An dem Abend kam Johanna später aus dem Büro als sonst, und als sie zuhause war, erfuhr sie, dass ihr Mann bei der Nachbarin gewesen war.
Johanna stieg an der Bushaltestelle am Bismarckplatz aus, es war schon fast neun. Ihr Absatz blieb direkt in einer Rille im Kopfsteinpflaster stecken sie zuckte mit dem Fuß, die Einkaufstasche schwankte und zog ihr die Schulter nach unten. In der Tüte war ein Suppenhuhn, eine Tüte Milch und drei Zwiebeln. Nichts Besonderes. Einfach für das Abendessen.
Sie lief durch den Innenhof des Mehrfamilienhauses in Heidelberg und dachte daran, dass sie bis Freitag noch den Monatsbericht fertig machen musste. Und dass sie die Milch vermutlich umsonst gekauft hatte Sebastian trank in letzter Zeit keine Milch, meinte, davon bekäme er Sodbrennen. Sie nahm sich zum tausendsten Mal vor, endlich der Hausverwaltung wegen der Lampe am dritten Hauseingang zu schreiben jedes Mal denkt sie daran, aber tuts nie.
Der Aufzug fuhr nicht bis in den achten Stock der Knopf leuchtete nicht. Johanna seufzte leise und stieg die Treppen hoch. Im vierten Stock roch es nach gebratenen Zwiebeln, im sechsten nach Zigaretten. Im achten war es still, die Tür gegenüber, zu Anna, war einen Spalt geöffnet. Von da wehte süßlich-orientalisches Parfum herüber. Johanna kannte den Duft, aber sie wollte nicht nachdenken, woher.
Sie betrat die eigene Wohnung, stellte die Einkäufe in die Küche und rief:
Sebastian, ich bin zuhause.
Keine Antwort.
Sie hängte die Jacke auf, zog die Schuhe aus, ging ins Wohnzimmer leer. Im Schlafzimmer niemand. Der Fernseher war aus. Auf dem Sofa lag die Fernbedienung, obenauf noch die Zeitung von heute früh, die Sebastian achtlos zusammengelegt hatte, Ecke nach unten. Alles wie immer.
Johanna ging in die Küche zurück, räumte die Einkäufe aus. Sie legte das Huhn in die Spüle, ließ Wasser laufen. Dann griff sie zum Handy und schrieb Sebastian: Wo bist du?
Drei Minuten. Fünf. Keine Antwort.
Sie stellte eine Pfanne auf die Platte, goss Öl hinein und begann, Zwiebeln zu schneiden. Eine, dann die nächste. Das Handy klingelte sie trocknete die Hände am Küchentuch und hob ab. Nicht Sebastian. Ihre Schwiegermutter.
Ja, Frau Baumgartner?
Johanna, ist Sebastian zu Hause?
Noch nicht. Warum?
Ach, nichts. Er geht nur nicht ans Handy, wollte wegen Samstag fragen.
Schreiben Sie ihm mal, er ruft schon zurück.
Gut, mein Kind. Nicht böse sein ich wollte nur
Ich nehms nicht krumm, Frau Baumgartner.
Na dann. Drück dich.
Johanna legte auf und rührte in den Zwiebeln. Das Öl spritzte bereits. Die ersten Ränder wurden braun, dufteten nach Röstzwiebeln.
Da flog die Wohnungstür zu.
Ich bins, kam Sebastians Stimme aus dem Flur.
Johanna drehte sich nicht um.
Essen gibts in zwanzig Minuten, sagte sie.
Sie hörte, wie er die Schuhe auszog. Ins Bad ging, das Wasser rauschte er wusch sich das Gesicht. Dann betrat er die Küche und lehnte im Türrahmen.
Bist du schon lange da?
Eine halbe Stunde, sie rührte weiter in der Pfanne. Wo warst du?
Bei Anna.
Johanna hielt die Bratspachtel still. Sie blieb mit dem Blick auf der Pfanne.
Bei welcher Anna?
Na, die Nachbarin gegenüber. Ihr ist ein Regalbrett runtergeknallt, Nagel war raus hat mich um Hilfe gebeten.
Sie fing wieder an, die Zwiebeln zu wenden.
Hat ganz schön gedauert, das Brett festzumachen.
War nicht nur das Brett. Sie hat mich noch gebeten, den Wasserhahn anzuschauen. Der tropfte.
Und? Repariert?
Ja.
Prima.
Sebastian schwieg.
Was ist denn? fragte er schließlich.
Nichts. Ist doch gut, wenn du alles wieder heil gemacht hast. Geh schon mal, ich ruf dich.
Er blieb einen Moment, dann ging er. Johanna drehte die Hitze runter. Sie schnitt jetzt das Suppenhuhn, das Messer glitt schlecht, war schon längst stumpf, aber sie kam nie zum Schleifen. Sie schnitt, legte die Stücke in die Pfanne, Deckel drauf. Ihre Hände blieben ruhig. Im Kopf war es auch ruhig, fast.
Anna Schuster, zweiunddreißig, geschieden. Vor gut einem Jahr hier eingezogen. Arbeitete bei irgendeinem Designbüro, Johanna wusste es nicht genau. Gefärbtes, kastanienbraunes Haar, immer ordentlich gestylt. Jeans, die wie für sie genäht waren. Ein freundliches, breites Lächeln, makellose Zähne. Grüßt immer zuerst, sagt Hi Johanna, als wären sie seit Jahrzehnten beste Freundinnen.
Johanna dachte: Einfach die Nachbarin. Mehr nicht.
Sie stellte Wasser für Tee auf. Holte Tassen raus zwei Stück, wie immer, ohne nachzudenken.
Sebastian rief aus dem Wohnzimmer:
Johanna, hast du gesehen, wo die Fernbedienung ist?
Auf dem Sofa, unter der Zeitung.
Ah, gefunden.
Der Fernseher brummte: Nachrichten. Johanna stand am Fenster. Im Hof brannte nur eine von drei Lampen, die Kinder waren schon zuhause, nur zwei Teenager saßen am Kiosk auf der Bank mit Coffee-to-go-Bechern von REWE.
Sie nahm das Handy, suchte Annas Nummer, wählte. Tut tut. Eins, zwei, drei…
Ja? Annas Stimme, weich, leicht überrascht.
Anna, hier ist Johanna, deine Nachbarin.
Oh hallo! Ist was passiert?
Nein. Nur eine Frage: War Sebastian heute bei dir?
Eine kurze Pause. Aber eine Pause.
Ja, war er. Hat mir beim Brett geholfen. Ich hab mich nicht getraut, das allein aufzuhängen, war zu schwer…
Wie lange war er da?
Hm… So eineinhalb Stunden, etwa. Warum?
Nichts. Gute Nacht.
Johanna legte auf. Eineinhalb Stunden. Für Brett und Wasserhahn? Sie öffnete die Pfanne, drehte das Huhn um heißes Fett spritzte, sie zuckte zurück.
Sebastian kam in die Küche.
Hast du mit jemandem telefoniert?
Mit Mama, murmelte Johanna.
Er griff sich einen Apfel aus der Schale, biss stehend hinein, den Ellenbogen am Türrahmen. Johanna deckte den Tisch: Teller, Gabeln, Brot.
Sebastian, ohne aufzuschauen. Warst du heute zum ersten Mal bei ihr?
Wo?
Bei Anna.
Hm Nee. Sie bat mich schon mal, eine Glühbirne zu wechseln. War doch im Sommer.
Hast du gar nicht erzählt.
Hab ich dir gesagt, Johanna. Du weißt nur nicht mehr. War im Juli.
Hast du auch dafür so lange gebraucht?
Sebastian senkte das angebissene Apfelstück.
Kontrollierst du mich etwa?
Ich habe sie gefragt. Sie meinte: eineinhalb Stunden.
Und? Wir haben eben noch Tee getrunken. Ist das ein Verbrechen?
Nein, sagte Johanna. Es ist kein Verbrechen.
Sie stellte die Pfanne auf den Tisch, holte Topflappen. Das Hühnchen war gar. Hühnchen mit Zwiebeln ganz normal. Wie immer.
Setz dich, sagte sie.
Sebastian setzte sich. Sie goss ihr ein, dann ihm. Sie aßen schweigend. Im Wohnzimmer dröhnte der Fernseher Wetter, am Wochenende solls kälter werden.
Schmeckt, sagte Sebastian.
Jaja.
Johanna.
Hm?
Bist du sauer?
Sie sah ihn an. Ein Gesicht zum Davonlaufen: etwas schuldbewusst, aber auch ein wenig trotzig, als ob sie ihm etwas vorwarf, das seiner Meinung nach gar kein Thema war. Sie kannte das schon.
Nein, sicher sie. Ich bin nicht sauer.
Gut.
Er aß auf, brachte den Teller zum Abwasch. Verschwand im Wohnzimmer. Die Sportschau brüllte. Fußball.
Johanna blieb sitzen, stocherte ratlos im Essen. Ein Bissen, langsam, angestrengt gekaut und geschluckt. Sie dachte nur eins: Eineinhalb Stunden. Annas Stimme diese Pause. Kurz, aber merkbar.
—
Am nächsten Morgen stand Johanna früher auf als sonst. Sebastian schlief noch. Leise schlich sie sich ins Bad, machte sich fertig. Dann kochte sie Kaffee, trank ihn stehend am Küchenfenster. Draußen nur der Hausmeister im orangenen Overall, kehrend.
Im Büro dachte sie ständig an das Thema. Nicht wirklich panisch eher leise, unterschwellig, wie ein Splitter, der sich tief ins Fleisch bohrt und immer sticht.
In der Mittagspause rief ihre Freundin Annett an.
Na, wie gehts?
Gut, danke.
Klingt aber nicht so.
Doch, alles okay. Hab nur schlecht geschlafen.
Wegen Sebastian?
Wieso sollte es gleich Sebastian sein?
Immer wenn du schlecht gelaunt klingst und alles okay sagst, gehts um Sebastian.
Johanna schwieg erst. Dann fragte sie:
Mal ehrlich, wie würdest du das interpretieren? Mann geht zur Nachbarin, hilft da, bleibt anderthalb Stunden, trinkt Tee.
Annett schwieg ebenso.
Und? Das erste Mal?
Er sagt, nein. War schon im Sommer da, Glühbirne wechseln.
Und die Nachbarin?
Geschieden. Jung. Hübsch.
Johanna
Was?
Hast dus ihm gesagt?
Was gesagt?
Was du denkst.
Ich denke nichts. Ich zähle nur auf.
Ach komm, du bist klug, aber manchmal ein bisschen stur. Nur Fakten? Was fühlst du denn dabei?
Keine Ahnung, gab Johanna zu. Vielleicht ist es harmlos. Vielleicht rege ich mich umsonst auf.
Vielleicht eben nicht.
Eben.
Sprich klar mit ihm, riet Annett. Kein Versteckspiel, keine Andeutungen, kein Wasserhahn mehr. Direkt!
Das ist leicht gesagt.
Klar ist das schwer. Aber willst du so mit dem Splitter weitermachen? Als wäre nix?
Will ich nicht, stimmte Johanna zu. Will ich nicht.
Abends kam sie nach Hause. Sebastian war schon da hatte Brot gekauft, den Wasserkocher angemacht, saß mit dem Handy auf dem Sofa.
Hi, begrüßte er sie. Hast du gegessen?
Im Büro.
Ich koch noch schnell Maultaschen, willst du?
Nein, danke.
Sie zog sich um, trank ein Glas Wasser, setzte sich ihm gegenüber ins Sessel.
Sebastian.
Hm?
Leg das Handy weg.
Er sah sie an, merkte gleich am Tonfall, dass jetzt Ernst war, und legte das Handy auf den Tisch.
Ich höre.
Ich will was wissen. Und ich will, dass du ehrlich antwortest.
Na los.
Läuft da was mit Anna?
Er zögerte. Eine Sekunde. Zwei.
Nein, sagte er.
Du hast nachgedacht, bevor du geantwortet hast.
Nein, ich also
Sebastian. Du hast nachgedacht.
Er stand auf, lief vorm Fenster auf und ab, drehte ihr den Rücken zu.
Da ist nichts, Johanna. Ich schwörs.
Warum dann die Pause?
Weil dein Ton mich dazu bringt, als müsste ich mich rechtfertigen. Das fühlt sich mies an.
Du bist öfter da. Trinkst Tee. Bleibst stundenlang. Sagst es mir nicht.
Ich habe von der Glühbirne gesagt!
Nein, hast du nicht.
Doch, hab ich! Du hasts vergessen.
Sie sah auf seinen Rücken.
Dreh dich um, bitte.
Er tats, sein Gesicht angespannt.
Da ist nichts, wiederholte er. Sie ist allein, braucht ab und zu Hilfe, ich tue halt, was ich kann. Das macht man als Nachbar.
Klar, meinte Johanna. Hilft man halt. Aber dass du das verschweigst, ist nicht normal.
Ich habs nicht verschwiegen!
Sebastian, sie sprach ruhig. Gestern fragte ich: Warst du das erste Mal bei ihr? Du sagtest: Nein, auch im Sommer schon. Das habe ich aus dir herausgezogen. Von selbst erzählst du sowas nicht.
Jetzt schwieg er.
Okay, sagte er schließlich. Ich versteh schon, wie das wirkt. Aber es ist einfach…
Was?
Es ist angenehm, sich mit jemandem zu unterhalten, der zuhört.
Johanna atmete langsam aus.
Und ich höre nicht zu?
Das hab ich nicht gesagt.
Doch. Du sagtest, ist angenehm mit jemandem zu reden, der zuhört. Also läufts wohl zuhause nicht.
Johanna, du drehst mir alles im Mund um…
Gar nicht. Ich hör zu. Ganz genau.
Er setzte sich wieder. Rieb sich das Gesicht.
Du bist viel gestresst, sagte er dann. Immer müde, genervt, kommst von der Arbeit, kriegst kaum Luft. Ich fang an zu erzählen, du bist gedanklich schon bei was anderem. Schon länger. Ich nehms dir nicht krumm. Ist halt so.
Und deshalb bist du zur Nachbarin gegangen.
Nicht so, wie du denkst!
Und wie, deiner Meinung nach, denke ich?
Dass was läuft.
Weiß ich doch selbst nicht. Daher frage ich.
Er blickte sie direkt an.
Da läuft nix. Gabs nie. Ich geh nicht hin für sowas.
Weshalb dann?
Er schwieg.
Sie redet halt normal mit einem. Fragt, wies geht. Hört zu. Ohne Handy nebenbei, ohne Glotze.
Johanna sah ihn an. Zwölf Jahre. Zwölf Jahre kannte sie ihn, und jetzt sitzt er hier, sagt, zur Nachbarin zu gehen, weil man mit der reden kann.
Verstehe, meinte sie.
Johanna
Nein, wirklich. Verstehe. Danke für die Ehrlichkeit.
Bist du sauer?
Nein.
Warum guckst du so?
Ich denke halt nach.
Sie stand auf, holte sich Wasser. Trank ruhig. Kam zurück.
Sebastian, ich will dich noch was fragen. Ehrlich.
Na.
Bist du verknallt in sie?
Lange sah er sie an.
Nein, sagte er. Keine Spur.
Sondern?
Sie ist einfach eine Art Auszeit. Ich gehe raus und fühl mich kurz wieder lebendig, weil mir wer zuhört. Mehr nicht.
Auszeit, wiederholte Johanna. Zuhause gibst dus nicht mehr. Musst zur Nachbarin gehen.
Das war so nicht gemeint.
Doch.
Er schwieg wieder.
Johanna dachte: Wahrscheinlich hat er recht, sie ist wirklich müde. Arbeit, Fahrt, Haushalt, Bericht, schlafen. Fünf von sieben Tagen. Sie dachte, er merkt es, versteht das. Dass er nicht mehr erwartet, weil er es begreift.
Aber offenbar war dem nicht so.
Gut, sagte sie. Ich schlage einen Deal vor.
Was für einen?
Du gehst nicht mehr zu ihr. Ohne mich, nie mehr.
Kindisch.
Nein. Das ist meine Bedingung. Und ich verspreche sie suchte nach Worten, ab jetzt höre ich dir zu. Ich bemühe mich dann eben besonders. Wir einig?
Sebastian sah sie an.
Bist du immer so geschäftlich?
Ist mein Job, trocken.
Ich geh nicht mehr hin wenns dir so wichtig ist.
Ist wichtig.
Also gut.
Sie schwiegen.
Magst du jetzt doch Maultaschen? fragte er.
Nein, lass uns einen Tee trinken.
Okay.
Er ging in die Küche. Sie hörte ihn klappern, hörte das Wasser im Wasserkocher, hörte das Klicken. Johanna saß im Sessel, sah aus dem Fenster. Draußen brannte eine einzige Straßenlaterne.
Sie dachte: Das war sicher nicht das letzte Gespräch. Das, was er da gesagt hat von der Auszeit, vom Zuhören ist wichtiger als alle Regale und Wasserhähne. Das ist das Eigentliche für uns.
Sebastian kam mit zwei Tassen zurück.
Mit Minze, wie dus magst.
Danke.
Er saß ihr gegenüber, die Tasse mit beiden Händen festhaltend seine Marotte, immer schon, auch im Sommer.
Johanna, sagte er.
Mhm?
Es tut mir leid.
Was genau?
Dass ich nicht geredet habe. Hätte was sagen müssen.
Ja, meinte Johanna. Hättest du.
Ich hab gar nicht gemerkt, dass das so wirkt. Für mich wars halt: kurz rüber, geholfen, geschnackt. Und jetzt…
Jetzt merkst du, dass das ein Symptom ist.
Für was?
Dass wir was ändern müssen. Dass du, um reden zu können, rüber zu Anna gehst.
Er nickte langsam.
Wahrscheinlich.
Das ist schlimmer, Sebastian. Schlimmer als alles andere. Heißt, wir sind schon weit auseinander.
Echt?
Ich weiß nicht, sie nippte am Tee. Aber es ist Zeit, was zu tun. Jetzt noch, solange wir können.
Was tun?
So reden, wie du mit ihr redest, ganz ruhig, ohne Vorwurf. Miteinander. Öfter.
Tun wir doch gerade.
Das ist gut.
Sie saßen da. Tee wurde kalt. Draußen lief jemand mit einem kleinen Hund vorbei zog an der Leine, spurtete ins Warme. Das Laternenlicht vor dem Haus flackerte, wurde dann ruhig.
Findest du Anna attraktiv? fragte Johanna.
Anna?
Ja.
Lange Pause. Er wich nicht aus, das fand sie fair.
Sie ist nett. Nicht mehr.
Nicht, wie ichs meine?
Nein.
Sicher?
Willst du jetzt einen Ja, sicher-Spruch oder willst du offen reden?
Offen.
Dann sag ich: nett zum Reden. Aber ich liebe dich. Das ist was ganz anderes.
Johanna sah ihn lange an.
Schön, sagte sie.
Schön was?
Schön, ich glaube dir. Vorerst.
Vorerst?
Gib mir keinen Grund zum Misstrauen, dann gibts auch kein Vorerst.
Er nickte.
Abgemacht.
—
Drei Wochen gingen vorbei.
Johanna spionierte nicht sie wollte da gar keinen großen Deal draus machen. Sie lebte, arbeitete, kochte. Abends strengte sie sich an. Kein Handy. Fragte: Wie war dein Tag? Hörte echt zu. Es war nicht einfach sie war oft wirklich müde, aber sie gab sich Mühe.
Sebastian merkte das. Sie sah es ihm an daran, wie er Heim kam. Legte das Handy nicht weg, ging nicht gleich zur Glotze. Setzte sich neben sie. Erzählte was.
Eines Abends sagte er:
Bei mir gibts einen neuen Projektvorschlag. Schwer, aber spannend. Gibt Zulage.
Erzähl doch mal!
Und er erzählte. Gut zwanzig Minuten von dem Projekt, den Leuten, seinen Ängsten, es nicht zu schaffen. Johanna hörte aufmerksam zu nicht einfach nickend, sondern wirklich.
Am Schluss fragte sie:
Und warum hast du Angst?
Es ist für mich komplettes Neuland. Andere Anforderungen.
Früher hast du auch alles Neue gepackt.
Damals war ich jünger.
Sebastian, du bist einundvierzig.
Genau.
Da fängt man Projekte noch locker an.
Naja.
Nimm es ruhig. Je mehr Respekt, desto besser das ist ein gutes Zeichen.
Er sah sie an.
Findest du?
Ja.
Er nickte.
Okay. Ich denk drüber nach.
Und tats. Drei Tage später erzählte er, er habe ja gesagt. Kam leicht aufgekratzt nach Hause Adrenalinschub nach dem Gespräch mit dem Chef. Setzte sich, trank Wasser.
Hab zugesagt, sagte er.
Super.
Bin aufgeregt.
Ich weiß.
Johanna, er sah sie an, danke dir.
Wofür?
Für damals, den Klartext. Erst dachte ich, du bist einfach sauer, das legt sich schon. Dann hab ichs gecheckt du hattest recht.
Ich war nicht sauer.
Deswegen wars schlimmer. Ehrlich.
Johanna lachte leise.
Das ist wirklich schlimmer.
Wenn du sauer bist: kein Problem. Aber wenn du ruhig sagst, ich glaub dir, vorerst, dann…
Dann was?
Dann ists ernst.
Stimmt.
Sie schwiegen kurz.
Anna stört dich nicht mehr? fragte er.
Wer?
Na, Anna.
Johanna überlegte.
Nein, ganz ehrlich. Nicht mehr. Mich stört etwas anderes.
Was?
Dass du dich einsam gefühlt hast bei mir und nix gesagt hast. Dass ich das nicht gemerkt hab.
Dir ist keine Schuld daran.
Vielleicht nicht. Aber ich wills merken.
Er war still.
Sebastian, sagte sie, falls du wieder mal wieder nicht reden kannst: Komm zu mir, bitte. Einfach: Johanna, ich muss reden. Dann leg ich alles weg.
Echt?
Ja. Versprochen.
Versprichst du?
Versprochen.
Er nickte.
Gut, sagte er. Abgemacht.
—
Im Dezember begegnete Johanna Anna wieder im Aufzug. Sie kam aus dem Supermarkt, Anna von der Arbeit, langes graues Wollmäntelchen, riesige Tasche an der Schulter. Sie stiegen gleichzeitig in den Aufzug. Türen zu.
Hallo, sagte Anna. Etwas vorsichtig.
Hallo.
Nach Hause?
Ja.
Der Aufzug rumpelte nach oben. Anna sah ins Handy, Johanna hielt ihre Einkaufstüte.
Johanna, begann Anna, ich wollte nur sagen
Brauchst nichts erklären, unterbrach Johanna sie ruhig.
Ich will aber
Anna, ehrlich. Ist alles gut.
Bist du sicher?
Sicher.
Der Aufzug hielt im achten Stock. Die Türen gingen auf.
Schönen Abend, wünschte Johanna und stieg aus.
Anna folgte, ihre Wohnung lag gegenüber. Sie gingen auseinander. Johanna holte die Schlüssel, schloss auf.
Sie hörte, wie Annas Tür aufging ganz leise und vorsichtig schloss.
Johanna trat in die Wohnung, stellte die Tüte ab, zog die Schuhe aus.
Ich bins, rief sie.
Hallo! Sebastian rief aus der Küche. Ich hab Suppe gekocht, magst du?
Gerne, sagte Johanna.
Sie hing den Mantel auf, ging in die Küche. Der Duft der Suppe war ganz normal Lorbeerblatt. Zwei Teller standen schon auf dem Tisch.
Sebastian schöpfte um, drehte sich um, grinste.
Kalt geworden draußen?
Ja, minus sieben schon.
Setz dich, dann wird dir warm.
Sie setzte sich. Probierte heiß, lecker, ein bisschen zu salzig, wie immer bei ihm.
Ein klein wenig zu viel Salz, sagte sie.
Jaja, nickte er. Hab mich verhaspelt.
Woran?
Am Projekt. Gedanklich abgedriftet.
Und, läuft’s?
Wird langsam. Heute endlich mal was gelöst. Erklär ich dir nach dem Essen.
Erzählts du es mir dann?
Er lächelte.
Klar.
Draußen fiel der erste Schnee ganz feiner, noch zögerlich. Setzte sich auf das Geländer, das Dach vom Nachbarhaus, auf die Kabel. Johanna schaute raus und dachte: So ist das jetzt. Nichts ist kaputt gegangen. Nicht, weil nie was war sondern weil sies nicht zugelassen hat.
Der Löffel war warm in der Hand. Die Suppe heiß. Ihr Mann saß ihr gegenüber am Tisch.
Für den Moment reicht das.
—
Ein Monat später.
Irgendwann merkte Johanna: Sie hatte aufgehört, an Anna zu denken. Nicht absichtlich das Thema war einfach von anderen Dingen abgelöst worden. Sebastians Projekt brummte, er kam aufgedreht heim mal gut, mal schlecht. Eines Abends kam er schwarz heim.
Was ist los? fragte sie.
Der Kunde hat alles geändert. Drei Wochen für die Katz.
Alles?
Fast alles. Muss auf Anfang.
Er setzte sich an den Küchentisch, nahm nicht mal die Jacke ab. Johanna stellte automatisch einen Tee hin. Sebastian klammerte sich an die Tasse und schwieg.
Sebastian…
Hm?
Möchtest du, dass ich was sage? Oder einfach nur dableiben?
Er sah sie erstaunt an, als ob die Frage selbst ein Geschenk wäre.
Dableiben.
Okay.
Sie machte sich auch einen Tee, setzte sich an seine Seite. Draußen war es längst dunkel geworden, Schnee fiel dick, wies in der Stadt halt ist am nächsten Morgen alles Matsch. Johanna hielt die Tasse und dachte an nichts Besonderes. Sie war einfach da.
Nach zehn Minuten seufzte Sebastian.
Danke, sagte er leise.
Wofür?
Weil du nicht fragst.
Du erzählst es schon von allein.
Ja. Später. Jetzt kann ich noch nicht.
Gut.
Sie erhob sich, machte das Abendessen warm. Er aß, kam wieder zu Kräften. Beim Essen erzählte er doch, knapp, ohne Details. Johanna hörte zu, gab keinen Rat und kein Wird schon. Sie hörte einfach zu.
Du bist anders geworden, sagte er dann.
Wie meinst du das?
Weiß nicht. Weicher irgendwie.
War ich immer schon.
Nein, sagte er, nicht immer. Jetzt schon.
Johanna dachte: Vielleicht stimmt das gar nicht. Vielleicht fiel ihr nur auf, was vorher unterging. Nicht, weil sie sich verändert hatte, sondern weil sie erschrocken war damals, als er sagte: Es ist einfach schön, sich zu unterhalten, weil man zugehört bekommt. Da hatte sich was verschoben. Ganz leise, ohne Krach. Aber verschoben.
Sie sagte das nicht. Sagte gar nichts. Manchmal ist Schweigen besser.
Im Winter kam die Schwiegermutter auf Besuch. Johanna bereitete sich mit gemischten Gefühlen vor war dann aber überrascht, wie entspannt alles lief. Frau Baumgartner brachte selbstgekochte Marmelade und Winterschuhe für Sebastian mit gekauft auf dem Markt, leider zu groß, musste noch mal zurück. Sie tranken Tee, die Schwiegermutter erzählte über ihre Schwester, die nach Freiburg gezogen war. Johanna hörte zu. Irgendwann sagte sie:
Johanna, du siehst heute hübsch aus.
Danke.
Doch, ehrlich. In deinen Augen ist was Hast du Urlaub gemacht?
Nein, viel Arbeit. Sonst nix.
Na dann, grinste die Schwiegermutter. Ist’s halt zu Hause schön.
Es war gar keine große Sache einfach so daher gesagt. Aber Johanna wusste im Stillen: Es stimmt. Es ist gut zu Hause. Nicht perfekt. Aber gut.
Im Januar ließ Anna das Schloss wechseln Johanna hörte das Schrauben und das laute Sprechen der Handwerker auf dem Gang. Später trafen sie sich wieder kurz im Aufzug. Dieses Mal lächelte Anna ganz normal.
Hallo.
Hallo.
Eiskalt heute.
Ja, minus fünfzehn.
Der Aufzug stoppte, sie gingen auseinander. Johanna schloss auf, zog die Mütze ab, rieb sich die Ohren.
Bin da! rief sie.
Hunger? kam es aus der Küche.
Ja!
Kartoffeln stehen schon auf dem Herd.
Super.
Johanna ging in die Küche. Sebastian stand am Herd, rührte im Topf. Drehte sich zu ihr um.
Du hast eine rote Nase.
Ist eben Winter.
Steck dich hier an den Herd, ich mach das schon.
Ich bleib hier. Ist schön warm.
Sie lehnte sich an die Küchenwand. Beobachtete, wie er rührte. Er summte etwas vor sich hin, ganz leise.
Was singst du?
Weiß nicht. Einfach so.
Klingt schön.
Jetzt veralberst du mich.
Überhaupt nicht.
Er warf ihr einen Seitenblick zu.
Ehrlich nicht?
Ehrlich.
Er wandte sich wieder zum Topf. Johanna schaute auf seinen Rücken breit, das Flanellhemd ein wenig ausgeblichen, Lieblingshemd seit acht Jahren. Zeit für ein neues vielleicht.
Sebastian, schob sie nach.
Hm?
Nichts. Einfach so.
Einfach?
Einfach gut.
Er sah sie an, aufmerksam, ein wenig erstaunt. Dann nickte er.
Ja, sagte er. Gut.
Die Kartoffeln blubberten, draußen pfiff der Wind, die Küche roch nach Essen und Geborgenheit.
Zwölf gemeinsame Jahre. Und vermutlich noch… viele mehr.





