In der Stadtbibliothek von München herrscht stets fast schon heilige Stille, selbst wenn Besucher eintrudeln. Anke Schäfer macht nie Bemerkungen über das Gedränge, denn sobald sie den Lesesaal betritt mit seinen majestätisch hohen Regalen, die wie Bücherburgen wirken bleiben die Menschen kurz stehen, schauen sich um und nähern sich dann gemächlich ihrerseits.
Guten Tag, heißt es immer höflich, wenn jemand an den Tresen tritt, und gleich darauf folgt die Frage nach dem gewünschten Werk.
Guten Tag, erwidert Anke mit einem Lächeln, das sogar den mürrischsten Wissenschaftler kurz aufweicht, und horcht aufmerksam dem nächsten Leser zu.
Anke ist von Natur aus freundlich und zuvorkommend; die Bibliothek ist für sie fast schon ein zweites Zuhause. Manchmal sinniert sie leise:
Wie gut, dass das Schicksal mich hierher geführt hat. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wo ich sonst so gelassen und begeistert arbeiten könnte. Es ist ein schönes Gefühl, wenn die Arbeit Freude macht und die Besucher meistens auch.
Gelegentlich kommt jedoch ein eifriger Besucher, der ungeduldig nach einem Buch fragt, die Augen ungeduldig über die Regale gleiten lässt. Anke bleibt geduldig, füllt das Kartenformular aus und lässt keinen Ärger an sich abperlen.
Das Lesen begleitet sie bereits seit Kindertagen; deshalb war die Berufswahl für sie keine Überraschung. Bücher sind ihr Element, ihr zweites Atemzug, und sie hat so manches Werk mehrfach verschlungen.
Während ihre Freundinnen zwischen Dates, Kinderkriegen, Umzügen und gelegentlichen Streitereien hin- und hergerissen sind, lebt Anke ihr ruhiges, geordnetes Leben fast schon im Takt eines gut strukturierten Katalogs.
Sie spricht mit sanfter Stimme, richtet sich stets die Brille zurecht, wenn etwas nicht passt, und ihr Blick aus grauen Augen ist warm. Ihre hellen Haare trägt sie stets zu einem ordentlichen Knoten im Nacken, ihr Outfit ist sauber und dezent.
Anke ist siebenundzwanzig, und zwei Tage nach ihrem Geburtstag betritt ein gut aussehender junger Mann mit Brille die Bibliothek. Sie mustert ihn kurz und denkt sich:
Ein angenehmer Herr, wohl um die dreißig, nicht jünger.
Zum ersten Mal bemerkt sie, dass sie bisher die Männer, die hierher kamen, kaum beachtet hat und plötzlich findet sie ihn besonders interessant.
Guten Tag, sagt der Besucher leise und höflich.
Guten Tag, erwidert Anke im gleichen Ton.
Ich suche ein Buch er zögert einen Moment, ringt nach dem Titel, dann spricht er mit fester Stimme: Haben Sie das hier? Ich hoffe, Sie besitzen es. Er wirft einen prüfenden Blick über die imposanten Regale und richtet die Brille neu.
Bitte warten Sie einen Augenblick, das Buch liegt in der oberen Reihe, sagt Anke und eilt zu den Regalen, während er den Lesesaal aufmerksam mustert.
Der junge Mann heißt Tobias Weber, ein zurückhaltender Ingenieur aus der Architekturabteilung, der alte Pläne sortiert und neue Entwürfe entwickelt. Als Anke das Buch mit beiden Händen zurückbringt, schenkt er ihr ein warmes Lächeln.
Anke setzt sich an den Schalter und füllt das Ausleihformular aus, entdeckt dabei den Namen Tobias. Er unterschreibt, doch mit dem Buch in der Hand zögert er, als ob er gleich ein Gedicht vortragen müsste.
Danke, sagt er plötzlich, als hätte er vergessen, sich zu bedanken.
Bitte, antwortet Anke.
Ein seltsames Schweigen legt sich über den Saal. Beide starren sich an, keiner will gehen, keiner kann ein Wort finden. Die Minuten verstreichen, bis Anke schließlich die Stille bricht.
Tobias, brauchen Sie noch ein weiteres Buch?
Ähm also nein? stammelt er, sammelt sich aber und fragt dann vorsichtig:
Wie heißen Sie eigentlich?
Anke, erwidert sie bescheiden.
Anke ein sehr schöner Name, typisch deutsch, recht verbreitet, meint er, und sie bemerkt, dass er sich ähnlich schämt wie sie selbst. Danke, sagt er noch einmal, ich bringe das Buch natürlich unversehrt zurück. Auf Wiedersehen.
Auf Wiedersehen, sagt sie höflich und lächelt innerlich. Sie ist überzeugt, dass er es zurückbringen wird er wirkt ordentlich, trägt gut gebügelte Hose, ein sauberes Hemd, Krawatte und einen Anzug, der ihm wie angegossen sitzt, die Schuhe glänzen wie neu.
Tobias verlässt die Bibliothek, und Anke bleibt noch lange über ihn nachdenken.
Wir scheinen seelenverwandt zu sein, meint sie plötzlich, ich verstehe ihn.
Dann schüttelt sie den Kopf und lacht leise.
Jetzt aber, das ist das erste Mal, dass ich einem Besucher so viel Aufmerksamkeit schenke.
Tobias geht nach dem Bibliotheksbesuch etwas benommen nach Hause. In seinem Kopf kreist das Bild von Anke immer wieder.
Was für ein hübsches Mädchen, murmelt er, sie sollte wirklich hier arbeiten das ist ihr Platz. Und ihr Blick Ich habe kaum ein Wort gefunden, um ihr zu gefallen. Er tadelt sich selbst: Warum bin ich so schüchtern? Meine Bescheidenheit steht mir nur im Weg. Vielleicht kann ich nie wieder ungestört arbeiten, wenn mir ihr Bild nicht aus dem Kopf geht.
Am Nachmittag fällt es ihm schwer, sich zu konzentrieren; die Pläne verschwimmen, weil er immer wieder an Anke denken muss.
Was für ein Trugbild, grübelt er, versucht abzulenken, doch das Bild bleibt.
Am nächsten Tag, während seiner Mittagspause, schleicht er erneut in die Bibliothek die ist ja gleich um die Ecke und nutzt die Ausrede, noch ein Buch zu holen.
Guten Tag, Anke, sagt er, und sie hebt den Blick, überrascht über die Intensität seines Blicks.
Guten Tag, lächelt sie ihm wie einer alten Bekannten entgegen, brauchen Sie noch ein Buch?
Tobias errötet leicht und sagt schließlich:
Eigentlich ich wollte nur hierher kommen, um Ihnen zu gestehen Sie gefallen mir sehr bitte verzeihen Sie meine Direktheit.
Ankes Augen leuchten, ihre Wangen erröten ebenfalls.
Warum um Verzeihung bitten? Sie haben mir gestern bereits gefallen, ehrlich gesagt, ich habe letzte Nacht kaum geschlafen. Sie lacht herzlich.
Ich auch, gibt er zu. Ich habe die Augen nicht von Ihnen lassen können.
Ein kurzer, unbeholfener Moment entsteht, beide schweigen. Anke erwartet ein weiteres Wort, Tobias findet keins, bis er schließlich erschrickt.
Anke, darf ich Sie nach der Arbeit nach Hause begleiten?
Ja, antwortet sie schüchtern und lächelt ein wenig.
Von da an verwandeln sich ihre Treffen in kleine Spaziergänge durch den Englischen Garten, wo Tobias begeistert über seine Baupläne spricht, und Anke über die neuesten Romane schwärmt.
Weißt du, Tobias, Bücher sind wie Menschen jedes hat seine eigene Seele, sagt sie, und er nickt, weil er versteht, wie wichtig ihr die Bibliothek ist. So verbringen sie gemeinsam kalte Herbstabende bei Tee in Ankes Küche, schweigen manchmal, doch das Schweigen ist für beide ein Zeichen von Vertrautheit: Es ist schön, zusammen sogar zu schweigen.
Sie teilen Träume und Freuden. Anke träumt schon lange davon, Venedig zu sehen, hat darüber unzählige Bücher gelesen und erzählt Tobias davon. Er stellt sich vor, wie sie gemütlich in einer Gondel durch die schmalen Kanäle schippern.
Eines Tages kommt Tobias an einem freien Sonntag mit einem Strauß roter Rosen zu ihr.
Für dich, Anke, lass uns heiraten das habe ich schon lange im Kopf. Bist du einverstanden?
Ja, sagt sie, schlicht und freudig.
Die Hochzeit ist klein, nicht weil sie keinen Tratsch mögen, sondern weil das Leben in Ruhe abläuft. Beide leben gemächlich, genießen jeden gemeinsamen Tag. Der einzige Schatten ist, dass sie trotz langer Ehe kein Kind bekommen können.
Sie verzweifeln nicht, sondern adoptieren aus einem Tierheim einen schwarzen Kater, nennen ihn Miez. Sie kaufen ein kleines Stück Land am See, wo sie abends Bücher lesen, Tee trinken und Miez schnurrt zufrieden. Auf dem Grundstück baut Tobias Vogelhäuser, Anke strickt Socken, die sie in den Blumenbeeten aufbewahrt. Die Nachbarn scharen sich selten, flüstern hinter den Türen: Die leben immer gleich, Tag für Tag. Doch das stört die beiden nicht. Tobias brüht morgens Kaffee im alten Espressokocher, gießt ihn in hübsche Tassen, Anke füttert die Spatzen am Fenster. Im Sommer arbeiten sie viel auf dem Land, im Winter lauschen sie dem Knistern im Ofen. Worte sind überflüssig, wenn man sich so gut versteht.
Jahre vergehen, sie werden älter, ziehen immer öfter aufs Land zurück. Sie lieben die Stille, ihr Haus am Wald, das Zwitschern der Vögel, die Pilze im Herbst. Die Nachbarn respektieren sie dafür.
Eines Tages kommt Tobias mit einer schönen Flasche Riesling und etwas Obst nach Hause. Anke ist überrascht sie trinken normalerweise keinen Alkohol. Er holt zwei Gläser aus dem Schrank, wischt sie mit dem Küchentuch ab, das er stets zum Abtrocknen benutzt, stellt Anke ans Tischchen und schenkt ein.
Auf uns? fragt er.
Nein, antwortet Tobias und zieht zwei Flugtickets für Venedig aus seiner Jackentasche. Auf Venedig.
Anke stockt. Der Traum vom Canal Grande hat ihr Leben immer begleitet, doch immer lag etwas dazwischen: Arbeit, das Land, Miez.
Aber wir sind doch schon alt, murmelt sie.
Nicht alt, weise, deswegen reisen wir jetzt, erwidert er.
Sie steigen ins Flugzeug, staunen über die engen Wasserwege, lachen in den Gondeln wie Teenager, spazieren im Strohhut durch die Engelsbrücke, er hat eine alte Kamera in der Hand. Abends, als die Sonne im Lagunenwasser versinkt, gesteht er ihr erneut:
Ich bin so glücklich mit dir, Anke, ich liebe dich über alles.
Und ich danke dir für den Heiratsantrag, ich wusste, wie schwer es damals war. Danke, dass du meinen Traum erfüllt hast. Mehr brauche ich nicht, solange wir zusammen sind.
Sie lachen, weil es genau das ist, was sie wollten. Und so leben sie weiter, nicht hastig, aber zufrieden, immer Hand in Hand.





