Das Recht auf Eifersucht
Das Telefon klingelte um halb acht an diesem Samstagmorgen, gerade als Karla den Kaffee in die Tassen goss. Aus dem Schlafzimmer kam das vertraute Geräusch, und ein unangenehmes Gefühl schnürte ihr die Brust zu, so wie immer, wenn man weiß, dass gleich etwas passieren wird, das man lieber nicht erleben möchte.
Thomas kam auf die Küche zu, das Telefon bereits am Ohr. Er trug ein verblichenes T-Shirt und Schlafanzughose, die dunkelblonden Haare wirr, noch gar nicht gekämmt so vertraut, so heimisch, dass Karla einen kurzen Moment voller Zärtlichkeit für ihn empfand. Aber nur für einen Moment.
Ja, hallo. Was ist los? Schon wieder?
Er sah sie an, wandte den Blick dann leicht schuldbewusst ab. Karla stellte in der Stille die Tassen auf den Tisch, begann Butter auf das frische Schwarzbrot zu streichen, auch wenn ihr der Appetit vergangen war.
Ja, gut. Ich komme vorbei. In zwei Stunden frühestens. Ja, ist okay.
Er legte auf und setzte sich an den Tisch, trank einen Schluck. Zwischen ihnen wurde das Schweigen so dick, dass Karla das Ticken der Uhr im Flur bewusst wahrnahm.
Das war Leonie, erklärte er schließlich. Als bräuchte er es ihr noch zu sagen.
Hab ich gehört.
Bei ihr ist ein Rohr gebrochen. Der Klempner kann erst am Abend, und jetzt läuft das Wasser schon zu den Nachbarn runter.
Thomas, Karla legte ruhig das Messer ab. Ohne Dramatik, nur bewusst leise. Heute ist Samstag. Wir wollten auf den Viktualienmarkt gehen, und dann zum Geburtstag von Marie.
Ich schaff das. Ich fahr hin, drehe das Wasser ab, das ist doch kein Hexenwerk.
Letztes Mal hast du auch gesagt, es dauert nicht lang. Dann hast du bei ihr vier Stunden verbracht, weil sie noch wollte, dass du das Regal anbringst. Und wir haben unseren Zug verpasst.
Er schwieg, und dieses Schweigen sagte mehr als Millionen Worte. In Gedanken war sein Entschluss längst gefasst. Er entschied immer, bevor er überhaupt redete.
Karla, sie ist allein. Du verstehst das doch.
Ich verstehe. Ich verstehe alles, Thomas. Seit drei Jahren.
So sah ein normaler Samstagmorgen bei den Schmidts aus Thomas war achtundvierzig, Karla, geborene Berger, sechsundvierzig. Sie waren sieben Jahre verheiratet, davon waren die ersten vier Jahre beinahe wolkenlos gewesen. Dann war Leonie, Thomas Exfrau, nach Jahren im Rheinland zurück nach München gezogen, und irgendetwas hatte ein unmerkliches, leises Knacken in ihrem friedlichen Leben ausgelöst.
Ihre Wohnung war wunderschön, nicht teuer eingerichtet, aber voller Wärme wie ein Ort, an dem man sofort spürt, dass hier Menschen leben, die gern zusammen sind. Auf der Fensterbank standen Töpfe mit Geranien und Fette Henne. In der Küche roch es nach Kaffee und Zimt. Über dem Sofa drängelten sich Bücher, Fotos und ein kleiner Holzesel, den Thomas einmal von einer Dienstreise nach Bamberg mitgebracht hatte. Karla liebte dieses Zuhause von Herzen. Sie hatte etwas von sich dort hineingelegt, etwas schwer zu benennen, etwas Kostbares.
Genau deshalb fühlte sich jeder Anruf von Leonie an wie ein fremder Einschlag hinter verschlossenen Türen.
Thomas war kurz nach acht aus dem Haus. Karla blieb allein in der Küche, starrte auf den trübgrauen Aprilhimmel und dachte darüber nach, dass zu einem glücklichen Zusammenleben wohl noch mehr als Liebe gehört etwas, das sie selbst nicht in Worte fassen konnte.
Sie fuhr allein zum Viktualienmarkt, kaufte junge Radieschen, einen Bund Dill, hausgemachten Quark. Die Marktfrau erzählte munter von Wetter, Preisen und Schwiegersohn, und Karla dachte, wie viel einfacher es war, in anderer Leute Geschichten alles zu durchschauen, Schuld und Lösung zu erkennen nur mit der eigenen lief das nie.
Zum Geburtstag der Nichte gingen sie trotzdem zusammen. Thomas kam zu Mittag zurück, wirkte etwas gehetzt, etwas schuldbewusst, hatte die bestellte Kirschtorte mitgebracht. Er gab sich Mühe, Karla merkte das, und schätzte es. Aber zwischen Mühe geben und Verstehen lag eine Welt.
Bei ihrer Schwester war es laut und fröhlich. Marie feierte ihren achtzehnten, überall junge Frauen, die über ihre Handys kicherten und in Worten parlieren, deren Bedeutung Karla längst entglitt. Thomas unterhielt sich mit Schwager Uwe über Autos und Werkzeuge der übliche Trott.
Ihre Schwester Anja setzte sich mit einem Glas Saft zu ihr.
Du bist heute still. Und dann, nach einer Pause: War es wieder Leonie?
Karla sah ihre ältere Schwester an. Anja kannte die Geschichte nur zu gut und hielt Thomas immer für schwach, wenn auch liebenswert.
Ein Wasserrohr, antwortete Karla.
Ja, klar. Bei der geht immer alles kaputt, aber nur, wenn Thomas erreichbar ist.
Anna, hör auf.
Du hast es drei Jahre lang erklärt, gebeten, toleriert. Hat sich was geändert?
Schweigen. Nichts hatte sich geändert. Das war die Wahrheit.
Spät in der Nacht, nachdem Thomas eingeschlafen war, lag Karla wach und starrte an die Decke. Sein ruhiger Atem ging im Dunkel auf, und sie wusste: Sie liebte diesen Menschen. Daran zweifelte sie nicht. Er war gutmütig, zuverlässig, manchmal sogar lustig mit ihm war es schön. Doch er konnte einfach nicht nein sagen. Ob er nicht konnte oder nicht wollte, wusste Karla selbst nicht mehr so genau.
Leonie war nicht von Anfang an wieder präsent gewesen. In den ersten Jahren hatte sie weit entfernt gelebt, Thomas erwähnte sie nur gelegentlich, so wie man beiläufig etwas Vergangenes erwähnt. Sie hatten keine Kinder, die Ehe war laut Thomas einfach, still, ohne Drama auseinandergegangen. Karla war nie eifersüchtig auf die Vergangenheit gewesen, war nie besonders eifersüchtig überhaupt. Vertrauen das war ihre Stärke und, wie sie später feststellte, ihre Schwäche zugleich.
Mit Leonies Rückkehr schlichen sich die Probleme heimlich ein. Erst bat sie um Hilfe beim Umzug, dann bei Behördengängen, schließlich summierte sich alles: mal musste das Auto überbrückt werden, mal ein Möbelstück aufgebaut, mal ein Blick auf die Heizung geworfen werden. Thomas suchte für jedes Mal neue Gründe: unangenehm, nein zu sagen; sie hat ja keinen anderen; dauert nicht lang; du verstehst das falsch, ist doch reine Menschlichkeit.
Karla hatte versucht, es ruhig zu erklären es gehe nicht um Eifersucht, sondern darum, dass sie sich unwichtig fühlte, dass gemeinsame Pläne ständig hintenanstünden. Thomas hörte zu, stimmte zu, verständnisvoll sogar. Und dann klingelte das Telefon erneut.
Ein einziges Mal blieb sie nicht ruhig und brachte es klar auf den Punkt:
Thomas, es fühlt sich an, als wäre ihr Wunsch für dich wichtiger als meiner.
Er war beleidigt. Sagte, sie sei ungerecht, könne von ihm nicht verlangen, jemanden im Stich zu lassen, nur weil es seiner Ex gelte. Das Wort Ex sprach er aus, als erkläre es alles.
Da machte es in Karlas Kopf tatsächlich klick.
Nicht vor Wut. Eher aus Erschöpfung und einer leisen Entschlossenheit heraus. Worte halfen nichts mehr, Erklärungen verhallten nutzlos. Er konnte es nicht fühlen nicht, solange er nie in ihrer Lage war. Er musste fühlen, wie es ist. Nicht als Theorie, sondern real.
Im Mai kam Moritz Berger zurück in die Stadt Karlas Kindheitsfreund. Sie waren in Schwabing zusammen aufgewachsen, dann verloren, dann wieder gefunden. Moritz hatte erst in Augsburg, dann Freiburg gelebt, arbeitete inzwischen als Bauingenieur, auch geschieden, keine Kinder. Sie schrieben sich gelegentlich, zu Feiertagen. Jetzt meldete er sich: zurück in München, eine Wohnung ganz in der Nähe, ob sie mal einen Kaffee trinken wolle, alte Geschichten austauschen.
Karla sagte zu.
Sie saßen im Café zwei Stunden, Moritz entspannt, etwas rundlicher, trug inzwischen Brille, sein Lächeln aber war wie früher leicht verschmitzt. Sie redeten über alte Bekannte, Veränderungen in der Stadt, seine Arbeit, ihre Arbeit Karla leitete die regionale Abteilung einer Bibliothek. Moritz meinte, das passe zu ihrem Wesen, sie sei immer jemand gewesen, der Kostbares behütet.
Sie ging gut gelaunt heim. Thomas saß mit einem Buch, fragte, wies war. Schön, Kindheitsfreund, lange nicht gesehen, sehr angenehm, sagte sie. Thomas nickte.
Eine Woche später rief Karla Moritz selbst an.
Moritz, ich habe da eine etwas ungewöhnliche Bitte.
Immer her damit.
Unsere Balkontür klemmt Thomas meint, er repariert sie irgendwann mal. Aber du bist doch Ingenieur, würdest du mal schauen?
Es war nicht ganz gelogen. Die Tür hakte. Aber die eigentliche Wahrheit war eine andere.
Moritz kam am Sonntagmittag, brachte ein Werkzeugköfferchen und eine Flasche Most. Karla stellte Thomas vor, sie gaben sich die Hand. Gemeinsam begutachteten sie die Tür, dann gab es Kaffee. Sie redeten locker.
Nichts war besonders. Moritz erzählte von seinem Projekt in Freiburg, lachte über Abweichungen von Entwürfen und Architektentricks. Völlig harmlos. Doch Karla sah, wie Thomas’ Gesicht sich veränderte zuerst bloß höflich, dann zunehmend angespannt, am Ende kurz angebunden. Als Moritz wieder ging, bedankte er sich freundlich für den Kaffee.
Netter Kerl, sagte Thomas, doch der Ton fallte nicht so recht zu den Worten.
Ja, sehr, sagte Karla und räumte ab.
Eine Woche später rief Moritz wieder an, fragte, ob alles passt, ob er noch mal helfen solle. Karla sagte, alles gut, lud ihn unverbindlich zum Tee ein. Während des Gesprächs hielt sie das Telefon so, dass Thomas alles hören konnte.
An diesem Abend war Thomas auffallend ruhig. Kaum ein Wort beim Abendessen. Schließlich fragte er:
Ihr kennt euch schon sehr lange?
Seit wir sechs sind, ja. Schulfreunde von früher.
Habt ihr all die Jahre Kontakt gehalten?
Selten, aber ja. Wieso?
Thomas zuckte die Schultern.
Nur so.
Doch es war nicht nur so. Karla sah, wie er nachts wach blieb, an die Decke starrte. Sie fühlte plötzlich etwas Neues keine Schadenfreude, vielmehr ein bitteres Verstehen. So fühlt sich das also an. Das ist der Geschmack davon.
Ein paar Tage später stellte sie Moritz wieder einen Tee hin, diesmal verbrachten sie den Abend zu dritt. Moritz erzählte lustige Anekdoten, Thomas lachte sogar ein paar Mal wirklich. Aber Karla bemerkte, wie er öfter verstummte, sie länger ansah, als ob er eine verborgene Schrift auf ihrem Gesicht lesen wolle.
Nachdem Moritz gegangen war, sagte Thomas:
Es ist ein bisschen schräg für mich, dass er jetzt so oft da ist. Ihr habt gemeinsame Dinge, Insider, da bin ich außen vor.
Karla sah ihn ruhig an.
Moritz ist ein Freund aus Kindertagen. Er hat niemanden in München. Ich helfe nur einem Menschen. Du verstehst doch, oder?
Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Irgendetwas wich in seinem Gesicht.
Du machst das mit Absicht, sagte er plötzlich. Kein Vorwurf, nur Feststellung.
Was denn bitte?
Karla
Sie blickten sich an im leisen Summen des Kühlschranks. Es regnete auf das Blechdach draußen.
Ich habe nicht verstanden, wie du dich fühlst, sagte Thomas leise. Aber jetzt beginne ich, es zu begreifen.
Das ist doch schon etwas, sagte Karla.
Ein richtiges Gespräch entstand nicht. Erst mal nicht. Beide gingen etwas verlegen auseinander aber etwas war ins Rutschen geraten. Karla spürte es.
Das nächste Mal klingelte Leonie am letzten Freitag im Mai. Thomas half gerade Karla beim Packen für das Wochenende. Sie wollten zu Karlas Mutter aufs Land, in einen kleinen Bungalow am Ammersee, Apfelbäume im Garten, alte Holzveranda. Eine heilige Tradition jeden Sommer. Karlas Mutter, siebzig, wartete jedes Mal mit Streuselkuchen und Anekdoten aus dem Schrebergarten.
Das Telefon klingelte, als Thomas gerade die Gummistiefel holte. Karla wusste schon an der Pause, wer dran war.
Leonie, sagte Thomas ruhig ins Handy. Ja. Was? Nein, wir fahren übers Wochenende raus. Ja, ich weiß. Jetzt? Das passt wirklich nicht gut.
Karla steckte konzentriert die Sachen in die Tasche einen Pullover, ein Buch, den Regenmantel. Sie schaffte es, sich dabei ruhig zu fühlen.
Warte kurz, hörte sie noch, dann zog Thomas sich ins Schlafzimmer zurück.
Gespräche, Murmeln. Leise Stille. Dann kam er wieder zurück.
Sie will, dass ich morgen früh vorbeikomme. Streit mit den Nachbarn, es geht um einen Parkplatz, sie braucht jemanden, der mit dem Hausverwalter redet.
Verstehe, sagte Karla.
Ich dachte, ich könnte ganz früh hin und dann fahren wir zu deiner Mutter…
Thomas, diesmal sah sie ihn direkt an, wir fahren morgen zusammen. Zu meiner Mutter. Früh. Gemeinsam.
Er sah sie an.
Ich weiß, was sie will, fuhr Karla fort. Aber ich will auch etwas. Ich will, dass du uns wählst. Nicht aus Eifersucht, nicht weil mir Leonie egal ist, sondern weil es einfach nicht richtig so ist. Du bist mein Mann. Wir fahren gemeinsam aufs Land. Das ist wichtig.
Er schwieg lang. Dann griff er zum Handy.
Leonie, ich kann nicht kommen. Nein, nicht nur dieses Wochenende. Ganz grundsätzlich nicht mehr. Ich kann nicht immer deine Streitereien lösen, das ist deine eigene Angelegenheit. Kontaktiere bitte direkt den Hausverwalter. Ich… nein, Leonie. Wirklich, nein. Alles Gute.
Er stellte das Telefon auf die Kommode. Holte die Gummistiefel. Legte sie zu den Taschen.
Karla sah auf seinen Rücken und fühlte Freude, Erschöpfung, Zärtlichkeit und Traurigkeit, weil es dafür drei Jahre gebraucht hatte, einen kleinen, unfairen Versuch mit Moritz und sie nicht sicher war, ob sie den Weg richtig fand.
Sie fuhren früh hinaus aufs Land. Im Auto zunächst Schweigen, dann drehte Thomas das Radio auf, dann wieder ab. Draußen grüne Maiwiesen, weiße Löwenzähne am Straßenrand.
Ich muss dir etwas sagen, begann er beim Fahren.
Sag es.
Es war unangenehm für mich, als Moritz da war. Ich wusste erst nicht, warum. Dann habe ich kapiert: Ich fühlte mich überflüssig im eigenen Heim. Als wäre bei euch etwas, das ich nicht verstehe, eine eigene Welt, und ich stehe davor.
Karla blickte aus dem Fenster.
Genau so, sagte sie leise.
Jetzt verstehe ich es. Aber es tut trotzdem weh zu wissen, dass du das absichtlich gemacht hast.
Und mir hat wehgetan, dass drei Jahre Reden nicht gereicht haben.
Er nickte. Ein ehrliches Nicken.
Du hast recht.
Das Landhaus roch nach frischer Erde und Mutters Stimme hinterm Zaun. Elisabeth Berger, klein, quirlig, kariertes Schürzchen, erwartete sie mit großer Freude.
Da seid ihr! Ich habe Streuselkuchen gebacken. Thomas, du bist dünner geworden?
Hallo, Frau Berger, Thomas küsste sie auf die Wange und nahm ihr die schwere Tüte ab.
Karla beobachtete die beiden und wusste: Das war der eigentliche Sinn. Keine Rache, kein Triumph. Einfach das: Mutters Schürze, der Geruch von Kuchen, der Mann, der Garten im vollen Mai.
Auf der Veranda saßen sie lange. Tranken Tee, aßen Apfelkuchen, hörten Geschichten von Nachbarskater, von opulenter Kirschenblüte, von Nachbarin Frau Nowak, die mit siebenundsechzig geheiratet hatte. Thomas lachte, half beim Reparieren eines alten Stuhls. Es war gut.
Am Abend, Mutter schlief, saßen sie auf der Treppe. Der Himmel über dem Garten war tiefblau, die ersten Sterne. Fliederduft lag in der Luft, Stimmen vom Nachbargrundstück drangen herüber.
Ich werde nicht mehr bei jedem Anruf zu ihr laufen, sagte Thomas gewissenhaft. Ich habe mich selbst belogen, dass es nur Menschlichkeit ist. Aber es hat für dich etwas bedeutet.
Karla schwieg, sah in die Dunkelheit.
Ich will nicht, dass du denkst, das war ein böses Spiel. Moritz ist wirklich mein Freund, ich habe ihm alles erklärt. Er sagte übrigens, du bist ganz in Ordnung.
Thomas lächelte schief.
Ein Lob.
Ich brauchte, dass du es fühlst. Worte haben nicht gereicht. Jetzt endlich schon.
Er schwieg.
Ja, ich habe es verstanden. Karla, warst du je kurz davor, zu gehen?
Die Frage war zart, beinah wie von einem Kind. Karla sah ihn an.
Selten. Aber ja, ich dachte daran. Es tat weh. Wenn derjenige, an den man glaubt, immer wieder so handelt, fragt man sich irgendwann: Will er mich überhaupt sehen?
Ich habe es gesehen, gestand Thomas. Aber nicht wahrhaben wollen. Das war feige.
Das ist Unvermögen. So wurdest du erzogen. Immer helfen, nie ablehnen. Das ist an sich nicht schlecht. Nur schlecht, wenn deine Liebsten hinten anstehen.
Er nahm ihre Hand. Ganz still.
Sie saßen lange so. Die Luft wurde kühl, Karla holte sich die Decke, die Mutter vergessen hatte. Von draußen kam Grasduft und das fast unfassbare Aroma von frühem Sommer, das es nur ein paar Tage im Jahr gibt.
Karla dachte: Das Glück zu zweit wird nicht ein für alle Mal gewonnen. Es ist Arbeit. Oft ruhig, manchmal schmerzhaft. Man muss unbequeme Sätze sagen, manchmal auch Unangenehmes tun, um zu erreichen, dass man gehört wird. Das mindert nicht die Liebe. Im Gegenteil, es macht sie wirklich.
Am nächsten Morgen gab es Quarkplinsen mit Sahne. Am Tisch war es lebendig: Mutter erzählte vom Garten, Thomas versprach, den Zaun zu reparieren, Karla besprach Marmeladenpläne mit ihr. Alles war ganz gewöhnlich und gerade darin lag etwas sehr Wertvolles.
Nachmittags brachte Thomas den Zaun in Ordnung. Mutter ruhte. Karla saß mit einem Buch im Garten, las aber nicht. Schaute zu den Apfelbäumen, an denen kleine grüne Früchte wuchsen, zur alten Holzlaube, zu ihrer Mutter, die auf die Veranda trat und in die Sonne blinzelte.
Das Leben ging weiter. Das war Antwort genug.
Sie kamen am Sonntagabend nach München zurück. Die Wohnung etwas stickig, Karla öffnete die Balkontür, Thomas packte aus. Alles wie immer und doch fühlte es sich innen ein bisschen heller und leichter an.
Einige Tage später rief Leonie wieder an. Karla hörte es aus der Küche.
Leonie, falls es dringend ist, ruf den Notdienst, sagte Thomas ruhig. Nein, dieses Wochenende nicht. Weil ich bei meiner Familie bin, das ist mein Platz. Ich wünsche dir alles Gute.
Er kam auf Karla zu, legte das Handy ab.
Möchtest du Kaffee? fragte sie.
Sehr gern, sagte Thomas.
Mehr wurde dazu nicht gesagt. Und dieses Schweigen war anders als damals im April: Es war das Schweigen von zwei Menschen, die wirklich zusammen gehörten.
Moritz kam gelegentlich vorbei. Es war Thomas, der ihn im Juni zum Grillen einlud. Sie redeten über Motorräder und alte deutsche Filme, die beide mochten. Karla beobachtete sie und dachte, in einer anderen Welt wären sie wohl Kumpel.
Der Sommer blieb ruhig und schön. Zwei weitere Male fuhren sie zu ihrer Mutter aufs Land. Einmal, im Juli, schrieb Leonie eine Nachricht: juristischer Rat. Thomas antwortete kurz, empfahl die kostenlose Rechtsberatung. Das war alles.
Im August fuhren Karla und Thomas, das erste Mal seit Jahren zu zweit, an die Ostsee. Drei Tage im kleinen Gästehaus, Sandstrand, gutes Essen. Abends spazierten sie am Wasser, redeten über alles und nichts, Bücher, Arbeit, die Idee, einen Hund zu holen, was es bei der Mutter vorzubereiten gibt, Thomas Überlegungen, die Stelle zu wechseln. Und darüber, dass man manchmal wirklich kämpfen muss, um etwas zu behalten nicht gegen andere, sondern mit sich selbst.
Das, dachte Karla, ist Liebe und Vertrauen. Nicht makellose Idylle, sondern dieses Gefühl: Wir sind da, nebeneinander, wir haben es durchgestanden, wir gehen weiter.
Sie erzählte niemandem außer ihrer Schwester davon. Anja hörte zu, machte ein winziges Schnaufen.
Endlich, meinte sie.
Ja, endlich, stimmte Karla zu.
Aber bitte ohne Spielchen. Falls was ist, redet ordentlich.
Das machen wir jetzt, Karla lächelte. Jetzt hört er zu.
Das war kein Ende der Geschichte. Familiengeschichten enden nicht. Das Leben setzt immer neue Aufgaben. Vielleicht wird Leonie noch einmal anrufen, vielleicht kommt etwas anderes es kommt immer etwas anderes.
Im September, eines Abends, als sie gemeinsam beim Abendessen saßen und Thomas von einem lustigen Kollegen erzählte, Karla lachte und daran dachte, morgen Milch kaufen und Mutter anrufen zu müssen, spürte sie plötzlich ein stilles, glattes Glück so einfach, dass sie sich diesen Moment einprägte: das gelbe Licht der Lampe, Suppenduft, seine Stimme, ihr Zuhause.
Dafür lohnt es sich, zu kämpfen. Dafür lohnt es sich, zu sprechen, zu streiten, böse zu sein, zu verzeihen und weiterzumachen.
Das sind keine Psychologenratschläge, keine fertigen Rezepte nur eine Geschichte von vielen. Jede hat ihre Leonie, ihren Moritz, ihren Moment der Entscheidung. Gut, wenn sie richtig ausfällt und noch besser, wenn man gemeinsam auswählt.
Eines Abends im Oktober saß Karla mit Tee am Fenster, das Herbstlaub wehte gelb und orange vorbei. Thomas kam später nach Hause, müde, wusch sich, setzte sich an den Tisch.
Wie gehts dir? fragte er.
Gut, sagte sie. Willst du Tee?
Gern.
Sie stellte ihm die Tasse hin.
Thomas, sagte sie.
Ja?
Ich bin froh, dass wir zusammenwohnen. Einfach so. Ohne Anlass. Ich bin froh.
Er sah sie an, sein Blick wurde weich.
Ich auch, sagte er leise. Auch wenn ich manchmal ein Depp bin.
Manchmal, grinste sie. Aber im Grunde nicht.



