„Du bist doch schon fünfzig, wen solltest du da noch interessieren?“, spottete ihr Mann. Doch Luise wollte es wissen.

Mit fünfzig will dich doch keiner mehr belächelte mich mein Mann. Aber ich wollte es wissen.

Mein Mann, Bernd Friedrich Kramer, war ein Mann mit Prinzipien und mit Theorien, mehr als genug. Mindestens zwanzig, und alle nahm er bierernst. Zum Beispiel, dass guter Eintopf nur mit Rindfleisch gelingt. Dass Katzen schlauer sind als Hunde. Dass der Fernseher genau auf Lautstärke 42 laufen muss nicht mehr, nicht weniger. Aber sein Hauptsatz war: Eine Frau über fünfzig interessiert keinen Mann mehr.

Je nach Stimmung variierte die Formulierung.

Manchmal sagte er es sachlich: So ist die Natur, Britta, da kannst du nichts machen.

Manchmal philosophisch: Das ist nun mal das Leben.

Meistens aber, vor allem wenn ich ein neues Kleid anzog oder mir den Lippenstift zurechtrückte, kam es schlicht und alltäglich: Du bist über fünfzig, wem willst du noch gefallen.

Ohne Fragezeichen. Als Tatsache.

Ich war zweiundfünfzig. Arbeitete als Buchhalterin bei einer Baufirma, machte morgens Gymnastik, las abends Romane und backte an den Wochenenden Kuchen, die Bernd mit Genuss aß, ohne Kuchen und meine Daseinsberechtigung je in Verbindung zu bringen.

Sechsundzwanzig Jahre lebten wir nun zusammen. In dieser Zeit wurde Bernd dicker, verlor Haare und perfektionierte seine Theorien. Ich nicht. Jedenfalls nicht auf seine Art.
Meine Freundin Annegret fiel das als Erste auf.

Britta, sagte sie eines Morgens beim Kaffee, mit ihrem typischen Seitenblick jetzt kommt etwas Bedeutendes und vielleicht Verrücktes. Weißt du eigentlich, dass du ziemlich attraktiv bist?

Ach, komm schon, winkte ich ab.

Doch, wirklich. Hör mal, probieren wir mal was komm, wir melden dich bei einer Partnerbörse an. Einfach so. Für die Wissenschaft, quasi.

Ich stellte meine Tasse ab.

Jetzt bist du aber völlig übergeschnappt?

Lass uns doch einfach nur dein Profil ausfüllen. Wir suchen ein schönes Foto Mal sehen, was passiert.

Da passiert eh nichts, sagte ich. Ich bin über fünfzig. Mich will doch keiner mehr.

Und plötzlich hörte ich Bernds Tonfall und Worte aus meinem eigenen Mund.

Annegret ließ sich nicht abwimmeln. Zureden konnte sie nicht besonders, das war nie ihre Stärke. Sie handelte einfach, so direkt, dass Ablehnung ganz moralisch ungemütlich wurde. An jenem Abend kam sie also mit Laptop und einer Flasche Riesling zu mir der Blick sagte: Es gibt nichts mehr zu diskutieren.

So, meinte sie, die Weinflasche abstellend. Du bekommst jetzt ein Profil. Schnell, schön, kein großer Aufwand.

Moment welches Profil?

Partnerbörse, hatte ich doch gesagt.

Du sprachst davon. Ich sagte, nein.

Du sagtest, Wem will ich denn gefallen? Das ist aber etwas anderes.

Wir schauten uns an. In Annegret Augen stand das stille, unerschütterliche Recht behalten.

Anne, ich bin zweiundfünfzig.

Weiß ich doch. Ich kenne dich seit dreißig Jahren.

Und?

Und was. Setz dich.

Ich setzte mich. Nicht, weil ich nachgab, sondern weil mir die Beine wehtaten. Der Tag war lang. Kontrollrunde im Büro, Stau und so weiter also setzte ich mich einfach.

Hast du ein gutes Foto?, fragte Anne, der Laptop war schon offen.

Was für ein Foto?

Na, ein schön gelungenes. Zeig mal!

Ich überlegte. Die letzten waren von der Weihnachtsfeier. Da stand ich abseits, mit Sektglas, abgewandt und leicht abwesend, weil Bernd mich an jenem Abend drei Mal anrief, wann ich denn endlich nach Hause käme.

Vielleicht vom Silvester, murmelte ich.

Her damit.

Sie schaute lange, lächelte.

Das ist gut. Du bist da echt hübsch drauf. Warum bist du im Alltag so oft geduckt, aber auf dem Foto nicht?

Da sieht mich ja auch keiner, meinte ich und verstand selbst nicht ganz, warum ich das sagte.

Anne beobachtete mich einen Moment still. Dann öffnete sie den Wein.

Das Profil füllten wir aus eigentlich füllte Anne es aus und ich widersprach bei jedem Punkt.

Was suchst du? Britta, schreib Austausch.

Ich will doch mit niemandem austauschen.

Schreib trotzdem.

Über mich was soll ich schreiben? Buchhalterin, kann Eintopf, lebe mit einem Mann, der Theorien über Frauen ab fünfzig hat?

Ich tippe: Aktiv, vielseitig interessiert, lese gern, entdecke neue Orte.

Ich verreise nie.

Willst du?

Ich zögerte.

Eigentlich ja.

Siehst du, keine Lüge.

Wir nahmen das Silvesterfoto: bordeauxrotes Kleid, die Haare hochgesteckt, in meinem Blick etwas Leben. Bernd kannte das Kleid nicht. Er schlief schon, als ich in jener Nacht heimkam.

Fertig, sagte Anne und klappte den Laptop zu. Profil ist online.

Und jetzt?

Jetzt warten wir.

Worauf?

Du wirst sehen.

Ich goss mir Wein ein, blickte aus dem Fenster. Draußen dämmrig, eine Laterne, nackte Äste, sonst nichts. Ganz gewöhnlicher Abend. Bernd sah im Nebenraum fern Lautstärke exakt zweiundvierzig. Gluckern vom Bildschirm. Vertraut.

Na bitte, dachte ich mir. Profil halt. Wird eh nix passieren.

Ich trank aus und ging abwaschen.

Am nächsten Morgen war das Profil schon vergessen. Ich fuhr ins Büro, arbeitete am Quartalsabschluss, schluckte in der Kantine fade Suppe und ertappte mich um drei Uhr dabei, wie ich Tauben auf dem Fenstersims zählte.

Mein Handy lag in der Handtasche.

Um fünf warf ich doch einen Blick darauf falls Bernd geschrieben hatte. Nichts von ihm, aber eine Benachrichtigung von der Börse. Ein roter Punkt.

Die Zahl: 11.

Elf Nachrichten. An einem Tag.

Ich starrte auf das Handy. Legte es weg, griff drei Minuten später wieder danach.

Elf.

Sicher Spam, dachte ich.

Ich öffnete es. Kein Spam. Elf Nachrichten von Männern mit Fotos, Namen, und konkreten Worten. Manche kurz: Sympathisches Profil. Andere lang und durchdacht. Einer, Sven, vierundfünfzig, schrieb drei Absätze über Bücher, wie lange er keine Frau mit solchem Lächeln gesehen hatte, dass er gern reist.

Ich las zweimal.

Reisen habe ich ja auch geschrieben, fiel mir ein ein Anflug schlechtes Gewissen. Nur ein Anflug.

Abends rief ich Anne an.

Da sind elf Stück, sage ich statt Hallo.

Was? Schon? Siehst du!

Einer schreibt mir über Bücher.

Antworte!

Mach ich nicht.

Aber Britta

Was aber? Ich bin zweiundfünfzig, verheiratet!

Antworte trotzdem!

Ich antwortete nicht. Beim Spülen dachte ich über Svens drei Absätze nach.

Nicht ganz sauber, sagte ich mir.

Doch am Morgen öffnete ich die App wieder. Die rote Zahl war jetzt nicht mehr elf.

Achtundzwanzig.

Ich setzte mich ans Bettende. Bernd schlief noch.

Achtundzwanzig Menschen hatten mir geschrieben in einer Nacht.

Ich scrollte vorsichtig, als könnte ich etwas zerbrechen. Andreas, achtundvierzig, Ingenieur, Foto mit Katze. Michael, sechsundfünfzig, im Anzug: Sie sind eine sehr schöne Frau. Dann Darius und hier hielt ich inne einundvierzig, Foto in den Alpen, schrieb schlicht: Hallo. Erzähl doch ein wenig mehr von dir.

Einundvierzig. Elf Jahre jünger als ich.

Ich schloss das Handy. Dann öffnete ich es erneut.

Bis Abend war die Zahl über fünfzig.

Dreiundfünfzig Nachrichten. Nein, vierundfünfzig, während ich zählte.

Ich saß in der Küche, trank Tee und scrollte wie jemand, der Brot kaufen wollte und beim Bäcker plötzlich Gold fand. Da war Viktor, fünfzig, Unternehmer, schickte ein Gedicht fremdes zwar, aber nett. Nikolai einfach: Sie gefallen mir würde Sie gern näher kennenlernen. Und der Darius aus den Bergen schrieb wieder, freundlich wartend: Sind Sie beschäftigt? Ist auch nicht schlimm.

Ich las so lange.

Bernd in der Stube redete mit dem Fernseher, der Fernseher antwortete. Sie verstanden einander gut.

Wem willst du noch gefallen?, fiel mir wieder ein.

Vierundfünfzig Männer in zwei Tagen. Manche in meinem Alter. Einige jünger. Einer schrieb ein Gedicht. Einer wartete höflich auf Antwort.

Die Theorie von Bernd Friedrich Kramer knirschte im Gebälk. Ganz langsam, aber unaufhaltsam.

Ich trank Tee aus. Stellte die Tasse in die Spüle. Und schaute erstmals seit Langem bewusst mein Spiegelbild im dunklen Küchenfenster an nicht flüchtig, sondern wirklich ernsthaft.

Im Glas stand eine Frau mit 52. Aufrecht. Mit schönen Augen. Der in zwei Tagen vierundfünfzig unbekannte Männer geschrieben hatten.

Nicht schlecht, sagte ich leise zu meinem Spiegelbild.

Das Spiegelbild schien zuzustimmen.

Das Handy lag auf dem Nachttisch.

Bernd griff nach seiner Brille, hob das Handy im Vorbeigehen und genau da blinkte eine neue Nachricht auf. Er tats mit der routinierten Gleichgültigkeit eines Mannes, der nichts erwartet. Schaute drauf. Runzelte die Stirn.

Schaute nochmals.

Auf dem Display stand: Darius: Guten Morgen! Musste an Sie denken…

Bernd Friedrich setzte sich auf die Bettkante. Ganz langsam. Wie einer, dem gerade etwas Wichtiges gesagt wird, aber er weiß noch nicht gut oder schlecht.

Britta!, rief er.

Ich stand in der Küche. Kochte Kaffee. Ich hörte, ließ mir aber Zeit.

Britta!

Bin ja schon da.

Ich trat ruhig mit der Tasse in die Stube. Bernd hielt mein Handy wie etwas Lebendiges, das man nicht loslassen und nicht behalten will.

Was ist das?, fragte er.

Ich sah aufs Display. Dann ihn an. Nippte am Kaffee.

Eine Nachricht, sagte ich.

Von wem dieser… Darius?

Von der Partnerbörse.

Pause. Eine schöne, bedeutungsvolle Pause.

Was für eine Partnerbörse?! Bernd sprang auf. Du hast dich da angemeldet?!

Ja.

Warum um Himmels willen?!

Ich stellte die Tasse ab, sah ihn aufmerksam an ohne Groll, fast neugierig. Wie auf eine Aufgabe mit bekannter Lösung.

Ich wollte deine Theorie testen, antwortete ich.

Welche Theorie?

Die über Frauen über fünfzig. Weißt du noch? Wem willst du noch gefallen.

Bernd schnappte nach Luft. Sah aufs Handy da blinkten noch drei neue Nachrichten.

Wie viele, seine Stimme stockte.

Vierundfünfzig, sagte ich. In zwei Tagen.

Vierundfünfzig, wiederholte Bernd leise. Als müsste er sich an die Zahl erst gewöhnen.

Einige sind sogar jünger als ich. Ich nahm meine Tasse und ging zurück in die Küche.

Bernd Friedrich Kramer blieb mitten im Zimmer stehen, das Handy in der Hand. Draußen begann ein ganz gewöhnlicher Morgen die Laterne war aus, die Bäume kahl, Spatzen lärmten auf dem Sims. Alles wie gehabt nur seine Theorie schien plötzlich nicht mehr zu funktionieren.

Gar nicht mehr.

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Homy
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„Du bist doch schon fünfzig, wen solltest du da noch interessieren?“, spottete ihr Mann. Doch Luise wollte es wissen.
„Nach Jahren traf ich meinen Vater wieder, der ging, als ich sieben war“: Er sagte nur: „Ich wusste gar nicht, dass du heute Geburtstag hast“ Als ich klein war, sagten alle, ich hätte seine Augen. Grau wie ein stiller See vor dem Gewitter. Oma meinte, ich bewege mich wie er, „sogar deine Finger sind wie seine“. Und lange genug reichte mir das – denn ich hatte nichts anderes. Mein Vater ging, als ich sieben war. Ich erinnere mich nicht an einen Streit, keinen großen Krach – nur daran, dass er einfach nicht mehr kam. Nicht zu meinen Schulaufführungen, hat nicht gesehen, wie ich an Weihnachten einen Zahn verlor, hörte nicht wie ich weinte, weil keiner im Ausflugbus bei mir sitzen wollte. –––––––––– Mama sprach nie schlecht von ihm. Sie sagte nur kurz: „Er konnte nie Vater sein. Aber das liegt nicht an dir.“ Ich wollte ihr glauben, aber ganz tief in mir lebte der Gedanke: „Wäre ich anders gewesen… vielleicht wäre er geblieben.“ Mit der Zeit lernte ich, ohne ihn zu leben. Doch er war da. In mir. In jeder Frage, ob er noch an mich denkt. In jeder Fantasie, dass er vielleicht eines Tages an die Tür klopft und sagt: „Es tut mir leid. Ich habe dich gesucht. Ich vermisse dich.“ Davon träumte ich lange. Auch als Erwachsene, während ich allen versicherte, das Thema sei abgeschlossen. War es aber nie. Ich hatte nur gelernt, den Schmerz hinter einem sarkastischen Lächeln zu verstecken. Bis irgendwann… das Leben für mich entschied. Eine Nachricht von meiner Cousine aus einer anderen Stadt: „Ich hab deinen Vater gesehen. Er arbeitet in einer Werkstatt. Wenn du willst, gebe ich dir die Adresse.“ Ich starrte auf diese Worte wie hypnotisiert. Eine Adresse. Es gab ihn. Wirklich. Nach ein paar Tagen fuhr ich hin. Herzklopfen bis zum Hals, betrat ich die Werkstatt. Er stand am Auto, graues Haar, erschöpft. Ich sah sein Profil und spürte, wie mein ganzer Körper sich vor Angst spannte. Nicht vor Zorn. Es war mehr. Hoffnung kämpfte gegen die Vernunft. — Guten Tag… Ich heiße Lena, sagte ich. — Ich bin deine Tochter. Er sah mich an. Schwieg. Dann wandte er sich ab und seufzte. — Lena… Der Name sagt mir was… Hast du heute Geburtstag? – fragte er gleichgültig. — Ja. Habe ich. — Wusste ich nicht mehr. Tut mir leid. Diese Worte trafen mich heftiger als jeder Vorwurf. In einem Moment brach alles zusammen. Jahre des Wartens, tausende Szenen, in denen er weinte, sich entschuldigte, sagte, er habe mich gesucht. Und er… wusste nicht mal, dass ich heute Geburtstag habe. Ich sagte höflich, es sei schon gut. Dass ich ihn einfach nur sehen wollte und nichts erwarte. Dann ging ich. Ich weinte nicht sofort. Erst am Abend. Allein. Zu Hause. Still, damit niemand es hört. Nicht aus Enttäuschung. Sondern weil ich endlich wusste: Ich muss nicht mehr warten. Dieses Treffen gab mir nicht die Erleichterung, nach der ich gesucht hatte. Aber etwas anderes: den Abschluss. Eine leise Einigung damit, dass nicht alles wiederzugewinnen ist. Dass nicht jeder bereit ist, der eigenen Vergangenheit in die Augen zu sehen. Ein paar Wochen später schrieb ich ihm einen Brief. Ohne Vorwürfe. Nur die Wahrheit. Dass ich erwachsen bin. Mein Leben ohne ihn gemeistert habe. Dass ich nicht anrufe oder suche. Aber ihm Frieden wünsche. Weil ich ihn nun auch selbst habe. Heute, wenn ich an meinen Vater denke, spüre ich keine Leere mehr. Es ist eine Spur geblieben. Aber sie tut nicht mehr weh. Ich weiß jetzt, mein Wert hängt nicht davon ab, ob jemand sich an mich erinnert. Und selbst wenn er mich nie liebte – ich kann jetzt mich selbst lieben, so wie ich es immer verdient habe. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich in der Straßenbahn ältere Männer anschaue und mich frage: „Hat er auch jemanden zurückgelassen?“ Aber dann kommt Ruhe. Leise, reif, ohne Bitterkeit. Denn dieser Tag – so schmerzhaft er war – hat die Tür endgültig geschlossen, die ich jahrelang offen hielt. Und ich weiß, dahinter wartet keiner mehr auf mich. Aber vor mir liegt noch mein ganzes Leben – mein eigenes. Nicht mehr geprägt von Sehnsucht, sondern von einer Kraft, die ich bei mir selbst gefunden habe.