„Ich werde meinen Lebensabend nicht mit einem alten Wrack verbringen!“ – Warum Igor nach 32 Ehejahren auszieht und Valentina dank ihrer Mutter und dem literarischen Club im Frankfurter Kulturgarten ihre wahre Stärke und neue Lebensfreude entdeckt

Ich habe keine Lust, mein Leben mit einem Wrack zu verbringen, knurrte mein Mann.

Das reicht jetzt! Harald knallte die Schublade zu, sodass die Flakons mit seinem Eau de Cologne klirrten. Ich kann dieses ständige Gerede über schmerzende Knie und Tabletten nicht mehr hören! Ich will leben und nicht mein Dasein in einer Klinik fristen!

Greta stand in der Schlafzimmertür und sah zu, wie ihr Mann seine paar Habseligkeiten in eine Sporttasche warf. Zweiunddreißig gemeinsame Jahre passten in einen Rucksack und eine Tüte mit Sportschuhen. Dieser Gedanke schmerzte mehr als alle anderen.

Harald, begann sie leise, meine Mutter kann nach dem Schlaganfall nicht allein bleiben. Verstehst du das nicht?

Deine Mutter ist deine Angelegenheit! Ich mach das hier nicht weiter mit ich bleib nicht bei einem alten Wrack, blaffte Harald, den Blick fest auf den Rucksack gerichtet. Ich bin achtundfünfzig, kein achtzigjähriger Greis! Ich will nicht, dass unser Zuhause wie eine Intensivstation aussieht!

Greta zuckte zusammen. Seit einem halben Jahr war Jugend und Alter zum Streitthema geworden. Harald färbte plötzlich die grauen Haare, kaufte ein neues Fahrrad und eine Lederjacke. Dann tauchte Mia auf die frisch geschiedene Nachbarin aus dem fünften Stock, fünfunddreißig und doch voller Energie.

Ziehst du zu ihr? Greta wusste die Antwort schon, aber fragte trotzdem.

Harald fuhr schroff herum. Für eine Sekunde lag etwas wie Scham in seinem Blick, doch dann wich es trotziger Entschlossenheit:

Ja, ich gehe zu ihr. Weißt du warum? Weil ich bei ihr vergesse, wie alt ich bin. Sie zählt keine grauen Haare und erinnert mich nicht ständig ans Herzklopfen. Sie ist einfach frei. Verstehst du das?

Frei. Das Wort traf Greta mitten ins Herz. Sie schaute wohl oder übel in den Spiegel das müde Gesicht, die neuen Falten um den Mund. Früher hatte Harald sie seine Schönheit genannt. Und jetzt?

Bald wirst du sechzig, Harald, flüsterte sie. Glaubst du wirklich

Was denn? fuhr er sie an. Dass ich kein Recht auf Glück habe? Auf ein neues Leben? Übrigens, viele Männer in meinem Alter

Rennen zu jungen Liebschaften? Greta lächelte bitter. Tja, die Statistik spricht fürs Schlechte.

Harald wedelte genervt ab:

Immer dieses Runterziehen! Ich will einfach mal wieder durchatmen, verstehst du?

Er zog den Reißverschluss seines Rucksacks zu. Das Geräusch klang wie ein Urteil.

Sag deiner Mutter schöne Grüße, brummte er beim Hinausgehen. Hoffentlich ist es gemütlich. Für euch zwei, er stockte, für zwei alte Kumpelinnen.

Die Tür fiel ins Schloss. Greta saß lange auf dem Bett und starrte ins Leere. In ihrem Ohr hallte es: Zwei alte Kumpelinnen. Nur hatte sie gerade mal dreiundfünfzig. Ist das denn schon alt?

Aus dem Wohnzimmer schallte ein leiser Ruf:

Gretchen? Ist alles in Ordnung?

Nichts, Mama, Greta rang sich hoch. Harald musste los, wegen der Arbeit.

Lügen war widerlich, aber die Wahrheit konnte sie nicht über die Lippen bringen. Jetzt noch, wo ihre achtzigjährige Mutter sich womöglich schuldig fühlen würde am Zerbrechen der Ehe

Die folgenden Tage verliefen zäh wie kalter Novemberregen. Greta hielt sich an ihre Routinen: kochen, putzen, sich um die Mutter kümmern. Im Kopf nur die eine quälende Frage: Wann? Wann hatte sie aufgehört zu bemerken, dass zwischen ihnen eine Mauer gewachsen war?

Sie dachte an ihr erstes Treffen mit Mia. Nachbarin, frisch getrennt, oft kurz am Briefkasten. Ungezwungen, laut und fröhlich, in bunten Kleidern. Greta hatte sie sogar bemitleidet alleinerziehend ist hart.

Doch dann bemerkte sie, wie Harald sie anschaute. Wie er am Fenster blieb, wenn Mia mit dem Hund spazieren ging. Wie er zufällig am Eingang stand, wenn sie von der Arbeit zurückkam. Und wie er abends immer länger im Keller werkelte.

Tochterherz, Mamas Stimme holte sie zurück ins Hier und Jetzt, du spülst jetzt schon eine halbe Stunde dieselbe Tasse. Setz dich zu mir.

Greta blickte auf. Tatsächlich sie stand in der Küche, die Tasse in der Hand, der Blick ins Grau vor dem Fenster gerichtet.

Gleich, Mama. Bin gleich fertig.

Greta, ihre Mutter ließ sich langsam auf den Stuhl sinken und hielt sich am Rückenlehner fest, lass das Schauspiel. Du brauchst mir nichts vormachen.

Mama.

Hat er dich verlassen, stimmts? Ist jetzt bei dieser wie heißt sie, von oben?

Greta nickte, Tränen stiegen in ihre Augen.

So ein Narr, seufzte die Mutter. Weißt du, was Männer machen, wenn sie auf sechzig zugehen? Da brennt was durch sie suchen die Jugend, wo es nie eine gab.

Mama, bitte.

Ach, lass mich, die Mutter lachte unvermittelt hell. Dein Vater war genauso. Mit zweiundfünfzig hat er auch geglaubt, das Leben rast an ihm vorbei.

Greta starrte fassungslos:

Papa? Aber du hast nie

Warum hätt ichs erzählen sollen? zuckte die Mutter mit den Schultern. Nach zwei Monaten war er wieder da, das Haupt gesenkt. Da hab ich ihn einfach nicht mehr gebraucht.

Wirklich?

Ja, die Mutter blinzelte verschmitzt. Ich hab in der Zeit Sticken gelernt. Und weißt du was? Ohne ihn war alles leichter. Man kriegt mehr Luft, irgendwie.

Sie betrachtete ihre alten Hände das, was vom Leben geblieben war, aber immer noch geschickt.

Verstehst du, Gretchen, die Jahre zählen nicht so sehr. Wichtig ist, was im Herzen passiert. Ich bin achtzig, aber da drinnen ist immer noch das Mädchen von früher.

Greta musste lächeln. Das stimmte ihre Mutter hatte ein besonderes Strahlen, eine Kraft, die trotz der Krankheit nie nachließ. Vielleicht zog sie deswegen immer andere Menschen an.

Und Harald, fuhr ihre Mutter fort, der läuft nicht wirklich vor dir davon, sondern vor sich selbst. Vor der Angst, alt zu werden. Glaubt, wenn eine Junge dabei ist, wird er auch jünger.

Nimmst du ihn etwa in Schutz? Greta spürte, wie die Wut wieder aufloderte.

Nein, die Mutter schüttelte den Kopf. Ich hab einfach Mitleid. Er wird dort nicht finden, was er sucht. Vor der Zeit kannst du nicht wegrennen, Kind.

Draußen wurde gelacht. Greta schaute mechanisch aus dem Fenster: Harald und Mia schlenderten durch den Hof, er trug ihre Einkaufstaschen. Sie plapperte wild, und er schaute sie fasziniert an. Greta spürte, wie ihr Herz schmerzte.

Quäl dich nicht, die Mutter zog sie sanft weg vom Fenster. Komm, wir trinken Tee. Ich hab frische Honig-Lebkuchen gebacken.

Mama, Lebkuchen? da brach Greta fast.

Er ist ein Dummkopf, bekräftigte die Mutter geduldig. Aber das ist sein Weg. Du musst deinen finden. Weißt du was? Morgen gehen wir zusammen in den Park. Nach der Renovierung siehts da jetzt richtig schön aus.

Greta wollte widersprechen, doch irgendwas im Ton der Mutter ließ sie schweigen. Vielleicht hatte sie recht. Vielleicht war jetzt einfach Leben dran.

Der Park war tatsächlich ein Juwel. Neue Wege, Wasserspiele, bequeme Bänke. Im Zentrum das kleine Kulturhaus, aus dem Musik drang.

Guck mal, die Mutter blieb am Infostand stehen, Anmeldungen für den Literaturkreis. Und eine Tanzgruppe. Oh, schau: Yoga für die Generation 60+!

Mama, Greta verzog das Gesicht, fang jetzt bitte nicht damit an

Warum nicht? die Mutter zog eine Augenbraue keck nach oben. Ich kann dir noch was vormachen, trotz meines Alters!

Und um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, schwang sie den Arm, woraufhin der Gehstock polternd zu Boden fiel.

Ach, sie war kurz verlegen.

Dürfte ich helfen? ertönte eine freundlich sanfte Männerstimme.

Ein gepflegter Herr mittleren Alters hob den Stock auf und reichte ihn mit einer kleinen Verbeugung zurück:

Bitte schön.

Vielen Dank, die Mutter bekam rote Wangen. Wie höflich!

Bernhard Lehmann, stellte er sich vor. Ich leite hier den Literaturkreis. Interessieren Sie sich für unsere Veranstaltungen?

Darüber reden wir gar nicht lang, unterbrach die Mutter Greta, meine Tochter schreibt fantastische Gedichte. Stand sogar schon in der Uni-Zeitung.

Mama! Greta wurde knallrot. Das war vor hundert Jahren.

Die Poesie ist zeitlos, lächelte Bernhard Lehmann. Sie könnten gern gleich dabei sein. Wir besprechen heute neue Texte.

So kam Greta zum Literaturkreis. Sie half eigentlich nur der Mutter und war plötzlich mittendrin. Das Rascheln von Buchseiten, die ruhigen Stimmen, interessierte Blicke Alles hatte eine besondere Stimmung. Hier zählte niemand das Äußere, das Alter war egal. Es ging ums Herz und um die Gedanken.

Später war ein Lyrikabend. Nur für Mitglieder, aber Greta war unglaublich nervös.

Sie las ihre Gedichte über Liebe, Abschiede, das Leben nach dem Schmerz. Mit jeder Zeile fühlte sie, wie etwas in ihr losging, sich befreite, wieder lebendig wurde.

Auf dem Heimweg traf sie Harald. Er kam gerade von Mia. Unsicher blieb er stehen, wie ein reuiges Kind.

Greta, du siehst großartig aus.

Sie schaute ihn an. Seltsam sie fühlte keine Qual mehr, nur noch leise Müdigkeit.

Danke, sagte sie ruhig. Mehr ist nicht?

Nein, warte, bitte, er trat vorsichtig näher. Ich habe nachgedacht Ich meine, ich habs verstanden.

Enttäuscht, ja? Hat Mia sich nicht als Traumfrau erwiesen?

Harald zog eine Grimasse:

Das ist es ja Sie ist jung, klar, attraktiv auch, aber, er zögerte, wir haben einfach nichts zu besprechen.

Und du dachtest, eine junge Frau interessiert sich für DDR-Rockbands? Greta lachte unerwartet. Ach Harald, du bist süßgläubig, ehrlich.

Nein, das er seufzte. Ich habe Fehler gemacht. Vielleicht

Nein, Greta schüttelte den Kopf. Da gibts kein vielleicht. Weißt du was? Ich bin dir sogar dankbar.

Wofür denn? er blinzelte verstimmt.

Dafür, dass du gegangen bist. Ich hab gemerkt, dass mein Leben mehr sein kann als Küche und Putzen.

Greta, ich hab verstanden. Ich will nach Hause, er griff nach ihrer Hand. Wir schaffen das gemeinsam.

Doch sie wich sanft zurück:

Harald, du willst nicht wirklich zurück. Denn dieses Zuhause gibts nicht mehr. Die alte Greta, die dir die Socken wusch und beim Abendessen schwieg, ist verschwunden. Die neue kennst du nicht. Und ich glaube, die würde dich erschrecken.

Wieso?

Weil sie ihr Leben endlich für sich lebt.

Da trat ihre Mutter hinzu. Ohne Stock, unterstützt von Bernhard Lehmann am Arm.

Ach, Harald, sie musterte ihren ehemaligen Schwiegersohn kühl. Du immer noch hier?

Guten Abend, Frau Schneider, murmelte er. Ich geh dann jetzt.

Richtig so, die Mutter nickte. Und falls du nochmal vor dem Alter fliehen willst, denk erstmal nach, ob das Problem vielleicht in dir selbst liegt.

Harald erschrak, als hätte er einen Schlag bekommen. Er drehte sich abrupt um und verschwand.

Mama! tadelte Greta sanft. Das hättest du nicht

Wieso nicht? die Mutter zuckte die Schultern. Ehrlich sein tut weh, aber ist nötig. Bernhard Lehmann hat mir übrigens angeboten, einen Kinder-Erzählkreis zu leiten: Märchen aus unserer Kindheit. Klingt spannend, oder?

Frau Schneider ist eine geborene Geschichtenerzählerin, lächelte Bernhard Lehmann. Die Kinder werden begeistert sein.

Greta sah ihre Mutter an so frisch, mit funkelnden Augen , und dachte: Vielleicht ist das wahre Alter einfach ein Geschenk. Die Chance, neue Seiten in sich zu entdecken?

Nach zwei Monaten trennten sich Harald und Mia. Sagt man, sie hat jemanden noch Jüngeren kennengelernt. Kurz darauf schrieb Harald noch einmal: eine wirre, reumütige Entschuldigung. Greta antwortete nicht.

Warum auch? Sie hatte jetzt ihr eigenes Leben. Zweimal die Woche der Literaturkreis. Und weißt du was? Mit dreiundfünfzig fühlt sie sich zum ersten Mal seit Ewigkeiten wieder jung. Denn Jugend, mein Lieber, ist kein glatte Haut. Jugend ist Mut, endlich sich selbst zu leben. Ganz egal, wieviele Winter schon vergangen sind.

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„Ich werde meinen Lebensabend nicht mit einem alten Wrack verbringen!“ – Warum Igor nach 32 Ehejahren auszieht und Valentina dank ihrer Mutter und dem literarischen Club im Frankfurter Kulturgarten ihre wahre Stärke und neue Lebensfreude entdeckt
Ein Geschenk vom Unbekannten Die Nachricht poppte im Team-Chat zwischen Tabellen und dringenden E-Mails auf – wie ein bunter Ball zwischen Papierstapeln: „Liebe Kolleginnen und Kollegen, unser Wichteln startet! Anonymer Geschenke-Tausch zur Weihnachtsfeier, Budget bis 20 €. Link zum Anmeldeformular unten.“ Artem las die Nachricht noch einmal und blickte automatisch in die rechte obere Bildschirmecke, wo die Uhr tickte. Zehn Arbeitstage bis zum Jahresende, zwei Wochen bis zum Quartalsabschluss, drei Tage bis zur nächsten Kreditrate. Alles in seinem Kopf maß sich in solchen Zeitfenstern. Im Chat hagelte es bereits Reaktionen. Die einen schickten ein GIF mit einem Rentier, andere fragten: „Schon wieder?“, wieder andere wollten das Budget genau wissen. HR-Managerin Katja schrieb prompt: „Mitmachen ist nicht verpflichtend, aber sehr erwünscht. Gemeinsam Weihnachtsstimmung schaffen!“ Artem trank seinen kalten Kaffee aus und klickte auf den Link. Das Formular – Name, Abteilung, Datenschutz-Einwilligung. Unten ein blinkender Button: „Mitmachen“. Er zögerte kurz, stellte sich vor, wie eine weitere nutzlose Kerze oder Tasse seinen ohnehin überfüllten Schreibtisch erobert. Dann stellte er sich vor, wie neben seinem Namen in der Teilnehmerliste ein leeres Feld steht. Er klickte auf „Mitmachen“. — Na, hast du auch bei diesem Lotteriespiel mitgemacht? – Sascha vom Nachbarteam tauchte in seinem Büro-Cubicle neben ihm auf. – Ich hoffe, ich kriege jemanden mit Humor. Habe mir schon was überlegt: eine Zeitmanagement-Bibel für unseren Chef. — Ist doch anonym, – erinnerte Artem. — Eben, das macht ja den Reiz aus! Stell dir vor, der packt aus und … — Sascha mimte ein schockiertes Gesicht und lachte. Artem lächelte höflich und tippte weiter am Bericht – Zahlen rauschten wie graues Rauschen an ihm vorbei. Nebenan stritt man über Geschenksets für Geschäftspartner: bessere Pralinen oder sparsam sein? In der Morgenpause drehte sich alles um die Bonuszahlung: gibt’s was, wird gekürzt, nur ein Präsentkorb als Naturalien? Alles flimmert durchs Büro wie eine unendliche Weihnachtsdeko: Tannenbäume im Foyer, Plastik-Kugeln, belanglose Grußkarten: „Sehr geehrte Partner! Wir wünschen Ihnen …“ Artem hat dieses Jahr zwei Ziele. Erstens: Bonus fürs Teamziel. Zweitens: Den Sohn nicht wegen der Noten anfahren. Beides gleich schwierig. Abends kam die Mail: „Ihr Secret-Santa-Pate steht fest.“ Artem las im Gedränge der U-Bahn am Handy. „Hallo Artem! Ihr Wichtelkind: Artem Krylow, Abteilung Analytics.“ Er las den Satz. Noch mal. Ein Ruck im Abteil, ein stummes Schulterzucken. Im Chat erscheinen schon Screenshots: „Bug?“ „Hab auch mich selbst!“ „Next Level Self-Care, Leute.“ Katja schrieb schnell: „Liebe Kolleginnen und Kollegen, ja, das System hat sich vertan. Ändern geht nicht mehr, IT sagt, alles hängt am User-ID. Sehen wir es als Experiment. Geschenke bitte trotzdem mitbringen, wir tun so, als wäre alles normal. Hauptsache Stimmung und ein bisschen Geheimnis bleiben!“ „Was für ein Geheimnis, wenn ich weiß, dass ich es bin?“ – schreibt jemand. „Stell dir vor, es schenkt dir ein Unbekannter, der dich wirklich versteht“, antwortet Katja und hängt einen Tannenbaum-Emoji an. Artem schließt den Chat und steckt das Handy weg. Im Abteil telefoniert jemand laut über den „Jahresabschluss“. Artem betrachtet sein Spiegelbild im Zugfenster. 41. Die Haare halten noch, an den Schläfen schon hell. Das Gesicht müde, nicht alt. Sakko aus einem Modehaus, Uhr auf Raten, Smartphone wie der Chef. „Ein Geschenk an mich selbst, wie von einem Unbekannten“ – denkt er. – Und was würde dieser Unbekannte mir schenken? Er weiß es nicht. Am nächsten Tag dreht sich in der Rauchpause alles nur noch um das Thema. — Ehrlich, das gehört abgeschafft, – meint Jurist Paul, ascht ab. – Das ist Konzeptbruch. Wichteln darf nicht un-wichtelig werden. — Ich find’s super, – widerspricht Anna aus dem Marketing. – Endlich schenke ich mir mal was Vernünftiges und nicht wieder einen Schal mit Elchen. — Kaufst dir doch eh immer alles selbst, – meint jemand. — Nicht alles. Für viele Dinge ist mir das Geld zu schade, – lacht Anna. – Genau das macht’s spannend. Artem bleibt stumm. Im Kopf dreht er Geschenkideen: Kopfhörer, Powerbank, neue Maus. Alles Dinge, die er sich auch so kaufen könnte – keine Geschenke, nur Bürobedarf. — Was schenkst du dir? – fragt Sascha im Aufzug. — Weiß nicht. — Du bist witzig. Ich würde mir ’ne PlayStation holen – passt aber nicht ins Budget, – Sascha grinst. – Jetzt wird’s wohl Craft-Bier-Set mit „vom Wichtel“-Zettel. Und ich?, denkt Artem zurück am Platz. Was würde ich gern bekommen, wenn mich jemand wirklich sehen würde? Nicht als Mitarbeiter, nicht als Kreditnehmer, nicht als Vater, dem man zu wenig Zeit vorwirft, sondern als … wen? Als Mensch? Er findet kein Wort. Abends schlendert er durch ein Einkaufszentrum. Alles glitzert, dudelt Musik, überall „Perfekte Geschenke“, „Sets für Ihn“, „Für Erfolgsmenschen“. Auf jedem zweiten Plakat ein Mann im teuren Mantel. Ohne Augenringe, ohne Schulden. Im Elektronikladen Kopfhörer „Bestseller“. Ein Verkäufer erklärt geduldig technische Details. Artem hält die Verpackung, das Preisschild passt ins Budget. Aber das kaufe ich doch mir selbst. Was soll daran ein Geschenk sein? Ich kaufe doch eh permanent alles, was ein Mann mit 40 angeblich braucht. Handy, Uhr, Schuhe. Ist das ein Geschenk? Er stellt die Kopfhörer zurück. Im Buchladen eine Wand voller Motivationstitel: „Werde die beste Version deiner selbst“, „Mehr schaffen – glücklicher leben“. Er greift automatisch zu, blättert, liest von „Komfortzone“ und „Effizienz“, spürt Müdigkeit. Am Regal für Literatur fährt er mit den Fingern an den Buchrücken entlang, sieht alte vertraute Namen. Früher hat er viel gelesen. Heute ist „Lesen“ eine To-do-Position. Vielleicht ein Buch? Und doch: Würde ein Unbekannter mir eines schenken, wenn ich nie Zeit finde zu lesen? Er verlässt den Buchladen mit leeren Händen. Der Kopf surrt von Werbeslogans und Geklimper. Zuhause fragt seine Frau: — Warum so nachdenklich? — Alles gut, – antwortet er, zieht die Schuhe aus. – Wir haben so ein Firmenspiel. Wichteln. — Wieder Kerzen und Tassen? – sie grinst. — Jeder beschenkt sich selbst. Irgendwie war die Technik überfordert. — Besser eigentlich, – stellt sie Macaroni auf den Tisch. – Kauf dir was, für das dir sonst das Geld zu schade ist. — Was denn? — Weißt du selbst am besten. Er schweigt. Der Sohn wälzt ein Mathebuch, tut, als würde er lernen. — Na? – seine Frau sieht ihn forschend an. – Du wolltest sonst immer irgendwas Bestimmtes. Neues Handy, eine Uhr, Rucksack. Du bist der Gadget-Typ. — Kauf ich mir, wenn ich’s brauch. — Dann vielleicht etwas, das kein Ding ist? – schlägt sie vor. – Gutschein. Für Massage. Oder für einen freien Tag … — Für einen freien Tag brauch ich keinen Gutschein – brauche einen Chef, der sonntags nicht mailt, – unterbricht er. Sie lächelt. — Dann wünsch dir von deinem Wichtel so einen Chef. — Passt nicht ins Budget, – witzelt er. Nachts wälzt er sich herum. Bilder aus den Läden, Werbeparolen, Wünsche anderer: „Karriere“, „Erfolg“, „finanzielle Sicherheit“. Alles irgendwie wichtig – aber äußerlich, wie Lametta, das im Januar wieder eingepackt wird. Was hätte ich gern, wenn mich niemand bewertet? Weder Kollegen noch Ehefrau, weder Sohn noch Eltern noch Bank? Er weiß es immer noch nicht. Im Büro summt es eine Woche vor der Feier. Erste Geschenkpakete tauchen auf: im Schrank versteckt oder auf dem Tisch. Im Chat dreht sich alles um Dresscode, Menü, Spiele. Katja kündigt einen Moderator, DJ und „Secret-Santa-Moment“ an. Artem läuft weiter ohne Geschenk herum. — Wieso zögerst du? – fragt Sascha. – Es bleibt eh bald nix Vernünftiges übrig. — Ich überleg noch. — Was gibt’s da zu überlegen? – Schulterzucken. – Nimm was Nützliches. Ich hab ein Grillset bestellt. Wollte ich immer, kam nie dazu. Jetzt schon. Beim Mittagessen starrt Artem auf den Werbe-TV hinter der Bar: „Mach dir selbst eine Freude! – Geschenksets zum Fest“. Am Fenster zückt er sein Handy, durchforstet Online-Shops: „Geschenk für Männer 40+“. Vorschläge: Uhren, Geldbörsen, Gadgets, Whiskeysets, Barbershop-Gutscheine. Das alles zielt darauf, wie ich wirken soll, denkt er. Nicht darauf, wie ich mich fühle. Er macht die Website zu, öffnet sein privates Postfach. Dort Gutscheinemails, Werbespam – und eine Nachricht von einem Weiterbildungsportal, auf das er mal angemeldet war: „Fotografie-Kurs – neuer Start, Anmeldung bis zum Wochenende“. Fotografie. Er denkt zurück: Spiegelreflexkamera von früher, gekauft vor der Familie, als die Hypothek noch Zukunft war. Damals ging er an freien Wochenenden fotografieren. Später landete der Apparat im Schrank. Erst gab es keine Zeit mehr, dann keine Lust, dann kam es ihm albern vor. Klassisch, brummt die innere Stimme. Midlife-Mann entdeckt das alte Foto-Hobby, wähnt sich als Künstler. Lächerlich. Er schiebt das Tablett weg, innerlich zieht sich etwas zusammen. Ich will nichts hinschmeißen. Ich will nur … Er findet kein Ende. Das Handy vibriert: „Quartalzahlen bis heute Abend“, schreibt der Chef. Artem seufzt. Abends sucht er die Kamera aus dem Flurschrank, wiegt sie in der Hand. Akku leer, im Schreibtisch findet er das Ladegerät. Seine Frau hebt überrascht die Braue: — Willst du wieder fotografieren? — Wollte nur testen, ob alles geht. Als der Akku etwas geladen hat, geht er auf den Balkon, macht ein paar Bilder. Autos, Fenster, Schnee, Laternen. Nichts Besonderes. Aber als er durch den Sucher schaut, wird es im Kopf plötzlich leiser. Vielleicht ist das das Geschenk? Nicht die Kamera selbst, sondern die Erlaubnis, Zeit dafür zu reservieren. Eine Stunde pro Woche. Zwei. Ohne Schuldgefühl. Gleich wieder der innere Skeptiker: Klar, meld dich zum Fotokurs an. Als würde das etwas ändern. Doch ein anderer, leiserer Gedanke sagt: Warum nicht? Dinge, die man in einem Jahr vergessen hat, kaufst du doch sowieso. Vielleicht diesmal etwas, das dir wirklich mal gefallen hat. Er ruft die Kursmail auf. Inhalte: Bildkomposition, Licht, Stadtfotografie. Abends online, zweimal pro Woche. Preis passt ins Wichtel-Budget. Ein Geschenk an mich selbst vom Unbekannten, denkt er. Ein Unbekannter, der weiß, was ich früher mochte – und es nicht albern findet. Er klickt auf „Jetzt buchen“. Bleibt nur noch: das Geschenk für die Feier verpacken. Laut Anleitung braucht es einen Gegenstand zum Überreichen. „Ich buche einen Kurs“ reicht nicht. Also kauft er ein schlichte, dunkelblaue Notizbuch und einen Umschlag. Druckt die Kursbestätigung aus, legt sie dazu. Auf die erste Seite schreibt er: „Für Bilder, die du noch machen wirst.“ Seine Handschrift ist krakelig, aber lesbar. Als Karte bastelt er lange herum, dann steht da: „Für Artem. Es tut gut, sich zu erinnern, dass du mehr bist als Berichte und Calls. Gönn dir das Staunen – nicht alles geht durch Tabellen. Hoffentlich nutzt du die Zeit. Dein Wichtel.“ Er liest es durch. Es trifft ihn nicht durch Pathos, sondern weil es zugleich fremd und überfällig klingt. Der „Wichtel“ ist liebevoller, als er es selbst zu sich ist. Er packt die Kursbestätigung in den Umschlag, alles ins Notizbuch, umwickelt es mit braunem Papier, rote Schleife drum. Das Geschenk wirkt schlicht. Ohne Marken, ohne Sprüche. Die Weihnachtsfeier im großen Saal des Bürokomplexes. Weiße Tischdecken, Lichterketten, DJ mit Partymusik. Die Leute kommen: manche im Glitzerkleid, andere in Alltagsklamotten. Die Geschenke stehen auf einem extra Tisch mit Namensklebchen. Artem stellt seins dazu und schaut auf den Haufen. Bunte Tüten, Geschenkboxen, eingepackte Merkwürdigkeiten. — Fertig zur Selbstenthüllung? – zwinkert Katja im Vorbeigehen. — Sofern das überhaupt geht, – sagt er. Zur Mitte des Abends kündigt der Moderator „den besonderen Moment“ an. Musik leiser, Licht gedimmt. Die Stimmung gelassen, etwas konfus. — In diesem Jahr, – sagt der Moderator, – ist unser Wichteln ganz besonders geheim – so geheim, dass jeder sein eigener Weihnachtsengel ist. Aber natürlich tun wir, als wüssten wir davon nichts, oder? Der Saal lacht. — Kommt bitte nacheinander zum Tisch, sucht euer Geschenk und öffnet es hier. Denkt daran: Das Wichtigste ist nicht, was drin steckt – sondern was ihr über euch selbst erfahrt. Wieder so ein Sprücheklopfer, denkt Artem. Als er an der Reihe ist, schnürt sich ihm der Hals zu. Er sucht das Paket mit „Artem Krylow“, setzt sich wieder. — Na, was habt ihr bekommen? – beugt sich Sascha vor. – Hoffentlich keine Socken! Artem löst die Schleife, wickelt das Papier ab. Notizbuch. Umschlag. Sein Name. — Kein Grillset, so viel steht fest, – sagt Sascha. Artem öffnet den Umschlag. Irgendwo jubelt jemand über einen Spa-Gutschein, andere zeigen Spieleboxen. Er sieht, wie Svetlana, die Buchhalterin, verlegen eine Yogabuch auspackt, HR-Katja lacht über ihre „Bester Mitarbeiter“-Tasse. Artem liest die Karte. Noch einmal. Die Worte, die er selbst geschrieben hat, klingen, als hätte sie ein anderer für ihn gefunden. Du bist mehr als Berichte und Calls. Etwas sticht schmerzhaft, als hätte ihn jemand in einem Schwächemoment erwischt, aber nicht verurteilt. — Na, was ist es? – bohrt Sascha nach. — Ein Kurs, – sagt Artem, schluckt. – Fotografie. Und ein Notizbuch. — Respekt, – Sascha pfeift. – Da war jemand kreativ! Aber aufdecken ist Tabu, oder? — Genau, – sagt Artem. — Ok, – Sascha wendet sich seinem Grillset zu. – Dann machst du künftig unsere Fotos. Praktisch! Artem klappt das Notizbuch zu. Der DJ scherzt, andere tanzen. Außen bleibt es laut. In ihm wird es leiser. Er sieht auf sein Handy: „Wie läuft’s?“ schreibt seine Frau. Er antwortet: „Ganz ok. Lustige Geschenke. Hab mir einen Kurs gegönnt“ – löscht die letzte Zeile, schreibt: „Erzähl dir später.“ Zu Hause – fast Mitternacht. Im Flur ist es still, oben knallt eine Tür. In der Wohnung warmes Licht, Mandarinen, die Frau am Tisch mit Buch, der Sohn schläft. — Und, was gab’s? – fragt sie. Er legt das Notizbuch auf den Tisch, daneben den Umschlag. — Das war’s? — Im Umschlag liegt noch was, – sagt er und öffnet ihn. Sie liest die Zeilen, sieht ihn an. — Das hast du dir selbst geschrieben? – leise. — Ja, – gibt er zu. – Und den Kurs gebucht. Fotografie. Sie nickt, lächelt nicht, macht keinen Scherz. — Gutes Geschenk, – sagt sie. – Das hast du doch gemocht. — Ist lange her. — Und? Nur weil es alt ist, ist es nicht weg. Er zuckt die Schultern, aber innerlich bewegt sich etwas, als ob er endlich ein Möbelstück verrückt hätte. — Mal sehen, – sagt er. Am ersten Januar wacht er ohne Wecker auf. Draußen grauer Morgen, Schnee, parkende Autos, Stille. Kopf schwer, nicht brummend. Frau und Sohn sind schon bei den Schwiegereltern, er fährt morgen nach. Die Wohnung: ungewohnt ruhig. Er macht Kaffee, setzt sich, öffnet das Notizbuch. Auf Seite eins stehen noch: „Für Bilder, die du noch machen wirst“. Er startet den Laptop, öffnet das Kursmail. Erste Stunde in einer Woche, doch jetzt schon Vorstellungsmodul. Die Lehrerin spricht nicht über „Selbstoptimierung“ und „Effizienz“, sondern über Licht und Schatten. Er hört zu und merkt, dass er dabei nicht die Arbeitsmails checkt. Das Handy bleibt im anderen Zimmer. Nach der Einführung nimmt er die Kamera, geht nach draußen. Kühle, aber keine Kälte. Die Leute bringen Silvestermüll raus, führen Hunde aus. Auf dem Spielplatz ein leeres Knallbonbon. Er hebt die Kamera, schaut durch den Sucher. Äste, Drähte, Balkone. Unspektakulär. Aber als er abdrückt, fühlt es sich an wie etwas Winziges und doch Wichtiges. Für keinen Bericht, kein KPI, keinen Vorstand. Nur für sich. Er knipst ein paar Bilder, geht wieder nach Hause. Am Computer sieht er, dass viele missraten, andere fad sind. Doch eines – eine Autoscheibe spiegelt Fenster – zieht ihn an. Er vergrößert das Bild: In der Spiegelung ein Umriss – er selbst mit Kamera. Ein Geschenk vom Unbekannten, denkt er. Und der war ich. Und das ist eigentlich ganz in Ordnung. Er schließt das Programm, trinkt den letzten Schluck Kaffee. Vor ihm: der erste Arbeitstag, offene Aufgaben, Meetings, Mails. Und der Kurs. Und eine Stunde in seinem Kalender, die er für sich lassen will. Er nimmt das Notizbuch, schreibt das Datum. Dann: „Hof, Morgen, Spiegelung im Glas.“ Die Zeile ist schlicht, aber sie gehört ihm. Er legt den Stift weg und merkt, wie er zum ersten Mal seit Langem an die Zukunft nicht nur in Raten und Berichten denkt. Da bleibt jetzt ein winziges Stück, in dem er einfach schauen darf, was er selbst will. Das ist wenig – aber es reicht, um wieder leichter zu atmen. Er holt sich noch einen Kaffee, öffnet das Kursprogramm und schreibt ins Notizfeld: „Nicht absagen wegen Arbeit.“ Schmunzelt – das Leben kommt schon dazwischen. Aber ab jetzt hat er wenigstens das Recht, es zu versuchen. Und auch das – ist ein Geschenk.