Wolfskind
Frau Dr. Beck, guten Tag! Hätten Sie vielleicht die Möglichkeit, kurz in die Schule zu kommen?
Was ist denn passiert? Geht es Anna gut?
Ja, es gibt einen ernsten Grund zum Gespräch, aber Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen Ihrer Tochter geht es gut. Nur Die Situation ist etwas komplex und wir benötigen Ihre Präsenz so bald wie möglich.
Verunsichert legte ich mein Telefon beiseite und blickte fragend zu meiner Kollegin, Susanne. Wer, wenn nicht eine Freundin, kann in solchen Momenten beruhigen?
Was ist los? Susanne hob den Kopf vom Aktenstapel.
Die Schule hat angerufen. Mit Anna ist irgendwas passiert.
Aber sie ist unverletzt?
Anscheinend schon.
Dann hat sie sich wohl gestritten oder war frech zu jemandem. In dem Alter wundert mich das nicht, die pubertieren doch alle irgendwie merkwürdig. Als meine Marie damals fünfzehn wurde, war ich auch kurz davor, die Nerven zu verlieren. Das geht vorbei. Ruhig bleiben und hinfahren. Aufklären kannst du es am besten direkt vor Ort.
Sie widmete sich wieder ihren Unterlagen. Ich fragte mich, warum ich noch nicht längst losgefahren war.
Schnell warf ich mein Make-up, das Handy und meinen Geldbeutel in die Tasche, schnappte mir meinen Mantel.
Oh, Susanne, mein Termin für heute Nachmittag
Mach dir keine Gedanken, ich kümmer mich um alles. Fahr jetzt!
Danke!
Der Wagen sprang überraschend schnell an, und ich lenkte ihn aus dem Parkhaus, während ich überlegen musste, was Anna nur angestellt hatte. Sie war im Grunde immer ein recht vernünftiges Kind gewesen zumindest hatte das Frau Sommer, die Klassenlehrerein, einmal gesagt, nachdem wir nach München zurückgekehrt und Anna in die Schule eingeschult hatten, in der ich selbst einmal Schülerin war.
Ein tolles Mädchen, Kathrin. Aber bei dir habe ich daran auch nie gezweifelt. Kinder sind der Spiegel ihrer Eltern, das weißt du doch. Nur Anna ist ehrlich, fast schon unbeugsam. So wie du damals. Und das macht es ihr nicht leicht.
Ich hatte nur nicken können. Frau Sommer kannte mich eben viel zu gut kein Wunder, hatten wir doch viele Jahre Wand an Wand gewohnt. Bei ihr war ich außerhalb der Schule immer einfach Tante Vera. Mamas beste Freundin; sie hat mir als Kind Süßes zugesteckt, mich ermutigt zu malen, zu lesen, zu schreiben und sogar ein wenig Klavier zu spielen. Der Flohwalzer an Weihnachten war unser gemeinsames Highlight auf jeder Familienfeier.
Wie viele gab es von denen Geburtstage, Osterferien, wenn wir alle mit Kind und Kegel an den Starnberger See rausfuhren, viel lachten, grillten und völlig erschöpft irgendwann einfach am Waldrand einschliefen. Der Heimweg im alten Golf meines Onkels Klaus war legendär. Und natürlich war da die Schule, wo Frau Sommer dann wie es sich gehörte zu Frau Sommer wurde, und niemand wusste, dass wir auch privat so eng waren. Verständlich.
Unsere Familien waren immer eng befreundet und mit ihrem Sohn Lukas verband mich eine tiefe Freundschaft. Manche unkten, dass zwischen uns irgendwann mehr wäre, aber wir lachten darüber. Der Gedanke allein war absurd wir waren einfach Freunde.
Es blieb dabei. Ich heiratete, zog nach Hamburg, Lukas trat eine Stelle in Stuttgart an, fand dort sein Glück. Wir sahen uns nur noch selten, aber jeder Besuch bedeutete mir viel. Schließlich gibt es nur wenige Menschen, die dich von klein auf kennen und ehrlich zu dir stehen. Lukas war so einer. Gerade, als mein Mann plötzlich und viel zu früh starb, war er meine größte Stütze. Oliver, so sportlich, lebenslustig, wurde in wenigen Monaten von einer schrecklichen Krankheit hinweggerafft. Ich konnte nichts mehr machen.
Lukas arrangierte alles aus der Ferne, schickte Geld und kam schließlich persönlich, blieb über einen Monat bei uns. Er fuhr uns zu Ärzten, half im Alltag, und war jede Minute da, wenn die Schmerzmittel nicht mehr reichten. Für Anna und mich war er in dieser Zeit Fels in der Brandung. Die letzten Wochen waren hart. Mein Mann war immer freundlich und zuvorkommend gewesen selbst im Streit. Jetzt waren die Schmerzen zu stark; ich brachte Anna zu meiner Mutter, weil ich ihr das nicht zumuten wollte.
Es ist besser so, Anna. Du musst Papa so nicht sehen. Er wird wieder gesund dann holen wir dich sofort nach Hause Den Satz konnte ich nicht beenden. Tief drinnen wusste ich längst, dass es kein Zurück mehr geben würde. Dass unser Leben nie wieder wie früher wäre. Das Einzige, was ich meiner Tochter hinterlassen konnte: eine schöne Erinnerung an ihren Vater.
Oliver starb an einem kühlen Oktobermorgen nach einer langen Nacht, die uns den Rest gegeben hatte. Lukas döste am Boden an der Bettkante, ich starrte aus dem Fenster dem Sonnenaufgang entgegen, als plötzlich Olivers Stimme hinter mir erklang klar, wie früher, bevor alles so furchtbar wurde.
Kathrin
Ich wagte kaum, mich umzudrehen. Am liebsten hätte ich diesen Moment eingefroren, als sei alles wie früher und ich würde jeden Moment von seinem Kuss geweckt werden und er würde sagen:
Kathrinchen, ich muss los. Begleitest du mich zur Tür?
Doch es blieb ein Traum. Realität war: Er stöhnte vor Schmerz, und ich eilte zurück ans Bett, kniete nieder, nahm seine Hand.
Oliver
Es tut mir so leid, euch an meine Krankheit zu binden.
Ach, hör auf
Ich weiß alles, Kathrin. Pass auf unser Mädchen auf und dich selbst auch. Bitte, wein nicht. Wir sehen uns doch alle wieder Nur ich gehe wohl etwas früher. Aber dich erwarte ich da oben noch lange nicht, hörst du? Du musst leben! Finde wieder Glück, vielleicht auch einen neuen Mann, schenke Anna Geschwister. Lass sie nicht alleine bleiben genieße dein Leben, solange du kannst! Versprich es mir!
Ich konnte nur nicken. Tränen hatte ich keine mehr da war längst alles ausgeweint gewesen. Die Nachbarinnen tuschelten, als sie mich mit trockenen Augen neben meiner Tochter stehen sahen.
Nicht mal eine Träne Hat sie ihn etwa nicht geliebt? Und wer ist der Mann dort? Noch während der Ehemann stirbt, einen neuen ins Haus holen Tz, tz, tz.
Lukas blieb an unserer Seite, regelte alles, wartete Tag und Nacht, half, wo er konnte. Gleich morgens hatte er den Notarzt gerufen und wäre stets bereit gewesen, es wieder zu tun.
Ich brauchte nach dem Begräbnis Abstand. Ich stand in unserer Wohnung, klappte die Tür zum Schlafzimmer zu.
Lukas, ich kann hier nicht mehr bleiben. Es fühlt sich immer an, als käme Oliver gleich herein. Ich kann das nicht.
Soll ich dich zu deiner Mutter bringen? Bleibt eine Weile dort.
Ich überlegte. Ja, das war der richtige Weg.
Wir packten notdürftig, verabschiedeten uns von niemandem und verließen am nächsten Tag die Stadt, in der wir als kleine Familie so glücklich gewesen waren. Glückliche Jahre, aber viel zu wenige
Zurückkehren konnte ich nicht. Ich bat Olivers Eltern, die Wohnung zu veräußern, teilte das Geld gerecht auf. Ich kaufte für meinen Anteil eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung im selben Haus, in dem meine Mutter lebte. Viel war das nicht, die Wohnung renovierungsbedürftig, aber ich war erleichtert meine Mutter, meine Freundin Vera, die Gemeinschaft der Familie das zählte. Mein Vater war schon lange tot. Ich hatte gehofft, Anna würde mit seinem Einfluss aufwachsen, aber das Schicksal hatte es anders vorgehabt. Gut, dass Lukas noch da war, wenigstens sporadisch. Er sprach oft über Skype mit Anna, schickte sie zum Reden aus dem Wohnzimmer. Männergespräche! Ich lächelte; vieles änderte sich wohl nie.
Zum ersten Mal seit Jahren wurde mein Leben wieder ruhiger. Lukas fand meine Entscheidung richtig und reparierte bei seinem nächsten Besuch alles, was weibliche Hände nicht hinkriegten.
So, damit das klar ist! Ihr könnt schließlich nicht alles alleine machen wo kämen wir denn da hin! murmelte er, während er die letzte Steckdose eindreht.
Susanne, die Lukas Frau geworden war und als Deutschlehrerin arbeitete, entdeckte Annas schriftstellerisches Talent. Sie wedelte begeistert mit einem Heft vor meiner Nase:
Lies das mal, das ist richtig talentiert. Anna aus dir wird was, wenn du dran bleibst!
Ich will aber keine Schriftstellerin werden! Anna riss ihr Heft zurück verärgert, aber bestimmt. Journalistin werde ich mal!
Auch ein ehrenwerter Beruf! Lass mich trotzdem ab und zu was lesen, Kathrin, schick mir einfach ab und zu ihre Texte.
Anna gewann bald darauf einen Preis beim landesweiten Schülerwettbewerb für Kurzprosa. Aufgeregt schrie sie so ins Mikro, dass Susanne lachend zurückwich.
Anna, ich kann dich hören UND sehen! Denk dran, mindestens drei weitere Preise brauchst du, damit aus dem ersten kein Zufall bleibt. Also: üben, fleißig sein!
Anna tat ihr Bestes. Sie las ihren Texten immer der Oma und Vera vor die hörten aufmerksam zu, verstanden nicht immer alles und schmunzelten meist:
Die Hälfte davon kapiere ich nicht, aber es klingt gut, ich hör dir gern zu!
Ich fragte mich während der Autofahrt, wie Anna überhaupt in Schwierigkeiten geraten konnte. Sie hatte doch genug um die Ohren Schreiben, dazu Eishockey und Boxen! Beides hatte sie sich selbst ausgesucht, und ich war stolz auf sie, wenn sie mit dem Schläger übers Eis raste. Oliver hatte ihr das Eishockey beigebracht, noch bevor er krank wurde. Sein Traum: Sie irgendwann auf dem Eis zu erleben. Schade, dass er es nicht mehr selbst sehen konnte.
Verabschieden von traurigen Gedanken fiel schwer, aber ich musste schnell zu Anna.
Als ich an der Schule ankam, saß Anna mit dickem, blauen Auge draußen vor dem Direktorenzimmer.
Mama
Um Himmels willen! Gehts dir gut? Hast du Schmerzen?
Es ist schon ok. Aber es gibt mächtig Ärger heute.
Hab ich schon geahnt. Nur eines: Muss ich mich schämen?
Ihre entschlossenen, grauen Augen so wie die ihres Vaters beruhigten mich sofort.
Ist klar. Also los: Erzähl rasch, was passiert ist.
Es war wegen eines Mädchens, Mama. Ich habe mich geprügelt, um sie zu verteidigen.
Der Grund?
Sie wurde beleidigt.
Ich verstehe. Warte hier.
Mama!
In der Tür drehte ich mich noch einmal um.
Ich bin auf alles gefasst, Anna. Aber weißt du: Das ist nicht das Schlimmste im Leben, okay?
Ich legte ihr kurz eine Hand auf die Schulter und sah, wie sie nickte.
Frau Sommer winkte mich zu sich.
Kathrin, das wird eine harte Sache hier. Die Mutter deines Gegners wird dir einiges einbrocken, aber du solltest wissen: Anna hat in meinen Augen richtig gehandelt.
Tante Vera!
Ja, wirklich. Wenns sein muss, gibt man Contra. Hier musste es sein. Na komm, weiter gehts. Und hör auf, dich wegen des Sorgeregisters verrückt zu machen. Noch gehts nicht darum. Aber
Sorgeregister? Ich war alarmiert.
Bleib ruhig, es wird alles gut. Ich sags nur, falls es dazu käme. Komm!
Im Zimmer des Direktors saß eine imposante, überschminkte Dame mit aufgestelltem Pelzmantel sie nahm den ganzen Raum für sich ein. Neben ihr am Tisch drückte sich eine stille, zurückhaltende Frau. Sie fühlte sich sichtbar unwohl wie ich.
Jetzt begann das eigentliche Gespräch. Die Schulleiterin, Frau Dr. Eisenreich, übernahm das Wort:
Es war wirklich eine verhängnisvolle Situation heute.
Was ist denn da so schlimm? Die Pelzdame, Frau Wiedemann, setzte sich demonstrativ aufrecht. Wie kann man so etwas einfach unter den Teppich kehren wollen?! Ich lasse das nicht zu! Der Junge meiner Kollegin kriegt jetzt seine gerechte Strafe!
Ich runzelte die Stirn Krankenhaus? Davon hatte Anna kein Wort gesagt.
Übertreiben Sie nicht, Frau Wiedemann. Ihrem Sohn fehlt praktisch nichts. Der Weg in die Notaufnahme war überflüssig ein paar Prellungen, das ist alles.
In Frau Eisenreichs Ton lag Strenge das war ungewöhnlich.
Das soll die Untersuchung zeigen! zischte Frau Wiedemann. Drohend deutete sie auf die stille Frau: Ihre Tochter ist es doch, wegen der mein Sohn jetzt angeblich gelitten hat!
Wagen Sie es nicht! Die sonst so stille Mutter hatte plötzlich eine feste, metallene Stimme. Noch eine Bemerkung dieser Art über meine Tochter, und
Was dann? Ihre Tochter ist Schuld! Und die andere, sie zeigte auf mich, sitzt jetzt mit blauen Flecken draußen und wartet auf die Polizei.
Polizei? Ich wandte mich entsetzt an Frau Eisenreich, die jedoch nur abwinkte: alles in Ordnung.
Ja, Polizei! Kriminell, sage ich nur, was diese Kinder sich erlauben! Ich sorge dafür, dass das nach Gesetz behandelt wird!
Frau Dr. Eisenreich, was genau ist eigentlich passiert? Ich habe mit Anna noch nicht sprechen können, bitte klären Sie mich auf!
Frau Wiedemann hob zum nächsten Vorwurf an, aber Frau Eisenreich übernahm klar den Part:
Frau Dr. Beck, Anna und Niklas stritten heute heftig.
Ihr Kind hat meinen Sohn zusammengeschlagen! Und das nur, weil sie Boxen trainiert haben Sie überhaupt eine Ahnung, was das für Kräfte sind? Sie hätte mein Kind schwer verletzen können!
Frau Dr. Eisenreich, reden wir wirklich von so gefährlichen Verletzungen? Ich rang mich zu ruhiger Stimme durch.
Nein, so sieht es nicht aus. Es war eine Auseinandersetzung, aber die entscheidende Frage ist eine ganz andere.
Was soll das heißen? Was kann wichtiger sein als die Gesundheit eines Kindes? Frau Wiedemanns Stimme überschlug sich beinahe.
Niklas ist wohlauf, machen Sie sich bitte nicht verrückt. Was mich besorgt: Er war nicht allein vier Freunde waren dabei.
Mir wurde schlagartig kalt. Wie fünf gegen Anna? Oder war sie gar nicht allein?
Keine Angst. Anna hatte sofort Unterstützung. Obwohl sie noch nicht lange an unserer Schule ist, hat sie viele Freunde gefunden.
Wütend schnaufte Frau Wiedemann:
Eben! Kaum da, schon bringt sie alles durcheinander! Aus was für einem Rudel stammt denn dieses Kind, dass Konflikte immer mit Fäusten gelöst werden?
Unwillkürlich kam mir Olivers Rat in den Sinn: Wenn du kurz vorm Explodieren bist, zähl rückwärts ganz langsam von zehn auf null. Selten war das so wertvoll wie jetzt! Ich atmete durch
Null! Sagte ich plötzlich laut, was Aufmerksamkeit brachte.
So, jetzt reicht es. Ich möchte Frau Dr. Eisenreich zuhören. Und was Sie über mein Wolfskind denken, lassen wir jetzt mal so stehen. Denken Sie an eins: Eine Mutter verteidigt ihr Kind da ist sie manchmal ein Wolf.
Frau Eisenreich schritt sofort ein.
Die Lage ist wirklich ärgerlich, und noch schlimmer, wenn Erwachsene Öl ins Feuer gießen. Ich schlage vor, wir lassen die Schüler erzählen und versuchen, die Sache ruhig zu besprechen. Es geht schließlich um mehr als einen blauen Fleck.
Genau! Frau Wiedemann sprang auf. Und was, wenn das nächste Mal Schlimmeres passiert?
Übertreiben Sie nicht, bitte! Frau Sommer?
Vera, die kurz das Handy einer Schülerin zeigte (Motiv: Hase auf pinkem Cover), öffnete einen Chat. Sie zeigte mir wortlos das Bild ein schäbiger Fotomontage, Annika, das Opfer, eingeschnitten in eine obszöne Szene. Üble Kommentare darunter.
So etwas hat Niklas an seine Mitschüler geschickt, weil Annika ihn zurückwies, erklärte Vera. Und das ist ungeheuerlich.
Wer beweist, dass es mein Sohn war?
Die Ermittler werden es herausfinden! Die sonst so ruhige Mutter brach fast in Tränen aus. Noch nie habe ich solch eine Grausamkeit unter Kindern erlebt! Nur weil meine Annika Niklas nicht seine Freundin sein wollte?
Die hat meinen Jungen vor allen bloßgestellt! Wissen Sie, was eine Zurückweisung für einen sensiblen Jungen bedeutet? Anstatt so kalt zu sein, hätte sie ihm eine Chance geben können!
Hören Sie sich eigentlich selbst zu? Jetzt wusste ich, worum es wirklich ging. Erleichtert stellte ich fest: Ich war stolz auf Anna. Oliver hätte sie heute sehr bewundert. Ich hatte alles richtig gemacht.
Wenn meine Tochter so etwas getan hätte, hätte ich keine ruhige Minute mehr vor Scham. Aber so ist es nicht im Gegenteil. Ich bin stolz auf sie. Wenn Sie ein Problem haben, holen Sie ruhig die Polizei, das Jugendamt oder wen Sie wollen ich fürchte mich nicht. Anna ist ein echtes Vorbild. Ihnen alles Gute.
Ich wandte mich ab, zückte meine Karte und reichte sie der anderen Mutter:
Ich gehe jetzt. Frau Dr. Eisenreich, falls Sie es für sinnvoll halten, kann Anna gern mit unserer Schulpsychologin sprechen. Aber jetzt möchte ich nach Hause.
Vera verabschiedete sich und erklärte mir kurz noch, dass Anna für den städtischen Nachwuchs-Literaturwettbewerb vorgeschlagen wurde.
Weiß sie davon already?
Noch nicht. Ach, und Sie, Frau Maier, machen Sie sich keine Sorgen der Großteil der Klasse hat sich in den Streit eingemischt, um Ihre Tochter zu verteidigen. Das ist heute selten und bedeutet viel. Sie können stolz sein.
Ich drückte Anna sacht die Schulter und verließ mit ihr zusammen das Schulgebäude.
Auf dem Heimweg bog ich plötzlich ab statt nach Hause fuhren wir ins kleine Café in Schwabing, wo wir schon öfter feierten.
Mama, wohin fahren wir?
Zum Essen, mein Wolfskind. Du weißt doch, unter Stress fress ich wie ein Bär.
Während wir warteten, musste Anna alles von vorn erzählen.
Sag mal Ist Annika eigentlich deine Freundin?
Nicht direkt, Mama. Sie gefällt mir schon, aber das weiß sie nicht mal. Ihr Vater ist krank, sie will Medizin studieren, braucht Hilfe in Chemie das wars.
Also hast du nur geholfen, weil sie unfair behandelt wurde?
Ja. Ich fand halt: So geht es nicht. Und dann kam Niklas mit der Clique auf mich zu weil er wusste, dass ich Boxen mache, wollte er nicht allein ankommen. Mama, ich habe Angst, dass mich der Trainer jetzt rauswirft
Da sorge ich vor, das klär ich.
Nein! Ich löse meine Probleme schon selbst!
Schon gut. Hier nimm das. Ich legte ihr ein paar Scheine Euro hin.
Was soll ich damit?
Na, falls du Annika mal ins Kino einladen willst. Mädchen möchten auch mal ins Café ausgeführt werden!
Mama!
Gibs zurück, wenn du das erste Honorar für dein Buch bekommst.
Ach, Männer! Euch muss man eben alles beibringen
Nicht alles.
Stimmt die wichtigsten Dinge weißt du schon. Das andere bring ich dir bei, wenns nötig ist. Noch Fragen? Mit Mädchen ist nichts leicht, aber mit Jungs auch nicht
Doch, eine: Wie erkenne ich, ob ein Mädchen wie Annika wirklich gerne mit mir Zeit verbringt?
Vertrau deinem Gefühl, Wolfskind. Und erinnere dich: Nicht alles im Leben lässt sich mit einem Schlag lösen. Manchmal hilft es auch, zehn Sekunden rückwärts zu zählen.
Spät am Abend, als ich das Erlebte noch einmal aufschrieb, wurde mir klar, was ich selbst heute gelernt hatte: Es ist ein gutes Gefühl, zu wissen, dass ich stolz auf meine Tochter sein kann. Und dass Mut, Ehrlichkeit und Loyalität so altmodisch sie klingen mögen immer noch die besten Werte sind, die ich weitergeben kann.





