Bist du etwa beleidigt? — Ach Mama, ich bereue es schon dreihundert Mal, dass ich mich darauf eingelassen habe. Ich kann einfach nicht mehr, — klagte Viktoria verzweifelt, während sie versuchte, das Weinen ihrer Tochter zu übertönen. — So läuft es bei uns von früh bis spät. Und nachts — genauso. Ich weiß schon gar nicht mehr, wann ich zuletzt wirklich geschlafen habe. Gestern habe ich den Wasserkocher angemacht und bin direkt auf dem Stuhl eingeschlafen… — Ach, mein Mädchen, was willst du machen, — seufzte Gabriele. — Alle kleinen Kinder schreien halt. Ihre Mutter verstand den Wink nicht und Viktoria fasste sich ein Herz. — Mama… Bitte, ich flehe dich an: Nimm sie doch wenigstens für zwei Stunden. Oder komm vorbei, setz dich zu ihr, damit ich wenigstens etwas schlafen kann. Ich bin nur noch ein Schatten meiner selbst. Alles wie im Nebel. — Viki… — der Ton der Mutter wurde sofort von mitfühlend zu schleppend. — Sei mir nicht böse. Für wen hast du sie denn bekommen? Für dich selbst. Also kümmere dich auch drum. Wenn sie älter ist, wird’s einfacher. Ich hab dich damals auch ohne Windeln und Thermokocher großgezogen, da hat auch keiner gejammert. Außerdem schwankt bei mir ständig der Blutdruck wegen dem Wetter. Nicht dass ich auch noch umkippe, wenn ich bei dir bin. Verwundert zog Viktoria die Augenbrauen hoch. Mit so einer Antwort hatte sie nicht gerechnet und wusste gar nicht, was sie sagen sollte. — Na gut. Ich mach dann mal weiter… — murmelte sie und legte auf. Da breitete sich Kälte in ihrer Brust aus. Verschwunden war dieses kindliche Gefühl der Geborgenheit, dass Mama immer da ist und alles regelt, wenn man nur ruft. Viktoria konnte nicht einmal widersprechen. Oder doch? …Oft hatte Viktoria eigene Wünsche zurückgestellt, um ihrer Mutter zuliebe zu verzichten. Jedes Silvester zum Beispiel. Erst war sie bei Freunden eingeladen, dann wollte sie mal mit ihrem Mann allein feiern. — Ja, ist ja klar… — seufzte ihre Mutter, sobald Viktoria Pläne für die Feiertage äußerte. — Na dann, feiert mal schön. Ich hier, ganz alleine… Da zieht man euch auf, und an den Familienfesten sitzt man dann doch allein… — Mama… Mensch, ich komm am 1. doch gleich zu dir. — Ach was, ich warte auf dich. Ich feier gar nicht, — gab Gabriele seufzend zurück. — Wozu auch? Gibt ja keinen. Leg mich um neun schlafen, morgens wach — das war’s mit Silvester. Und jedes Mal gab Viktoria nach und fuhr zu ihrer Mutter. Wie sollte sie die Mutter alleine lassen? Sollen Freunde eben alleine Spaß haben, Wunderkerzen anzünden und Lieder grölen. Romantik kann auch mal warten. Hauptsache Mama fühlt sich nicht traurig. Und das war längst nicht das Einzige. Gabriele liebte es sehr, ihre Tochter mit ihrem eigenen Befinden in Atem zu halten. Ging es ihr schlecht, fuhr sie nicht zum Arzt — alarmierte aber jedes Mal Viktoria. — Ich hab Blutdruck über 200. Ich glaube, ich kipp bald um… Viki, komm sofort! — rief sie panisch. — Mama, ich komm ja, aber du musst trotzdem den Notarzt rufen. Das ist kein Spaß! — Was soll der mir bringen?! Die schleppen mich ins Krankenhaus, und da gibt’s eh keine gescheiten Ärzte! Lass uns erstmal selber überlegen. Gib mir die Spritze, und wenn’s dann immer noch schlimm ist — dann rufen wir den Notarzt. Gabriele hatte absolut kein Vertrauen in Ärzte und wurde sofort ungehalten, wenn Viktoria eine Ambulanz rufen wollte. Dafür glaubte sie, dass jeder Anfall sich durch Fußmassage, Essigkompressen und viel Aufmerksamkeit von Viktoria behandeln ließ. Tochter Viktoria aber saß dann jedes Mal da und zitterte. Sie musste die ganze Verantwortung tragen, Spritzen geben und konnte trotzdem nicht helfen, weil die Mutter so stur war. Blieb nur abwarten und hoffen. Trotzdem fand Viktoria jedes Mal Zeit. Sagte Treffen ab, verschob Termine, verließ früher den Arbeitsplatz. Auch im Wissen, dass sie nichts bewirken kann und nur ihre Nerven ruiniert. Aber die Mutter komplett alleine lassen? Das ließ ihr Gewissen nicht zu. Ganz im Gegensatz zu Gabriele. Dabei hatte sie sich Enkelkinder immer genauso sehr gewünscht wie Viktoria. — Die Leni hat schon eine Enkelin, die geht jetzt in die Schule! — seufzte ihre Mutter bei jeder Familienfeier. — Und Waltraud kümmert sich schon um’s zweite. Und ich, ich bin wie das fünfte Rad am Wagen. Wann kriegt ihr endlich welche? Ich will doch noch erleben, wie das ist, Oma zu sein! Und jetzt… Jetzt, wo das Baby eben kein süßes Poster mehr war, sondern ein echtes Wesen mit Eigenheiten und Problemen, war Gabriele plötzlich weg. Viktoria war enttäuscht. “Für mich geboren”… Na, das wird sie nicht vergessen. Die folgenden sechs Monate wurden zum Dauerloop. Viktoria wusste nicht mehr, war heute Montag oder Donnerstag. Es lief immer gleich: Füttern, Geschrei, Versuch einzuschläfern, kurzes Vergessen, wieder Schreien. Gabriele blieb im Leben ihrer Tochter, aber nur wie eine entfernte Bekannte. Einmal pro Woche rief sie an und fragte: — Na, wie läuft es? Wächst sie? Doch kaum schrie ihr Enkelkind im Hintergrund auf, war die Oma gleich wieder verschwunden. — Oh Viki, ’tschuldige, aber ich hab Kopfschmerzen. Und bei euch ist’s so laut… Pass auf euch auf. Muttersein ist harte Arbeit, — meinte sie und legte auf. Viktoria lernte, ohne Mutter zu überleben. Olga, die Schwiegermutter, war streng, aber herzlich. Sie versprach keine Wunder und schmeichelte nie. Aber als sie merkte, dass Viktoria durch die Augenringe schon aussah wie ein Panda, kam sie einfach regelmäßig vorbei. Jeden Samstag, an ihrem freien Tag. — Ab ins Bett, — befahl sie Viktoria. — Wir gehen mit Alina in den Park. Sind in drei Stunden zurück. — In den Park? Die wird doch nur schreien… — Ich bin nicht aus Zucker, werd schon nicht zerlaufen. Hauptsache, du schläfst mal aus. Olga schlug Viktoria auch vor, ab und an eine Tagesmutter zu engagieren — auch nur zwei Stunden Schlaf nebenan machen den Unterschied. Und sie war es, die Alarm schlug: — Die schreit aber schon sehr viel, — stellte sie fest. — Hör auf, alles auf Zahnen und Drei-Monats-Koliken zu schieben, da stimmt was nicht. Olga organisierte kurzerhand einen Termin beim befreundeten Kinderarzt, hörte nicht auf ihren Sohn und bezahlte stillschweigend alle Untersuchungen. Der Arzt fand rasch die Ursache. — Ganz einfach gesagt, sie hat nach jedem Füttern Sodbrennen. Keine Sorge, das bekommen wir in den Griff, — erklärte er. Zwei Wochen später hatte endlich die Stille Einzug bei Viktoria und Paul gehalten. Nicht belastend und unruhig, sondern friedlich. Alina verbog sich nicht mehr und schrie weniger, sie schlief ruhig. Für Viktoria bekam die Welt wieder Farbe. Die Zeit raste statt zu schleichen. Aus der kleinen Quenglerin wurde das Traum-Enkelkind, von dem jede Oma träumt: mit Grübchen in den Wangen und riesigen Schleifenprachten im Haar. Still und heimlich wurde es Dezember. Gabriele, die Alina bisher nur per Videoanruf kannte, war die Veränderung nicht entgangen. Das Mädchen spielte, baute, lachte, war ganz vertieft in ihre Puppen. Da entschied sich die Großmutter, wieder mitzumischen. — Viki, was soll ich euch Leckeres kochen? — fragte sie weich eine Woche vor Silvester. — Ihr kommt doch zu mir feiern, oder? — Aber ich hab doch Alina dabei. Ist doch zu anstrengend mit Kleinen für dich. — Ach quatsch! Sie ist jetzt ein richtiges Mädchen, ganz ruhig. Ich hab ihr sogar schon eine große Puppe als Geschenk besorgt. Wir schmücken zusammen den Baum, ich mach Sülze. Paul liebt doch Sülze. Früher hätte Viktoria gejubelt, das Fest mit ihrer Mutter geplant und sich gefreut, dass die Mutter „wieder lieb“ ist. Doch diesmal war da… nichts. Kein Ärger, kein Schmerz. Nur etwas Kaltes, Klebriges. — Mama, wir kommen nicht. — Wie bitte? — Gabriele war entsetzt. — Wo wollt ihr denn sonst hin? Oder feiert ihr zuhause? — Wir fahren zu Olgas Familie. Wir feiern dort. — Zu Olga?! — erschrak die Mutter. — Also gehst du zur Schwiegermutter und lässt deine eigene Mutter Silvester alleine sitzen? — Mama… Sei nicht gekränkt, aber Olga war da, als Alina Tag und Nacht geschrien hat. Als ich am Ende war. Sie war da, als wir „anstrengend“ waren, und hat uns trotzdem gemocht. Du sagtest doch selber, ich hab für mich geboren. Dann entscheide ich auch, mit wem ich meine Tochter feiere. Am anderen Ende herrschte für einen Moment Schweigen. — Bist du jetzt etwa beleidigt? Rächtst du dich jetzt so? — hakte Gabriele schließlich nach. — Wie kannst du nur! Ich hab dich großgezogen, Nächte durchgemacht… Und du machst das jetzt so mit mir? — Nein, Mama, ich räche mich nicht. Ich entscheide nur, was mir guttut. Und das hab ich übrigens von dir gelernt. Die Mutter lamentierte noch, doch Viktoria beendete das Gespräch mit dem Hinweis, sie müsse los. Sie hatte keine Lust auf Schuldzuweisungen. Sie legte das Handy weg und ging ins Schlafzimmer. Dort, auf dem Teppich zwischen Bauklötzen, hockte ihr Mann, baute etwas mit der Tochter. Alina lachte schallend, als sie den Turm umwarf. Viktoria blieb im Türrahmen stehen und lächelte. Sie war etwas traurig, aber es war eine gute Traurigkeit — so wie nach einer gründlichen Aufräumaktion, wenn die alten Plüschtiere das Haus verlassen und Platz für etwas Neues machen. Natürlich wollte Viktoria nicht die kompletten Kontakte zu ihrer Mutter abbrechen. Sie hatte nur aufgehört, sich selbst zu verraten. Sie hörte auf, beim ersten Anruf für Menschen zu springen, die nur bei Sonnenschein auftauchen, und suchte sich stattdessen jene aus, die auch in den schlimmsten Stürmen einen Schirm über sie hielten.

Bist du etwa beleidigt?

Ach Mama, ich bereue schon dreihundertmal, dass ich das überhaupt gewagt habe. Ich kann einfach nicht mehr, flüsterte Katharina verzweifelt ins Telefon, während nebenan ihre Tochter mit der Kraft eines norddeutschen Herbststurmes schrie. So haben wir es hier, von früh bis spät. Und auch nachts keine Minute Ruhe. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal geschlafen habe. Gestern hab ich den Wasserkocher aufgestellt, bin dann völlig erschöpft am Küchentisch weggedöst

Ach, Kindchen, was willst du machen, seufzte Brigitte Schröder schwer. Alle kleinen Kinder brüllen. Das wird schon.

Die Mutter hatte den versteckten Hilferuf nicht verstanden. Katharina entschied sich, es ganz offen zu sagen.

Mama Ich bitte dich inständig: Nimm sie doch für wenigstens zwei Stündchen. Oder komm her, bleib bei ihr, damit ich ein wenig schlafen kann. Ich bin wirklich am Ende. Alles verschwimmt schon vor Augen.

Kathi Muttis Ton wechselte plötzlich von mitfühlend zu leise-missbilligend. Jetzt sei mal nicht so empfindlich. Für wen hast du sie denn bekommen? Für dich. Dann sorg jetzt auch für sie. Wenn sie älter ist, wird es leichter. Ich habe dich damals ohne Windeln und diese neumodischen Babyküchen durchgebracht, und ich lebe immer noch. Außerdem, mein Kreislauf macht bei diesem Wetter schlapp. Es wäre ja noch schöner, wenn ich bei euch umkippe.

Katharina runzelte ungläubig die Stirn. Mit so einer Antwort hatte sie nicht gerechnet sie wusste gar nicht, was sie sagen sollte.

Na toll. Gut, dann mach ich weiter murmelte sie und legte auf.

Etwas Kaltes breitete sich in ihrer Brust aus. Das kindliche Vertrauen, dass Mama immer kommt und alles wieder richtet, wenn man ruft, war auf einmal verschwunden. Und trotzdem oder gerade deswegen fiel ihr nichts mehr ein. Oder vielleicht doch?

Schon oft hatte Katharina sich selbst vergessen, nur um die Mutter nicht zu enttäuschen. Besonders an Silvester. Erst, als ihre Freunde sie einluden, dann, als sie eigentlich nur ein ruhiges Fest mit ihrem Mann wollte.

Ist ja klar seufzte Brigitte immer, wenn Katharina von eigenen Plänen erzählte. Dann amüsier dich mal. Ich sitz hier eben wieder alleine. Hab dich großgezogen, immer alles für dich getan und jetzt feiere ich die Feiertage mit mir selbst

Aber Mama, sobald ich am Neujahrsmorgen aufwache, komme ich doch gleich zu dir

Ach, ich sag ja nichts. Ich warte dann eben. Feiern werd ich sowieso nicht. Warum auch? Gibt ja keinen, mit dem ich könnte. Ich geh um neun schlafen, wache morgens auf das war dann wieder mein Silvester

Und so gab Katharina wieder und wieder nach. Sie ließ Freunde beiseite, sagte Treffen ab und verschob ihre Wünsche. Wie hätte sie die Mutter auch alleine lassen können? Sollen doch die anderen feiern, Wunderkerzen anzünden und singen sie musste zusehen, dass ihrer Mutter nicht das Herz schwer wurde.

Das war aber bei Weitem nicht das einzige Problem. Brigitte betrachtete ihre Tochter gern als ihr persönliches Gesundheits-Barometer. Ging es ihr schlecht, verzichtete sie lieber zum Arzt zu gehen, sondern alarmierte Katharina.

Mein Blutdruck liegt wieder bei zweihundert. Ich glaub, ich sterbe gleich Kathi, komm sofort her! rief sie dann.

Mama, ich komme ja, aber ruf bitte den Notdienst! Das ist doch kein Spaß!

Was sollen die denn machen? Die schleppen mich ins Krankenhaus und da gibts eh keine ordentlichen Ärzte mehr! Komm du lieber erstmal, mach eine Spritze, und wenns dann nicht besser wird, erst dann kann man den Notarzt rufen.

Brigitte glaubte grundsätzlich nicht an Ärzte aber an Massagen, Wickel mit Apfelessig und an Katharinas Aufmerksamkeit schon. Katharina saß dann da, zitternd, allein verantwortlich, mit Spritzen in der Hand und dem Gefühl, dem wichtigsten Menschen nicht richtig helfen zu können. Alles, was blieb, war warten. Und beten.

Doch Katharina fand immer wieder Zeit. Sie sagte Verabredungen ab, verschob Termine, riss sich von der Arbeit los selbst wenn sie wusste, dass sie im Grunde nichts tun konnte, außer sich in Sorgen zu verstricken. Ihre Mutter einfach sich selbst zu überlassen das erlaubte ihr das Gewissen nicht.

Das Gewissen von Brigitte schwieg hingegen. Und das, obwohl sie doch unbedingt Enkelkinder haben wollte.

Die Enkelin von Erika geht schon zur Schule! stöhnte Brigitte bei jeder Familienfeier. Und Ilka hütet schon das zweite Kind. Nur ich bin ganz allein hier. Wann fangt ihr endlich mal an? Ich will doch noch Oma sein!

Aber jetzt Jetzt, wo das Enkelkind kein hübsches Postkartenmotiv war, sondern ein schreiendes Lebewesen mit eigenen Sorgen und Kapriolen, war Brigitte plötzlich wie vom Erdboden verschluckt.

Katharina war enttäuscht. Für dich hast du sie geboren Das würde sie sich merken.

Die nächsten sechs Monate wurden zum immer gleichen Traum: der Tag begann, verging, alles war ein Kreislauf aus Füttern, Schreien, Beruhigen, Einschlafen, wieder Schreien. Katharina wusste nicht mehr, ob heute Montag oder Donnerstag war.

Brigitte war zwar noch da, aber nur wie eine entfernte Bekannte. Einmal in der Woche rief sie an:

Na, wie läufts? Wächst ihr?

Doch kaum hörte sie die Enkelin im Hintergrund schreien, verschwand sie sofort.

Ach Kathi, es tut mir leid, aber ich hab Kopfschmerzen und bei euch ist ja immer so ein Lärm Halt die Ohren steif, Mutterschaft ist halt kein Zuckerschlecken, sagte sie und legte schnell auf.

Katharina lernte zu überleben, auch ohne Mutter.

Gisela Wagner, die Schwiegermutter, war zwar streng, aber herzlich. Sie versprach nicht das Blaue vom Himmel und war nicht übermäßig freundlich, aber als sie bemerkte, dass Katharina schon wie ein Panda mit müden Augenringen aussah, kam sie schlicht und regelmäßig jeden Samstag, an ihrem freien Tag.

Ab ins Bett mit dir, befahl sie. Wir gehen mit Johanna in den Park. Sind in drei Stunden wieder da.

In den Park? Aber sie wird doch weinen

Ich bin nicht aus Zucker. Du schläfst jetzt erstmal.

Gisela riet Katharina sogar, gelegentlich eine Kinderfrau zu organisieren, wenigstens mal für ein paar Stündchen Schlaf im Nebenzimmer. Und noch wichtiger: Sie sorgte sich auch wirklich um die kleine Johanna.

Sie schreit einfach zu viel, meinte die Schwiegermutter. Dabei erzählen uns die Ärzte nur was von Dreimonatskoliken und Babyschmerzen. Das ist doch nicht normal!

Sie meldeten sich bei einem bekannten Kinderarzt an Gisela bezahlte wortlos alle Untersuchungen. Der Arzt fand schnell die Ursache.

Ganz einfach, sie hat nach jeder Mahlzeit Sodbrennen. Keine Sorge, das bekommen wir hin, sagte er freundlich.

Schon zwei Wochen später zog endlich Frieden ins Haus von Katharina und Markus ein. Die Anspannung wich einer ruhigen, warmen Stille. Johanna entspannte sich, schrie nicht mehr, schlief endlich friedlich.

Für Katharina tauchten die Farben wieder auf. Die Zeit raste plötzlich, aus der launischen Johanna wurde genau dieses süße Enkelkind, von dem alle Omas träumen: mit Grübchen in den Wangen und riesigen, bunten Haarschleifen.

Fast unbemerkt kam der Dezember. Brigitte, die ihre Enkelin Wochen nur per Video gesehen hatte, bemerkte die Wandlungen. Mal baute Johanna konzentriert mit Bauklötzen, mal lachte sie glucksend, dann spielte sie versunken mit Puppen.

Jetzt wollte die Oma wieder dabei sein.

Kathi, was soll ich euch Schönes kochen? fragte sie zärtlich, eine Woche vor Silvester. Ihr feiert doch mit mir, oder?

Aber Mama, mit Johanna und für dich ist das doch zu anstrengend mit kleinen Kindern.

Ach was, die ist doch schon groß, ganz lieb. Für so was ist jetzt die beste Zeit. Ich hab ihr auch schon eine Geschenk besorgt, eine große Puppe! Gemeinsam schmücken wir die Tanne, ich koche Sülze, Markus mag das doch so gern.

Früher hätte Katharina sich unendlich gefreut. Hätte sich sofort mit der Mutter ans Telefon gesetzt, Menüvorschläge gesammelt, sich gespürt als Mittelpunkt der Liebe. Aber jetzt war da nichts nur diese kühle Leere, etwas Stummes, Klitschiges in der Brust.

Mama, wir werden nicht kommen.

Was meinst du jetzt? empörte sich Brigitte. Wo wollt ihr denn sonst hin? Zu Hause hocken?

Wir feiern bei Gisela, der Schwiegermutter. Mit Johanna.

Bei Gisela?! Das heißt, du gehst zu einer Fremden, und deine eigene Mutter sitzt Silvester alleine?

Mama sei bitte nicht böse. Aber als Johanna ununterbrochen geschrien hat, war Gisela da. Sie mochte uns sogar als Schreihälse. Du aber du meintest immer, ich hätte nur für mich selbst das Kind bekommen. Dann entscheide ich eben auch allein, bei wem meine Tochter feiert.

Am anderen Ende war es für einen Moment ganz still.

Willst du dich etwa rächen, so als hättest du dich beleidigt? Wie kannst du nur! Deine alte, kranke Mutter Ich hab für dich durchgearbeitet, durchgewacht, und du lässt mich sitzen?

Nein, Mama. Ich räche mich nicht. Ich treffe nur endlich Entscheidungen, die für mich gut sind. Und weißt du was? Das habe ich von dir gelernt.

Die Mutter lamentierte weiter, aber Katharina unterbrach sie freundlich, sie müsse jetzt los. Sie hatte einfach keine Kraft mehr für Vorträge über Undankbarkeit.

Katharina seufzte, legte das Telefon beiseite und ging ins Schlafzimmer. Dort, zwischen bunten Legosteinen, saß ihr Mann und baute etwas Fantastisches mit Johanna. Das Kind lachte glitzernd, riss mit einem Schlag den Turm um. Katharina blieb im Türrahmen stehen und lächelte.

Sie war ein bisschen traurig aber es war die gute Art Traurigkeit. Wie nach dem Entrümpeln des Kellers, wenn man die alten Plüschtiere hinausgibt und neuen Platz schafft.

Ganz brechen würde sie mit ihrer Mutter nie, das war klar. Aber sich selbst würde sie ab jetzt nicht mehr verraten. Sie hörte auf, bei jedem Wetter schon beim ersten Anruf voller Schuldgefühle loszulaufen und begann, diejenigen um sich zu sammeln, die auch im Sturm den Regenschirm halten.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Bist du etwa beleidigt? — Ach Mama, ich bereue es schon dreihundert Mal, dass ich mich darauf eingelassen habe. Ich kann einfach nicht mehr, — klagte Viktoria verzweifelt, während sie versuchte, das Weinen ihrer Tochter zu übertönen. — So läuft es bei uns von früh bis spät. Und nachts — genauso. Ich weiß schon gar nicht mehr, wann ich zuletzt wirklich geschlafen habe. Gestern habe ich den Wasserkocher angemacht und bin direkt auf dem Stuhl eingeschlafen… — Ach, mein Mädchen, was willst du machen, — seufzte Gabriele. — Alle kleinen Kinder schreien halt. Ihre Mutter verstand den Wink nicht und Viktoria fasste sich ein Herz. — Mama… Bitte, ich flehe dich an: Nimm sie doch wenigstens für zwei Stunden. Oder komm vorbei, setz dich zu ihr, damit ich wenigstens etwas schlafen kann. Ich bin nur noch ein Schatten meiner selbst. Alles wie im Nebel. — Viki… — der Ton der Mutter wurde sofort von mitfühlend zu schleppend. — Sei mir nicht böse. Für wen hast du sie denn bekommen? Für dich selbst. Also kümmere dich auch drum. Wenn sie älter ist, wird’s einfacher. Ich hab dich damals auch ohne Windeln und Thermokocher großgezogen, da hat auch keiner gejammert. Außerdem schwankt bei mir ständig der Blutdruck wegen dem Wetter. Nicht dass ich auch noch umkippe, wenn ich bei dir bin. Verwundert zog Viktoria die Augenbrauen hoch. Mit so einer Antwort hatte sie nicht gerechnet und wusste gar nicht, was sie sagen sollte. — Na gut. Ich mach dann mal weiter… — murmelte sie und legte auf. Da breitete sich Kälte in ihrer Brust aus. Verschwunden war dieses kindliche Gefühl der Geborgenheit, dass Mama immer da ist und alles regelt, wenn man nur ruft. Viktoria konnte nicht einmal widersprechen. Oder doch? …Oft hatte Viktoria eigene Wünsche zurückgestellt, um ihrer Mutter zuliebe zu verzichten. Jedes Silvester zum Beispiel. Erst war sie bei Freunden eingeladen, dann wollte sie mal mit ihrem Mann allein feiern. — Ja, ist ja klar… — seufzte ihre Mutter, sobald Viktoria Pläne für die Feiertage äußerte. — Na dann, feiert mal schön. Ich hier, ganz alleine… Da zieht man euch auf, und an den Familienfesten sitzt man dann doch allein… — Mama… Mensch, ich komm am 1. doch gleich zu dir. — Ach was, ich warte auf dich. Ich feier gar nicht, — gab Gabriele seufzend zurück. — Wozu auch? Gibt ja keinen. Leg mich um neun schlafen, morgens wach — das war’s mit Silvester. Und jedes Mal gab Viktoria nach und fuhr zu ihrer Mutter. Wie sollte sie die Mutter alleine lassen? Sollen Freunde eben alleine Spaß haben, Wunderkerzen anzünden und Lieder grölen. Romantik kann auch mal warten. Hauptsache Mama fühlt sich nicht traurig. Und das war längst nicht das Einzige. Gabriele liebte es sehr, ihre Tochter mit ihrem eigenen Befinden in Atem zu halten. Ging es ihr schlecht, fuhr sie nicht zum Arzt — alarmierte aber jedes Mal Viktoria. — Ich hab Blutdruck über 200. Ich glaube, ich kipp bald um… Viki, komm sofort! — rief sie panisch. — Mama, ich komm ja, aber du musst trotzdem den Notarzt rufen. Das ist kein Spaß! — Was soll der mir bringen?! Die schleppen mich ins Krankenhaus, und da gibt’s eh keine gescheiten Ärzte! Lass uns erstmal selber überlegen. Gib mir die Spritze, und wenn’s dann immer noch schlimm ist — dann rufen wir den Notarzt. Gabriele hatte absolut kein Vertrauen in Ärzte und wurde sofort ungehalten, wenn Viktoria eine Ambulanz rufen wollte. Dafür glaubte sie, dass jeder Anfall sich durch Fußmassage, Essigkompressen und viel Aufmerksamkeit von Viktoria behandeln ließ. Tochter Viktoria aber saß dann jedes Mal da und zitterte. Sie musste die ganze Verantwortung tragen, Spritzen geben und konnte trotzdem nicht helfen, weil die Mutter so stur war. Blieb nur abwarten und hoffen. Trotzdem fand Viktoria jedes Mal Zeit. Sagte Treffen ab, verschob Termine, verließ früher den Arbeitsplatz. Auch im Wissen, dass sie nichts bewirken kann und nur ihre Nerven ruiniert. Aber die Mutter komplett alleine lassen? Das ließ ihr Gewissen nicht zu. Ganz im Gegensatz zu Gabriele. Dabei hatte sie sich Enkelkinder immer genauso sehr gewünscht wie Viktoria. — Die Leni hat schon eine Enkelin, die geht jetzt in die Schule! — seufzte ihre Mutter bei jeder Familienfeier. — Und Waltraud kümmert sich schon um’s zweite. Und ich, ich bin wie das fünfte Rad am Wagen. Wann kriegt ihr endlich welche? Ich will doch noch erleben, wie das ist, Oma zu sein! Und jetzt… Jetzt, wo das Baby eben kein süßes Poster mehr war, sondern ein echtes Wesen mit Eigenheiten und Problemen, war Gabriele plötzlich weg. Viktoria war enttäuscht. “Für mich geboren”… Na, das wird sie nicht vergessen. Die folgenden sechs Monate wurden zum Dauerloop. Viktoria wusste nicht mehr, war heute Montag oder Donnerstag. Es lief immer gleich: Füttern, Geschrei, Versuch einzuschläfern, kurzes Vergessen, wieder Schreien. Gabriele blieb im Leben ihrer Tochter, aber nur wie eine entfernte Bekannte. Einmal pro Woche rief sie an und fragte: — Na, wie läuft es? Wächst sie? Doch kaum schrie ihr Enkelkind im Hintergrund auf, war die Oma gleich wieder verschwunden. — Oh Viki, ’tschuldige, aber ich hab Kopfschmerzen. Und bei euch ist’s so laut… Pass auf euch auf. Muttersein ist harte Arbeit, — meinte sie und legte auf. Viktoria lernte, ohne Mutter zu überleben. Olga, die Schwiegermutter, war streng, aber herzlich. Sie versprach keine Wunder und schmeichelte nie. Aber als sie merkte, dass Viktoria durch die Augenringe schon aussah wie ein Panda, kam sie einfach regelmäßig vorbei. Jeden Samstag, an ihrem freien Tag. — Ab ins Bett, — befahl sie Viktoria. — Wir gehen mit Alina in den Park. Sind in drei Stunden zurück. — In den Park? Die wird doch nur schreien… — Ich bin nicht aus Zucker, werd schon nicht zerlaufen. Hauptsache, du schläfst mal aus. Olga schlug Viktoria auch vor, ab und an eine Tagesmutter zu engagieren — auch nur zwei Stunden Schlaf nebenan machen den Unterschied. Und sie war es, die Alarm schlug: — Die schreit aber schon sehr viel, — stellte sie fest. — Hör auf, alles auf Zahnen und Drei-Monats-Koliken zu schieben, da stimmt was nicht. Olga organisierte kurzerhand einen Termin beim befreundeten Kinderarzt, hörte nicht auf ihren Sohn und bezahlte stillschweigend alle Untersuchungen. Der Arzt fand rasch die Ursache. — Ganz einfach gesagt, sie hat nach jedem Füttern Sodbrennen. Keine Sorge, das bekommen wir in den Griff, — erklärte er. Zwei Wochen später hatte endlich die Stille Einzug bei Viktoria und Paul gehalten. Nicht belastend und unruhig, sondern friedlich. Alina verbog sich nicht mehr und schrie weniger, sie schlief ruhig. Für Viktoria bekam die Welt wieder Farbe. Die Zeit raste statt zu schleichen. Aus der kleinen Quenglerin wurde das Traum-Enkelkind, von dem jede Oma träumt: mit Grübchen in den Wangen und riesigen Schleifenprachten im Haar. Still und heimlich wurde es Dezember. Gabriele, die Alina bisher nur per Videoanruf kannte, war die Veränderung nicht entgangen. Das Mädchen spielte, baute, lachte, war ganz vertieft in ihre Puppen. Da entschied sich die Großmutter, wieder mitzumischen. — Viki, was soll ich euch Leckeres kochen? — fragte sie weich eine Woche vor Silvester. — Ihr kommt doch zu mir feiern, oder? — Aber ich hab doch Alina dabei. Ist doch zu anstrengend mit Kleinen für dich. — Ach quatsch! Sie ist jetzt ein richtiges Mädchen, ganz ruhig. Ich hab ihr sogar schon eine große Puppe als Geschenk besorgt. Wir schmücken zusammen den Baum, ich mach Sülze. Paul liebt doch Sülze. Früher hätte Viktoria gejubelt, das Fest mit ihrer Mutter geplant und sich gefreut, dass die Mutter „wieder lieb“ ist. Doch diesmal war da… nichts. Kein Ärger, kein Schmerz. Nur etwas Kaltes, Klebriges. — Mama, wir kommen nicht. — Wie bitte? — Gabriele war entsetzt. — Wo wollt ihr denn sonst hin? Oder feiert ihr zuhause? — Wir fahren zu Olgas Familie. Wir feiern dort. — Zu Olga?! — erschrak die Mutter. — Also gehst du zur Schwiegermutter und lässt deine eigene Mutter Silvester alleine sitzen? — Mama… Sei nicht gekränkt, aber Olga war da, als Alina Tag und Nacht geschrien hat. Als ich am Ende war. Sie war da, als wir „anstrengend“ waren, und hat uns trotzdem gemocht. Du sagtest doch selber, ich hab für mich geboren. Dann entscheide ich auch, mit wem ich meine Tochter feiere. Am anderen Ende herrschte für einen Moment Schweigen. — Bist du jetzt etwa beleidigt? Rächtst du dich jetzt so? — hakte Gabriele schließlich nach. — Wie kannst du nur! Ich hab dich großgezogen, Nächte durchgemacht… Und du machst das jetzt so mit mir? — Nein, Mama, ich räche mich nicht. Ich entscheide nur, was mir guttut. Und das hab ich übrigens von dir gelernt. Die Mutter lamentierte noch, doch Viktoria beendete das Gespräch mit dem Hinweis, sie müsse los. Sie hatte keine Lust auf Schuldzuweisungen. Sie legte das Handy weg und ging ins Schlafzimmer. Dort, auf dem Teppich zwischen Bauklötzen, hockte ihr Mann, baute etwas mit der Tochter. Alina lachte schallend, als sie den Turm umwarf. Viktoria blieb im Türrahmen stehen und lächelte. Sie war etwas traurig, aber es war eine gute Traurigkeit — so wie nach einer gründlichen Aufräumaktion, wenn die alten Plüschtiere das Haus verlassen und Platz für etwas Neues machen. Natürlich wollte Viktoria nicht die kompletten Kontakte zu ihrer Mutter abbrechen. Sie hatte nur aufgehört, sich selbst zu verraten. Sie hörte auf, beim ersten Anruf für Menschen zu springen, die nur bei Sonnenschein auftauchen, und suchte sich stattdessen jene aus, die auch in den schlimmsten Stürmen einen Schirm über sie hielten.
Der kleine NiemandDoch als er eines Tages den mutigen Wind über die Berge hörte, erkannte er, dass selbst das Kleinste das Potenzial hat, die Welt zu verändern.