Eine Überraschung vom Ex
Sebastian, warte! rief Amelie verzweifelt aus dem geöffneten Fenster.
Doch ihr Freund hörte sie nicht.
Er stieg bereits in seinen silbergrauen Golf und startete den Motor. In Panik griff Amelie nach ihrem Handy und rannte zur Wohnungstür.
Während sie wie ein Wirbelwind vom vierten Stock die Treppe hinabsauste, wählte sie immer wieder Sebastians Nummer. Doch auch das half nichts er ging nicht ans Telefon.
Ein einziger Gedanke bohrte sich durch ihren Kopf: Ich muss es schaffen!
Das Schicksal war ihr gnädig. Als Amelie, ohne Jacke, hinaus auf den verschneiten Parkplatz stürmte, wärmte Sebastian noch immer den Motor vor.
Verblüfft ließ er das Fenster herunter und musterte sie: Was ist denn los? Du siehst ja kreidebleich aus!
Da Da ist
Völlig außer Atem brachte Amelie kein Wort heraus, fiel stattdessen auf die Knie und kroch unter das Auto.
Egal, dass der Schneematsch ihre Jeans durchnässte es zählte nur dieser Moment.
Als sie mit einem abgemagerten, zerzausten Kater auf dem Arm wieder hervorkam, starrte Sebastian sie irritiert an.
Amelie, was wird das? Was soll das für ein Theater? Ich komme eh schon zu spät zur Arbeit.
Unter deinem Auto Da saß er Ich hab ihn gerade noch durchs Fenster gesehen. Ich hatte solche Angst, du fährst los
Wer saß unter dem Auto? Ein Kater?! Sebastian schüttelte den Kopf und lachte. Wegen diesem Viech der ganze Aufstand? Du bist unmöglich
Glaubst du, Katzen wollen nicht leben? Amelie blickte ihn entgeistert an.
Weißt du Wenn er wirklich leben wollte, hätte er sich nicht unter ein Auto verkrochen. Und spätestens wenn der Motor anspringt, wäre er doch abgehauen. Also echt
Nein, Sebastian Sieh ihn dir an. Er hat kaum noch Kraft. Er kann kaum miauen!
Na gut. Du hast den Kater gerettet herzlichen Glückwunsch. Hol dir nachher ein Stück Schokolade und poste es bei Instagram. Ich muss los. Wir sehen uns heute Abend.
Wortlos sah Amelie ihrem davonfahrenden Freund nach, mit dem Kater fest an ihr Herz gedrückt. Sie fragte sich, woher diese Eiseskälte in seinem Herzen kam vorher war ihr das nie so bewusst gewesen.
Amelie sah dem Kater in die Augen. Wirklich, er war schwach, schaute nur mühsam auf. Und in seinen Blicken spürte sie da Dankbarkeit? Ja. Das war echte Dankbarkeit.
Mit dem Kater kehrte sie in die Wohnung zurück, zog sich warm an, schnappte sich ihre Geldbörse und bestellte ein Taxi.
Wohin soll’s gehen? erkundigte sich der Fahrer freundlich, als Amelie hinten ins Auto glitt.
Ich hatte doch schon am Telefon gesagt: Bitte zur Tierklinik. Schnellstmöglich.
Tierklinik, stimmt! Entschuldigung, habs glatt vergessen. Gehts dem Kater nicht gut? fragte er über den Rückspiegel.
Es steht schlimm um ihn. Er braucht Hilfe.
Alles klar, kein weiterer Fragen. Ich kenne da eine ausgezeichnete Praxis, es macht doch nichts, wenn ich Sie zur besten fahre?
Am liebsten nur die beste.
Prima, das kriege ich hin. Die Ärzte dort holen Tiere buchstäblich von den Toten zurück und setzen sie liebevoll wieder zusammen.
Fünfzehn Minuten später wartete Amelie nervös in der voll besetzten Tierklinik, Kater auf dem Schoß. Überall Menschen mit ihren Tieren und ihren Sorgen.
Was fehlt Ihrem denn? fragte eine ältere Dame mit einem Dackel im Arm.
Ich weiß es noch nicht. Ich habe ihn heute unter einem Auto gefunden. Wahrscheinlich hat er die ganze Nacht im Kalten ausgeharrt
Bei der Kälte?! Wie schrecklich Wissen Sie was? Gehen Sie ruhig vor. Unser Tobbi braucht nur einen Routinecheck, bei Ihnen ist Eile angesagt.
Wirklich, Sie lassen mich vor?
Natürlich. Wir halten zusammen.
Endlich durfte Amelie mit dem Kater ins Behandlungszimmer. Unruhig rutschte sie auf ihrem Stuhl hin und her, während der Tierarzt behutsam den müden Patienten untersuchte.
Danach hieß es: Warten auf die Laborergebnisse. Die Minuten dehnten sich wie in Zeitlupe.
Sebastian rief mehrmals an. Amelie drückte die Anrufe genervt weg, sie konnte und wollte jetzt nicht sprechen.
Also, junge Frau Der Tierarzt blickte sie nachdenklich an. Sie haben ihn draußen gefunden?
Ja, unter dem Auto, wohl die ganze Nacht.
Kälte und Frost, das sieht man Doch das ist nicht alles. Er hat mehrere Erkrankungen, die Behandlung wird langwierig sein und auch teuer. Ich muss Sie ehrlich fragen: Wollen Sie diese Verantwortung tragen? Falls nicht, müssten wir versuchen, ein anderes Zuhause für ihn zu finden.
Amelie hatte geahnt, dass eine Behandlung notwendig wäre. Aber langwierig und teuer Dafür war sie nicht vorbereitet.
Sie sah dem Kater in die Augen. Er bittet nicht, fleht nicht nein. Er wirkt einfach nur verständnisvoll. Wenn du mich aufgibst ich kann es akzeptieren, schienen die Augen zu sagen.
Ich bin bereit! Amelie sagte fest. Ich übernehme die Verantwortung, solange es nötig ist. Zur Not mein ganzes Leben lang.
Gut, dann bleibt er zunächst zwei Wochen bei uns in der Klinik. Danach stelle ich einen Behandlungsplan auf und erkläre Ihnen alles, damit Sie ihm ein gutes Leben schenken können.
Vielen Dank Amelie war den Tränen nah.
Es ist an mir, Ihnen zu danken, entgegnete der Arzt ernst. So viel Mitgefühl sieht man heute selten.
Amelie verabschiedete sich liebevoll von dem Kater und versprach, wiederzukommen. Und der Kater, mit letzter Kraft, miaute ihr hinterher.
Erschöpft kam Amelie am Abend heim. Sie wollte nur noch ins Bett, morgen musste sie wieder zur Arbeit. Doch ihre Pläne zerplatzten auf der Stelle Sebastian wartete, und nach seinem Blick zu urteilen, war er wütend.
Amelie! Wo warst du? Ich habe zigmal angerufen, du gehst nicht ran. Was soll das?
Es war ein harter Tag, entschuldige sagte Amelie müde, hing ihre Jacke auf und stellte Sebastians Schuhe ordentlich beiseite, die wie immer im Weg standen.
Komisch Ist heute nicht dein freier Tag? Was hast du denn Großartiges gemacht, dass du so erledigt bist?
Ich war in der Tierklinik, den ganzen Tag, wegen dem Kater.
Was für ein Kater?! Jetzt verstehe ich gar nichts mehr.
Dem, den ich heute Morgen unter deinem Auto gerettet habe. Hör zu, ich bin fix und fertig. Lass uns morgen reden, ja?
Warte mal! Du meinst, du hast DEN GANZEN TAG auf einen Straßenkater verwendet? Ernsthaft?
Ist doch egal, ob er von der Straße kommt oder nicht, Amelie wurde lauter. Er brauchte Hilfe, sonst wäre er gestorben!
Und ich? Ich sterbe hier fast vor Hunger. Komm heim und nichts zu essen, nirgendwo!
Sebastian, du bist kein Kind mehr, seufzte Amelie. Im Gefrierfach sind Maultaschen, die könntest du auch mal zubereiten. Klar, du bist anderes gewohnt. Aber wenn du wirklich am Verhungern bist, dann
Maultaschen? Ich bin doch kein Penner, dass ich so was esse! Außerdem habe ICH heute gearbeitet, im Gegensatz zu dir. Warum soll ich mich um mein Essen selber kümmern?
Trotz ihrer Müdigkeit stellte Amelie sich an den Herd und kochte Sebastian sein Lieblingsessen. Er hätte es nicht verdient, doch um weiteren Streit zu vermeiden, kam sie ihm entgegen. Ein Danke bekam sie nicht.
Zwei Wochen später durfte Amelie den Kater aus der Tierklinik holen. Die Vorbereitungen waren getroffen alles für den Kater bereit, nur Sebastian wusste noch nichts.
Sie überlegte, wie sie ihm schonend beibringen sollte, dass nun ein Kater Teil der Wohngemeinschaft werden würde. Aber innerlich war sie überzeugt, ihr gutes Recht durchzusetzen es war schließlich ihre Wohnung, Sebastian weder ihr Ehemann noch anderweitig gebunden.
Doch ihre Hoffnung trog. Sebastian begann einen wüsten Streit, als er den Kater entdeckte.
DU hast diesen Straßenkater in die Wohnung geholt?! Amelie, bist du noch normal? Oder bist du bei deiner Rettungsaktion mit dem Kopf gegen das Auto gestoßen?
Ich habe ihn gerettet, Sebastian, und ich trage Verantwortung.
Sag mal, wieviel Euro hast du für diese Aktion verprasst? Und wieviel wirst du noch zum Fenster rauswerfen?
Darauf kommt’s nicht an. Es ist mein Geld. Übrigens kaufst du nie Lebensmittel, obwohl du gern isst!
Ich hab dir doch erklärt, mein Auto kostet, Probleme im Job, und überhaupt hier geht’s nicht um mich!
Er heißt übrigens Max.
Du hast ihm sogar einen Namen gegeben? Amelie, dir fehlt echt ein Arzt!
In jener Nacht schlief Amelie im Wohnzimmer. Zum Glück hatte sie eine Zweizimmerwohnung. Sie dachte gründlich über ihre Beziehung nach.
Sie lebten noch kein Jahr zusammen, doch in letzter Zeit war Sebastian nur noch fordernd, herablassend und unerträglich laut. Irgendetwas lief falsch. Trotzdem ein letzter Versuch sollte es noch sein.
Sebastian nutzte seine Chance nicht. Streit um den Kater wurde zum Alltag. Er verhielt sich immer kälter, herablassender. Amelie hörte zu und zog ihre Schlüsse. Eines Abends sagte sie ruhig:
Sebastian, ich liebe dich nicht. Und du liebst mich nicht. Lass uns aufhören, uns zu quälen.
Was soll das heißen?
Morgen packst du deine Sachen und ziehst aus. Ich brauche Ruhe. Genug von deinen Szenen.
Du bringst einen Kater nach Hause, ohne mich zu fragen, und ICH soll mich schlecht fühlen?
Wenn du nicht akzeptieren kannst, dass Max bleibt, dann such dir jemand anderen. Oder kauf dir deine eigene Wohnung, dann kannst du bestimmen.
Ein besserer Tag zum Schlussmachen als ihr bevorstehender freier Tag konnte nicht sein.
Sebastian versuchte zwar noch, Amelie umzustimmen, doch als es wieder um den Kater ging, kochte er innerlich. Amelie war sich sicher: Mit so einem Mann wird es kein Glück geben.
Später, am nächsten Tag, als sie in der Küche Tee trank, rief ihre Chefin, Frau Schubert, an:
Amelie, mein Engel Ich weiß, du hast heute frei, aber hilf uns bitte aus der Patsche!
Frau Schubert, das passt überhaupt nicht gerade, Amelie blickte auf Sebastian, der wütend seine Sachen in eine Tasche stopfte. Außerdem standen noch sein PC und Werkzeug auf dem Balkon.
Amelie, nur eine Stunde! Ich flehe dich an.
Amelie seufzte, trank aus und ging. Sebastian sollte den Schlüssel im Briefkasten lassen. Er nickte wortlos und schaute sie so hasserfüllt an, dass ihr kalt wurde.
Auf der Arbeit hielt sie es wirklich nur kurz aus und bestellte schnell ein Taxi.
Hallo, wie geht’s Ihrem Kater? fragte der Fahrer.
Überrascht schaute Amelie auf und erkannte den Fahrer wieder es war der gleiche, der sie zur Klinil gefahren hatte.
Danke, alles gut. Ich muss jetzt nur dringend nach Hause.
Kein Problem! grinste er.
Im Hausflur fand Amelie keinen Schlüssel und auch Sebastians Wagen war nirgends zu sehen.
Also ist er noch nicht weg, oder das Auto steht irgendwo anders, dachte sie.
Oben auf dem vierten Stock dann der Schreck: Die Tür verschlossen, kein Kater, keine Transportbox, nichts.
Sie rief, suchte wie im Wahn die ganze Wohnung ab. Doch Max war fort. Sebastian hatte ihn mitgenommen. Aber warum?
Sebastian! Sag, hast du Max mitgenommen?! schrie Amelie ins Telefon, als er endlich ranging.
Na klar So sieht mein Abschiedsgeschenk aus. Wenn du auf Knien angekrochen kommst, gebe ich ihn dir vielleicht zurück!
Weißt du überhaupt, was du da tust? Max braucht Spezialfutter und Pflege!
Er hörte sie nicht mehr Sebastian legte einfach auf.
Wo soll ich nun suchen?, schluchzte Amelie und hockte sich verzweifelt an die Wand. Wohin könnte er verschwunden sein?
Sebastian hatte vorher zur Miete gewohnt, Amelie nie viel erzählt. Versprochen hatte er, sie in seine Heimat mitnehmen, gehalten hatte er es nie.
Amelie suchte ihn am nächsten Morgen an seiner Arbeit, doch der Chef wusste nur: Er hat ein paar Tage frei genommen. Tut mir leid.
Groß umrissen erklärte sie ihr Problem und der Chef versprach, sofort zu informieren, falls Sebastian auftauchte.
Draußen holte sie das Handy raus, rief weiter an sein Handy blieb aus.
Darf ich Sie vielleicht mitnehmen? kam plötzlich eine Stimme.
Amelie schrak zusammen und erkannte dann das Taxi, dessen Fahrer ihr schon oft begegnet war.
Ja, bitte Bringen Sie mich nach Hause.
Im Auto klingelte Amelies Handy erneut eine unbekannte Nummer.
Ja, hallo?
Sind Sie Amelie? eine fremde Frauenstimme.
Ja Wer sind Sie?
Verstehen Sie, gestern kam Sebastian zu uns, Ihr Freund. Er arbeitet mit meinem Mann, zog spontan bei uns ein.
Und der Kater? War der bei ihm?
Ja, deshalb rufe ich Sie an. Sebastian hat ordentlich getrunken und behauptet, er würde Sie mit diesem Kater zurückgewinnen. Aber das Tier sieht so elend aus! Sitzt nur in der Box, jault, vermisst Sie offensichtlich.
Bitte geben Sie ihm nichts zu essen er braucht Spezialfutter!
Ich habe es probiert, aber er frisst nicht. Aber hören Sie zu, mein Mann ist jetzt auf der Arbeit, Sebastian auch irgendwo weg. Wollen Sie Max abholen? Ich mag Menschen wie Sebastian nicht, und der Kater kann nichts dafür.
Ich komme sofort! Nennen Sie mir die Adresse!
Amelie erklärte dem Taxifahrer die Lage der nickte nur still und gab Gas. Ihr ganzer Körper vibrierte vor Nervosität, die Fahrt kam ihr wie ein Rausch vor.
Nach ein paar Minuten stand sie schon vor dem fremden Haus, rannte die Treppe hoch, klopfte gezielt und hielt kurz darauf Max’ Transportbox in den Armen, bedankte sich innigst und stürzte hinaus.
Der Taxifahrer öffnete bereits wortlos die Tür für sie.
Als der Plattenbau, in dem Sebastian Max gefangen hielt, in Sicht zurückblieb, konnte Amelie endlich durchatmen. Den Rest des Rückwegs weinte sie aus Dankbarkeit für all die Menschen: die alte Dame in der Klinik, den Taxifahrer, die Frau, die sie angerufen hatte. Solange es sie gibt, wird das Gute immer gewinnen.
Soll ich noch bei Ihnen bleiben? bot der Taxifahrer an, nur falls Ihr Ex auftaucht?
Ja, das wäre lieb! stimmte Amelie sofort zu.
Am selben Tag ließ sie die Schlösser austauschen. Viktor so hieß der Taxifahrer blieb eine Weile und kümmerte sich liebevoll um Max, der schnurrend auf seinem Schoß saß.
Amelie war VIKTOR zutiefst dankbar. Für alles. So endete diese Geschichte.
Wohl überflüssig zu erwähnen, dass aus Amelie und Viktor mit der Zeit eine wunderbare, echte Liebe wurde.
Sebastian hingegen dazu ließe sich einiges sagen.
Noch am gleichen Tag wurde er aus der Wohnung des Freundes geworfen als der erfuhr, wie er mit der Frau umging, bekam er obendrein noch ein blaues Auge zur Erinnerung.
Und als Sebastian am nächsten Tag bei der Arbeit auftauchte, hieß es nur kalt:
Schreiben Sie Ihre Kündigung. Sofort.
Aber warum?
Weil. Schauen Sie mich nicht so an. Los!
Sebastian blieb keine Wahl also kehrte er zurück, in seine unbedeutende Heimat.
Was man halt verdient, wenn man sich so verhält.
Denn mit Herzlosigkeit kommt man im Leben nicht weiter. Und Tieren gegenüber sollte man zumindest menschenwürdig sein. Wenn schon nicht lieben, dann wenigstens Respekt zeigen.




