Verlass mein Zuhause – jetzt!

Freitag, 27. Oktober

Es war schon fast halb sieben, als ich immer noch in der Küche stand, die Bratkartoffeln wendete und den Gurkensalat abschmeckte. Die Suppe stand seit dem Morgen bereit, das Fleisch war gebraten aber eigentlich wusste ich selbst, dass ich schon längst fertig war. Mutter saß auf ihrem angestammten Hocker direkt neben dem Kühlschrank, die Tasse Tee fest an die Brust gedrückt. Sie liebt diesen Platz, ein bisschen abseits, aber doch mit Blick auf alles. Fünfundsiebzig ist sie jetzt, ihre Augen entgeht noch immer nichts.

Lena, warum stehst du denn seit Stunden am Herd? Die Salate, die Suppe, alles hast du schon gemacht. Die Hälfte sieht er doch eh nicht!

Ich seufze, doch versuche gelassen zu bleiben. Mama, bitte, das ist doch nichts Besonderes. Ich koche Abendessen. Wie jeden Tag.

Sie stellt die Tasse ab, runzelt die Stirn, nippt noch an ihrem Tee. Wie jeden Tag, wie jeden Freitag, seit zwanzig Jahren.

Sieh mal nicht so schwarz, es sind siebzehn Jahre, Mama.

Na und? Siebzehn Jahre, zwanzig, ist doch egal. Weißt du überhaupt, wie viele Frikadellen du ihm gebraten hast in dieser Zeit? Wie oft du den Tisch abgeräumt, wie oft du Hemden für ihn gewaschen und gebügelt hast?

Die Butter in der Pfanne zischt, als ich eine Frikadelle wende. Der Duft von gebratenem Fleisch, Zwiebeln der Geruch meiner Kindheit. Es beruhigt mich, wie fast nichts anderes. Die Küche im Altbau, renoviert, aber immer noch voller Erinnerungen.

Ich zähle nicht, Mama. Es ist mein Leben, meine Familie. Es ist nicht schwer für mich.

Sie mustert mich, manche Worte schmecken ihr augenscheinlich nicht. Lena, hast du dich überhaupt mal im Spiegel angeschaut? Richtig, nicht nur kurz. Du bist erschöpft. Die Schatten unter deinen Augen werden immer größer. Wann hast du das letzte Mal einfach gesessen und… nichts getan?

Ich zucke mit den Schultern. Letztes Wochenende, glaube ich.

Als du seine Socken gestopft hast?

Ich muss grinsen. Jetzt wirst du kleinlich.

Nennt sich Beobachtungsgabe. Ich bin alt, das darf ich.

Draußen ist es fast dunkel Ende Oktober, und schon am frühen Abend ist der Himmel grau. Ich liebe dieses Licht, die Wärme in der Küche, wenn wir zu zweit sind. Mutter wohnt jetzt die dritte Woche bei mir, weil bei ihr zu Hause am Rosenweg in der Wohnung die Rohre geplatzt sind. Die Handwerker hatten zwei Wochen versprochen, jetzt sind es schon drei. Der ganze Trubel Ich beschwere mich nicht. Es ist schön zu zweit, so wie früher.

Meine Wohnung Vierraumwohnung im vierten Stock in einem Berliner Altbau. Nicht groß, aber mein Zuhause. Geerbt von der Oma, ’93, gleich nach der Wende, nach der Privatisierung. Später habe ich renoviert, eingezogen. Als ich Martin geheiratet habe, ist er zu mir gezogen. Er hatte nie eine eigene Wohnung, nur ein WG-Zimmer, das er dann verkauft hat. Das Geld war schnell weg, wie so oft.

Kommt er bald? fragt Mutter.

Er hätte um sechs da sein sollen. Ist schon zwanzig nach sieben.

Hat er sich gemeldet?

Ich sage nichts. Martin ruft selten an, wenn er später kommt. Für ihn war immer klar: Wer kein eigenes Arbeitszimmer hat, ist halt irgendwo unterwegs. Ihre Logik ist eigentümlich und mir vertraut.

Ich decke den Tisch, als die Wohnungstür unten poltert. Ein Geräusch, das ich gut kenne erst der Schlüssel, dann ein kräftiger Ruck, dann mehrere Schritte. Viele Schritte. Nicht wie sonst nur einer.

Lena, bist du da? ruft Martin aus dem Flur.

In der Küche!

Komm, ich muss dir was sagen…

Er steht in der Tür. Dahinter tauchen noch zwei Leute auf. Eine Frau, vielleicht Ende vierzig, mit Kurzjacke und Umhängetasche, verkniffenes Gesicht. Und ein pickeliger Teenager neben ihr, Kopfhörer um den Hals.

Ich halte das Küchentuch in der Hand, warte.

Also. Das ist Karin, kennst du ja. Und das ist David. Mein Sohn.

Karin… Die erste Frau von Martin. Ich kannte sie flüchtig, der Kontakt war nie eng. David war fünfzehn. Ich hatte ihn selten gesehen, eigentlich nur zu Geburtstagen. Still, freundlich, immer am Handy.

Guten Abend, sage ich höflich.

Hallo, sagt Karin mit dem Ton, als wäre sie zu etwas gezwungen, das ihr peinlich ist.

Martin fährt sich nervös durch die Haare. Bei Karin na, wie bei Frau Schulze sind die Rohre geplatzt. Die ganze Wohnung ist nass, sie kann nicht bleiben. Im Hotel ists zu teuer. Ich hab gesagt, sie kann übers Wochenende herkommen, mit David.

Mutter stellt ihre Tasse geräuschlos ab.

Übers Wochenende, wiederhole ich.

Ja, heute ist Freitag, vielleicht bis Montag… Mal sehen.

Martin. Es ist eine Vierraumwohnung. In einem Zimmer wohnst du. Im anderen ist meine Mutter, jetzt schon drei Wochen.

Ich weiß. Ich dachte halt Na ja, geh doch mit deiner Mutter zu ihr, zu ihrem Appartement. Es ist doch sicher bald fertig? Zwei Nächte schaffen sie schon. Dann können Karin und David hier bleiben.

Seine Worte hängen in der Luft. Ich höre draußen eine Straßenbahn vorbeifahren.

Was bitte? frage ich langsam.

Ihr könnt doch einfach Du und deine Mutter Da schlafen, solange…

Ich hab dich verstanden. Ich frage nur nach, weil ich sicher sein will, dass ich richtig höre. Du willst, dass ich mit meiner alten Mutter meine Wohnung erstmal verlasse, damit hier deine Ex-Frau wohnen kann?

Ach Lena, jetzt tu nicht so. Es ist doch die Mutter meines Kindes. David ist mein Sohn. Ich kann sie doch nicht einfach auf der Straße…

Mutter mischt sich ein. Bei mir gibts kein warmes Wasser. Offener Fußboden, Loch in der Wand. Ich wohne hier, weil es bei mir wirklich unzumutbar ist.

Er versucht es zu relativieren. Aber ein paar Tage geht es dort schon, die Wände stehen ja…

Ich schaue ihn an. Die Stimme ist ruhig, fast kühl. Mama ist fünfundsiebzig. Sie hat Herzprobleme und Arthrose. Ohne Heizung, auf einer Matratze auf dem blanken Boden, bei feuchtem Klima.

Lena, mach kein Drama. Es sind nur zwei, drei Tage. Ihr nehmt eine Matratze…

Ich sehe rüber zu Karin. Es ist ihr unangenehm. Vielleicht von Anfang an, vielleicht nur, weil sie jetzt einfach müde ist.

Sie sagt vorsichtig: Soll ich schon mal nachsehen, wies in den Zimmern aussieht?

Stopp! sage ich. Da war wohl etwas in meiner Stimme.

Ich lege das Küchentuch ab, wende mich Martin zu. Ich schaue ihn an und begreife wieder: dieses Gesicht seit siebzehn Jahren. Diese Geste mit dem Kopf, wie er sich an den Nacken fasst, wenn er zugeben müsste, dass er etwas falsch gemacht hat aber es nie zugibt. Das ist sein Ton, dieses halb-schuldige, halb-fordernde, als sei jeder Kompromiss immer nur eine Frage der Zeit.

Siebzehn Jahre lang Suppe gekocht, Löcher in Socken gestopft, die Abrechnungen gemacht, noch für den Urlaub gespart. Keine Fragen gestellt, wenn wieder mal das Geld nicht reichte. Familie genannt, das sollte schon alles erklären.

Und jetzt steht er hier in meiner Küche, zwischen meinen Töpfen, meinen Gardinen, meiner Welt und schlägt mir vor zu gehen. Zu gehen, weil Platz für andere gemacht werden muss.

Martin, sage ich, bitte nimm Karin, David und deine Sachen und geh jetzt.

Er sieht mich an, als hätte ich eine Fremdsprache gesprochen.

Was?

Geh. Ihr alle drei. Such ihnen ein Hotel, eine Wohnung, mach was du willst. Aber hier bleiben sie nicht.

Er wird rot, nicht vor Scham, sondern Zorn. Die Ohren zuerst.

Mach jetzt keine Szene, vor anderen.

Das hier ist mein Leben. Meine Mutter und ich das sind die Menschen, die hierher gehören. Die deinen stehen an der Tür und sind ungebeten.

Karin bleibt still. David sieht weiter auf seinen Schuhspitzen.

Martin wird hart. Ich wohne hier übrigens, bin hier gemeldet.

Angemeldet. Die Wohnung ist meine, das weißt du.

Wir sind verheiratet, Lena! Das ist gemeinsames Eigentum!

Ich unterbreche: Diese Wohnung war das Erbe meiner Großmutter, noch vor unserer Ehe. Du weißt das.

Das werden Anwälte klären.

Dann sollen sie das tun. Aber jetzt: Geh.

Er schweigt. Meine Mutter hält inne, atmet kaum.

Dann dreht er sich um, brummelt etwas und verschwindet mit Karin und David. Türen knallen. Erst das Zimmer, dann die Wohnungstür.

Ich stehe an der Pfanne, das Essen ist längst kalt.

So mag ich das, sagt Mutter, nach einer langen Pause.

Mama, bitte, keinen Kommentar.

Ich bin still.

Ich setze mich. Die Hände zittern, sind kalt. Ich betrachte sie als würde ich sie zum ersten Mal sehen.

Er wird nachts kommen. Mit seinem Schlüssel.

Mutter nickt. Na und?

Ich sage es dir nur vorher.

Sie steht auf, setzt das Wasser wieder auf.

Lena, du hast die Nummer vom Schlosser? Der, der Frau Kleist aus dem dritten Stock das neue Schloss eingebaut hat?

Ich hebe den Kopf.

Mama…

Was Mama? Hast du die Nummer?

Bestimmt irgendwo.

Such sie. Es ist Freitagabend, halb acht der hat bestimmt noch Zeit.

Ich hole das Handy. Der Schlosser kommt um halb zehn. Ein ruhiger älterer Mann mit Werkstattkoffer. Er tauscht das Schloss, nimmt 120 Euro, und ich gebe ihm noch zehn extra. Ich weiß nicht, wie ich ihm sonst danken soll.

Martin kommt um halb zwölf. Der Schlüssel passt nicht mehr. Er klingelt, dann noch einmal. Ruft an, ich schaue lange auf sein Namen am Display gehe nicht ran. Schreibe schließlich eine Nachricht: Schlüssel passt nicht. Adresse vom Anwalt schicke ich dir morgen. Sende. Handy weg.

Mutter schläft im Nachbarzimmer. Ich liege wach und denke, dass der nächste Tag schwer wird. Viele Telefonate, viele Worte, vielleicht Geschrei. Martin kann wütend werden, wenn er merkt, dass er etwas verliert. Ich weiß das und habe keine Angst. Keine Angst mehr. Es fühlt sich leer an, dort wo sonst Angst war. Keine Tapferkeit, nur Leere, da, wo vorher bloß keinen Streit war.

Ich schlafe gegen zwei ein.

Die Wochen danach werden zermürbend. Martin versucht anzurufen, dann über Bekannte durchzukommen davon gibt es nicht viele , dann seine Mutter aus Leipzig, die mit zitternder Stimme sagt: Er ist kein böser Mensch, das musst du verstehen. Ich sage, dass ich das verstehe, und verabschiede mich höflich.

Bald kommt ein Brief vom Anwalt Martin beansprucht einen Teil der Wohnung als gemeinsames Besitz, auch wenn ich sie vor der Ehe bekommen habe. Ich lese den Brief drei Mal, dann lege ich ihn ab. Dann lese ich wieder, und der Knoten im Magen wächst. Alles ist plötzlich ernst.

Ich arbeite als leitende Buchhalterin bei einer mittleren Baufirma in Berlin. Gute Arbeit, ordentliches Gehalt. Aber Anwälte sind teuer, und vom Familienrecht habe ich wenig Ahnung.

Meine Freundin Gabriele sagt: Geh zum Bürgeramt, da gibts kostenlose Rechtsberatung. Ich glaube nicht daran, aber muss eh die Unterlagen nach dem Schlosswechsel ändern, also stelle ich mich an.

Die Warteschlange trägt Jacken und Masken, überall Unterlagen, Mappen. Ein älterer Herr, unscheinbar, Brille, liest am Handy. Dann verstaut er das Gerät. Ich hole wieder den Brief hervor, starre auf die Formulierungen, die ich kaum verstehe.

Entschuldigen Sie, sagt er plötzlich. Ich habe das zufällig gesehen. Gehts um Immobilienstreit?

Ich tue den Brief weg.

Sorry, ich wollte nicht gucken. Entschuldigung.

Schon gut, sage ich kurz.

Ich bin Jurist. Familienrecht. Wenn Sie wollen, können Sie mir das kurz zeigen. Ohne Verpflichtung.

Er wirkt normal. Gepflegte Hände, Brille. Kein Grund zur Angst.

Nein, danke.

Er nickt, schweigt.

Ein paar Minuten später lese ich wieder den Brief und murmele. Er sagt leise: Gemeinschaftliches Eigentum gilt nur für Vermögen, das in der Ehe erworben wurde. Wenn die Wohnung davor Ihnen gehörte, ist sie eigentlich kein gemeinsames Vermögen.

Er meint, da gäbe es Ausnahmen wegen Investitionen in die Wohnung…

Das sagen alle. Das muss man nachweisen Zahlungen, Belege.

Ich blicke ihn zum ersten Mal offen an.

Ich heiße Jens, sagt er ruhig und nickt.

Ich bin Lena.

Er bedrängt mich nicht. Als sein Nummer aufgerufen wird, erledigt er seinen Kram, kommt aber zurück. Sie wirken, als bräuchten Sie jemanden, der sich auskennt.

Ich bin nicht hilflos.

Das habe ich nicht gesagt. Sie erinnern mich an jemanden, dem man ein kompliziertes Gerät ohne Gebrauchsanweisung gibt.

Wir reden bestimmt vierzig Minuten, bis ich dran bin. Er erklärt Familienrecht, worauf ich achten muss, alles verständlich.

Beim Hinausgehen drückt er mir eine Visitenkarte in die Hand. Gewöhnlich, weiß, Name und Nummer.

Rufen Sie an, wenn Sie eine richtige Beratung wünschen. Das erste Mal ist kostenlos.

Warum machen Sie das?

Weil ich es unfair finde, wenn Leute mit Briefen eingeschüchtert werden, die sie nicht verstehen.

Eine Woche später rufe ich an.

Jens kommt am Samstag zu mir. Es ist merkwürdig, einen fremden Mann in die Wohnung zu lassen, aber er sagt, es ist praktischer, die Dokumente vor Ort durchzugehen. Mutter öffnet ihm, schaut kurz interessiert, dann verschwindet sie in die Küche.

Er sortiert die Unterlagen, begutachtet alles, diskutiert Details der Privatvertrag von 1993, Oma hat damals die Wohnung in Ostberlin auf ihren Namen gekauft. Dann die Erbschaftsurkunde, auf mich überschrieben, 1998. Erst 2006 habe ich Martin geheiratet.

Wichtiger Punkt, sagt er und hält das Papier abgewinkelt in der Hand. Acht Jahre differenz zwischen Erbe und Eheschließung. Also eindeutig kein gemeinsames Eigentum.

Er sagt aber, dass wir zusammen modernisiert hätten…

Wann war das?

Zweitausendneun. Teilweise auch mit meinen Eltern, teilweise…

Belege?

Wahrscheinlich irgendwo.

Suchen wir zusammen. Wenn die Kosten vor allem von dir oder von Schenkungen, Erbe oder Gehalt vor der Ehe kamen, hat er keinen Anspruch.

Er hat immer mal gearbeitet, mal mehr meistens weniger.

Jens schaut über die Brille: Steuererklärungen, Gehaltsabrechnungen, Kontoauszüge. Da müssen wir ran.

Nehmen Sie den Fall?

Er überlegt, dann nickt. Machen wir. Zu fairen Konditionen.

Sein Honorar ist zurückhaltend, vermutlich unterhalb Marktpreis. Ich frage nicht weiter.

Im Februar ist die Verhandlung. Eiskaltes, graues Berlin. Der Gerichtssaal klein, kahle Wand. Ich sitze neben Jens, sehe Martin mit seinem Anwalt. Der ist grau geworden, eingefallen, wirkt hilflos. Er schaut mich an, als ob er die alte Lena sucht die, die einst alles geregelt, sich entschuldigt, Kompromisse gefunden hätte. Die gibt es nicht mehr.

Jens präsentiert alles Erbschein, Privatisierungsvertrag, Kontoauszüge (die ich mühselig geordnet habe). Martin hat schwankendes, ich stabiles Einkommen. Das Argument beitreffende Investition lässt sich widerlegen.

Martins Anwalt spricht noch von moralischer Beteiligung, aber der Richter bleibt sachlich.

Das Urteil folgt direkt: Die Wohnung ist mein alleiniges Eigentum.

Draußen zischt der eisige Wind. Jens schließt die Akte, lächelt: Siehst du?

Ja, sage ich und atme tief durch.

Er fragt: Gehen wir einen Kaffee trinken? Ich kenne ein schönes Café gleich um die Ecke.

Wir gehen. Ich denke lange noch darüber nach, wie gewöhnlich und außergewöhnlich es zugleich war. Das Gespräch, der Kaffee, die Freiheit, einfach zu gehen.

Im März ist die Scheidung. Keine Dramen, keine Tränen. Beamter, Unterschrift fertig.

Ich fahre mit der U-Bahn nach Hause. Es fühlt sich nicht überwältigend an, kein Triumph, kein Kummer. Nur Müdigkeit, und Neugier. Da ist diese Tür und zum ersten Mal seit Langem habe ich keine Angst, sie zu öffnen.

Der Frühling kommt früh dieses Jahr.

Im April ist es mild, ich reiße die Fenster auf, merke, dass ich renovieren möchte. Nicht, weil es jemand erwartet sondern weil ich es will. Helle Wände, neue Vorhänge, Mosaikfliesen in der Küche.

Ich hole Angebote ein, prüfe sie doppelt. Am Tag der Arbeit 1. Mai kommen die Handwerker. Mutter ist wieder in ihre Wohnung gezogen, der Rosenweg ist repariert und gestrichen. Wir trinken noch Tee, bevor sie geht.

Lena, ich mach mir keine Sorgen mehr um dich, sagt sie.

Und vorher?

Da schon, aber jetzt jetzt bist du wieder du selbst.

Ich frage nicht weiter, wie sie mich früher gesehen hat.

Die Bauarbeiten dauern zwei Monate. Ich wohne zwischen Kisten, koche auf der mobilen Herdplatte, mische mich in alles ein, wähle Fliesen mit Freude aus.

Jens kommt ab und zu vorbei, bringt Kuchen, bewundert die Fortschritte. Wir reden viel über Bücher er empfiehlt, ich lese wieder. Ich genieße die Gespräche, das Streiten ohne Verletzungen.

Ende Mai, wir spazieren entlang der Spree. Er erzählt von einem Roman über Nachkriegsdeutschland. Ich höre zu, genieße das Gehen ohne Ziel.

Woran denkst du?

Ich laufe einfach so. Ohne Liste im Kopf. Das ist selten.

Das ist Übungssache…

Am Ufer setzen wir uns. Schweigen ist angenehm.

Im Juni ist die Wohnung fertig neue Vorhänge, die Küche in grünem Mosaik, das Bad hell und freundlich. Ich fotografiere alles, schicke es Mama. Sie schreibt: So schön. Ich komme zum Kaffee vorbei.

Im Juli kommt das Angebot, Hauptbuchhalterin zu werden. Das Gehalt ist besser, der Chef fragt direkt, ich antworte nach einem Tag Bedenkzeit. Es fühlt sich richtig an.

Der Sommer ist leicht. Im August fahren Jens und ich öfter raus, zu Freunden aufs Land. Es ist das erste Mal seit Jahren, dass ich sitzen und nichts tun kann. Ohne Schuldgefühl.

Wir nehmen uns Zeit. Er ist schon lange geschieden, spricht über die Vergangenheit ruhig, fast zärtlich, ohne Bitterkeit. Das gefällt mir.

Im September ist alles anders als vor einem Jahr. Nicht immer einfacher, aber anders. Als hätte man endlich Luft zum Atmen.

Dann, Ende September, treffe ich Martin zufällig vor der Apotheke an der Ecke. Ich habe zwei Einkaufstaschen dabei, der Herbstwind bläst Blätter über den Gehweg. Er sieht erschöpft aus in seiner alten Jacke.

Lena.

Martin. Hallo.

Hallo. Du siehst gut aus.

Das stimmt. Ich schlafe, esse, lebe besser, seit ich wieder für mich selbst sorge.

Danke.

Wie gehts?

Gut.

Er will etwas sagen, sucht in meinem Gesicht nach einer alten Vertrautheit.

Lena, vielleicht könnten wir uns mal auf einen Kaffee treffen

Worüber?

Naja, wir haben siebzehn Jahre miteinander verbracht.

Ich halte meine Tüten. Joghurt, Honig, Brot, Käse. Ein kleiner Kaktus, spontan gekauft.

Ich schaue ihn an, diesen Mann, bei dem alles wie nach alter Routine abläuft.

Wir haben nichts mehr zu besprechen, Martin.

Wie, nichts?

Es ist vorbei. Alles ist geregelt, du hast dein Leben, ich meines.

Aha. Gut.

Er schaut mich noch einmal an, dann geht er. Ich gehe weiter. Blätter rascheln, Taschen wiegen schwer. Ich blicke nicht zurück.

Hinter mir die siebzehn Jahre Frikadellen und gewaschener Hemden. Das Wort Familie als Vorwand für alles. Jener Freitagabend, der alles änderte.

Doch es gibt keinen abschließenden Gedanken, kein großes Gefühl. Ich gehe nach Hause, der Herbst ist schön, ich will Jens schreiben, der Kaktus piekst durch die Plastiktüte.

Ich nehme das Handy: Hast du Mittwoch Zeit?

Antwort nach einer Minute: Ja. Worauf hast du Lust?

Ins Kino. Dieses französische Drama, das du erwähnt hast.

Perfekt. 19 Uhr?

19 Uhr.

Ich gehe die Straße entlang. Der Wind wirbelt Blätter. Eines bleibt an meiner Jacke hängen. Ich nehme es einfach mit zur Haustür.

Oben, vierter Stock, stelle ich die Tüten ab, nehme den neuen Schlüssel mit dem gelben Anhänger, den ich letzten Herbst bekommen habe.

Schon im Flur riecht es nach Holz und frischer Farbe, aus der Küche nach Pflanzen. Seit Kurzem stelle ich Blumen aufs Fensterbrett, weil jetzt niemand mehr fragt, warum ich den Platz vollstelle. Sie stehen da, grün, ein bisschen staubig und bekommen heute Gesellschaft: ein kleiner Kaktus.

Ich setze Wasser auf, öffne das Fenster, um Berlin zu hören das Leben, meinen Oktober, mein Zuhause.

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Homy
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Verlass mein Zuhause – jetzt!
Bist du etwa beleidigt? — Ach Mama, ich bereue es schon dreihundert Mal, dass ich mich darauf eingelassen habe. Ich kann einfach nicht mehr, — klagte Viktoria verzweifelt, während sie versuchte, das Weinen ihrer Tochter zu übertönen. — So läuft es bei uns von früh bis spät. Und nachts — genauso. Ich weiß schon gar nicht mehr, wann ich zuletzt wirklich geschlafen habe. Gestern habe ich den Wasserkocher angemacht und bin direkt auf dem Stuhl eingeschlafen… — Ach, mein Mädchen, was willst du machen, — seufzte Gabriele. — Alle kleinen Kinder schreien halt. Ihre Mutter verstand den Wink nicht und Viktoria fasste sich ein Herz. — Mama… Bitte, ich flehe dich an: Nimm sie doch wenigstens für zwei Stunden. Oder komm vorbei, setz dich zu ihr, damit ich wenigstens etwas schlafen kann. Ich bin nur noch ein Schatten meiner selbst. Alles wie im Nebel. — Viki… — der Ton der Mutter wurde sofort von mitfühlend zu schleppend. — Sei mir nicht böse. Für wen hast du sie denn bekommen? Für dich selbst. Also kümmere dich auch drum. Wenn sie älter ist, wird’s einfacher. Ich hab dich damals auch ohne Windeln und Thermokocher großgezogen, da hat auch keiner gejammert. Außerdem schwankt bei mir ständig der Blutdruck wegen dem Wetter. Nicht dass ich auch noch umkippe, wenn ich bei dir bin. Verwundert zog Viktoria die Augenbrauen hoch. Mit so einer Antwort hatte sie nicht gerechnet und wusste gar nicht, was sie sagen sollte. — Na gut. Ich mach dann mal weiter… — murmelte sie und legte auf. Da breitete sich Kälte in ihrer Brust aus. Verschwunden war dieses kindliche Gefühl der Geborgenheit, dass Mama immer da ist und alles regelt, wenn man nur ruft. Viktoria konnte nicht einmal widersprechen. Oder doch? …Oft hatte Viktoria eigene Wünsche zurückgestellt, um ihrer Mutter zuliebe zu verzichten. Jedes Silvester zum Beispiel. Erst war sie bei Freunden eingeladen, dann wollte sie mal mit ihrem Mann allein feiern. — Ja, ist ja klar… — seufzte ihre Mutter, sobald Viktoria Pläne für die Feiertage äußerte. — Na dann, feiert mal schön. Ich hier, ganz alleine… Da zieht man euch auf, und an den Familienfesten sitzt man dann doch allein… — Mama… Mensch, ich komm am 1. doch gleich zu dir. — Ach was, ich warte auf dich. Ich feier gar nicht, — gab Gabriele seufzend zurück. — Wozu auch? Gibt ja keinen. Leg mich um neun schlafen, morgens wach — das war’s mit Silvester. Und jedes Mal gab Viktoria nach und fuhr zu ihrer Mutter. Wie sollte sie die Mutter alleine lassen? Sollen Freunde eben alleine Spaß haben, Wunderkerzen anzünden und Lieder grölen. Romantik kann auch mal warten. Hauptsache Mama fühlt sich nicht traurig. Und das war längst nicht das Einzige. Gabriele liebte es sehr, ihre Tochter mit ihrem eigenen Befinden in Atem zu halten. Ging es ihr schlecht, fuhr sie nicht zum Arzt — alarmierte aber jedes Mal Viktoria. — Ich hab Blutdruck über 200. Ich glaube, ich kipp bald um… Viki, komm sofort! — rief sie panisch. — Mama, ich komm ja, aber du musst trotzdem den Notarzt rufen. Das ist kein Spaß! — Was soll der mir bringen?! Die schleppen mich ins Krankenhaus, und da gibt’s eh keine gescheiten Ärzte! Lass uns erstmal selber überlegen. Gib mir die Spritze, und wenn’s dann immer noch schlimm ist — dann rufen wir den Notarzt. Gabriele hatte absolut kein Vertrauen in Ärzte und wurde sofort ungehalten, wenn Viktoria eine Ambulanz rufen wollte. Dafür glaubte sie, dass jeder Anfall sich durch Fußmassage, Essigkompressen und viel Aufmerksamkeit von Viktoria behandeln ließ. Tochter Viktoria aber saß dann jedes Mal da und zitterte. Sie musste die ganze Verantwortung tragen, Spritzen geben und konnte trotzdem nicht helfen, weil die Mutter so stur war. Blieb nur abwarten und hoffen. Trotzdem fand Viktoria jedes Mal Zeit. Sagte Treffen ab, verschob Termine, verließ früher den Arbeitsplatz. Auch im Wissen, dass sie nichts bewirken kann und nur ihre Nerven ruiniert. Aber die Mutter komplett alleine lassen? Das ließ ihr Gewissen nicht zu. Ganz im Gegensatz zu Gabriele. Dabei hatte sie sich Enkelkinder immer genauso sehr gewünscht wie Viktoria. — Die Leni hat schon eine Enkelin, die geht jetzt in die Schule! — seufzte ihre Mutter bei jeder Familienfeier. — Und Waltraud kümmert sich schon um’s zweite. Und ich, ich bin wie das fünfte Rad am Wagen. Wann kriegt ihr endlich welche? Ich will doch noch erleben, wie das ist, Oma zu sein! Und jetzt… Jetzt, wo das Baby eben kein süßes Poster mehr war, sondern ein echtes Wesen mit Eigenheiten und Problemen, war Gabriele plötzlich weg. Viktoria war enttäuscht. “Für mich geboren”… Na, das wird sie nicht vergessen. Die folgenden sechs Monate wurden zum Dauerloop. Viktoria wusste nicht mehr, war heute Montag oder Donnerstag. Es lief immer gleich: Füttern, Geschrei, Versuch einzuschläfern, kurzes Vergessen, wieder Schreien. Gabriele blieb im Leben ihrer Tochter, aber nur wie eine entfernte Bekannte. Einmal pro Woche rief sie an und fragte: — Na, wie läuft es? Wächst sie? Doch kaum schrie ihr Enkelkind im Hintergrund auf, war die Oma gleich wieder verschwunden. — Oh Viki, ’tschuldige, aber ich hab Kopfschmerzen. Und bei euch ist’s so laut… Pass auf euch auf. Muttersein ist harte Arbeit, — meinte sie und legte auf. Viktoria lernte, ohne Mutter zu überleben. Olga, die Schwiegermutter, war streng, aber herzlich. Sie versprach keine Wunder und schmeichelte nie. Aber als sie merkte, dass Viktoria durch die Augenringe schon aussah wie ein Panda, kam sie einfach regelmäßig vorbei. Jeden Samstag, an ihrem freien Tag. — Ab ins Bett, — befahl sie Viktoria. — Wir gehen mit Alina in den Park. Sind in drei Stunden zurück. — In den Park? Die wird doch nur schreien… — Ich bin nicht aus Zucker, werd schon nicht zerlaufen. Hauptsache, du schläfst mal aus. Olga schlug Viktoria auch vor, ab und an eine Tagesmutter zu engagieren — auch nur zwei Stunden Schlaf nebenan machen den Unterschied. Und sie war es, die Alarm schlug: — Die schreit aber schon sehr viel, — stellte sie fest. — Hör auf, alles auf Zahnen und Drei-Monats-Koliken zu schieben, da stimmt was nicht. Olga organisierte kurzerhand einen Termin beim befreundeten Kinderarzt, hörte nicht auf ihren Sohn und bezahlte stillschweigend alle Untersuchungen. Der Arzt fand rasch die Ursache. — Ganz einfach gesagt, sie hat nach jedem Füttern Sodbrennen. Keine Sorge, das bekommen wir in den Griff, — erklärte er. Zwei Wochen später hatte endlich die Stille Einzug bei Viktoria und Paul gehalten. Nicht belastend und unruhig, sondern friedlich. Alina verbog sich nicht mehr und schrie weniger, sie schlief ruhig. Für Viktoria bekam die Welt wieder Farbe. Die Zeit raste statt zu schleichen. Aus der kleinen Quenglerin wurde das Traum-Enkelkind, von dem jede Oma träumt: mit Grübchen in den Wangen und riesigen Schleifenprachten im Haar. Still und heimlich wurde es Dezember. Gabriele, die Alina bisher nur per Videoanruf kannte, war die Veränderung nicht entgangen. Das Mädchen spielte, baute, lachte, war ganz vertieft in ihre Puppen. Da entschied sich die Großmutter, wieder mitzumischen. — Viki, was soll ich euch Leckeres kochen? — fragte sie weich eine Woche vor Silvester. — Ihr kommt doch zu mir feiern, oder? — Aber ich hab doch Alina dabei. Ist doch zu anstrengend mit Kleinen für dich. — Ach quatsch! Sie ist jetzt ein richtiges Mädchen, ganz ruhig. Ich hab ihr sogar schon eine große Puppe als Geschenk besorgt. Wir schmücken zusammen den Baum, ich mach Sülze. Paul liebt doch Sülze. Früher hätte Viktoria gejubelt, das Fest mit ihrer Mutter geplant und sich gefreut, dass die Mutter „wieder lieb“ ist. Doch diesmal war da… nichts. Kein Ärger, kein Schmerz. Nur etwas Kaltes, Klebriges. — Mama, wir kommen nicht. — Wie bitte? — Gabriele war entsetzt. — Wo wollt ihr denn sonst hin? Oder feiert ihr zuhause? — Wir fahren zu Olgas Familie. Wir feiern dort. — Zu Olga?! — erschrak die Mutter. — Also gehst du zur Schwiegermutter und lässt deine eigene Mutter Silvester alleine sitzen? — Mama… Sei nicht gekränkt, aber Olga war da, als Alina Tag und Nacht geschrien hat. Als ich am Ende war. Sie war da, als wir „anstrengend“ waren, und hat uns trotzdem gemocht. Du sagtest doch selber, ich hab für mich geboren. Dann entscheide ich auch, mit wem ich meine Tochter feiere. Am anderen Ende herrschte für einen Moment Schweigen. — Bist du jetzt etwa beleidigt? Rächtst du dich jetzt so? — hakte Gabriele schließlich nach. — Wie kannst du nur! Ich hab dich großgezogen, Nächte durchgemacht… Und du machst das jetzt so mit mir? — Nein, Mama, ich räche mich nicht. Ich entscheide nur, was mir guttut. Und das hab ich übrigens von dir gelernt. Die Mutter lamentierte noch, doch Viktoria beendete das Gespräch mit dem Hinweis, sie müsse los. Sie hatte keine Lust auf Schuldzuweisungen. Sie legte das Handy weg und ging ins Schlafzimmer. Dort, auf dem Teppich zwischen Bauklötzen, hockte ihr Mann, baute etwas mit der Tochter. Alina lachte schallend, als sie den Turm umwarf. Viktoria blieb im Türrahmen stehen und lächelte. Sie war etwas traurig, aber es war eine gute Traurigkeit — so wie nach einer gründlichen Aufräumaktion, wenn die alten Plüschtiere das Haus verlassen und Platz für etwas Neues machen. Natürlich wollte Viktoria nicht die kompletten Kontakte zu ihrer Mutter abbrechen. Sie hatte nur aufgehört, sich selbst zu verraten. Sie hörte auf, beim ersten Anruf für Menschen zu springen, die nur bei Sonnenschein auftauchen, und suchte sich stattdessen jene aus, die auch in den schlimmsten Stürmen einen Schirm über sie hielten.