Stellen Sie sich vor, durch ein Wunder haben Sie sich eine kleine eigene Wohnung in einer deutschen Kurstadt gekauft, zum Beispiel in Travemünde an der Ostsee. Jetzt leben Sie direkt am Meer, obwohl vorher niemand aus Ihrer Familie Interesse an Ihrem Leben gezeigt hat. Niemand hat gefragt, wie es Ihnen geht, ob Sie gesund sind oder warum Sie seit fünf Jahren arbeiten und nie Urlaub nehmen.
In Deutschland gelten Menschen als gastfreundlich viele lassen Freunde und Verwandte gern über Nacht bleiben. Doch ab dem Moment, wo jemand dreist wird und sich auf Kosten anderer einnistet, wird es belastend. Wo ist die feine Grenze zwischen Gastfreundschaft und dem Wunsch, einfach mal Ruhe und alleine zu sein?
Familie und Freunde stehen nicht zwingend vor der Tür, wenn jemand plötzlich wohlhabend scheint oder eine schöne Wohnung am Meer besitzt. Hat aber jemand eine Bleibe am Wasser, kommen die Besuche meist unaufhörlich.
Eines Tages besucht mich meine Cousine Friederike, die unter Atembeschwerden leidet. Ihr drückt etwas auf die Brust, sie hat das Gefühl, im Inneren brenne alles. Sie wurde zwar gründlich untersucht, aber die Ärzte konnten nichts finden. Es stellte sich heraus, dass ständiger Stress die Ursache war und Friederike hatte das gar nicht mehr selbst wahrgenommen. Das Problem lag direkt unter der Oberfläche…
Der Anfang war der Kauf der Wohnung. Friederike war so großzügig, dass sie ihrer Mutter einen Zweitschlüssel überließ. Zu dieser Zeit hielt sie das für die richtige Entscheidung. Ihre Mutter wohnte vier Stunden entfernt, aber besuchte sie regelmäßig mit der Deutsche Bahn. Friederike musste ihren Arbeitstag unterbrechen, um sie am Bahnhof abzuholen.
Um sich das zu ersparen, gab sie ihrer Mutter den Schlüssel und dachte, das Problem sei gelöst. Anfangs lief alles gut. Doch bald kam die Mutter nicht allein, sondern brachte Verwandte, Freunde und sogar Nachbarn zur Wohnung mit.
Friederike, was für ein Leben du hast! Lass uns bei dir wohnen! Du musst Güte mit Güte erwidern.
Ihr Mann, Thomas, war häufig beruflich unterwegs, meistens auf Dienstreisen, und bekam vom ständigen Zustrom nichts mit. Friederike dachte, sie tut das Richtige, handelt hilfsbereit. Obwohl die Stadt klein war, nutzten viele das Apartment, und ihre Mutter half gerne jedem allerdings auf Kosten der Tochter. Sie tat das Gute durch Friederikes Hände, aber zahlte selbst nichts.
Friederike ertrug die Eigenheiten ihrer Mutter, drängte sich mit Thomas in ein Zimmer und ließ die Gäste das andere nutzen. Sie versorgte alle, kümmerte sich um das Essen. Schließlich suchte sie sogar einen Nebenjob, denn das Geld reichte hinten und vorne nicht. Dann kam der Lockdown: Thomas verlor seinen Job und war nun zu Hause. Die Gäste scherte das nicht sie kamen weiterhin regelmäßig, fragten nicht einmal nach Erlaubnis.
Thomas hatte genug und sagte zu seiner Frau:
Entweder nimmst du deiner Mutter den Schlüssel ab und verbietest ihr, weitere Gäste einzuladen, oder ich lasse mich scheiden.
Für Friederike war es schwierig, denn ihre Mutter hatte sie immer zur braven Tochter erzogen, doch sie wollte ihren Mann nicht verlieren. Also sprach sie mit ihrer Mutter.
Diese reagierte empört, warf Friederike Herzlosigkeit vor und spielte sogar krank, behauptete, ihre Tochter habe ihr einen Herzinfarkt verursacht. Sie versuchte alles, manipulierte aber Friederike blieb standhaft.
Die Mutter weigerte sich, den Schlüssel zurückzugeben und erklärte, sie hätte nun keine Tochter mehr und wolle Friederike nicht mehr sehen. Am Ende wechselte Thomas das Türschloss aus. Man weiß nie, was von unerwünschten Gästen zu erwarten ist. Einige kamen noch vorbei, um zu grüßen, doch niemand machte die Tür auf die endlose Versorgung der Verwandtschaft ist eine undankbare Aufgabe.
Friederike war traurig, dass die Beziehung zur Mutter zerbrochen ist. Dennoch spürte sie Erleichterung: Sie hatte wieder genug Geld und keine Schmerzen mehr in der Brust, die sie so lange gequält hatten, während sie das Wohl der Mutter über ihr eigenes gestellt hatte.





