Bist du etwa beleidigt?
Ach Mama, ich bereue schon dreihundertmal, dass ich das überhaupt gewagt habe. Ich kann einfach nicht mehr, flüsterte Katharina verzweifelt ins Telefon, während nebenan ihre Tochter mit der Kraft eines norddeutschen Herbststurmes schrie. So haben wir es hier, von früh bis spät. Und auch nachts keine Minute Ruhe. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal geschlafen habe. Gestern hab ich den Wasserkocher aufgestellt, bin dann völlig erschöpft am Küchentisch weggedöst
Ach, Kindchen, was willst du machen, seufzte Brigitte Schröder schwer. Alle kleinen Kinder brüllen. Das wird schon.
Die Mutter hatte den versteckten Hilferuf nicht verstanden. Katharina entschied sich, es ganz offen zu sagen.
Mama Ich bitte dich inständig: Nimm sie doch für wenigstens zwei Stündchen. Oder komm her, bleib bei ihr, damit ich ein wenig schlafen kann. Ich bin wirklich am Ende. Alles verschwimmt schon vor Augen.
Kathi Muttis Ton wechselte plötzlich von mitfühlend zu leise-missbilligend. Jetzt sei mal nicht so empfindlich. Für wen hast du sie denn bekommen? Für dich. Dann sorg jetzt auch für sie. Wenn sie älter ist, wird es leichter. Ich habe dich damals ohne Windeln und diese neumodischen Babyküchen durchgebracht, und ich lebe immer noch. Außerdem, mein Kreislauf macht bei diesem Wetter schlapp. Es wäre ja noch schöner, wenn ich bei euch umkippe.
Katharina runzelte ungläubig die Stirn. Mit so einer Antwort hatte sie nicht gerechnet sie wusste gar nicht, was sie sagen sollte.
Na toll. Gut, dann mach ich weiter murmelte sie und legte auf.
Etwas Kaltes breitete sich in ihrer Brust aus. Das kindliche Vertrauen, dass Mama immer kommt und alles wieder richtet, wenn man ruft, war auf einmal verschwunden. Und trotzdem oder gerade deswegen fiel ihr nichts mehr ein. Oder vielleicht doch?
Schon oft hatte Katharina sich selbst vergessen, nur um die Mutter nicht zu enttäuschen. Besonders an Silvester. Erst, als ihre Freunde sie einluden, dann, als sie eigentlich nur ein ruhiges Fest mit ihrem Mann wollte.
Ist ja klar seufzte Brigitte immer, wenn Katharina von eigenen Plänen erzählte. Dann amüsier dich mal. Ich sitz hier eben wieder alleine. Hab dich großgezogen, immer alles für dich getan und jetzt feiere ich die Feiertage mit mir selbst
Aber Mama, sobald ich am Neujahrsmorgen aufwache, komme ich doch gleich zu dir
Ach, ich sag ja nichts. Ich warte dann eben. Feiern werd ich sowieso nicht. Warum auch? Gibt ja keinen, mit dem ich könnte. Ich geh um neun schlafen, wache morgens auf das war dann wieder mein Silvester
Und so gab Katharina wieder und wieder nach. Sie ließ Freunde beiseite, sagte Treffen ab und verschob ihre Wünsche. Wie hätte sie die Mutter auch alleine lassen können? Sollen doch die anderen feiern, Wunderkerzen anzünden und singen sie musste zusehen, dass ihrer Mutter nicht das Herz schwer wurde.
Das war aber bei Weitem nicht das einzige Problem. Brigitte betrachtete ihre Tochter gern als ihr persönliches Gesundheits-Barometer. Ging es ihr schlecht, verzichtete sie lieber zum Arzt zu gehen, sondern alarmierte Katharina.
Mein Blutdruck liegt wieder bei zweihundert. Ich glaub, ich sterbe gleich Kathi, komm sofort her! rief sie dann.
Mama, ich komme ja, aber ruf bitte den Notdienst! Das ist doch kein Spaß!
Was sollen die denn machen? Die schleppen mich ins Krankenhaus und da gibts eh keine ordentlichen Ärzte mehr! Komm du lieber erstmal, mach eine Spritze, und wenns dann nicht besser wird, erst dann kann man den Notarzt rufen.
Brigitte glaubte grundsätzlich nicht an Ärzte aber an Massagen, Wickel mit Apfelessig und an Katharinas Aufmerksamkeit schon. Katharina saß dann da, zitternd, allein verantwortlich, mit Spritzen in der Hand und dem Gefühl, dem wichtigsten Menschen nicht richtig helfen zu können. Alles, was blieb, war warten. Und beten.
Doch Katharina fand immer wieder Zeit. Sie sagte Verabredungen ab, verschob Termine, riss sich von der Arbeit los selbst wenn sie wusste, dass sie im Grunde nichts tun konnte, außer sich in Sorgen zu verstricken. Ihre Mutter einfach sich selbst zu überlassen das erlaubte ihr das Gewissen nicht.
Das Gewissen von Brigitte schwieg hingegen. Und das, obwohl sie doch unbedingt Enkelkinder haben wollte.
Die Enkelin von Erika geht schon zur Schule! stöhnte Brigitte bei jeder Familienfeier. Und Ilka hütet schon das zweite Kind. Nur ich bin ganz allein hier. Wann fangt ihr endlich mal an? Ich will doch noch Oma sein!
Aber jetzt Jetzt, wo das Enkelkind kein hübsches Postkartenmotiv war, sondern ein schreiendes Lebewesen mit eigenen Sorgen und Kapriolen, war Brigitte plötzlich wie vom Erdboden verschluckt.
Katharina war enttäuscht. Für dich hast du sie geboren Das würde sie sich merken.
Die nächsten sechs Monate wurden zum immer gleichen Traum: der Tag begann, verging, alles war ein Kreislauf aus Füttern, Schreien, Beruhigen, Einschlafen, wieder Schreien. Katharina wusste nicht mehr, ob heute Montag oder Donnerstag war.
Brigitte war zwar noch da, aber nur wie eine entfernte Bekannte. Einmal in der Woche rief sie an:
Na, wie läufts? Wächst ihr?
Doch kaum hörte sie die Enkelin im Hintergrund schreien, verschwand sie sofort.
Ach Kathi, es tut mir leid, aber ich hab Kopfschmerzen und bei euch ist ja immer so ein Lärm Halt die Ohren steif, Mutterschaft ist halt kein Zuckerschlecken, sagte sie und legte schnell auf.
Katharina lernte zu überleben, auch ohne Mutter.
Gisela Wagner, die Schwiegermutter, war zwar streng, aber herzlich. Sie versprach nicht das Blaue vom Himmel und war nicht übermäßig freundlich, aber als sie bemerkte, dass Katharina schon wie ein Panda mit müden Augenringen aussah, kam sie schlicht und regelmäßig jeden Samstag, an ihrem freien Tag.
Ab ins Bett mit dir, befahl sie. Wir gehen mit Johanna in den Park. Sind in drei Stunden wieder da.
In den Park? Aber sie wird doch weinen
Ich bin nicht aus Zucker. Du schläfst jetzt erstmal.
Gisela riet Katharina sogar, gelegentlich eine Kinderfrau zu organisieren, wenigstens mal für ein paar Stündchen Schlaf im Nebenzimmer. Und noch wichtiger: Sie sorgte sich auch wirklich um die kleine Johanna.
Sie schreit einfach zu viel, meinte die Schwiegermutter. Dabei erzählen uns die Ärzte nur was von Dreimonatskoliken und Babyschmerzen. Das ist doch nicht normal!
Sie meldeten sich bei einem bekannten Kinderarzt an Gisela bezahlte wortlos alle Untersuchungen. Der Arzt fand schnell die Ursache.
Ganz einfach, sie hat nach jeder Mahlzeit Sodbrennen. Keine Sorge, das bekommen wir hin, sagte er freundlich.
Schon zwei Wochen später zog endlich Frieden ins Haus von Katharina und Markus ein. Die Anspannung wich einer ruhigen, warmen Stille. Johanna entspannte sich, schrie nicht mehr, schlief endlich friedlich.
Für Katharina tauchten die Farben wieder auf. Die Zeit raste plötzlich, aus der launischen Johanna wurde genau dieses süße Enkelkind, von dem alle Omas träumen: mit Grübchen in den Wangen und riesigen, bunten Haarschleifen.
Fast unbemerkt kam der Dezember. Brigitte, die ihre Enkelin Wochen nur per Video gesehen hatte, bemerkte die Wandlungen. Mal baute Johanna konzentriert mit Bauklötzen, mal lachte sie glucksend, dann spielte sie versunken mit Puppen.
Jetzt wollte die Oma wieder dabei sein.
Kathi, was soll ich euch Schönes kochen? fragte sie zärtlich, eine Woche vor Silvester. Ihr feiert doch mit mir, oder?
Aber Mama, mit Johanna und für dich ist das doch zu anstrengend mit kleinen Kindern.
Ach was, die ist doch schon groß, ganz lieb. Für so was ist jetzt die beste Zeit. Ich hab ihr auch schon eine Geschenk besorgt, eine große Puppe! Gemeinsam schmücken wir die Tanne, ich koche Sülze, Markus mag das doch so gern.
Früher hätte Katharina sich unendlich gefreut. Hätte sich sofort mit der Mutter ans Telefon gesetzt, Menüvorschläge gesammelt, sich gespürt als Mittelpunkt der Liebe. Aber jetzt war da nichts nur diese kühle Leere, etwas Stummes, Klitschiges in der Brust.
Mama, wir werden nicht kommen.
Was meinst du jetzt? empörte sich Brigitte. Wo wollt ihr denn sonst hin? Zu Hause hocken?
Wir feiern bei Gisela, der Schwiegermutter. Mit Johanna.
Bei Gisela?! Das heißt, du gehst zu einer Fremden, und deine eigene Mutter sitzt Silvester alleine?
Mama sei bitte nicht böse. Aber als Johanna ununterbrochen geschrien hat, war Gisela da. Sie mochte uns sogar als Schreihälse. Du aber du meintest immer, ich hätte nur für mich selbst das Kind bekommen. Dann entscheide ich eben auch allein, bei wem meine Tochter feiert.
Am anderen Ende war es für einen Moment ganz still.
Willst du dich etwa rächen, so als hättest du dich beleidigt? Wie kannst du nur! Deine alte, kranke Mutter Ich hab für dich durchgearbeitet, durchgewacht, und du lässt mich sitzen?
Nein, Mama. Ich räche mich nicht. Ich treffe nur endlich Entscheidungen, die für mich gut sind. Und weißt du was? Das habe ich von dir gelernt.
Die Mutter lamentierte weiter, aber Katharina unterbrach sie freundlich, sie müsse jetzt los. Sie hatte einfach keine Kraft mehr für Vorträge über Undankbarkeit.
Katharina seufzte, legte das Telefon beiseite und ging ins Schlafzimmer. Dort, zwischen bunten Legosteinen, saß ihr Mann und baute etwas Fantastisches mit Johanna. Das Kind lachte glitzernd, riss mit einem Schlag den Turm um. Katharina blieb im Türrahmen stehen und lächelte.
Sie war ein bisschen traurig aber es war die gute Art Traurigkeit. Wie nach dem Entrümpeln des Kellers, wenn man die alten Plüschtiere hinausgibt und neuen Platz schafft.
Ganz brechen würde sie mit ihrer Mutter nie, das war klar. Aber sich selbst würde sie ab jetzt nicht mehr verraten. Sie hörte auf, bei jedem Wetter schon beim ersten Anruf voller Schuldgefühle loszulaufen und begann, diejenigen um sich zu sammeln, die auch im Sturm den Regenschirm halten.





