Halte durch, sie sind Familie
Annika Stein betritt die Altbauwohnung in München-Schwabing wie jeden Abend, schließt sorgfältig die Tür hinter sich. Doch heute riecht es anders nicht nach ihrem gewohnten Kaffee und Bienenwachs. Im Flur ist die Stille zu dicht, etwas liegt in der Luft. Im Hausflur hört sie den Fernseher nicht, nur ein leises Murmeln aus der Küche. Ihr Mann, Florian, sitzt dort und wartet. Er sitzt aufrecht ungewohnt für ihn und sieht aus, als erwarte er eine Standpauke vom Direktor.
Anni, fängt er an, aber sie hebt die Hand.
Einen Moment.
Sie zieht die Schuhe aus, wie immer die Spitzen zur Wand, hängt ihren Mantel an den Haken ganz bewusst nicht auf den Stuhl, wie Florian das oft tut. Sie stellt ihre Tasche ab, geht in die Küche, gießt sich ein Glas Wasser aus dem Wasserfilter, dreht sich zu ihm.
Seine Stimme ist leise, so als wüsste er, was gleich kommt:
Meine Mutter und Karla Sie kommen für eine Zeit zu uns. Die Heizung in deren Wohnung ist geplatzt. Mit Kind, du weißt doch, wie das ist Sie finden gerade nichts, und die Reparatur Zwei Wochen, vielleicht drei.
Annika stellt das Glas ab, ganz vorsichtig.
Sie wohnen bei uns?
Ja. Mama ins Arbeitszimmer, Karla und Max im Wohnzimmer auf das Ausziehsofa.
Sein Blick flehend er hat alles schon entschieden, will aber hören, dass es okay ist.
Sind sie schon unterwegs? fragt Annika.
Ein Nicken.
Annika verlässt die Küche.
Diese Wohnung hat sie fast eineinhalb Jahre gesucht. Sie hat Anzeigen durchstöbert, in Regen und Kälte Termine gemacht, gerechnet, gespart, bewilligt, unterstützt. Die kleine Zweizimmerwohnung, Hinterhaus, sonnige Fenster zum Innenhof, dicker Altbau. Den Dielenboden hat sie von Hand abgeschliffen lassen, das Bad selbst gestaltet, stundenlang über Fliesen diskutiert, Schrankgriffe verglichen, Vorhänge ausgesucht.
Vorher hat sie acht Jahre ein kleines Zimmer bei einer älteren Dame in Berg am Laim gemietet, davor Studentenwohnheim mit drängelnden Kommilitonen vor der Dusche, bis um fünf Uhr morgens aufstehen ihre Normalität war. Kindheit im vollgestopften Reihenhaus Annika hat sich Freiräume geschaffen aus purer Notwendigkeit.
Das hier ist ihr erster eigener Ort, ihr kleiner Frieden.
Im Arbeitszimmer Flos Mutter soll es bekommen stehen Großraumschreibtisch, Monitor, Grafiktablet, ein Regal voll Konzeptmappen, über dem Schreibtisch eine Pinnwand voller Ideen, Inspirationen, Skizzen. Der ganze Raum trägt Annikas Geruch: Papier, Bleistift, Kaffee.
Sie atmet durch, geht zurück in die Küche.
Florian, ich habe gerade einen großen Auftrag. Kunde aus Ingolstadt, anspruchsvoll.
Nur für kurze Zeit, Schatz. Zwei, drei Wochen, bis alles wieder läuft.
Und wo soll ich dann arbeiten?
Küche oder Wohnzimmer… Er verstummt unter ihrem Blick.
Sie schaut zum Fenster, draußen schwanken Lindenblätter im Straßenlicht.
Zwei Wochen?
Ja, höchstens.
Gut.
Sie duscht lange und bleibt unter dem Wasser, bis es kalt wird.
Um kurz nach neun klingelt es. Annika hört Stimmen, Kindergeschrei im Flur. Sie liegt im Schlafzimmer, starrt die Decke an.
Florian ruft: Anni, kommst du begrüßen?
Es war ein anstrengender Tag.
Mama ist sonst enttäuscht.
Sie steht auf.
Die Schwiegermutter, Marianne Stein, steht im wollenen Mantel, mustert die Wohnung kritisch wie eine Maklerin. Karla, Florians Schwester, dirigiert den kleinen Max durchs Zimmer, dreckige Turnschuhe auf dem Holzboden dunkle Abdrücke.
Max, Schuhe aus, bitte, sagt Annika.
Er hört jetzt eh nicht, sagt Karla.
Frau Stein. Guten Abend.
Annika. Ja, so ist das man kann sich nicht alles aussuchen, kommentiert Marianne und dirigiert die Familie in den Flur, kontrolliert Zimmer, öffnet Türen.
Ich komme zurecht, sagt sie, als Florian ihr alles zeigen will. Zwei Zimmer sind doch genug.
Annika sieht, wie sie das Arbeitszimmer betritt, Licht einschaltet, den Stuhl rückt.
Guter Schreibtisch! Florian, hilf beim Koffer.
Max stürmt in die Küche.
Hungrig!
Was gibts? fragt Karla. Wir haben unterwegs nichts geholt.
Im Kühlschrank ist wenig: ihr Salat für morgen, Eier, Kefir, restliche Hühnerbrühe. Heute morgen wollte Annika noch einkaufen gehen. Jetzt ist es schon fast halb elf. Morgen um neun hat sie einen Videocall mit dem Kunden.
Geht Grießbrei?
Wenn sonst nichts da ist
Annika stellt Milch auf den Herd.
Am nächsten Morgen weckt sie der Fernseher Naturdokumentation, um sieben Uhr. Florians Atem ruhig im Halbschlaf neben ihr. Ihre Kaffeemaschine in der Küche, das Badezimmer besetzt, das Arbeitszimmer belegt.
Sie bindet den Bademantel um die Hüften.
Aus dem Wohnzimmer Kinderlachen, Karlas Stimme. In der Küche stehen schon drei Einkaufstaschen ihre eigenen Vorräte für zwei Wochen, als würden sie einziehen. Annika schiebt sie beiseite, macht ihren Kaffee.
Max kommt piepsend herein: Gibts Kekse?
Morgens isst man Müsli, Max.
Nein.
Geh zur Mama.
Sie schläft.
Er klettert auf den Fensterstuhl, schaut hinaus. Annika richtet sich fürs Arbeiten her.
Das erste Mal Arbeiten in der Küche fühlt sich bereits fehl am Platz an. Stimmen, Bewegung, Pfannen klappern, Geruch von fremdem Marmeladebrot. Marianne mustert sie.
Hier arbeitest du?
Ja.
Unbequem, oder?
Es geht schon.
Um neun der Call: ein Bauherr aus Augsburg wünscht ein modernes Haus am Hang. Das ist ihr Projekt ein halbes Jahr Arbeit winkt.
Doch mittendrin rennt Max durch den Flur, Marianne kocht laut Tee, Karla telefoniert. Annika schließt resigniert die Küchentür.
Ja, ich höre Sie… das Grundstück hat Potential, ja, mit der Topographie kann man arbeiten…
Nach dem Gespräch will ihr der Kopf platzen. Ihr Platz ist besetzt, Marianne fragt nach Untersetzer den schönen aus Finnland , den Annika widerwillig hergibt, weil sie keine Luft für Streit hat.
Die Tage verschwimmen. Max steht auf, noch bevor die Vögel singen, kommentiert lautlos seine Cartoons, singt leise vor sich hin. Marianne braucht morgens ewig im Bad, Karla verteilt ihre Sachen überall.
Am dritten Tag kommt überraschend Mittagessen aus der Küche: Frikadellen, der schwere Geruch nach heißem Fett, so wie Annika es nicht mag. Marianne setzt sich.
Essen, Annika.
Ich esse später, danke.
Warum? Die sind jetzt heiß.
Ich muss fertig werden.
Sie zieht Kopfhörer auf.
Abends versammelt sich die Familie um das Essen, Annika bleibt außen vor, versucht ruhig zu arbeiten.
Florian bringt ihr das Essen auf einem Teller.
Ich esse später.
Aber Mama hat extra…
Ich weiß.
Leise hört sie, wie Marianne beim Abräumen tuschelt: Man sieht ja, dass sie sich nicht freut…
Am fünften Tag sind die Becher versetzt. Annika räumt sie zurück. Marianne wieder hoch.
Frau Stein, unten ist praktischer.
Aber jetzt stehen da die Vorratsdosen. Das ist ordentlicher, meinst du nicht?
Ich bin hier zuhause.
Solange wir hier wohnen, finden wir das so praktischer.
Ihr Joghurt verschwindet, Max hat ihn bekommen.
Frau Stein, bitte nehmen Sie nicht meine Vorräte ohne Absprache.
Ach Annika, jetzt hör doch auf! Wir leben doch zusammen.
Nein, Sie sind Gäste!
So redet man doch nicht mit Familie.
Abends im Bett kommt Florian.
Sei nicht so, Mama ist enttäuscht.
Ich kann nicht mal entscheiden, was ich esse.
Ein Joghurt…
Nein, es ist meine Wohnung!
Ausnahmesituation!
Schon zweimal zwei Wochen
Jetzt gibts neue Probleme mit der Heizungsfirma…
Frag nach, ruf an!
Mama sagt, die Rohre
Florian, das ist nicht mein Problem.
Neunter Tag: Ihre geliebte Keramikpfanne ist ruiniert.
Wer hat meine Pfanne geschrubbt?
Ich musste kräftig reinigen!
Jetzt ist sie kaputt.
So schlimm ist das nun auch wieder nicht.
Bitte lassen Sie künftig meine Sachen so, wie sie sind.
Abends dasselbe Gespräch mit Florian.
Mama hat das nicht absichtlich gemacht.
Es geht um Respekt, Florian.
Halte durch, Schatz.
Wie oft noch?
Tage. Wochen. Fremde Gerüche, Lärm. Arbeitsmaterialien verschwinden, Annika fühlt sich fremd, alles kippt. Nächte werden zu langen Arbeitsphasen, müdig am Morgen.
Am 17. Tag Max kippt vollen Kirschsaft über ihr Laptop. Zwölf Stunden Arbeit verloren.
Es tut mir leid, flüstert er.
Karla: Er ist halt ein Kind
Da ist meine Arbeit! schreit Annika leise, erschöpft.
Marianne: Selber schuld, wer lässt sowas rumliegen?
Das ist meine Küche! Mein Arbeitsplatz!
Sei nicht so, Annika, nicht aufregen
Sie schließt sich ein, hört den Stimmen zu, aber sie kommen nicht mehr zu ihr durch. Nichts mehr zu verlieren. Sie sitzt lange mit dem kaputten Laptop auf dem Bett. In der Nacht beschließt sie, was zu tun ist.
Am Morgen, als alle schlafen, packt Annika: die Koffer und Taschen ihrer Schwiegerfamilie, Spielsachen, Vorräte, Kleidung. In den Flur. Sie packt auch Florians Sachen.
Florian sieht sie an, als wache er aus einem Traum auf.
Das kannst du nicht machen, Annika!
Ich kann und ich tue es. Ich brauche mein Zuhause zurück.
Karla stammelt: Du kannst uns nicht rauswerfen!
Ihr habt eine Wohnung, das ist euer Problem.
Starr, kalt, leise.
Annika, ich dachte, du bist nicht so eine, sagt Florian.
Ich auch, sage ich. Aber das hier ist mein Leben.
Ein Taxi wartet unten. Annika bleibt fest. Die Tür klappt. Leere.
Der Tag bricht an, blaugraues Licht malt Muster an die Wand. Sie kehrt in die Küche, der Geruch von Kirschsaft und fremden Parfums. Annika lüftet, gießt sich Filterkaffee ein, stellt sich ans Fenster zur Straße, schaut auf den nassen Asphalt. Unten spielt ein Hund, ein paar Spatzen flattern.
Sie stellt ihren Becher zurück auf die untere Regalreihe.
Es ist ruhig. Lebendig ruhig. Sie hört ihr Herz schlagen und sieht das Licht im Innenhof und die Welt ist noch unaufgeräumt, aber für einen Moment nur ihre eigene.
Das reicht für heute.





