Dein Sohn ist nicht von mir, platzte der Mann beim Familienessen heraus, doch der DNA-Test zeigte etwas anderes.
Ich verstehe nicht, warum du auf diesem Abendessen bestehst, Leonie, sagte Helga Müller und stellte eine Vase mit Blumen in die Mitte des Tisches. Du und Markus seid in letzter Zeit wie Hund und Katze. Wollt ihr den ganzen Abend so tun, als wäre alles in Ordnung?
Leonie wischte schweigend die Kristallgläser ab, ihre Finger glitten sanft über das dünne Glas. Diese Gläser waren ein Geschenk ihrer Schwiegermutter zu ihrem zehnten Hochzeitstag. Damals schien die Zukunft noch voller gemeinsamer Jahre. Jetzt, fünf Jahre später, war selbst ein einfaches Abendessen eine Herausforderung.
Mama, Finn ist fünfzehn. Er versteht mehr als du denkst. Aber ich möchte, dass er sieht, dass Markus und ich trotz allem zivilisiert miteinander umgehen können. Familie ist wichtig.
Helga seufzte und schüttelte den Kopf. Mit ihren dreiundsechzig Jahren war sie noch hellwach und standfest. Nach dem Tod ihres Mannes war sie zu ihrer Tochter und ihrem Enkel gezogen, eine stabile Stütze für Leonie.
Dein Vater, Gott hab ihn selig, pflegte zu sagen: Eine morsche Brücke trägt keine schwere Last. Verzeih mir die Direktheit, aber eure Ehe ist momentan genau das eine morsche Brücke.
Leonie stellte das letzte Glas auf den Tisch und trat ans Fenster. Der Aprilabend färbte den Himmel zartrosa. Irgendwo da draußen in der Stadt beendete ihr Mann Markus seinen Arbeitstag. Würde er überhaupt kommen? In den letzten drei Monaten kam er stets spät nach Hause, und wenn er da war, war er kalt und distanziert.
Einiges muss geklärt werden, Mama. Für Finn.
Ein großer Teenager stürmte ins Zimmer und stopfte Hefte in seinen Rucksack.
Mama, ich gehe zu Tom, wir machen die Physik-Hausaufgaben.
Halt, stopp! Leonie hielt ihren Sohn am Ärmel fest. Heute ist Familienessen, hast du das vergessen? Dein Vater kommt.
Finn rollte theatralisch mit den Augen: Wozu das Ganze? Er ist sowieso die ganze Woche nicht da. Glaubst du, wir interessieren ihn?
Finn!, fuhr ihn die Oma an. So redest du nicht über deinen Vater! Er arbeitet hart, um uns zu versorgen.
Ja, klar, besonders an Wochenenden und abends, murmelte der Junge. Mama, bitte, kann ich zu Tom? Ich bin schnell zurück. Versprochen.
Leonie seufzte. Ihr Sohn zog sich immer mehr zurück. Vielleicht war es besser, ihn gehen zu lassen? Weniger Spannung.
Gut, aber um sieben bist du zu Hause. Dein Vater wollte mit dir über etwas Wichtiges sprechen.
Als Finn gegangen war, schüttelte Helga den Kopf:
Der Junge spürt alles, Leonie. Lüge ihn nicht an. Wenn zwischen dir und Markus alles vorbei ist, sag es ihm ehrlich.
Es ist noch nicht vorbei, Mama, wandte Leonie sich ab, um ihre Tränen zu verstecken. Nur eine schwere Phase. Jede Beziehung hat das.
Helga wollte etwas sagen, doch in diesem Moment schlug die Haustür zu. Markus war früher als sonst gekommen. Leonie wischte sich hastig die Augen aus und zwang sich zu einem Lächeln.
Hallo, sagte sie im Flur.
Markus nickte wortlos, während er seinen Mantel ablegte. Er sah erschöpft und verloren aus. Groß, breitschultrig, mit grauen Schläfen für Leonie war er immer der Inbegriff von Verlässlichkeit gewesen. Zwanzig Jahre zusammen, fünfzehn verheiratet. Es schien, als wüssten sie alles voneinander. Doch in den letzten Monaten blickte sie in die Augen eines Fremden.
Ist Finn da?, fragte er und ging in die Küche.
Er ist bei Tom, kommt aber um sieben zurück. Du wolltest mit ihm reden?
Markus nickte, ohne sie anzusehen. Er begrüßte seine Schwiegermutter und setzte sich.
Tee?, bot Helga an. Bis zum Essen dauert es noch eine halbe Stunde.
Danke, nein. Er nahm sein Handy heraus und vertiefte sich in Nachrichten.
Leonie tauschte einen Blick mit ihrer Mutter. Die Stimmung war bedrückend.
Ich schaue mal nach dem Braten, sagte Helga und verließ taktvoll den Raum.
Leonie setzte sich Markus gegenüber.
Markus, können wir reden?
Er hob den Blick, und in seinen Augen lag etwas Neues. Nicht die üblich





