Wo das Glück daheim ist
Mama, schau mal, was ich geschafft hab! Ich hab mir so viel Mühe gegeben und meine Lehrerin hat mich gelobt!
Lotta stürmte in die Küche, Tür knallte (sanft, aber bestimmt) gegen die Wand. In den Händen hielt sie ein Bild nein, sie balancierte es feierlich vor sich her, als wäre es eine Porzellandose vom Münchener Auktionshaus, die beim Runterfallen schon den neuen Mercedes finanziert hätte. Ihr Gesicht? Rosige Bäckchen, funkelnde Augen: so leuchtend, als hätte das ganze gemalte Zauberreich in ihr Platz gefunden.
Birgit saß am Fenster mit ihrer Tasse Tee, das Augsburger Stadtblatt lag ausgebreitet vor ihr. Erst das Poltern, dann sofort Lächeln Lottas Begeisterung färbte ab wie nasser Tuschkasten. Lotta blieb mit ausgebreiteten Armen zwei Schritte vor dem Küchentisch stehen und präsentierte das Bild, als wolle sie ihre Mutter in die Jury der Biennale Nürnberg einführen.
Birgit beugte sich vor, und tatsächlich da war was! Auf dem Papier türmten sich fantastische Burgen, die aussahen, als hätte Herr Hundertwasser einen guten Tag gehabt. Drüber schwebten Drachen so filigran, dass sie eher grazile Putzfrauen als feuerspeiende Bestien waren. Zartes Blau strich ins Neblige, mit goldigen Highlights das Ganze betörend harmonisch und trotzdem überraschend ausgereift. Es war das Kinderzimmer-Rembrandt, der Stil aber eindeutig Lotta.
Das ist wirklich toll geworden, mein Schatz. Super gemacht! sagte Birgit ehrlich und tappte vorsichtig drüber, um zu schauen, obs nass ist. Nur fast trocken. Dein Papa, der wird umfallen vor Begeisterung, pass auf!
Lotta stand wie eingefroren, saugte das Lob ein wie Apfelschorle in der Sommersonne. Sie hatte geschwitzt, Farbmuster ausprobiert, alles durchdacht. Kurz entschlossen presste sie das Bild an sich und wanderte ins Wohnzimmer.
Birgit erhob sich langsam, Murmeln in den Händen, zum Nachfolgen gezwungen.
Im Wohnzimmer tippte Stefan an seinem Laptop, der Bildschirm glühte, seine Finger hämmerten wie Maschinengewehrsalven beim Bleistifttesten in der 2. Klasse. Er bemerkte weder Frau noch Kind typische Papa-Tunnelarbeit, ein E-Mail-Marathon, der wohl die Zukunft der Automobilbranche sichern sollte.
Papa! Guck doch mal, was ich heute geschafft hab! Lottas Stimme zitterte vor Aufregung. Ich hab drei Monate dran gemalt! Die Farben extra so, dass sie ins Zimmer passen… Ich wollte, dass alles ein Ganzes ergibt…
Stefan riss sich los, schaute kurz aufs Bild und runzelte die Stirn. Sein Gesicht verwandelte sich in den gefürchteten Bohnenkaffee-Ausdruck: streng, sachlich, leicht fröstelnd.
Und das soll da jetzt hin? Glaubst du im Ernst, dass dieses Gekritzel zu unserem Wohnzimmer passt?
Seine Stimme fühlte sich für Lotta an, wie Eiswasser im Freibad. Sie klammerte sich ans Bild, Fingerknöchel weiß, und für einen Moment sah sie verletzt aus aber dann fasste sie sich.
Aber… ich hab doch auf die Farben geachtet! Der Rahmen ist aus demselben Holz wie unser Schrank… Ich meinte doch, dir könnte es gefallen…
Stefan stand auf, mit der Dramatik eines manischen Baumeisters, der bemerkt, dass ein Ziegelstein in der dritten Etage schief liegt. Worte gab’s nicht stattdessen beugte er sich über Lottas Schatz, um wie ein Inspektor für Baustatik die Nebelburgen, Drachen und Farbverläufe abzumustern.
Farbharmonisch? murrte er schließlich. Kein Geschmack. Du hast das Ganze verhunzt. Diese Drachen sehen aus, als kämen sie aus irgendwelchen billigen Märchenheften. Kein Stil, keine Tiefe nur eine Collage aus Kinderzeichnungen.
Lotta spürte, wie drinnen was zerknackte. Tief Luft holen, ruhig bleiben. Sie wollte sachlich bleiben aber Papas Worte piekten und ihre Stimme überschlug sich.
Das IST Fantasy! Ich sehe das so! Das ist MEIN Stil, MEINE Sicht! Mein Kunstlehrer wills sogar zum Wettbewerb nach Stuttgart schicken! Und er meint, ich hätte Chancen auf den ersten Platz!
Aber Stefan verschränkte die Arme sein Gesicht, ein Mix aus genervtem Denkmal und beleidigtem Oberbürgermeister während einer Gemeinderatssitzung. Er blickte wieder aufs Bild, suchte Kanten zum Ausmeckern bei den Goldhighlights blieb er besonders lange hängen. Dann kam der Moment: Er schob das Bild mit einer schnellen Handbewegung, als wische er den Rest einer Butterbreze beiseite. Es krachte dumpf auf den Boden.
Glasklarer Fall für die blaue Wertstofftonne. Das soll ausgerechnet unser Zuhause dekorieren? Sorry, aber nicht mal im Späti ums Eck würde man das aufhängen.
Lotta entfuhr ein spitzer Schrei, sie sprang sofort heran und prüfte, ob irgendwo Spuren, Kratzer, Macken oder fiese Dellen zu sehen sind. Ihre Hände bibberten, aber die Lippen blieben tapfer zusammengepresst.
Birgit trat dazu, unterstützte wortlos beim Aufheben. Ihre Hand unter der anderen Ecke, beide hielten gemeinsam an dem, was ihnen lieb war. Sie rang um Kontrolle, sprach aber klar:
Jetzt reichts. Du hast dich mit deinem Designerkatalog-Wohntraum total verzettelt. Das hier ist kein Möbelhaus, sondern unser Zuhause. Viel schlimmer aber: Du verletzt dein Kind, und du trittst ihr Talent mit Füßen. Wir gehen. Und du kannst weiter zwischen deine exquisiten Dekokissen predigen künftig ohne uns.
Sie begannen zu packen, und Stefan, irritiert vom Fehlen jedweder Szene, blieb einfach sitzen wie ein Chef nach einer verlorenen Vorstandswahl.
Ihr geht? In diese Rumpelkammer von deiner Oma? Da schimmelt doch das Parkett vor lauter Gemütlichkeit! Ihr seid doch verrückt. Zwei Tage und ihr kommt zurück! Und vielleicht… vielleicht verzeih ich euch dann sogar! Er tat Wichtig und klang dabei wie der Hausmeister, der seit dreißig Jahren weiß, wie man Heizungen richtig entlüftet.
Birgit kommentierte das nicht. Sie nahm Lottas Hand warm und zitternd und entschied in einer Klarheit, der Windmühlen nicht einmal einen Knicks abgerungen hätten.
Die Koffer waren schnell gepackt: Bücher, Pullover, Fotos, sogar der alte Plüschdackel Fritz sollte mit. Lottas Bild wurde in Karton und Papier gebettet wie eine Briefmarkensammlung von Museumsrang. Stefan saß da, rührte sich nicht gewohnt an Drama, aber gegen diesen stillen, unaufgeregten Auszug war sein Latein am Ende.
Am Abend bezogen sie ihre neue Wohnung. Ein Altbau, irgendwo am Rand von Augsburg, dritte Etage Decken niedrig, Wände bunt gefleckt von abblätternder Farbe, Parkett, das aus Prinzip immer dann quietschte, wenn man leise sein wollte. Die Fenster klapperten bei Wind, der Staub war so alt, dass er selbst den Staubsauger in die Flucht schlug. Birgit stöhnte nur einmal kurz auf aber dann kam die Entschlossenheit. Mach dir nichts draus, Lotta, raus mit dem Ausschlag wir machens uns selber gemütlich. Kein Designertrend, dafür echtes Zuhause-Gefühl.
Lotta, mit ihrer XXL-Malkiste, lächelte zaghaft. Sie stellte sich an die Wand, holte die neue, dicke Malerbürste heraus schaute zu Birgit.
Wirklich? Darf ich? Sogar auf die Wand?
Klar doch, Lotta. Ab jetzt gibts keine Tabus mehr. Das hier gehört uns. Aber: Erst muss der Putzmann ran, sonst ist das Bild gleich wieder weg.
Birgit nahm ihr Handy, rief Barbara an der Mann einer Kollegin, berüchtigt für flotte und gründliche Renovierungen. Noch am selben Abend kam der Handwerker vorbei. Am nächsten Morgen gings schon los: neue Farbe, neuer Schwung, und endlich frischer Wind in der Bude.
Solange alles aufgehübscht wurde, mieteten sie sich ein Zimmer unweit der City. Nicht optimal, aber besser als zwischen Staub und Malerdämpfen zu campen. Birgits Oma-Erbe ursprünglich für Lottas Studium in München zurückgelegt kam jetzt wie gerufen.
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Nach ein paar Wochen: Alles fertig. Tapeten in Pastell, in jedem Raum eine große, freigelassene weiße Wand für Lottas kreative Ausflüge.
Sie stürzte sich sofort drauf, zeichnete, malte, tobte mit Farben. Bald wuchsen Burgen und Drachen, goldene Lichtreflexe und lila Nebel hatten ihre ganz eigene Ordnung. Der Alltag: Lotta pinselte, Birgit guckte aus dem alten Fernsehsessel zu und fand ihr Glück im Chaos. Noch nie hatte sich Unordnung so richtig angefühlt.
Das Handy piepste. Wenn ihr euch wieder eingekriegt habt, könnt ihr zurückkommen. Aber das Bild bleibt da, wos hingehört in den Müll. Stand von Stefan.
Birgit schaltete kommentarlos aus, schenkte sich und Lotta einen Tee und dachte: Nein, danke ich bleibe lieber im echten Leben. Denn kleine Menschen sind wichtiger als große Pläne. Und von Stefans Seitenbacher-Werbung im Schlafzimmer hatte sie sowieso genug.
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Lotta nutzte die Freiheit. Ihr Zimmer war ein Atelier, das sogar Kunststudenten aus Weimar neidisch werden ließ. Burgen, Drachen, glitzernde Sterne auf der Decke, ein tapferes Einhorn an der Zimmertür. Lotta arbeitete mal mit Kaffee, oft ohne Frühstück, aber immer mit Leidenschaft.
Birgit sah zu und entdeckte die Verwandlung: Aus der vorsichtigen, leisen Lotta war eine kleine Zauberin geworden, die statt nach Erlaubnis einfach loslegte.
Eines Abends, als Lotta schon schlief, tapste Birgit leise ins Zimmer und prüfte im Dämmerlicht jede Spitze, jedes Drachenschwänzchen, jeden goldenen Fleck. Da war so viel Persönlichkeit dran, dass Birgit fast eine Träne verdrückte aber halt, wäre peinlich, wenn Lotta das bemerkt hätte…
Das Handy vibrierte wieder. Willst du wirklich im Schmuddelloch wohnen? Deine Tochter braucht doch ein richtiges Zuhause, und keinen Malerspielplatz! schrieb Stefan.
Lange schaute Birgit auf das Display, tippte dann zurück: Sie braucht einen Ort, an dem ihre Träume zählen. Und an dem ich keine Angst vor falschen Spültüchern haben muss. Das hier ist jetzt unser Zuhause. Also kein Grund zur Sorge. Senden und weg.
Am nächsten Morgen wurde aus der Baustelle langsam eine Wohnung. Zusammen rückten sie Möbel, hängten bunte Kissen auf, Lotta dekorierte wild und Birgit schüttelte den Kopf und lachte dazu. Am Wochenende gings auf den Flohmarkt Augsburg kann da was! Lotta entdeckte eine alte Holzschatulle als Drachenhort, Birgit erstand einen Schaukelstuhl im Shabby-Chic (aka schon so alt, dass es cool ist). Und beide strahlten.
Lotta bettelte: Mama, kann ich die schimmernden Ölfarben kaufen? Für meinen Drachen, der soll doch glitzern! Klar und Leinwand gleich dazu.
Lotta wirbelte in Mamas Armen, Birgit spürte ein warmes, ruhiges Zufriedenheits-Gefühl: Endlich das, was Familie ausmacht.
Der Zwang, jede Serviette korrekt zu falten, gehörte der Vergangenheit an. Hier in dieser krummen, nicht perfekten, aber lebendigen Bude regierten Lachen und Farben.
Am Abend, Birgit gerade pyjamabereit, hörte sie wieder einen Laut aus Lottas Reich. Sie spähte um die Ecke: Lotta sortierte Pinsel, räumte ihre neuen Glanzfarben akkurat wie Eisenbahnschienen und redete dabei halblaut mit sich selbst.
Noch wach? fragte Birgit leise.
Lotta drehte sich um, die Augen wach und gespannt.
Ich will heute Nacht anfangen! Ein riesiges Schloss, hoch bis in die Wolken. Ein Zauberwald und Drachen viele Drachen!
Birgit lächelte und lehnte sich an die Tür.
WOW. Und wohin?
Wand im Wohnzimmer. Für unsere Geschichte. Dann vergessen wir nie, wie alles begann.
Birgit nickte still. Es stieg ein warmer Kloß im Hals hoch, aber endlich war sie zufrieden: Ein echtes Zuhause misst sich nicht am Zustand der Tapete, sondern daran, ob man Drachen malen darf, ohne ausgelacht zu werden.
Am nächsten Morgen: Kaffeeduft. Lotta deckte auf und präsentierte Birgit einen Skizzen-Zettel ein Schloss, unzählige Türmchen, glitzernde Bäume, herumtobende Drachen.
Das wird unser Familienschloss, Mama! Ich fang heut an okay?
Birgit betrachtete jede Ecke, das Herz ganz warm, und fragte mit einem Grinsen:
Welche Turmspitze zuerst? Oder gleich die funkelnden Blumenbeete?
Lotta entschied prompt:
Der höchste Turm, damit alle wissen: Das hier ist unser Zuhause.
Und Birgit wusste: Sie würden nicht zurückgehen. Nicht zum Designer-Museum, wo Fantasie Sperrstunde hatte. Denn hier, zwischen Farben und Ideen da lebt das Glück.
Hier, wo Märchen Realität sind.





