Der untreue Ehemann versteckte ständig sein Handy – doch sein Gedächtnis wurde ihm zum Verhängnis

Jeder Mann hat so seine kleinen Geheimnisse. Der eine bunkert Euros im Kofferraum seines alten Golfs. Der andere erfindet Angeltouren am Chiemsee. Und Sebastian Weber legte sein Handy grundsätzlich mit dem Display nach unten ab.

Immer. Überall. Auf dem Küchentisch? Display nach unten. Auf dem Nachttisch vorm Schlafen? Klar, Display nach unten. Selbst am Gartentisch bei Schwiegereltern in Garmisch na, Sie ahnen es schon.

Franziska hat das anfangs gar nicht so richtig registriert. Erst mal nur so für sich abgehakt. Dann stutzte sie. Dann, typisch Frau, hörte sie ganz bewusst auf, darüber nachzudenken weil Nachdenken manchmal einfach zu weh tut. Das ist so eine feminine Taktik gegen inneres Unbehagen: so tun, als sei das Problem gar nicht da, bis es von selbst mit der Bratpfanne zuschlägt.

Ehe wie im deutschen Mittelmaß: keine Euphorie, keine Dramaabende, solide einfach. Sebastian ging arbeiten, Franziska ging arbeiten. Am Wochenende einkaufen im Kaufland, im Anschluss Netflix, ab und zu Besuch. Besuch bedeutete meist Paul mit Jana. Paul Sebastians Kumpel seit Informatikstudium in München. Jana, seine Frau, laut und lebensfroh immer mit dieser Selbstsicherheit, die Franziska oft ein bisschen anstrengend fand, aber sich nie anmerken ließ.

Es lief alles so vor sich hin. Wäre da nicht dieses Handy gewesen.

Franziska sah dieses auf den Kopf gelegte Handy ständig und überlegte jedes Mal: Was soll’s, ist doch sein Bier. Vielleicht einfach Gewohnheit.

Bis sie an einem Abend nach dem Salz griff, kurz an ihm vorbeiwischte, das Handy von Sebastian rutschte vom Tisch, fiel auf den Stuhl und lag plötzlich mit dem Display nach oben.

Sebastian war schneller als sie schauen konnte. Seine Hand auf dem Gerät. Wie ein Torwart vorm Elfmeter.

“Sorry”, murmelte Franziska.

“Schon gut”, knurrte Sebastian.

Und beide taten so, als wäre nie was gewesen. Weil man gerade dann, wenn was ist, besonders so tut als ob.

Franziska war klug. Was ihr ehrlich gesagt meistens das Leben schwer machte.

Eine kluge Frau zettelt keinen Krach wegen eines Telefons an. Eine kluge Frau beobachtet, wie Kommissar Rex, sortiert die Hinweise: Fakten hier, Ausreden dort. Solange die Ausreden noch irgendwie plausibel klingen, schweigt sie eisern. Das dauerte bei Franziska schon ein paar Monate. Ihr Notizkopf platzte schon halb.

Erster Fakt: Sebastian fing an, länger zu arbeiten. Früher war spätestens um acht am Abend Schluss. Neuerdings kam er auch um neun, manchmal halb zehn. Einmal sogar um elf. Die Erklärung dazu: Quartalsbericht, Chef aus Hamburg, typisch eben.

Zweiter Fakt: Er wurde zerstreut. Blickte durch den Tatort, ohne etwas wahrzunehmen. Auf eine Frage kam die Antwort, als hätte sie mit ihm über ein 56k-Modem gesprochen mit Verzögerung.

Dritter Fakt: Er krampfte, wenn Paul anrief.

Das war brisant. Paul, sein bester Freund, seit zwanzig Jahren, da wurde immer ans Handy gegangen oft halbe Stunden telefoniert und danach kam Sebastian fröhlich zurück. Und nun: Ein Blick aufs Display und sein Gesicht zuckte kaum sichtbar, aber Franziska merkte alles.

Einmal fragte sie sogar nach.

“Alles okay mit Paul und dir?”

“Klar. Warum?”

“Du wirkst komisch bei seinen Anrufen.”

“Hast du dir eingebildet”, meinte Sebastian und griff direkt wieder zum Handy.

Jana rief am Mittwochabend an. Ohne besonderen Grund. Ganz entspannt wie Frauen das eben manchmal machen: Männerfreie Schwatzrunde bei Tee über Gott und die Nachbarn lästern. Jana, temperamentvoll, Lacher für zwei, die sich nie im Supermarkt langweilt.

“Und, wie läufts?”, fragte Jana.

“Gut. Sebastian ist schon wieder auf Arbeitstour.”

“Na, Arbeit halt”, und Jana wirkte dabei ungewöhnlich zuversichtlich. ZU zuversichtlich.

Nächsten Freitag wie gehabt zu viert bei Franziska zu Hause. Paul und Jana brachten Riesling und Streuselkuchen mit, Sebastian brutzelte Steaks und gab sich superentspannt. Franziska deckte den Tisch und beobachtete, fast CSI-Style.

Irgendwas war seltsam zwischen Sebastian und Jana.

Früher schäkerten sie am Tisch herum, aber jetzt? Kaum ein Satz, kein Blickwechsel, als hätten sie sich zusammen in die IKEA-Ausstellung verirrt.

Paul nippte am Wein und erzählte von der Arbeit. Stimme sachlich, Blick müde. Franziska dachte: Weiß er was? Oder ahnt er was? Oder tut er nur so? Oder bilde ich mir alles ein wie bei Rosamunde Pilcher?

“Du bist so ruhig”, merkte Sebastian abends an, nachdem alle gegangen waren.

“Bin einfach müde.”

“Leg dich früher hin.”

“Mach ich”, sagte Franziska.

Sie legte sich. Auf die weiße Decke glotzend. Drüben plärrte leise die Sportschau, Sebastian kam noch nicht. Sein Handy lag da auf dem Nachttisch.

Natürlich mit dem Display nach unten.

Franziska drehte sich zur Wand.

Sie wollte immer noch den Erklärungen eine Chance lassen.

Am Samstag wollte Sebastian angeblich zum TÜV. Drei Stunden Minimum, meinte er.

Franziska trank Kaffee, las ein bisschen und beschloss dann zu putzen. Staubsauger raus, feuchtes Tuch, herumgeräumt. Im Wohnzimmer, da lag das Handy.

Auf dem Sofa. Display nach oben.

Vergessen!

In drei Jahren noch nie ließ Sebastian sein Handy liegen. Schlüssel? Klar, Portemonnaie? Schon passiert! Einmal vergaß er die Jacke im Büro und musste im November im Hemd nach Hause. Aber Handy? NIEMALS.

Franziska blieb mit dem Staubtuch in der Hand stehen.

Das Handy leuchtete. Einfach so. Unschuldig.

Sie ließ das Tuch fallen. Ein Schritt näher.

Auf dem Display: Benachrichtigung. Nur ein paar Wörter. Franziska las NIE Sebastians Nachrichten. Nicht aus blindem Vertrauen, sondern weil erwachsene Menschen auch mal ein bisschen Privatsphäre brauchen. War eben so ihr Prinzip. Eines, das für alle praktisch war. Außer für sie selbst.

Den Benachrichtigungstext las sie nicht.

Aber da war ein Foto neben dem Namen.

Ein kleines, rundes Bild wie im Messenger rechts neben dem Namen. Vielleicht anderthalb Zentimeter groß. Frauenkopf, dunkle Haare, breites Grinsen.

Diese Zähne kannte Franziska. Jana.

Sie stand da, starrte auf diesen Kreis mit Janas Gesicht. Eins, zwei, fünf Sekunden. Handybildschirm wurde langsam wieder dunkel. Franziska bewegte sich nicht.

Dann runter in die Küche. Wasser eingießen.

Jana. Pauls Frau. Freundin, so gut wie das eben bei den Ehefrauen der Freunde ist. Die Leute, mit denen man Fanta trinkt, weiß, dass sie keine Orangen essen dürfen, weil allergisch, und dass sie am neunten April Geburtstag haben. Franziska merkte sich immer Janas Geburtstag. Sie und Sebastian schenkten meistens gemeinsam.

Auch letztes Jahr.

Sie ging zurück ins Wohnzimmer. Da, das Handy, wieder eine Nachricht. Bildschirm an, Nachricht, Bildschirm aus.

Franziska las dieses Mal auch nicht.

Wenn sie jetzt las, würde sich alles ändern. Solange sie nicht las, bestand dieses winzige, absurde Fünkchen Hoffnung: Vielleicht hat Jana Sebastian einfach nur wegen irgendwas völlig Banalem geschrieben. Gratuliert zu irgendwas. Fragt nach Paul. Hat sich verwählt naja, geht in Messenger-Apps ja leider nicht, die Namen stehen direkt da. Franziska wusste, dass es nicht harmlos war.

Sie setzte sich neben das Handy. Starrte es an. Es lag da, als wüsste es zu viel, wollte aber lieber schweigen.

Im Kopf setzte sich zusammen, was schon lange herumwuselte eben nur nie in der richtigen Reihenfolge: Überstunden, Zerstreutheit, das seltsame Gesicht bei Pauls Anrufen. Der Freitag, wo sich Jana und Sebastian fast aus dem Weg gingen. Und Janas Arbeit-Antwort schneller als jede Münchner S-Bahn.

Jana wusste es. Jana wusste es, weil sie die Ursache war.

Franziska saß reglos da und spürte, wie in ihr alles ganz behutsam umsortiert wurde.

Paul, zwanzig Jahre bester Freund.

Weiß Paul das? Oder ahnt ers? Oder ist er clever und schweigt wie ich?

Krach im Treppenhaus. Schritte.

Sebastian war wohl doch früher vom TÜV zurück. Oder fiel sein Handy ein.

Franziska blieb sitzen.

Sebastian trat ein, sah sie dann das Handy neben ihr. Sein Gesicht nur ein ganz kurzes Zucken. Aber nach drei Monaten Training war ihr das schon vertraut.

“Hab ich liegen lassen”, murmelte er und nickte zum Handy. Ganz alltäglich. Alles bestens.

“Seh ich”, antwortete sie.

Franziska stand auf, ging in die Küche, nahm das zweite Glas Wasser, das noch unangerührt dastand, und trank es aus.

Stille hinter ihr.

“Franzi”, sagte Sebastian.

“Nicht jetzt”, antwortete sie ruhig. “Ich bin noch nicht so weit.”

Und das stimmte. Sie war nicht bereit für Diskussionen, nicht für Tränen, nicht für Streit über Details, die alles noch schlimmer machen würden. Sie war nur bereit für das, was sie längst wusste. Und das wusste sie sehr genau.

Das Gespräch kam am Sonntagabend. Keine Tränen, kein Geschirrwerfen, kein Tatort-Finale. Nur Küche und Tisch, Sebastian legte einfach los, als hätte er darauf gewartet, dass sie fragt.

“Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll”, begann er.

“Musst du nicht”, sagte Franziska. “Das Profilbild hat alles gesagt.”

Er schwieg lange. Dann fragte er:

“Hast dus geahnt?”

“Geahnt, ja. Mit verschiedenen Ausreden.”

“Und jetzt?”

“Was DU jetzt machst, weiß ich nicht. Ich muss mal über Scheidung nachdenken.”

Jana wusste es noch am selben Abend Franziska rief selbst an. Das Gespräch war so kurz wie ihr Geduldsfaden.

“Jana, ich weiß Bescheid. Du musst nichts erklären. Sag Paul, was du willst deins Problem. Aber ruf mich bitte nicht mehr an.”

Am anderen Ende kurze Stille. Dann etwas wie “Franzi…” aber Franziska legte auf.

Paul wusste es am nächsten Tag. Wie genau, keine Ahnung, wollte sie auch nicht. Sebastian kam abends nach Hause, mies gelaunt, saß stundenlang im Sessel, dann:

“Paul hat angerufen.”

“Verstehe”, sagte Franziska.

Mehr war dazu nicht zu sagen.

Drei Jahre Ehe. Zwanzig Jahre Freundschaft. Ein kleines Messenger-Bild und zwei Haushalte fielen in sich zusammen, leise, fast ordentlich, ganz ohne deutsche Dramen.

Eine Woche später packte Franziska ihre Sachen. Bücher, Klamotten, ein paar Küchenutensilien die waren noch von vor Sebastian. Er saß im Nebenzimmer, wechselte nur ab und zu die Sitzposition.

In der Tür blieb sie stehen. Das Handy lag auf dem Tisch.

Display nach unten.

Franziska verließ die Wohnung und schloss leise die Tür.

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Homy
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