, deine zukünftige Mama.

Annegret nickte schüchtern und schaute meine Frau mit großen Augen an.

Hallo.

Hallo, Annegret, schön, dich kennenzulernen.

Irgendetwas rührte mich tief im Innern. Tränen stiegen mir in die Augen. Ich nickte zustimmend.

Wenige Monate später fuhren wir gemeinsam zum Kinderheim. Sofort klebten die Heimkinder an den Fenstern: Annegret, Annegret, deine Eltern sind da!

Strahlend rannte sie zu uns.

Hallo, Annegret! Wir holen dich ab. Bereit, nach Hause zu kommen?

Das kleine Herz der Sechsjährigen klopfte wild vor Glück.

Ja, Papa! Ja, Mama!

Heute habe ich verstanden: Liebe bedeutet, manchmal Entscheidungen mit dem Herzen und nicht mit dem Kopf zu treffen. Familie ist nicht bloß durch Blut verbunden manchmal schenkt das Leben einem eine Tochter, auf Umwegen, und sie freut sich einfach, endlich nach Hause zu kommen.

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Homy
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Sabine lag auf dem Sofa und starrte an die Decke. Unruhige Gedanken raubten ihr den Schlaf. Wie könnte sie auch schlafen, wenn ihr kleiner Liebling krank ist? Warum nur habe ich sie in diese Kita gebracht? Wäre sie noch ein, zwei Tage zu Hause geblieben, hätte sie sich diese blöde Krankheit vielleicht gar nicht eingefangen…
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