Der Preis seines neuen Lebens

Der Preis seines neuen Lebens

Lena, ich muss dir was sagen. Ich denke da schon lange drüber nach.

Helena Vogt stand am Herd und rührte in einem Topf Suppe. Ganz einfache Suppe: Kartoffeln, Karotten, ein bisschen Sellerie. Sie drehte sich nicht sofort um. Es war nicht der Ton, in dem ihr Mann sonst über Rechnungen reden wollte oder über den Ärger im Büro. Etwas Dringliches schwang mit. Schon vorbereitet.

Ich höre, sagte sie und rührte weiter.

Nein, du hörst gar nicht richtig zu. Dreh dich zu mir um.

Sie schaltete den Herd aus. Legte langsam den Holzlöffel auf den Rand. Drehte sich dann ganz ruhig um.

Matthias Vogt stand in der Küchentür. Zweiundfünfzig, groß, mit genau den grauen Schläfen, an denen sie früher immer kurz gestreichelt hatte. In der Hand hielt er sein Handy, starrte aber nicht auf das Display. Er hielt es einfach so.

Ich gehe, sagte er.

Helena spürte, wie sich etwas unter der Rippe zusammenzog. Keine richtige Schmerzen. Eher die Erwartung, dass es gleich wehtun wird.

Wohin? fragte sie. Dumm, dachte sie sofort. Aber es gab keine anderen Worte.

Für immer. Mein Koffer steht schon im Flur.

Matthias.

Lena, bitte. Ich will keine Szene.

Ich mache keine Szene. Übermenschlich ruhig, dachte sie. Woher kam das? Sag mir einfach warum. Ich habe ein Recht darauf.

Er schwieg. Wechselte das Handy von einer Hand in die andere.

Ich halt das nicht mehr aus, sagte er schließlich. Ich schaff das nicht, mit einer Invalidin zusammenzuleben.

Die Stille war so dick, man hätte sie schneiden können. Draußen rauschte ein Auto, ein Nachbar knallte im Treppenhaus die Tür, irgendwo in den Rohren klopfte es. Aber hier, in der Küche, war es still. So still, dass sie ihr eigenes Atmen hörte.

Was hast du gesagt? fragte sie ganz leise.

Ich weiß, wie brutal das klingt. Aber du wolltest Ehrlichkeit. Ich kann nicht bis an mein Lebensende auf deine Narbe schauen, auf Tablettenschachteln und Krankschreibungen. Du bist nicht mehr dieselbe, Lena. Du hast dich verändert, seit der OP.

Ich hab dir meine Niere gegeben.

Ich weiß.

Meine Niere, damit du lebst.

Ja. Und ich bin dir dankbar. Du hast mein Leben gerettet und das vergesse ich auch nicht. Aber ich kann nicht aus Dankbarkeit neben jemandem bleiben, der

der was?

der eben nicht mehr dieselbe ist.

Helena trat langsam ans Fenster. Draußen war November. Grau, nass, kahle Bäume, Pfützen auf dem Asphalt. Sie starrte auf die Wasserflächen und wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Weinen? Schreien? Umfallen?

Es gibt eine andere, sagte sie. Es war keine Frage. Sie war sich sicher.

Die Pause war lang genug, um zu verstehen.

Ja.

Schon lange?

Ein paar Monate.

Sie nickte. Starrte immer noch aufs Fenster.

Wie heißt sie?

Lena, das bringt doch nix.

Wie heißt sie?

Viktoria.

Und wie alt ist sie?

Einunddreißig.

Wieder ein Nicken. Irgendwie passte jetzt alles zusammen die letzten Monate, sein neues Parfum, das sie nicht kannte, die artige Distanz, das immer spätere Heimkommen. Dass er gar nicht mehr fragte, wie es ihr wirklich ging.

Gehst du jetzt?

Ja.

Dann geh.

Sie hörte, wie er den Flur entlangging, wie der Koffer über das Parkett rollte, wie der Türzapfen in der Haustür klickte. Nur ein einziges Mal. Und dann war es still.

Helena blieb noch fünf Minuten am Fenster stehen. Dann ging sie wieder zum Herd, machte die Platte an und griff nach dem Löffel.

Die Suppe musste zu Ende gekocht werden.

***

Vor drei Jahren, als bei Matthias das finale Nierenversagen diagnostiziert wurde, hat Helena nicht gezögert. Sie bot es selbst an. Die Ärzte prüften alles, sie machte alle Untersuchungen. Im April vor zwei Jahren lagen sie dann auf derselben Station in der Uniklinik Tübingen in Nachbarzimmern. Sie gab ihm ihre linke Niere. Der Heilungsprozess war zäh, aber er erholte sich schnell.

Nach der OP lebte sie mit einer Niere weiter, gewöhnte sich an die neue Realität. Es gab Schmerzen in der Seite, Müdigkeit, Diät, regelmäßige Kontrollen. Eine feine Narbe am Bauch auf der linken Seite, die nie ganz verschwand, aber immer heller und dünner wurde.

Matthias blühte regelrecht auf. Die Gesichtsfarbe kehrte zurück, er nahm wieder zu, begann mit Fitnesstraining. Dann kam der neue Anzug. Neues Parfum, das sie nie gekauft hatte.

Helena dachte damals, er freut sich einfach am Leben, jetzt, wo er es zurückhat. Sie hätte sich für ihn gefreut. Ehrlich.

Was für ein Narr sie gewesen war.

***

Die ersten zwei Wochen nach seinem Weggang arbeitete sie einfach weiter. Das war das einzige, was automatisch ging. Helena war Übersetzerin, nahm Aufträge von Zuhause an. Deutsch und Englisch, medizinische Fachtexte, ab und zu mal ein Roman. Sie saß am Laptop, starrte ins Dokument und übersetzte weiter fremde Gedanken wurden zu ihrer Sprache, und das war gut so. Eigene hatte sie keine.

Abends aß sie meistens irgendwas. Mal Brot mit Käse, mal ein paar Eier gekocht. Richtig gekocht wurde nicht. Sie ging früh ins Bett, weil es in der leeren Wohnung sonst nicht auszuhalten war. Wachte um vier auf und lag dann herum, bis es hell wurde.

Marina rief jeden Tag an.

Lena, hast du heute was Richtiges gegessen?

Ja.

Was?

Ach, Marina

Sag schon, was?

Brot.

Das ist kein Essen. Ich komme morgen vorbei.

Musst nicht.

Ich komme trotzdem.

Marina Schuster, Freundin seit Studienzeiten. Beide um die fünfzig, Marina arbeitet als Hausärztin im Gesundheitszentrum im Stadtteil, ist zum zweiten Mal verheiratet, verbringt die Wochenenden mit den Enkeln und hat sich nie die Mühe gemacht, irgendetwas zu verschönern.

Am nächsten Tag stand sie tatsächlich da und öffnete erst einmal den Kühlschrank.

Mein Gott, Lena, sagte sie nüchtern, während ihr Blick über die fast leeren Fächer schweifte. Du isst ja gar nix mehr.

Doch.

Was?

Naja, verschiedenes.

Verschiedenes. Sie schlug die Tür zu und drehte sich zu ihr um. Du siehst aus, als hätte man dich ausradiert. Dein Gesicht ist weg.

Danke.

Das ist kein Kompliment. Lena, ich weiß, dass das jetzt schwer ist. Das darf es auch sein. Aber du darfst nicht aufhören zu leben.

Mach ich doch gar nicht.

Doch, tust du. Marina setzte sich und lud sie mit einer Geste ein.

Helena setzte sich und starrte auf die Tischkante.

Er hat gesagt, er will nicht mit einer Krüppel leben, brachte sie schließlich trocken heraus. Das wars.

Lange Pause.

Was für ein Schwein, meinte Marina dann. Ganz ruhig, einfach feststellend.

Bitte nicht, widersprach Helena sanft. Ich möchte nicht schlecht über ihn reden. Das hilft doch nichts.

Ein bisschen Wut brauchst du. Das ist gesünder als so zu erstarren.

Ich finde keine Wut. Da ist nur Leere.

Wieder Pause. Marina steht auf, stellt Wasser auf den Herd und sucht wortlos im Schränkchen.

Weißt du, was echte Depression ist? fragt sie und sortiert Tee und Buchweizen. Nicht dass man traurig ist. Dass innen alles leer ist. Genau das erzählst du.

Ich weiß.

Du gehst nicht zum Therapeuten, stimmts?

Nein. Sie kannte mich halt.

Also sag mir wenigstens das: Tabletten, Untersuchungen hältst du das ein?

Ja. Das läuft von selbst.

Marina kocht Buchweizen und fängt einfach an zu machen. So wie früher. Nicht fragen, einfach machen.

Und plötzlich kamen die Tränen. Das erste Mal seit zwei Wochen. Eben nicht schön und leise, sondern richtig, mit Krämpfen.

Marina kommt nicht rüber, nimmt sie nicht in den Arm. Gibt ihr nur ein Küchentuch, stellt es vor sie.

Lass laufen ist gesund.

***

Der Dezember verging wie im Nebel. Im Januar wurde es besser. Arbeit half. Für Begriffserklärungen musste man den Kopf klar halten der Rest funktionierte so halb von allein.

Im Februar brachte Marina das Gespräch auf einen Aufenthalt im Kurheim.

Lena, du musst mal raus hier.

Wohin denn?

In die Reha. Ich hab was Gutes gefunden. Schwarzwald, Klinik Morgenlicht. Frische Waldluft, Physiotherapie, schöne Wege. Es ist noch Winter, aber du kommst raus, es gibt Bäume.

Ich bin doch nicht krank.

Du bist ein Mensch, der Erholung braucht. Tapetenwechsel. Wenn du Tag und Nacht hier hockst, redest du bald mit dem Laminat.

Mache ich schon.

Sie schaut sie streng an.

Das war ein Scherz. Fast.

Du gehst da hin. Platz ist frei für März. Drei Wochen, Erholung. Für dich medizinisch absolut empfohlen, nach Organspende ist so was eh Standard.

Woher hast du das?

Stimmt. Schau nach im Internet.

Helena schaut nicht nach. Sie weiß, Marina hat recht. Sie gammelte ja wirklich nur noch rum. Also sagt sie:

Gut. Ich fahr.

***

Die Klinik Morgenlicht bei Freiburg entsprach dem, was Marina versprochen hatte. Ein früher Bau, frisch renoviert, großer Park mit Tannen, Wege mit Streusand. Ihr Zimmer blickte auf einen Teich. Im März war noch Eis drauf. Morgens schimmerte es rosa im Licht.

Zwei Tage blieb sie fast nur im Zimmer. Anwendungen, Mahlzeiten, zurück ins Zimmer. Sie las, übersetzte ein paar Aufträge, obwohl sie eigentlich Pause hatte. Am dritten Tag ging sie spazieren.

Der Park war fast leer. Ein paar Senioren auf Bänken, Damen mit Nordic-Walking-Stöcken, ein Herr mit Hund.

Helena schlenderte langsam. Sie hörte das Knirschen des Sandes, das Zwitschern in den Ästen. Ihre Gedanken: Nichts. Und das war schön. Nichts zu denken.

Am Teich stand eine Holzbank. Sie setzte sich und schaute aufs Eis.

Ist der Platz noch frei?

Neben ihr stand ein Mann um die fünfzig, gedrungen, kräftig, dunkelblaue Jacke. Er nickte zur Bank.

Klar. Platz genug.

Er setzte sich. Schaute auch kurz auf den Teich.

Hübsch, meinte er nach einer Weile. Gut, dass das Eis noch hält.

Ja.

Für März erstaunlich. Letztes Jahr war es wohl schon im Februar weg, hat man mir erzählt.

Ich bin das erste Mal hier, gab sie zurück.

Ich auch erst zum zweiten Mal. Im Oktober war ich das erste Mal, jetzt im März.

Warum er da war, fragte sie nicht. Gehört sich nicht. Im Sanatorium wussten eh alle, dass man aus verschiedenen Gründen da war.

Schon lange in der Reha? wollte er wissen.

Drei Tage.

Ich gestern angekommen. Er streckte ganz vorsichtig das linke Bein aus, als würde er testen, ob alles hält. Die Physio soll richtig streng sein diesen Monat.

Sie bemerkte seine leicht schiefe Haltung, irgendwie schien die Sitzposition nicht ganz symmetrisch.

Unfall? entfuhr es ihr.

Ja. Im September. Rücken gebrochen. Keine Selbstbemitleidung zu hören. Aber nicht so schlimm, wie es klingt. Ich gehe ja wieder. Nur noch nicht perfekt.

Das tut mir leid.

Warum? er guckte sie erstaunt an. Sind ja nicht Sie gewesen.

Nein, aber das ist doch schwer?

Schon. Aber es gibt Zeit nachzudenken. Er lächelte schwach. Manche sagen, das ist fast wichtiger.

Sie ertappte sich beim Zurücklächeln. Ein bisschen zögerlich, aber echt.

Sebastian, sagte er und reichte ihr die Hand.

Helena.

Sie schüttelten sich kurz und sachlich die Hand.

Ich mache meine Runde weiter, meinte er und stand auf. Mindestens vierzig Minuten Gehzeit, so wollten sie das.

Viel Erfolg.

Ebenso.

Er ging tatsächlich langsam, ein bisschen schwerfällig, aber aufrecht.

Sie blickte wieder auf das Eis.

Zum ersten Mal seit vier Monaten war es einfach. Nicht leicht, nicht gut. Einfach schlicht.

***

Am nächsten Tag begegneten sie sich beim Frühstück wieder. Es war Zufall. Sie hatte den Platz am Fenster genommen, der als einziger frei war und als er den Speisesaal betrat, nickte sie ihm zu.

Setzen Sie sich ruhig.

Danke.

Sie redeten kaum. Er las auf dem Handy, sie starrte in den Garten hinaus. Dann steckte er das Handy weg:

Sie sind Übersetzerin, oder?

Sie runzelte verwundert die Stirn.

Woher wissen Sie das?

Sie hatten gestern einen deutschen Wörterbuchband dabei. Papier ist selten heutzutage.

Ach so.

Ich bemerke sowas. Ohne Angeberei, sachlich. Also, Übersetzerin?

Ja. Meist Medizin. Rechtliche Sachen. Und Belletristik.

Spannend. Ich war Architekt. Mal sehen, wie es weitergeht.

Wieso war?

Na, Hände funktionieren wieder. Der Rücken eben noch nicht ganz. Er zuckte die Schultern. Muss man abwarten.

Und Sie müssen arbeiten?

Ich kann nicht ohne. Er klopfte auf den Tisch. Es geht nicht um das Geld. Es ist das Denken. Als Architekt denkt man in Räumen. Das bleibt.

Das kenne ich vom Übersetzen. Du schaltest die Sprache anders. Wenn das weg ist, fehlst etwas im Kopf.

Exakt. Er nickte zufrieden. Genau so.

Die Ruhe war angenehm. Nicht unangenehm oder verkrampft.

Wie lange sind Sie noch hier?

Drei Wochen.

Ich auch. Dann werden wir uns wohl noch öfter sehen.

Scheint so.

***

Während Helena auf den halbdunklen Teich starrte und mit Sebastian über Wörterbücher redete, lebte Matthias Vogt ein ganz anderes Leben.

Er wusste selbst nicht so recht, wie das passieren konnte dieses Gute-Leben-Gefühl. Nach drei Jahren Krankheit und Dialyse war plötzlich alles wieder ganz normal. Der Körper funktionierte, morgens aufwachen ohne gleich an Pillen denken ein Fest. Ein Glas Wein zum Abendessen, ohne lang zu rechnen. Klar, Einschränkungen gabs, aber im Vergleich: Nichts.

Viktoria war Teil dieses neuen Lebens. Einunddreißig, hellhaarig, mit immer geladenem Handy, so voller Energie, dass er sich fragte, woher sie das nahm. Sie arbeitete als Reiseverkehrskauffrau, hatte ständig neue Pläne.

Matthias, schau mal, was ich gefunden hab. Sie zeigte ihm Fotos auf dem Handy: Berge, türkisblaues Wasser, Felsen. Montenegro, April. Leichte Wanderrouten, aber wunderschön. Lust?

Absolut, sagte er. Weil es stimmte.

Sie zogen in seine Wohnung. Viktoria stellte alles um, neue Gardinen, Ordnung im Kleiderschrank, andere Farben. Alles okay, dachte Matthias. Neue Gardinen sind gut.

Manchmal, selten, dachte er an Lena. Nicht mit Reue. Oder wenn, dann anders eher wie Unbehagen, das er nicht Schuld nennen wollte, weil er tatsächlich fand, dass er nichts Falsches getan hatte. Sie war ein guter Mensch, sie hat etwas Riesiges für ihn getan. Aber mit jemand Krankem zusammen sein oder den Kranken in sich sehen das zieht runter. Und er wollte hoch hinaus.

Das erzählte er sich lange so. Es klappte.

Bei der Arbeit merkte man die Veränderung. Die Kollegen machten Witze.

Wurdest du ausgetauscht, Vogt? lachte Alex vom Nachbarbüro und klopfte ihm auf die Schulter.

Endlich läufts rund, grinste Matthias.

Und tatsächlich: Im April Montenegro, im September Island. Viktoria wollte Polarlichter sehen, Matthias alles, was er nie hatte.

Es gefiel ihm, wieder Tempo zu haben.

***

Im Morgenlicht vergingen die Tage ruhig. Anwendungen, Spaziergänge, Essen. Abends las Helena oft, manchmal übersetzte sie ein bisschen, meist aber nicht.

Sebastian kreuzte öfter auf. Sie fanden schnell einen gemeinsamen Rhythmus. Morgens Anwendungen, dann Frühstück, ab zehn am Eingang des Hauptgebäudes. Spazierten zusammen, redeten viel über Arbeit, Architektur, Sprachen, Veränderung nach Krankheiten. Helena erzählte auch von ihrer Narbe am Anfang hasste sie sie, dann wurde sie zum Teil von ihr.

Das ist wichtig, meinte Sebastian. Der Körper ist manchmal ehrlicher als wir selbst. Er passt sich einfach an.

Schauen Sie auf Ihre Narbe?

Sie ist am Rücken. Schwer zu sehen. Er lachte. Aber ich spüre sie täglich.

Und was bedeutet sie für Sie?

Er überlegte kurz.

Dass ich noch da bin. Ganz einfach. Irgendwas ist mal passiert und trotzdem bin ich hier. Das reicht.

Helena dachte darüber nach. Ich bin noch da. Das war deutlich ruhiger als Matthias Philosophie. Er wollte alles Verlorene nachholen, als wäre nichts gewesen. Sebastian aber meinte, es reicht, da zu sein.

Sie wusste nicht, was sie davon hielt. Aber das Nachdenken darüber fühlte sich gut an.

***

Bald kochten sie abends gemeinsam Tee. Im Foyer waren komfortable Sessel. Helena brachte mal Kekse von Marina mit, Sebastian steuerte Teeautomaten-Tee bei.

Erzählen Sie mal von Ihrem Sohn, bat sie eines Abends.

Anton, sechsundzwanzig. Lebt in Hamburg und ist Programmierer. Hat letztes Jahr geheiratet, seine Frau ist nett. Hab sie einmal bei der Hochzeit gesehen. Er hielt den Becher in beiden Händen. Wir haben keinen Streit, aber irgendwie wenig Kontakt. Ich war immer unterwegs.

Haben Sie nach dem Unfall noch mit ihm gesprochen?

Ja, er kam, als ich noch im Krankenhaus lag. Saß einfach da.

Manchmal braucht es einen Schock, um wieder ins Gespräch zu kommen.

Stimmt. Er nickte. Haben Sie Kinder?

Ja, meine Tochter, Katja, dreiundzwanzig. Sie wollte sofort kommen, als sie von Matthias erfuhr, aber ich hab sie nicht gelassen.

Warum nicht?

Weil ich nicht wollte, dass sie mich so sieht. Nicht als Opfer. Sie ist meine Tochter, ich muss naja stark sein.

Und was glaubt Sie jetzt, wo Sie hier sind?

Sie weiß Bescheid, will am Wochenende kommen.

Lassen Sie sie.

Helena schaut ihn an.

Warum?

Sie kommt nicht aus Mitleid. Aus Liebe. Er stellte seinen Becher ab. Ich hab Anton auch zu lange weggehalten. Aber als er dann endlich kam, war es besser als allein.

Haben Sie keine Angst gehabt, dass er Sie schwach sieht?

Doch. Aber Kinder merken das sowieso. Mehr als man denkt.

Helena nickte. Tags drauf rief sie Katja an und sagte, sie solle ruhig kommen.

***

Matthias schmökerte derweil in Broschüren und plante das nächste Abenteuer. Wieder Reisen. Vika scrollte mit.

Sie wechselten von Abenteuer zu Abenteuer, und das Leben rollte. Bis sie nach Marokko flogen, aus der Hitze zurückkamen und Matthias plötzlich Schmerzen bekam. Erst tat sein Bauch weh, dann kam Fieber, dann Unruhe.

Zu Hause ließ er es nach ein paar Tagen checken.

Herr Vogt, sagte sein Arzt, Ihre Werte gefallen mir gar nicht. Kleine Auffälligkeiten, vielleicht eine Abstoßung. Wir müssen mehr aufpassen. Die neue Niere ist nicht Ihre ursprüngliche, und so ein Organ braucht mehr Aufmerksamkeit. Große Hitze, Klimawechsel, Höhenmeter all das belastet.

Matthias fuhr nach Hause und saß stumm im Auto.

Vika war in den ersten Tagen verständnisvoll, dann aber immer schneller genervt.

Matthias, ich kann nicht mehr. Alles dreht sich nur um Krankheit und Sorgen, du bist nie da, hast dauernd Angst. Ich weiß ja auch nicht.

Entschuldigung.

Er wusste, was es hieß. Und hatte die erste Erinnerung an Lena: Sie war auf seine Tabletten, Arztbesuche, das alles nicht wütend oder panisch gewesen. Sie hatte alles im Griff, war ruhig.

Das fehlte ihm.

***

Inzwischen hatte sich Helena im Schwarzwald erholt. Katja hatte sie besucht, sie spazierten, redeten endlich wieder normal. Sebastian wurde mehr und mehr zum festen Begleiter. Als sie nach Hause zurückkam, öffnete sie zum ersten Mal seit Monaten alle Fenster und holte frische Luft herein. Kochen, einkaufen, Radio laufen lassen das Leben fühlte sich wieder echt an.

Sie telefonierte am nächsten Mittag mit Marina.

Und, wieder zu Hause?

Ja.

Erzähl!

Es war richtig gut. Ehrlich.

Du klingst ganz anders. Pause. Lena, gibts was Neues?

Ich habe da jemanden kennengelernt.

Lange Pause.

Und?

Sie erzählt knapp, wie viel ihm passiert war und dass sie bald wieder telefonieren würden.

Sebastian rief tatsächlich am nächsten Abend an.

***

Sie trafen sich weiterhin, langsam und ohne Hast. Restaurantbesuche, Ausstellungen, kleine Ausflüge ins Umland. Er wohnte in Freiburg, geschieden, seine Frau hatte längst jemand anderen. Der Sohn in Hamburg, wie schon erzählt.

Ich will etwas Wichtiges sagen, begann er einmal während des Essens. Ich weiß nicht, wie schnell ich sein werde. Ich bin langsam geworden, jetzt noch mehr als früher. Wenn du Geduld hast, freue ich mich. Wenn nicht, verstehe ichs.

Langsam ist gut. Ich bin auch nie besonders schnell gewesen.

Das habe ich gesehen. Damals im Park.

Das war kein Fehler.

Ihr Leben bekam nach und nach seine Struktur zurück. Sie trafen sich wöchentlich, kauften ein, kochten, lachten, redeten. Im Mai zeigte er ihr ein Hausprojekt: In Bad Krozingen stand sein neuester Entwurf kurz vor der Fertigstellung. Im Herbst wollten sie gemeinsam hinfahren.

Darf ich mitkommen? fragte sie.

Klar, sagte er und nannte sie zum ersten Mal du.

Ein leises, wichtiges Umstellen.

***

Im Sommer ging es Matthias schlechter. Die Werte verschlechterten sich, der Arzt wurde streng.

Klimareisen, Hitze, das ist kein gutes Leben für eine Transplantation, Herr Vogt, warnte er. Die Niere ist nicht ihre eigene. Seien Sie vorsichtig.

Vika zog sich mehr und mehr zurück. Sie blieb öfter weg, sagte, sie schliefe bei Freundinnen. Dann verließ sie ihn ganz. Die Trennung war höflich, beinahe kühl.

Plötzlich war seine Wohnung still. Die bunten Vorhänge, die Vika aufgehängt hatte, hingen noch er brachte es nicht übers Herz, sie abzunehmen.

Jetzt dachte er wieder öfter an Lena.

***

An Weihnachten war Helena so leise glücklich, wie sie es lange nicht war. Sebastian war wieder fit, flachste, dass er sich immer noch vorsichtig setzt, aus Gewohnheit. Ihr Leben war entschleunigt und gut so.

Gemeinsam fuhren sie ins Umland, schauten sich das fertige Haus an. Später, als sein Sohn aus Hamburg zu Besuch kam, feierten sie zusammen.

***

Im Januar rief Marina an.

Lena, hast du gehört?

Was?

Matthias ist im Krankenhaus, die Niere macht Probleme. Vika ist weg.

Sie stand am Fenster. Es war Januar.

Danke, dass du es gesagt hast.

Wie gehts dir?

Ganz gut eigentlich. Ehrlich.

Sie legte auf, schaute eine Weile raus. Das Gefühl war kein Triumph, keine Mitleid. Einfach nur ein leises Verstehen.

Sie rief Sebastian an.

Hallo.

Hi. Alles ok?

Ja. Ich wollte nur deine Stimme hören.

Dann hör sie. Sie hörte, wie er lächelte durch das Telefon.

Kommst du nachher?

Klar. Ich bring Kuchen mit.

***

Matthias kam im Februar aus der Klinik. Sah verändert aus, nicht älter, aber anders.

Er lebte allein. Vika war während der Behandlung gegangen, ohne Drama. Sie packte ihre Sachen, er half ihr zum Taxi. Das war es. Höflich. Traurig, aber nicht mit Streit.

Er dachte viel nach. Vor allem an Lena. Nicht wie sie sich gefühlt hatte, sondern was sie getan hatte. Wie sie einfach ruhig war, nicht gereizt, immer umsichtig.

Das fehlte ihm.

Er durchsuchte sein altes Handy, fand ihre Nummer. Schaute sie lange an.

Rief schließlich an.

Sie ging dran:

Matthias, sagte sie. Nicht fragend. Einfach so.

Lena. Hi.

Hi.

Wie gehts?

Gut, sagte sie. Und dir?

Hast dus bestimmt gehört

Ja, ich weiß.

Pause.

Kann ich vorbei kommen? Reden?

Ja, Matthias. Komm vorbei.

***

Am Sonntag, vier Uhr steht er vor ihrer Tür. Sie öffnet sofort, als hätte sie ihn erwartet.

Er sieht anders aus. Erschöpft. Nicht alt, einfach getroffen.

Komm rein.

Danke.

Er setzt sich schweigend in das Wohnzimmer. Sie bringt Tee, sitzt ihm gegenüber.

Lena, sagt er leise. Ich weiß, dass ich kein Recht habe, zu bitten.

Matthias.

Nein, lass mich nur das sagen. Ich weiß jetzt, wie falsch ich lag. Wie ich mit dir umgegangen bin, was ich gesagt habe

Musst du nicht erklären.

Doch. Er blickt auf. Ich möchte dich bitten, nochmal von vorne anzufangen. Ich weiß, wie das klingt. Aber ich habe begriffen, was ich im Leben brauche. Wen ich brauche.

Ein langer Blick.

Wen brauchst du, Matthias?

Dich.

Mich? Oder jemanden, der für dich sorgt?

Er stockt.

Ist das nicht dasselbe?

Nein. Ganz ruhig. Du suchst kein Miteinander. Du hast Angst vor dem Alleinsein, jetzt, mit der Krankheit. Du erinnerst dich, dass es mal jemanden gab, der dich nicht hat sitzen lassen.

Lena.

Lass mich ausreden. Ruhig, nicht kalt. Ich bin nicht böse auf dich. Seit eineinhalb Jahren geht es mir besser. Nicht weil ich dich vergessen habe, sondern weil ich wieder gefunden habe, was du kaputt gemacht hast.

Was?

Mich. Und noch jemanden.

Er sieht sie jetzt zum ersten Mal wirklich an.

Du hast jemanden? Kein Vorwurf.

Seit Frühling.

Auch krank?

Ja. Sebastian weiß, wie es ist. Aber er ist geblieben.

Matthias senkt den Kopf.

Du hättest viel wütender sein sollen.

Hab ich dir gesagt. Da war nur Leere. Jetzt nicht mehr.

Wie hast du es geschafft?

Das ist nichts, was man alleine hinkriegt. Marina. Reha. Zeit. Und ein Mensch, der nicht wegläuft.

Ich bin geflüchtet.

Ja.

Weil ich Angst hatte.

Ich weiß. Du hattest Angst vor der Narbe, Tabletten, Schwäche. Du dachtest, das wäre das Ende. Aber es ist nur anders. Und anders kann gut sein.

Lena, ich will zurück.

Matthias, sie lächelt beinahe. Du willst jemanden, der sich sorgt. Aber das ist nicht Liebe. Liebe ist anderes.

Vielleicht ist es das?

Wäre es so, wärst du geblieben.

Lange Pause.

Ich weiß nicht, wie es weitergeht, meint er still.

Das ist ein Anfang. Und du wirst es selbst merken. Vielleicht ist das neben jemandem sein für dich schwerer, als du dachtest. Aber das ist auch okay.

Du hast mich gerettet, ich hab dich verletzt.

Das Leben macht keine Garantien. Aber eins ist sicher: Man kann nur da bleiben, wo etwas wächst. Wo es keimt, auch im Winter.

Er steht auf, nimmt die Jacke.

Ich geh dann.

Machs gut.

Schon in der Tür dreht er sich noch um:

Bist du glücklich?

Sie denkt kurz. Lächelt.

Ja, anders als früher, aber es passt.

Freut mich, sagt er leise, und es klingt ehrlich.

Die Tür schließt sich. Kein Knall, nur ein Klicken.

***

Helena bleibt im Flur stehen. Hört, wie der Aufzug fährt, der Nachbar nach Hause kommt. Draußen fährt ein Auto über den nassen Asphalt.

Sie schreibt Sebastian eine Nachricht: Er war da. Alles gut. Wo bist du?

Eine Minute später: An der Dreisam. Komm vorbei.

Sie zieht den Mantel über, nimmt die Schlüssel. Es ist kalt, aber frisch.

Der Weg zu ihm dauert zehn Minuten. Sie geht nicht langsam, nicht schnell.

Sie weiß einfach, wohin.

***

Sebastian steht am Flussgeländer und schaut in die dunkle Strömung. Er hört ihre Schritte, sieht sie an.

Lange gebraucht?

Mit der S-Bahn gings flott. Sie stellt sich neben ihn. Alles gut.

Was wollte er?

Nochmal von vorn anfangen.

Er schweigt.

Hast dus ihm erklärt?

Ja.

Hat er verstanden?

Ich denke, ein bisschen. Er ist stiller geworden.

Menschen ändern sich, wenn sie es zulassen, sagt Sebastian.

Die anderen brechen einfach. Leben hat keine Garantie.

Sie stehen gemeinsam am Fluss. Das Wasser graubraun, Wind, keine Eisschollen milder Winter dieses Jahr.

Sebastian?

Ja?

Erinnerst du dich? Sanatorium. Du hast gesagt: Irgendwas war, und ich bin immer noch hier. Das reicht.

Klar.

Ich habs damals nicht verstanden. Jetzt schon.

Was denn genau?

Sie schaut lange aufs Wasser.

Genug zu sein. Reicht zu sein, statt zu hetzen. Das ist das Richtige.

Er fragt nicht nach. Versteht einfach.

Sie lehnen nebeneinander am Geländer, Schulter an Schulter. Der Januarwind weht kühl über die Dreisam, am Himmel verblasst das letzte Rosa des Sonnenuntergangs.

Sebastian nimmt irgendwann ihre Hand. Nicht fordernd. Einfach so, wie jemand, der weiß man muss nicht rennen.

Sie lässt es geschehen.

Der Fluss fließt.

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Homy
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