Die Nachricht, dass Michael Bauer seine einzige Tochter verheiraten will, hat das ganze Dorf in Aufruhr versetzt.

Die Nachricht, dass Michael Bauer seine einzige Tochter verheiraten wollte, versetzte das ganze Dorf in Aufruhr. Kein Wunder die Braut war nicht nur unattraktiv, sondern geradezu hässlich. Mit ihrer großen Nase, ihrem schiefen Blick und den ungleich langen Beinen stand keine Schlange von Freiern hinter Karoline. Selbst der einfache Weg zum Dorfladen endete meist mit spöttischen Blicken und tuschelnden Stimmen.

Lauf nicht so wie die schiefe Karoline!, schimpften Mütter ihre Kinder, wenn diese verspielt ihr Bein nachzogen.

Doch Michael Bauer hing mit ganzer Seele an seiner Tochter. Und da er kein armer Mann war immerhin der Dorfvorsteher versprach er eine ansehnliche Mitgift. Sofort flüsterte das Dorf: Für solch eine Mitgift könnte man sich das Mädchen ja näher ansehen. Arbeitssam sei sie ja, und von sanftem Gemüt.

Schließlich fanden sich zwei Freier. Der eine war der junge Tobias, Sohn des Lehrers also ein Intellektueller. Zwar war seine Familie nicht reich, doch er besaß bereits ein kleines Haus am Dorfrand. Einziehen und wohnen! Auch seine Eltern hatten nichts dagegen, mit Michael Bauer verwandt zu sein.

Tobias, mach dich bereit zum Heiraten, verkündete sein Vater unverblümt. Ich habe Karoline für dich ausgesucht. Die beste Frau, die du finden kannst.

Was? Die Hässliche mit dem schiefen Gang? Lieber würde ich Johanna heiraten!, murrte der junge Mann.

Nein, mein Sohn. Du heiratest Karoline. Die Familie ist wohlhabend, allein die Pferde sind ein Vermögen wert. Und Schönheit ist vergänglich, entgegnete der Vater.

Doch der zweite Freier, Paul, war alles andere als reich. Seine alte Mutter hatte ihn allein großgezogen, und selbstverständlich konnte sie kein eigenes Haus für ihn bieten.

Wozu das Ganze, Paulchen? Man wird dich im Dorf auslachen!, jammerte sie, als er sie bat, seine beste Kleidung für die Brautwerbung bereitzulegen. Und die Braut ist auch nicht gerade schön.

Nicht schön? Mutter, siehst du nicht ihre blauen Augen wie Kornblumen? Ihr Zopf glüht wie Feuer! Und ihr Hinken das ist mir völlig egal. Mach dich fertig, wir gehen.

Seufzend bereitete die Mutter alles vor. Offenbar dachte sie, ihr Paul habe ein großes Herz und Augen, die tiefer als die Oberfläche blickten.

Michael Bauer war erstaunt, dass es gleich zwei Freier gab. Lebenserfahren wusste er, dass seine Tochter nicht jedem gefallen würde. Nach Gesprächen mit beiden Seiten entschied er sich für Tobias.

Aber Vater, Paul gefällt mir besser, flüsterte Karoline mit gesenktem Blick. Letztens half er mir am See, als mein Joch brach. Er ist gutherzig, sein Blick ist warm. Tobias aber schaut mich listig und kalt an.

Ich weiß nicht, schüttelte der grauhaarige Michael den Kopf. Paul wird deine Mitgift rasch verschwenden. Er kennt kein gutes Leben, und plötzlich hat er alles auf einmal. Bei Tobias wirst du es besser haben. Und seine Familie ist angesehen.

Karoline blieb nichts, als zuzustimmen. Obwohl ihr Herz zu Paul neigte, wagte sie nicht, gegen den Vater aufzubegehren.

Die Hochzeit wurde rasch gefeiert man wollte nicht riskieren, dass der Bräutigam es sich anders überlegte. Schon nach einem Monat zogen die Frischvermählten in ihr Haus und begannen, ihren Haushalt zu führen. Karoline war trotz ihrer körperlichen Makel fleißig, und alles gedieh unter ihren Händen. Doch ihr Mann lag lieber den ganzen Tag lesend im Bett. In einer Lehrerfamilie gab es viele Bücher, und Tobias hatte schon früh die Liebe zum Lesen entdeckt.

Sag mal, Karo, hast du je Schiller gelesen? Oder Goethe?

Wie unwissend du bist, seufzte Tobias. Worüber soll ich mit dir reden?

Worüber? Der Schweinestall muss repariert werden, und die Sauen brauchen einen größeren Trog, sie verschütten alles!, zählte die junge Frau auf.

Immer dasselbe, winkte Tobias ab. Schweine und Ställe mehr hast du nicht im Kopf. Die Pferde hat dein Vater geschenkt, also kümmere dich selbst darum.

So ging es weiter. Karoline schuftete von morgens bis abends, während Tobias las und sich über ihre mangelnde Bildung beschwerte. Schließlich wandte sie sich an ihre Schwiegereltern vielleicht konnten sie ihren Sohn zur Vernunft bringen? Doch zu ihrer Überraschung war es in deren Haus nicht anders.

Lass ihn lesen, zuckte die Schwiegermutter mit den Schultern. Wir Frauen sind stark, also arbeite du. Sonst findet Tobias sich schnell eine Schönere.

Und das tat er. Heimlich schlich er abends zu Johanna. Sie war nicht abgeneigt, und bald tuschelte das ganze Dorf über seine nächtlichen Besuche. Schließlich machte Tobias keinen Hehl mehr aus seinen Gefühlen.

Mit Johanna kann man wenigstens reden, nicht wie mit dir. Und überhaupt du kannst mir nicht mal einen Erben schenken, du Versagerin.

Diese Worte trafen Karoline schwer. Ein Erbe wurde von allen erwartet den Eltern, Tobias und ihr selbst. Doch die Zeit verging, und sie wurde nicht schwanger. Vielleicht lag es an der ständigen Arbeit sie verrichtete schließlich alle Aufgaben, die eigentlich Männerarbeit waren.

Immer öfter dachte sie an Paul. Wie anders wäre ihr Leben verlaufen, hätte sie damals auf ihr Herz gehört? Und dann die jüngste Begegnung mit Pauls Mutter! Die alte Frau hatte erzählt, ihr Sohn sei nach der gescheiterten Brautwerbung in die Stadt gezogen, habe Tierarzt gelernt, aber noch keine Familie gegründet.

Er war damals so geknickt, Karo. Und ich ich war auch gegen dich, gestand die alte Frau, während sie Teppiche mit Kernseife schrubbte. Ich wusste nicht, was für ein gutes Mädchen du bist. Ich riet ihm zu Johanna. Doch Paul war klüger. Was solls

Aber ja, hauchte Karoline und hielt sich an den feuchten Holzplanken fest.

Er schrieb, er werde in unsere Gegend versetzt. Er will das Haus renovieren, plauderte die Mutter weiter, ohne Karolines Reaktion zu bemerken.

Paul noch einmal sehen nur einen Blick, dachte Karoline und errötete sofort. Wie konnte sie nur so etwas denken, mit einem lebenden Ehemann!

Doch bald überschlugen sich die Ereignisse. Johanna wurde von Tobias schwanger. Das ganze Dorf tuschelte, und Karoline wagte kaum noch, das Haus zu verlassen. Überall traf sie auf mitleidige oder spöttische Blicke.

Sei nicht böse, Karo, zuckte Tobias die Schultern. Ich bin ein Mann, ich brauche eine Frau, die mir Kinder schenkt. Du kannst das nicht. Also hab ich jedes Recht, dich zu deinem Vater zurückzuschicken.

Wie kannst du nur? Wir führen doch ein geordnetes Leben! Bin ich eine schlechte Hausfrau? Man wird mich im Dorf auslachen!

Was geht mich das an? Soll ich mein Leben verschwenden? Pack deine Sachen und geh.

Mit Tränen in den Augen wartete Karoline bis zum Abend, um heimlich zu ihrem Vater zu gehen. Der war unzufrieden mit der Situation, doch was blieb ihm übrig? Am nächsten Morgen holte Michael Bauer persönlich die Pferde ab und wollte mit seinem Schwiegersohn reden doch er traf nur auf Johanna, die bereits im Haus herumstolzierte. Mit verbittertem Gesicht spuckte Michael aus und ging.

Das Dorf tuschelte und vergaß. Doch einen Monat später kam neue Kunde: Paul war zurückgekehrt. In Mantel und Hut, ganz der Städter, wirkte er wie aus einer fremden Welt. Besonders auffällig war sein Stock. Die Dorfbewohner nannten ihn spöttisch Krückstock, doch insgeheim beneideten sie seinen Stil.

Ich bin für immer da, Mutter, umarmte Paul sie. Man will hier eine Tierarztpraxis eröffnen, also meldete ich mich. Wir bekommen Geld ich kann ein Haus bauen. Und deine Hütte renovieren.

Paul, obwohl nun ein angesehener Mann, hatte handwerkliches Geschick nicht verlernt. Tagsüber brachten die Dorfbewohner ihre Tiere zu ihm, abends arbeitete er am Haus. Er reparierte das Dach, den Zaun, den Apfelgarten alles, was Männerhände brauchte.

Du brauchst eine gute Frau, seufzte die Mutter, als er eine neue Türklinke für die Badestube anbrachte. Gab es in der Stadt keine passende?

Nein, nur hohle Schönheiten. Äußerlich perfekt, aber ohne Seele. Mit denen kann man nicht einmal reden.

Die alte Frau strich ihr Tuch glatt und presste die Lippen zusammen.

Was wollt ihr Männer bloß Dieser Tobias warf seine Frau auch raus, weil er mit ihr nicht reden konnte. Und jetzt du!

Welcher Tobias? Der Schulmeistersohn? Ich dachte, seine Frau sei gestorben.

Nein!, winkte sie ab. Stefan Albrechts Sohn. Ihr wart doch beide bei den Zahns, um um Karoline zu werben.

Paul erstarrte, der Hammer entglitt fast seiner Hand.

Er hat sie verstoßen? Ganz?

Vollends. Johanna lebt jetzt bei ihm, sie erwartet ein Kind. Und Michael Bauer musste seine Tochter wieder aufnehmen. Wohin soll sie schon, die Lahme?

Sprich nicht so über Karoline! Wenn Tobias sie nicht will, dann heirate ich sie.

Um Gottes willen, Sohn! Sie kann nicht mal gebären was bringt sie dir? Nun, es ist deine Sache, presste die Mutter hervor und bereute sofort ihre Worte.

Am nächsten Tag ging Paul wie vor fünf Jahren zu Michael Bauer, um um Karolines Hand anzuhalten. Doch diesmal war er ein angesehener Mann, und er hoffte auf Zustimmung. Und Karoline selbst, als alte Jungfer, durfte wohl auch mitreden.

Man empfing Paul herzlich, und als sein Anliegen klar wurde, kam selbst der sonst so gefasste Michael Bauer den Tränen nahe.

Ach, Paul, Paul, brummte er und zündete seine Pfeife an. Ich war es, der Karoline damals von dir fernhielt. Wer weiß, wie ihr Leben sonst verlaufen wäre. Mutter! Hol Karoline!

Zwar habe ich noch kein eigenes Haus, Michael, begann Paul.

Wenn Karoline einverstanden ist, heiratet ihr nächsten Samstag! Glaubst du, es gibt eine Schlange von Freiern für sie? Ich helfe mit Geld, keine Sorge. Karoline, Paul möchte dich heiraten.

Die junge Frau, die in der Tür stand, wäre fast vor Schreck umgekippt. Dann errötete sie und nickte schnell.

Abgemacht!, rieb sich Michael die Hände. Nun die Einzelheiten. Mutter! Hol den Kirschlikör!

Schon nach wenigen Tagen hatte Karoline ihr neues Zuhause bei Paul und seiner Mutter bezogen. Das Dorf tuschelte und vergaß. Wer würde schon den Tierarzt der Gemeinde verurteilen, wenn man ihn doch bald für das Vieh brauchte? Und Karolines Makel interessierten keinen mehr. Als Paul ihr dann noch eine Brille und einen modischen Hut aus der Stadt besorgte, verstummten selbst die größten Klatschbasen und nannten sie nur noch Frau Karoline.

Es dauerte nicht lange, da wurde Karoline schwanger. Und nicht mit einem Kind mit Zwillingen! Paul versuchte, ihr eine wissenschaftliche Erklärung zu geben, doch das interessierte sie nicht. Hauptsache, sie hatte nach all den Jahren ihr Familienglück gefunden wenn auch auf einem steinigen Weg.

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Homy
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Die Nachricht, dass Michael Bauer seine einzige Tochter verheiraten will, hat das ganze Dorf in Aufruhr versetzt.
Irina schlich leise in die Wohnung, bemühte sich, ihre Mutter nicht zu wecken – müde von hochglänzen…