Das ist das Kind von Igor…

Das ist das Kind von Tobias…

Diese Begebenheit geschah kürzlich, in einer gepflegten Wohnung im vierten Stock eines Neun-Geschosser-Blocks am Rand von Frankfurt. Dort lebte eine junggebliebene Ruheständlerin, einsam, aber beschäftigt Johanna hieß sie.

Ihr Leben war ruhig, ohne außergewöhnliche Ereignisse alles im Gleichmaß: Rente, Job, Freundinnen, Besuche bei den Enkeln, kleine Hilfen für die betagte Mutter, die allein im Nachbarstadtteil wohnte.

So war auch jener Tag wie ein anderer. Morgens rief Johanna ihre Mutter an, fragte nach dem Befinden. Wochenende. Sie arbeitete auf ihre alten Tage noch im Wechsel 24 Stunden in einer privaten Praxis als Telefonkraft, verteilte Termine, organisierte den Empfang.

Und heute? Natürlich: Kochen, zur Mutter gehen tägliche Routine, wenn man ehrlich ist, schon ein bisschen ermüdend, mit kleinen Augenrollern und tiefen Seufzern versehen. Zwei Innenhöfe zu laufen, kein Problem. Das Kochen war auch keine Aufgabe es gab ja noch Kartoffelsuppe von gestern und Gugelhupf. Nur der fünfte Stock ohne Aufzug bei der Mutter, oje.

Und ihre Geschichten… Ständige Monologe über Stadien und Phasen ihrer Schmerzen, gespickt mit den Diagnosen der Ärzte, den Geschichten der Nachbarinnen und den Ratschlägen aus dem NDR-Ratgeber. Johannas Vorschläge wurden abgeschmettert wie sollte sie, die Tochter, Ahnung haben, trotz fast vierzig Jahren als OP-Schwester am Uni-Klinikum?

Was weißt du schon? Chirurgenbesteck reichen reicht doch nicht!

Und in den Supermarkt musste sie auch noch, auf dem Rückweg zur Mutter. Sie stellte die Mülltüte in den Flur, machte sich noch schnell ein bisschen zurecht vorm Spiegel. Für knapp über sechzig sah Johanna wirklich jugendlich aus feine Krähenfüße, ein hübsches Gesicht, kurz silbergraue Haare und große Ohrringe. Vielleicht ein wenig eingefallene Wangen, aber das Licht täuschte auch manchmal.

Roggenbrot und Butter für Mama nicht vergessen, ging es ihr durch den Kopf, als es an der Tür klingelte.

Das Haus hatte eigentlich Gegensprechanlage wer konnte das sein? Die Nachbarin vielleicht, Frau Schneider, sie tranken gelegentlich zusammen Kaffee. Johanna öffnete unbedacht die Tür, die Lippenstifthülse noch in der Hand.

Vor ihr stand ein schlankes, blasses Mädchen mit Pferdeschwanz, gestreiftem Shirt, langer, dunkler Strickjacke, Jeans, Rucksack auf dem Rücken. Wobei: Später fiel Johanna alles auf, jetzt sah sie nur das Gesicht des Mädchens und das Baby auf dem Arm, eingehüllt in eine braune Decke.

Schmale, angespannte Wangen, verengte Augen, ein tiefer Atemzug, ein Schritt auf sie zu, der Säugling wurde ihr wortlos entgegen gehalten:

Für Sie!

Johanna nahm das Kind mechanisch, der Lippenstift noch in der Hand, spürte das Gewicht, senkte den Blick… Herrgott, das war ein richtiges Baby! Als sie aufsah, war das Mädchen schon auf halber Treppe, dann hörte sie nur noch:

Das ist das Kind von Tobias, aber ich muss studieren…

Die Schritte polterten die Treppen runter, die Tür unten schlug ins Schloss.

Stille.

Johanna stand wie angewurzelt, wartete, vielleicht würde das Mädchen gleich zurückkommen? Dann trat sie wieder in den Flur, blickte auf die Mülltüte und dachte seltsamerweise: Müll darf ich nicht vergessen, wenn ich zur Mutter gehe.

Da stand noch eine fremde Tasche. Wann hatte das Mädchen die abgestellt? Ach Gott! Das war… ein lebendiges Kind! Und was hatte sie gesagt? Kind von Tobias?

Hat sie wirklich Tobias gesagt?

Johanna trug das Baby ins Wohnzimmer, setzte sich aufs Sofa. Ja, eindeutig Tobias. Aber welcher Tobias? Ihr einziger Sohn hieß Michael, er wohnte mit seiner Frau und den zwei Enkeln in München, Johanna hier in Frankfurt. Ihr Mann, Karl, war vor fünf Jahren gestorben.

Sie verstand gar nichts mehr. Da bewegte sich das kleine Bündel auf ihrem Arm, sie wickelte es aus: ein winziges Mädchen im beigen Strampler, mit Froschschnuller, vielleicht einen Monat alt.

Na, na, Kleinchen, streichelte sie das Mädchen, das zufrieden schmatzte und wieder eindöste.

Die Tasche musste Antworten liefern: Zwei Fläschchen, Milchpulver, Windeln, Babysachen. Noch immer wartete Johanna, auf einen zweiten Türklingel-Ton, auf das Mädchen, das zurückkehren würde, sich entschuldigt, und alles würde wieder normal Müll, Supermarkt, Mutter…

Sie beendete ihr Makeup, spähte aus dem Fenster. Niemand. Was für eine Unverschämtheit!

Nach einiger Zeit fing das Kind zu quengeln an. Johanna stand unschlüssig davor es war nicht ihr Kind, durfte sie es wickeln, füttern? Sie schaute wieder und wieder aus dem Fenster. Wartete…

Aber schließlich, der Strampler musste runter. Darunter alles brav, kleine Höschen, Hemdchen.

Jetzt kam Angst. Die Verantwortung drückte sie plötzlich, sie begriff: Sie hatte das fremde Mädchen aufgenommen!

Tobias… Tobias…

Michael hatte gern gefeiert, vor der Hochzeit, das musste sie sich eingestehen. Sie hatte geschimpft, als er mal Bekannte nach Hause brachte. Aber das war lange her, jetzt war er ein solider Mann, war beschäftigt mit dem Büro und der Familie, aber eigentlich, sie waren jetzt durch mit der Hypothek, ein neues Auto, die Kinder wuchsen…

Na, du Süße. Nicht weinen, gleich ist es besser.

Gott, ihre eigene Mutter hatte dieses Baby ausgesetzt? Es passte nicht ins Bild, aber die Hände erinnerten sich: Johannas Finger wechselten Windeln und Strampler, wie in alten Zeiten. Dann in die Küche Milch zubereiten.

Das Telefon klingelte. Mit einer Hand stemmte sie sich ran.

Warum gehst du nicht ran?, schnarrte ihre Mutter.

War beschäftigt, Mama. Was brauchst du?

Bist du schon im Laden?

Noch nicht.

Ich hätte gern Birnen. Aber die vorletzten, nicht die, die du gestern gekauft hast… die Roten mit der dünnen Spitze und sie sollen weich sein, nicht die letzten, die waren zu hart und…

Das Mädchen auf dem Arm zappelte, meckerte.

Ja, Mama, mach ich. Ich weiß.

Was war das?

Fernsehen.

Aha… Sie wartet und sie guckt Fernsehen… Mach aus, du verpasst noch das Brot.

Sie legte auf, wiegte das Mädchen, studierte die Zubereitung der Babymilch. Was sollte sie jetzt tun?

Michael!

Es ist Ende Mai, rechnete Johanna. Damals, im August, war Michael dienstlich in Köln… hat er sich als Tobias vorgestellt? So ein Quatsch! Vielleicht nur ein kurzer Flirt? Hätte sein können. Nach außen war er der perfekte Familientyp aber wer weiß?

Ein Tropfen Milch auf den Handrücken, zu heiß, kaltes Wasser drüber. Sie war das Babytragen nicht mehr gewohnt, der Arm wurde schwer. Sollte sie die Polizei rufen? Aber was, wenn das Michaels Baby war? Das kleine Mädchen erinnerte sie an ihre Enkelin. Und dann? Drama, seine Frau würde ihm das nie verzeihen. Die Kinder?

Das Baby trank gierig, schloss entzückt die Augen. Johanna wurde weich ums Herz. Wie niedlich! Offenbar hatte sie Sehnsucht nach einem Baby.

Als das Mädchen endlich schlief, legte Johanna sie behutsam aufs Sofa, rief gleich Michael an aber sein Handy war aus.

Was nun…

Sie beschloss zu warten. Sie wollte ihren Sohn nicht reinreißen. Vielleicht würde die Studentin zurückkommen sie wirkte nicht wie ein Fall. Normales, dünnes Mädchen, bestimmt Studentin.

Muttersorgen war keine Option ihre Mutter würde nur Horrorszenarien und Warnungen ausschütten.

Stattdessen rief Johanna ihre Enkelin Pauline an: Papa sei irgendwo auf Montage im Odenwald, kein Empfang bis übermorgen. Er rufe abends die Familie an alles okay.

Na toll, hättet ihr mich auch mal informieren können!, schimpfte Johanna.

Obwohl sie wusste ja, Michael meldete sich selten von unterwegs, das war normal. Doch gerade jetzt hätte sie dringend mit ihm sprechen müssen.

Sie rief ihre Schwiegertochter Lena an, bat sie, Michael zu sagen, dass sie unbedingt seinen Anruf brauche.

Ist was passiert? Soll ich etwas ausrichten?, fragte Lena.

Nein, nur bitte sag ihm, ich warte auf seinen Anruf.

Lena versprach es.

Mama, ich kann heute nicht kommen, mein Knöchel ist verstaucht, log sie gleich darauf ihrer Mutter am Telefon vor, aber du hast ja noch Suppe und Brot, alles gut…

Die Mutter stöhnte auf, stellte Fragen, drohte zu ihr zu kommen (obwohl, fünfter Stock!), sorgte sich, rief fünfmal zurück.

Johanna jedoch entspannte sich nach diesem Anruf, zog die weißen Hosen aus, schlüpfte ins Hauskleid, setzte sich zur Kleinen und überlegte jetzt ganz ruhig.

Nein, sie hatte wohl geistige Umnachtung, als sie das Baby entgegennahm. Andererseits, Babys werden vor Haustüren abgelegt. So gesehen…

Was hinderte sie, das Baby jetzt einfach der Polizei zu geben, es loszuwerden?

Erstens: Die Sorge um ihren Sohn, selbst wenn er nicht Tobias hieß. Was, wenn das doch sein Kind war? Vielleicht hatte er gelogen, sich mit Tobias vorgestellt. Zweitens: Sie wollte jetzt nicht ins Präsidium, alles erklären müssen. Und drittens: das Mädchen ließ sie nicht los ihr Blick, der zwischen Angst, Zorn und verzweifelter Hoffnung schwankte.

Einen Rat brauchte sie. Und zu wem, wenn nicht zur alten Freundin?

Vera, du wirst nicht glauben, was passiert ist: Ich habe ein Baby bekommen…

Vera war nicht schockiert, sondern überlegte sofort sachlich, versprach später vorbeizukommen.

Keine Panik, Johanna, wir klären das. Nur jetzt nichts Unüberlegtes tun!

Meinst du, nicht zur Polizei?

Warte ab. Erst müssen wir Tobias finden.

Gott, Vera, welchen Tobias?

Den Kindsvater! Habt ihr keinen Tobias im Haus?

Bei uns? Keine Ahnung, über 100 Wohnungen, neun Etagen vielleicht hat sie sich im Stock vertan?

Kann sein. Oder Michael hat Mist gebaut. Versuch ihn zu erreichen.

Der ganze Tag verging mit dem Baby. Johanna informierte sich im Internet über Fütterungszeiten, fand jedoch endlose Ratgeber, begann Massagen zu machen, badete das Mädchen, salbte sie ein, sang sogar ein Liedchen.

Wie geht’s dem Knöchel? Kommst du morgen?, rief wieder die Mutter.

Johanna war überzeugt, morgen ist das erledigt, sie versprach, zu kommen.

Am Abend kam Vera vorbei, begann dedektivisch zu ermitteln, inspizierte Babyklamotten, machte sich auf zum Nachbarn. Sie sprach von einem Brief an Tobias

Einen Moment!, rief sie aufgeregt.

Bitte, ruhig! Sie schläft gerade, zischte Johanna.

Pah, Babys schlafen eh immer, meinte Vera, schaute ins Zimmer das Mädchen wachte jedoch auf, weinte. Ich hab ihn!, flüsterte Vera jetzt begeistert.

Im sechsten Stock, selbst Flur, wohnte tatsächlich ein Tobias, der ins Schema passte.

Bestimmt nur Stockwerk verwechselt!, Vera leise, aber aufgeregt. Komm mit!

Wohin?

Zu Tobias, den Fehler aufklären!, entschied Vera.

Und wenn er abstreitet?

Johanna, willst du es rausfinden oder nicht…?

Sie wollten. Baby eingepackt, nicht den Aufzug genommen, schlichen zur Wohnung, klingelten.

Wer? eine alte Stimme.

Wir suchen Tobias, rief Vera durch die Tür.

Eine kleine, gebückte Rentnerin machte auf, schüttelte abwehrend den Kopf, schlurfte in die Wohnung:

Tobi! Schon wieder Besuch für dich…

Vera trat ein, Johanna blieb auf der Schwelle. Aus dem Zimmer kam ein junger, leicht verschlafener Mann, Typ Informatiker, mit Bart.

Wegen des Tablets?, fragte er.

Tablet? Nein, wir kommen wegen etwas anderem…, erwiderte Vera. Ihre Tochter befindet sich zufällig bei Johanna.

Stille, der junge Mann blickte fassungslos von einer zur anderen.

Tochter?, seine Augen wurden groß, Ich hab gar kein Kind!

Sie sind der einzige Tobias im Haus!, drängte Vera.

Hab keine Kinder, schüttelte er den Kopf.

Lässt sich beweisen das Baby wurde falsch abgegeben, Stockwerk verwechselt!

Warte doch, Vera, mischte sich Johanna ein. Ich erkläre: Ich bin vom vierten Stock, heute früh hat mir ein Mädchen ein Baby überreicht. Sie sagte, das sei das Kind von Tobias, dann war sie weg. Bei mir gibt es keinen Tobias…

Warum sollte ich… meinetwegen. Aber ich habe keine Freundin, schon gar kein Kind! Eigentlich nur Dating-Apps. Wie sah denn das Mädchen aus?

Den Namen hat sie vergessen wir wissen gar nichts, seufzte Johanna.

Sie zogen wieder ab.

Ich kann helfen! Ich bin Blogger und ITler wir können… oh, wir könnten einen Aufruf machen: Mutter gesucht!, rief Tobias plötzlich.

Nein danke, Johanna hob abwehrend die Hände. Im Zweifelsfall muss ich zur Polizei, nicht bei Facebook posten.

Wie Sie meinen aber, falls Sie Technik brauchen… ich arbeite von zu Hause!, murmelte Tobias noch.

Neue Generation!, seufzte Vera. Meinst du, der lügt?

Nein. Sieht wie einer aus, der nie ausgeht. Kein Frauenheld.

Doch Michael blieb unerreichbar, also rief sie Lena wieder an.

Ach, Mama! Heute war so viel los Schwimmunterricht bei Pauline, Fussballtraining bei Max weißt du, morgen braucht er die Hose! Ich suchte stundenlang Second-Hand, dann rief Michael endlich an. Ein Tag…!

Wenn sie wüsste, was bei Johanna los war!

Morgen rufe ich die Polizei!, schwor sie sich.

Aber als sie sich ins Bett legte, sah sie wieder dieses Mädchen vor sich: Hoffnung, Verzweiflung, Angst. Was würde dem Baby passieren, wenn sie zur Polizei ginge?

Eine schreckliche Nacht. Johanna sprang bei jedem Geräusch hoch, ging mit dem Baby durch die Wohnung, bereitete Milch zu. Am frühen Morgen schliefen beide tief ein.

Das Telefon riss sie aus dem Schlaf. Die Mutter.

Wie geht der Fuß? Kommst du?

Sie schaute zum Fenster, dann aufs Baby.

Ich komme.

Und bring Birnen… und…

Babys brauchen frische Luft. Johanna knotete einen Schal wie eine Trage um sich, wechselte die Kleine umständlich und ging zum Supermarkt. Das Baby war hübsch angezogen, fast alles neu.

Sogar das Einkaufen machte ihr so mehr Spaß nicht mehr allein im Laden. Aber dann: fünfter Stock…

Was ist das?, rief die Mutter überrascht.

Nicht was wer. Halt mal, das sind die Einkäufe, reichte sie die Taschen und eilte ins Wohnzimmer, um das Baby abzulegen.

Woher kommt die Kleine?

Ach, Nadja Meier hat mich gebeten, für eine Stunde auf ihre Enkelin aufzupassen. Sie sitzt in der Parfümerie…

Und der Fuß?

Geht schon wieder.

Beide bewunderten das Baby. Und die Mutter erzählte keinen einzigen Krankheitsverlauf.

Sieh nur, wie sie den Finger hält! Und wie heißt sie?

Habe ich gar nicht gefragt… Nur eine Stunde…

Also wirklich! Und so nimmst du ein Kind an?

Johanna schritt ernsthaft nach Hause und dachte an einen Namen für das Mädchen. Wozu, wusste sie nicht aber sie wollte so gerne wissen, welchen Namen ihre Mutter ihr wohl gegeben hatte.

Da kam plötzlich eine SMS Michael war wieder erreichbar! Sie setzte sich mit dem Baby aufs Sofa und rief ihn sofort an.

Was? Mama, was redest du da? Ich bin verheiratet!

Aber das Baby wurde mir gebracht, verstehst du? Sie schilderte verwirrt.

Heißt das, ich bin jetzt Tobias? Das ist alles ein Irrtum. Ruf sofort die Polizei!

Nein, warte sie war hungrig, wir sind spazieren gegangen… ich gebe sie ab. Versprochen.

Mutter! Polizei! Oder ich ruf sie!

Kind, mach keinen Stress. Ich hab da wohl zu viel zusammengesponnen aber das Mädchen sie ist so bezaubernd…

Du solltest damals Peters Jungen in deiner Wohnung aufnehmen! Irgendwas stimmt da nicht, Mama.

Unsinn! Ich regle das heute noch. Keine Sorge. Vera hilft.

Johanna gehorchte nicht. Die Kleine war wieder hungrig, Windel time. So viel zu tun! Nach all dem kann sie Vera anrufen…

Ach! Sie wird das Baby doch abgeben müssen. Und wohin? Vermutlich wird es ins Kinderheim kommen. In welches, sie kannte ja die Frankfurter Kliniken und sie war überzeugt, dass es nirgends besser sein wird als bei ihr.

Doch… Morgen hatte sie wieder Schicht. Und ja, laut Gesetz: fremdes Kind behalten war eigentlich strafbar.

Sie seufzte, machte das Baby fertig. Müde, aber dennoch wie erfüllt waren diese Tage! Sie schlief kurz nach der Kleinen ein, beide eng an einander.

Da klingelte es an der Tür. Johanna glotzte aus dem Spion und wurde starr. Sie öffnete.

Wo ist sie? Wohin haben Sie sie gebracht? Warum haben Sie das nicht gleich gesagt!

Da stand das Mädchen dasselbe wie gestern, unordentliche Haare, Shorts und T-Shirt, trotz der Kühle, atemlos, die Augen nervös.

Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?

Johanna war noch nicht ganz wach.

Was denn nicht gesagt?

Dass Sie das nicht sind!

Vielleicht, weil ich es doch bin. Aber Sie sind so schnell weggerannt!

Bitte! Sie wissen doch, wo sie ist, Sie müssen es wissen!

Ihr Blick schrie: Sie dürfen es nicht nicht wissen!

Johanna trat einen Schritt zurück.

Kommen Sie rein.

Das Mädchen trat ein, sichtlich auf eine Adresse hoffend, in der sie nach ihrer Tochter rennen könnte. Sie blickte Johanna an, wartete.

Sie ist hier, sagte Johanna leise.

Wo genau?

Genau dort im Bett. Schlafend.

Johanna bedeutete ihr, mitzukommen, zeigte wortlos auf das Kind. Das Mädchen starrte, lief hin, beugte sich, fiel dann auf den Teppich und begann zu weinen ein Weinen, das aus ihrem Innersten kam. Johanna half ihr, gab ihr Wasser, dann Tee mit Schokolade.

Essen Sie, sonst kippen Sie mir noch aus den Latschen.

Zwischen den Schluchzern konnte sie stückweise erzählen. Sie hieß Annemarie, das Baby Marlis.

Es war eine einfache Geschichte. Annemarie, Medizinstudentin, stammte aus einem Dorf südlich von Kassel, ihre Mutter tot, der Vater kühl und schroff. Letzten Sommer hatte sie sich in einen Frankfurter Studenten verliebt Tobias. Ein einziges Mal war sie mit ihm in dieser Wohnung, die 21. Von ihm hatte sie große Worte gehört seine Mutter würde ihr helfen.

Doch nach Neujahr verschwand Tobias einfach. Handy abgeschaltet. Annemarie wusste vom Studium, Daten, Uni Doch er war inzwischen nach Hamburg gewechselt. Keine Adresse, kein Kontakt.

Im Heim konnte sie nicht bleiben; ein paar Tage bei der Freundin, dann durfte sie nicht mehr zurück. Geld reichte kaum. Sie wollte die Prüfungen schaffen.

Das Leben allerdings, gibt Zeichen. Dann schlägt es zu.

Alles stürzte ein: Freundin will sie loswerden, kein Geld für die Prüfung, das Kind immer auf dem Arm, und dann dümpelte Tobias fröhlich mit einer andern im Internet.

Sie erinnerte sich an seinen Spruch: Meine Mutter hilft. Plötzlich kippte sie emotional um. Rannte zur 21, gab das Kind ab, heulte auf dem Weg zum Bus, lernte abends für die Klausur und konnte nicht schlafen. Am Morgen schrieb sie Tobias, sie hole das Kind nach der Prüfung. Dann stellte sich heraus er hatte von keinem Baby bei seiner Mutter gehört.

Sie rannte los wie sie war, schlaflos, in Panik. Hatte das Haus verwechselt: Tobias wohnte im identischen Block im anderen Innenhof, auch Wohnung 21.

Ich hatte Fotos von seiner Mutter gesehen sie sehen ihr soooo ähnlich! Der Haarschnitt, alles… Was hab ich nur getan?!

Weißt du, Annemarie das größte Unglück ist oft, ein Meisterwerk zu schaffen und sich dann nicht dazu zu bekennen. Ich habe auf deine Tochter geschaut und gedacht: Welche Mutter kann so ein Wunder aufgeben? Gut, dass du zurück bist. Was wirst du tun? Das Baby bei Tobias Mutter abgeben?

Annemarie schüttelte den Kopf.

Ich kann nicht mehr. Heute Nacht hab ich Marlis überall gesucht, konnte nicht schlafen, die Brust spannt… Ich gehe erst mal ins Wohnheim. Danach mal sehen… Ich habe Sie auch ganz schön reingeritten, oder?

Ehrlich gesagt, ja. Ich dachte wirklich an meinen Sohn. Aber meine Freundin und ich müssen noch beim Nachbarn Tobias um Verzeihung bitten. Oh Gott, was haben wir veranstaltet!

Sie erzählte Annemarie wortreich den Besuch bei Tobias. Sogar das weinende Mädchen musste lachen.

Dem armen Typen geschieht Unrecht, sagte Annemarie verlegen. Sollen wir raufgehen und das aufklären?

Mit geschwollenen Augen und so? Bleib heute bei mir, Annemarie. Ich wohne allein. Mein Sohn pocht eh auf Untermieter… Zieh doch hier ein!

Zu Ihnen? Nein… Ich habe kein Geld für Miete, da halte ich es im Wohnheim noch aus. Und dann zur Tante…

Bleib wenigstens den Monat. Wann ist die Prüfung?

Übermorgen. Aber…

Annemarie ließ sich erschöpft in den Sessel fallen, während Johanna ihr Bettzeug und Decken brachte.

Morgen bin ich wieder arbeiten. Du bleibst hier, lernst, kümmerst dich um Marlis. Im Kühlschrank ist genug. Ich hab frische Babynahrung, und stillen kannst du ja…

Johanna stellte fest Annemarie schlief schon. Und Marlis auch.

Vera… Ja. Nicht Michaels. Nicht der Nachbar. Hör zu: Marlis ist bei mir. Schlafen beide. Soll ich sie rausschmeißen? Nein, ich lasse sie. Gut, dass ich nicht zur Polizei bin!

Die Milch versiegte nicht. Die Prüfung bestand Annemarie mit Gut und Sehr Gut. Öfter ging sie jetzt zur Mutter von Johanna fünfter Stock hin oder her.

Und, oh Wunder die Mutter befolgte Annemaries Ratschläge aufs Wort.

Die hat frisches Wissen. Ein kluges Mädchen!

Nach der Prüfung nahm Annemarie einen Aushilfsjob an. Johanna verschaffte ihr Dienste beim Notarzt. Leidenschaftlich fragte sie immer wieder Johanna um Rat sie war wirklich im Herzen Medizinerin.

Der Nachbar Tobias erkannte, dass seine Oma dringend Spritzen brauchte Annemarie spritzte. Am Ende zog sie mit Marlis zwei Stockwerke höher, um Omi zu pflegen und sich selbst. Um ihre bittere Enttäuschung über die ewige Liebe zu heilen und den Lebensplan noch einmal ganz sanft, von Hand, ganz neu zu schreiben.

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Homy
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