Das Haus, in dem man nicht atmet
Katharina, du hast meinen Schwamm schon wieder nicht richtig hingelegt. Ich sage es zum dritten Mal: Der rosa Schwamm gehört nach links, der gelbe nach rechts. Das ist doch wirklich nicht so schwer zu merken, oder?
Katharina hielt in der Küche kurz inne. Gerade hatte sie den ganzen Herd gründlich geputzt, das Fett von den Rosten geschrubbt, die Fliesen über der Arbeitsplatte gewischt. Ihre Hände rochen noch nach Reinigungsmittel. Draußen begann gerade erst der Tag, es ist halb sechs Uhr morgens.
Es tut mir leid, Frau Vogt. Ich habe sie durcheinandergebracht.
Ihre Schwiegermutter steht in der Küchentür, die Arme über der Brust verschränkt, im geblümten Morgenmantel. Klein, gedrungen, die Lippen fest zusammengepresst. Sie schaut Katharina an, als hätte sie nicht einfach die Schwämme vertauscht, sondern heißes Öl auf die feine Tischdecke gegossen.
Aus Versehen, wiederholt Frau Vogt und legt in das Wort so viel Bedeutung, dass Katharina ein Kloß im Hals wächst. Du lebst seit drei Wochen hier. Da sollte man doch wissen, wo die Schwämme liegen.
Bedächtig nimmt Frau Vogt den rosafarbenen Schwamm, legt ihn nach links, den gelben nach rechts. Ganz langsam, fast feierlich. Dann blickt sie Katharina direkt in die Augen.
Martin steht um sieben auf. Das Frühstück muss um halb acht fertig sein. Er mag Haferbrei mit Rosinen nicht mit Aprikosen. Hast du es dir gemerkt?
Ja, ich habe es mir gemerkt.
Das will ich hoffen.
Sie verschwindet so lautlos, wie sie gekommen ist. Nur ihr schwerer, süßer Duft bleibt im Raum, wie aus einem alten Friseursalon.
Katharina atmet aus und greift zum Lappen. Die Fensterbank muss sie auch noch wischen.
Sie sind vor zweiundzwanzig Tagen eingezogen, direkt nach der Hochzeit. Martin meinte: Kathi, meine Mutter lebt alleine. Das Haus ist groß, sie schafft es kaum. Und wir haben noch keine eigene Wohnung. Lass uns erstmal bei ihr bleiben. Katharina stimmte zu. Damals hätte sie zu allem ja gesagt; sie liebte ihn so sehr, dass sie ihm in jeden Winkel der Welt gefolgt wäre. Sie war vierundzwanzig, hatte eine kleine Wohnung am Stadtrand, Eltern, den Job als Verkäuferin im Baumarkt und diese kindliche Hoffnung: In einer Ehe zählt vor allem Liebe und Geduld. Liebt man und hält durch, wird alles gut. So lehrte es ihre Mutter. So glaubte sie, funktioniert das Leben.
Jetzt steht sie um halb sechs am Fenster, den Lappen in der Hand und fragt sich: Wie lange noch soll ich das aushalten?
Das Haus von Frau Vogt, einer kräftigen, ernsthaften Erscheinung, ist ein solides Ziegelhaus mit großem Garten in einem Vorort von Leipzig. Frau Vogt hat Martin allein großgezogen. Ihr Mann hatte sie verlassen, als Martin drei war, und ist später irgendwo in Süddeutschland gestorben. Sie arbeitete als Buchhalterin, sparte jeden Cent, renovierte selbst, wo sie konnte, und bestellte in den seltensten Fällen Handwerker dann aber stand sie mit Notizbuch daneben. Ihr Haus ist so ordentlich, dass Katharina am ersten Tag Angst hatte, überhaupt eine Wand zu berühren. Die Böden glänzten. Die Gardinen hängen akkurat. Im Wohnzimmer stehen Porzellanfiguren, alle ausgerichtet im gleichen Winkel. Im Bad gibt es drei eigene Teppiche, jeder darf nur auf seinem gehen.
So läuft das bei uns, erklärte Frau Vogt gleich am ersten Abend und zeigte auf die makellose Nasszelle. Ordnung im Haus, Ordnung im Kopf.
Katharina nickte damals und dachte: Zum Glück habe ich ein gutes Gedächtnis.
Und tatsächlich, sie merkt sich alles: Welcher Lappen fürs Spiegelputzen (nur Fensterleder, nie Küchenrolle), wie die Bettwäsche zu falten ist (streng am Saum, dreifach gefaltet), wo die Lebensmittel im Kühlschrank liegen (Milchprodukte unter links, Fleisch rechts oben, Gemüse ganz unten). Sie steht immer als Erste auf, geht als Letzte ins Bett. Sie kocht, putzt, wäscht, bügelt. Ihre Hände kennen keine Pause, von früh bis spät und Frau Vogt findet trotzdem immer etwas zu bemängeln.
Die Suppe ist versalzen.
Hinter der Heizung ist noch Staub.
Das Laken ist schief gebügelt da, der Falz.
Du hast im Wohnzimmer das Fenster aufgemacht, jetzt ziehts, davon bekomme ich Kopfschmerzen!
Martin bekommt das alles mit. Er sitzt am Tisch, isst Suppe, schweigt. Oder er schaut Fernsehen und tut so, als höre er nichts. Wenn etwas Unangenehmes anstand, zog er sich in sich zurück der Blick leer, das Gesicht unergründlich. Anfangs dachte Katharina, das käme von der Arbeit er ist Monteur, an manchen Tagen fix und fertig. Später merkte sie: Das ist keine Erschöpfung, sondern Gewohnheit. Schon immer war das so.
Eines Abends liegt sie neben ihm im Dunkeln und fragt leise:
Martin, hast du gehört, was sie heute über meinen Eintopf gesagt hat?
Ja.
Und was meinst du?
Er schweigt.
Kathi, weißt du … sie ist eben so. Sie ist das gewohnt. Nimms ihr nicht übel.
Ich versuche ja, es mir nicht zu Herzen zu nehmen. Aber … mir fällt es schwer.
Halte noch ein bisschen aus. Sie wird sich an dich gewöhnen.
Katharina schließt die Augen. Aushalten. Dieses Wort hat sie von ihm in drei Wochen schon unzählige Male gehört.
Martin, könntest du ihr nicht einfach mal sagen … vielleicht, dass sie etwas netter sein soll …?
Willst du, dass ich mich mit meiner Mutter streite?
Nein, nur … einfach mit ihr reden.
Wieder länger Schweigen.
Sie hat uns allein großgezogen, Kathi. Meinetwegen streite ich mich nicht mit meiner Mutter schon gar nicht wegen Eintopf.
Katharina sagt nichts mehr. Sie dreht sich zur Wand, hört lange Martins ruhigen Atem. Draußen rauscht der Wind. Im Haus ist es still und sauber; und gerade diese makellose Sauberkeit ist es, die sie am meisten erdrückt.
Im zweiten Monat passiert das erste Merkwürdige.
Katharina bereitet das Sonntagsessen vor und holt die schöne Schürze hervor, die sie von ihrer Mutter aus Dresden bekommen hat aus Leinen, mit kleinen blauen Blümchen. Nach dem Kochen entdeckt sie darauf plötzlich einen Brandfleck, als hätte jemand ein heißes Bügeleisen darauf gedrückt.
Sie ist sicher: Sie selbst war es nicht; sie hat an dem Tag nicht mal gebügelt.
Frau Vogt, wissen Sie, was mit meiner Schürze passiert ist?
Frau Vogt betrachtet sie sachlich, schüttelt den Kopf.
Man muss eben aufpassen. Vielleicht bist du irgendwo hängen geblieben.
Aber ich habe heute gar nicht gebügelt.
Dann bist du wohl an den Herd zu nah ran. Unsere Platten werden sehr heiß, mehr Vorsicht.
So ruhig sagt sie das, gibt die Schürze zurück und geht. Katharina bleibt nachdenklich in der Küche zurück. Vielleicht doch selbst passiert?
Eine Woche später verschwinden ihre liebsten Ohrringe kleine silberne mit Türkis. Sie waren im Bad auf ihrem Bord. Sie sucht alles ab. Nichts.
Martin, hast du meine Ohrringe gesehen?
Nein. Bist du sicher, dass du sie nicht verlegt hast?
Ich habe überall gesucht.
Katharina sagt nichts mehr. Irgendwie zieht sich in ihr alles zusammen wie ein Teig, der in der Kälte hart wird.
Und dann beginnen die Geschichten mit den Kräutern.
Frau Vogt schwört auf Hausmittel. Regale voller Gläser und Beutelchen mit getrockneten Kräutern stehen in der Speisekammer. Sie weiß immer, was wogegen hilft, liest Kräuterhefte, besucht ab und an ihre Kräuterfrau. Katharina dachte anfangs wenig darüber.
Alles beginnt beim Abendessen.
Katharina, du siehst so blass aus. Gibts bei dir sie macht eine Andeutung, keine Frauenprobleme?
Katharina wird sofort rot.
Nein, alles gut.
Du hast Augenränder, wirkst schlapp. Ich hab dir einen Aufguss aus Frauenmantel und Johanniskraut gekocht sehr gut, wenn die Nerven blank liegen. Trink den vorm Schlafen.
Die Tasse mit der dunklen Brühe riecht bitter und unangenehm.
Katharina schaut zu Martin. Der schmiert sich Butter aufs Brot.
Mama kennt sich aus mit Kräutern, sagt er trink, schaden kanns nicht.
Katharina trinkt.
Am nächsten Morgen wacht sie ungewöhnlich spät auf, mit dumpfem Kopf, völlig schlapp. Sie schiebt es auf schlechten Schlaf.
Von da an steht der Tee jeden Abend auf dem Tisch, mal mit Baldrian dazu, mal mit Melisse. Katharina trinkt, um nicht undankbar zu erscheinen.
Aber nach rund zwei Wochen merkt sie: Sie verändert sich. Es schleicht sich allmählich ein, als würde jemand langsam die Lautstärke herunterdrehen. Sie steht am Morgen kraftlos auf, funktioniert nur noch. Sie kocht, putzt, räumt ab aber ihr Kopf ist wie vernebelt. Die Steine, die sie früher aufgeregt hätten, sinken tief. Alles ist ihr fast egal.
Eines Tages fängt sie im Flurspiegel ihr Spiegelbild ein und erkennt sich nicht wieder: Das Gesicht grau, die Augen stumpf, die Schultern hängend. Vierundzwanzig ist sie, sieht aber aus wie vierzig.
Am Mittwochabend ruft ihre Mutter an.
Kathi, wie gehts dir? Du klingst seltsam.
Alles gut, Mama. Bin nur etwas müde.
Komm doch Sonntag vorbei. Ich back Kuchen.
Mal sehen.
Sie kommt nicht. Frau Vogt sagt, am Sonntag müsse die Vorratskammer sortiert werden, und Katharina bleibt. Sie schläft zum ersten Mal seit Langem einfach den Nachmittag durch aber selbst das bringt keine Erleichterung.
Etwa zur gleichen Zeit beginnen kleine Dinge zu verschwinden, es gibt Kleinigkeiten, kleine Fallen.
Katharina kocht Apfelkompott. Am Morgen öffnet Frau Vogt den Topf, schnuppert und verzieht das Gesicht.
Ist verdorben. Hättest ihn in den Kühlschrank stellen sollen.
Ich habe ihn abends reingestellt.
Dann war die Tür wohl nicht zu. Das nächste Mal kontrollieren.
Später findet sie einen abgelaufenen Joghurt in ihrer Tasche, den sie nie gekauft hat. Ihre weiße Bluse frisch gewaschen und aufgehängt hat plötzlich einen gelben Fleck, wie von Senf. Frau Vogt schaut sie ruhig an:
Du musst vorsichtiger essen.
Ich habe darin gar nicht gegessen.
Katharina, du bist in letzter Zeit zerstreut, das merkt man. Willst du nicht lieber mal zum Arzt? Ich habe gute Kontakte.
Da ist so eine besorgte Ruhe im Ton, dass Katharina einen Moment lang an sich selbst zweifelt. Vielleicht ist sie wirklich zerstreut? Vielleicht vergisst sie in diesem Nebel des Kräutertees mittlerweile alles?
Und dann kommt der Moment, der alles verändert.
An einem Donnerstagabend geht Katharina früh ins Bett. Sie hört, wie Frau Vogt und Martin sich in der Küche unterhalten die Tür ist angelehnt, die Stimmen sind klar.
Martin, Katharina behauptet, sie hätte den Kompott nicht verrührt …
Ich sags dir als Mutter: Entweder sie lügt, oder sie hat einen Knacks. Sie verliert oder vergisst ständig etwas, richtet Schaden an. Ich sage nichts, aber überleg mal: Hast du die richtige Frau geheiratet?
Pause.
Ach, Mama
Ich habe nichts gegen sie. Aber Ordnungssinn hat sie keinen. Ich dachte, sie lernt das, aber es ist und bleibt chaotisch. Willst du wirklich ein Leben lang versalzenen Eintopf essen und fleckige Hemden tragen?
Martin murmelt etwas. Katharina kann es nicht verstehen.
Sie liegt da aber dieses Mal zieht sich in ihr nichts zusammen, sondern löst sich. Wie ein verschlossener Faust, der sich, Finger für Finger, öffnet. Nicht in Versöhnung sondern in Klarheit.
Plötzlich sieht sie es deutlich vor sich, wie aus Distanz: Das Haus steril und kalt mit der Frau, die es seit dreißig Jahren kontrolliert. Ihr Sohn, der ein Leben lang so aufwuchs, und sie selbst, die sich seit drei Monaten müht, sich zu beugen, bittere Tees trinkt und sich dabei selbst verliert.
Sie denkt mit kühler Ruhe: Nein.
Am nächsten Abend stellt Frau Vogt ihr den gewohnten Kräuteraufguss hin.
Trink aus. Ich hab Baldrian reingemacht das beruhigt die Nerven.
Katharina schaut auf die Tasse. Dann zu ihrer Schwiegermutter.
Danke. Heute brauche ich ihn nicht.
Wieso nicht? Der tut dir gut.
Fühle mich heute gut.
Frau Vogt schaut sie eine Sekunde zu lang an. Dann räumt sie wortlos die Tasse weg.
Martin hebt den Blick vom Handy, sieht Katharina an. Sie schenkt ihm ein gleichmäßiges, ruhiges Lächeln.
In dieser Nacht schläft sie kaum. Kein Angstschlaf, sondern Vorfreude. Ihr Kopf ist wach wie schon lange nicht mehr. Sie denkt und sortiert in Gedanken die letzten Wochen: Die Schürze, die Ohrringe, den Kompott, den Fleck, die Gespräche und die Tees, die sie willenlos machten.
Was genau in diesen Tees war, weiß sie nicht. Vielleicht nur hohe Dosen Baldrian, vielleicht auch mehr. Aber eines weiß sie sicher: Nie wieder trinkt sie einen davon.
Am nächsten Morgen steht sie wie gewohnt um fünf Uhr auf. Sie kocht den Haferbrei mit Rosinen, schneidet Brot, bereitet Tee zu. Wie immer absolviert sie alles, aber doch ist etwas anders in ihr.
Frau Vogt probiert das Frühstück, bleibt wie immer ausdruckslos.
Es fehlt Salz.
Gut, sagt Katharina ruhig und tut nichts weiter.
Keine Rechtfertigung mehr, kein Rotwerden. Sie nickt nur und spült weiter.
Die Schwiegermutter bleibt einen Moment stehen, als erwarte sie mehr Widerstand, dann verlässt sie die Küche.
Nun beginnt eine neue Zeit. Katharina trinkt keine Kräutertees mehr, macht alles genau so zuverlässig wie zuvor, doch der Unterschied ist gewaltig: Es geschieht nicht mehr aus Angst oder um zu gefallen. Es ist einfach ihre Aufgabe, solange sie in diesem Haus wohnt und sie lässt niemandem einen Vorwurf wegen Faulheit. Von außen nur ein kleiner Wandel, innen riesig.
Wenn Frau Vogt bemängelt, erklärt oder entschuldigt sie sich nicht. Sie sagt: Danke, ich werde daran denken, und macht weiter. Selbst wenn die Stimme schärfer wird sie bleibt ruhig. Die Andeutungen auf Zerstreutheit hört sie einfach still an.
Dieses Schweigen ist anspruchsvoller als jede Reaktion.
In dieser Zeit lernt sie die Nachbarin kennen, Frau Stein. Sie ist etwa siebzig, scharfsinnig, mit einem ruhigen, ironischen Tonfall. Sie treffen sich am Gartentor, als Katharina den Müll rausbringt.
Du bist also die Martins Frau? fragt sie mit unverhohlener Neugier.
Ja, Katharina.
Ich sehe, schwer hast dus. Das sieht man an den Augen.
Katharina will ausweichen, doch Frau Stein lächelt mild.
Ich kenne Gerda Vogt seit Jugendtagen. Sie war immer so: Alles muss nach ihrer Pfeife laufen. Den Mann hat sie damit auch vertrieben der ist nicht einfach gegangen. Der ist geflohen. Frag sie mal. Aber schrei nicht, kämpfe nicht. Die Wahrheit beweist sich in Taten, nicht in Geschrei.
Klingt leichter als es ist.
Das Leben ist nicht leicht, sagt Frau Stein. Aber du bist nicht schwach. Ich sehe das.
Katharina geht ins Haus mit einem neuen Gefühl: Sie ist nicht allein. Jemand sieht sie.
Martin hingegen wird immer verschlossener. Nicht unfreundlich, nie laut. Er schweigt. Nach der Arbeit isst er und versinkt im Fernseher oder Smartphone. Ihre Fragen beantwortet er knapp, im Bett liegt er wie hinter Glas.
Eines Tages fragt sie ihn geradeheraus:
Martin, glaubst du mir?
Er blickt auf.
Wobei?
So insgesamt. Vertraust du mir?
Die Pause ist lang. Länger als nötig. Das reicht als Antwort.
Natürlich, warum fragst du?
Sie antwortet nicht. Dreht sich zur Wand. Im Dunkeln denkt sie: Psychischer Druck zerstört nicht nur einen Menschen. Es zerfrisst ganze Familien, langsam, wie Rost das Eisen. Von außen ist es noch intakt, doch innen ist alles mürbe.
Was mache ich falsch? fragt sie sich. Warum dringe ich nicht zu ihm durch?
Und weiß selbst: Weil er nicht mich hört, sondern seine Mutter. Ihre Stimme in seinem Kopf ist lauter als jede andere.
Den Jahreswechsel will Frau Vogt groß zuhause feiern, mit Gästen: ihrer Schwester, deren Mann, der Kusine, Nachbarin Frau Lehmann mit Tochter. Zehn, zwölf Leute insgesamt.
Wir kochen gemeinsam, verkündet sie aber das heißt: Katharina schuftet, sie verteilt Anweisungen.
Katharina sagt nichts, tut was erwartet wird. Menü, Einkauf alles steht. Mandarinen- und Tannenduft im Haus, Frau Vogt stellt den Baum auf und dekoriert ihn selbst.
Drei Tage vor Silvester beginnt Katharina zu backen. Niemand muss sie bitten, das Backen macht ihr Freude es ist das Einzige, was ihr in diesem Haus wirklich Freude bereitet. Blätterteiggebäck wie von Oma aus Chemnitz: langsam, in mehreren Schritten zubereitet, mit Liebe.
Frau Vogt kommt in die Küche, sieht das Teigkneten.
Was wird das?
Kuchen für die Feier.
Wir haben Torte vom Konditor bestellt. Deine Kuchen brauchen wir nicht.
Beides ist schön. Gäste freuen sich.
Frau Vogt schaut sie prüfend an.
Du triffst die Entscheidungen jetzt selbst?
Ich möchte einfach helfen.
Ohne Antwort verlässt Frau Vogt den Raum. Katharina aber knetet weiter. Sie backt in der Nacht heimlich noch eine zweite Ladung, wickelt alles in Tücher und verstaut den Kuchen in eine Kiste weit oben in der Vorratskammer.
Ihre Intuition ist jetzt messerscharf. Sie weiß nicht, was kommt, aber sie spürt: Frau Vogt wird die Gelegenheit nutzen, ausgerechnet jetzt.
Sie denkt darüber nach, während sie Salate schneidet, Fisch schichtet, Besteck auflegt mit kühler Sachlichkeit.
Am Silvesterabend kommen die Gäste pünktlich. Alles ist festlich gedeckt; Kristall, Servietten wie Fächer, Tannenzweige mit Zapfen in der Mitte. Frau Vogt ist charmant, lacht, unterhält die Gäste. Sie kann freundlich sein, wenn sie will. Katharina trägt Speisen zwischen Küche und Wohnzimmer, Martin bleibt neben seiner Mutter sitzen, beachtet seine Frau kaum.
Gegen zehn Uhr kommt Frau Vogt ihr in die Küche nach.
Hast du heute Morgen Sülze gemacht?
Ja.
Sie ist nichts geworden. Viel zu weich, ich habe sie beiseite gestellt. Die stelle ich nicht auf den Tisch, das ist doch peinlich.
Katharina schweigt. Sie nimmt das Tablett mit Vorspeisen und geht wieder ins Wohnzimmer.
Doch das war erst der Anfang.
Wenig später, im Wohnzimmer, tritt Frau Vogt mit dem Ausdruck einer schweren Botschaft ans Pult.
Ich muss sagen, dass die kleinen Kuchen auf dem Tisch … wohl nicht mehr gut sind. Die Füllung scheint verdorben. Ich rieche das sofort.
Die kleinen Pilzpasteten, die Katharina frisch gebacken hat, stehen auf dem Tisch. Sie weiß: Sie sind in Ordnung.
Frau Vogt, die Kuchen sind heute Morgen gebacken, sagt sie ruhig.
Kind, ich habe ein feines Näschen. Lieber kein Risiko.
Die Gäste blicken sich betreten an. Einige schieben stumm die Teller beiseite. Martin starrt seinen Sekt an. Katharina fühlt sich ruhig, fast eisig. Sie verlässt das Zimmer.
Sie kehrt zurück mit ihrer Kiste, packt auf dem Beistelltisch die großen Kuchen aus noch warm, goldgelb, mit Apfel und Zimt, mit Kohl. Sie reicht sie herum.
Die habe ich letzte Nacht gebacken. Probieren Sie.
Martins Tante, Frau Becker, nimmt sich ein Stück, beißt rein, schließt die Augen.
Unglaublich lecker. Katharina, selbstgemacht?
Ja.
Da kann man neidisch werden! Richtiges Talent hast du!
Frau Vogt schweigt, das Gesicht unbeweglich wie Stein.
Doch sie gibt nicht auf. Katharina spürt es.
Kurz nach halb zwölf erhebt sich Frau Vogt ein weiteres Mal, nun mit ernster Miene.
Es tut mir sehr leid, heute so etwas ansprechen zu müssen, aber eine Sache ist verschwunden. Die goldene Uhr meines verstorbenen Mannes sein Namensgeschenk. Ich habe sie im Wohnzimmer aufbewahrt. Jetzt ist sie weg.
Die Stille wird messerscharf.
Ich beschuldige niemanden. Fremde kommen hier nicht ins Haus. Nur wir haben Schlüssel.
Alle sehen zu Katharina.
Sie hält dem Blick stand.
Die Uhr wird sich finden, sagt sie nur.
Bist du dir da so sicher?
Ja.
Dann such sie bitte.
Katharina geht entschlossen in den Vorratsraum. Es riecht nach altem Holz und Lavendel, Gläser, Kartons, Winterschuhe. Ganz hinten steht ein alter Filzstiefel, seit Jahrzehnten unbenutzt. Sie zieht ihn hervor, tastet nach unten und findet etwas Hartes.
Im Wohnzimmer legt sie die Uhr vor die Schwiegermutter.
Hier ist sie.
Schweigeminute.
Frau Becker schnäuzt sich, Frau Lehmann starrt in ihre Hände. Martin erhebt sich.
Mama, wie ist die Uhr dorthin gekommen?
Frau Vogt will antworten, öffnet und schließt dann wieder den Mund. Zum ersten Mal weiß sie nichts zu sagen, ihr Gesicht bleibt ruhig, doch etwas bröckelt.
Ich hab sie wohl selbst abgelegt und vergessen, sagt sie schließlich.
Erklärung fertig. Sie wird kein Geständnis ablegen.
Aber Martin sieht sie an, und Katharina sieht, wie sich sein Gesicht verändert langsam, wie das Licht vor einem Gewitter kippt.
Mama, einen Moment. Du hast gesucht, wolltest die Uhr zeigen. Wenn du sie selbst verstaut hättest, wüsstest du das. Du hättest nicht alle zusammengerufen, vor einer Versammlung von einem Diebstahl gesprochen.
Nicht jetzt, Martin, beginnt Frau Vogt.
Doch, genau jetzt.
Er nimmt die Uhr, liest die Gravur, drückt sie fest.
Papas Uhr. Das Einzige, was mir von ihm blieb.
Leises Gemurmel im Raum. Frau Becker steht auf, gießt Tee nach, andere folgen, lassen die drei unter sich.
Martin stellt sich zu Katharina, sieht sie endlich wirklich an.
Du wusstest, wo sie war, stellt er fest.
Ich habe es vermutet.
Wieso?
Weil das schon öfter so war. Schürze, Ohrringe, Kompott. Ich sagte nichts du hättest mir ja eh nicht geglaubt.
Martin schweigt. Sie sehen zu Frau Vogt, die dem Fenster zugewandt bleibt. Draußen rieselt Schnee.
Mama? ruft er.
Sie dreht sich nicht um.
Mama, ich möchte verstehen: Wolltest du, dass ich glaube, Katharina klaut? Dass sie nicht ehrlich ist?
Jetzt ist nicht der Zeitpunkt, Martin.
Doch, jetzt. Hier gibt es keinen anderen.
Frau Vogt wendet sich langsam zu ihm. Ihre Augen sind trocken. Sie schaut ihren Sohn mit einer Mischung aus Liebe und Bitterkeit an, die Katharina mittlerweile zu deuten weiß.
Du bist mein Sohn. Mein Ein und Alles. Dreißig Jahre war ich nur für dich da.
Ich weiß, Mama.
Ich wollte ihr nicht schaden. Ich war nur … Sie hält inne, sagt leise, fast überrascht: Ich wollte dich nicht verlieren.
Martin schweigt lange.
Mama, ich bin dreißig. Verstehst du das?
Keine Antwort. Sie dreht sich weg.
Sie feiern Silvester. Stoßen mit Sekt an, schauen auf die Uhr, Martin wird von seiner Tante umarmt. Es ist laut, verlegen wie nach etwas Wichtigem. Katharina bringt Tee und ihre Kuchen.
Die Gäste gehen kurz nach Mitternacht.
Martin spült, Katharina räumt ab. Frau Vogt verschwindet ins Schlafzimmer.
Stille, beide arbeiten mechanisch. Dann trocknet Martin die Hände ab, setzt sich.
Katharina, wir müssen reden. Ernsthaft.
Ich weiß.
Ich habe eine Wohnung gemietet. Seit drei Tagen. Ich wollte schon länger, habe es nie getan. Jetzt ist der Punkt erreicht.
Katharina sieht ihn an.
Warum ausgerechnet vor drei Tagen? Was war?
Er schweigt.
Ich habe gesehen, dass du nachts backst. Habe nichts gesagt, bin ins Bett. Doch mir wurde klar: Du bist immer auf der Hut, bereit für den nächsten Angriff. Wie lange kämpfst du schon allein?
Seine Stimme ist ruhig, fast reumütig.
Du hast mich nicht verteidigt, sagt Katharina. Ohne Vorwurf.
Nein. Ich war feige.
Nein. Du hast einfach mehr Angst vor ihr gehabt, als vor dem, was aus uns wird.
Er widerspricht nicht.
Ab Februar ist die Wohnung frei. Zwei Zimmer, ganz leer noch.
Gut.
Bist du sauer?
Sie sieht sein müdes Gesicht, die Falte auf der Stirn, die erst in diesem Winter gekommen ist.
Ich weiß nicht, was ich fühle. Frag mich nächstes Jahr.
Er nickt, steht auf, umarmt sie vorsichtig.
Sie denkt: Glück sieht nicht so aus wie im Film, nie wie Rosen oder Küsse. Es ist vielleicht so: Man steht nachts in der Küche, riecht nach Spülmittel und Kuchen, und zum ersten Mal spürt man, dass der andere bereit ist, erwachsen zu werden.
Am Morgen des ersten Januar, Martin schläft noch, geht Katharina in den verschneiten Hof. Alles ist weiß, frisch, als hätte jemand neu begonnen. Frau Stein streut Brot für die Vögel.
Frohes neues Jahr, sagt Katharina.
Dir auch, Kind. Wie wars?
Durchwachsen.
Dann wars normal. Schlimm wärs, wenn alles glatt läuft.
Katharina lächelt.
Darf ich was fragen? Sie kennen Frau Vogt schon lange. War sie immer so?
Frau Stein sammelt Krümel ein, denkt nach.
Nicht immer. Früher war sie lebendig. Dann, als der Mann weg war … ist in ihr was zugeklappt. Sie fühlte sich ausgetrickst vom Schicksal und hat beschlossen: Keiner trickst mich je wieder aus. Also kontrolliert sie alles. Haus. Ordnung. Sohn.
Und Martin?
Der liebt sie. Er weiß, was sie auf sich nimmt. Mitleid hält fester als jede Kette. Er blieb aus Mitleid, nicht Angst falls du das dachtest.
Katharina sieht auf den Schnee.
Ich merke gerade, was mich in diesen Monaten angetrieben hat. Es war weniger Angst vor ihr … als vor dem Verlust von Martin. Das hat mich bestimmt.
Und jetzt?
Jetzt bin ich einfach müde zu fürchten.
Frau Stein nickt und wirft die letzten Krümel aus. Spatzen flattern wild.
Wer nicht mehr fürchtet, ist erwachsen.
Sie stehen noch eine Weile. Dann geht Katharina zurück ins Haus.
Frau Vogt sitzt am Tisch, vor ihr eine leere Tasse, eine ausgebreitete, unbeachtete Zeitung. Sie starrt einfach nur aus dem Fenster.
Katharina gießt sich Tee ein, setzt sich dazu. Sie schweigen. Draußen schwatzen die Vögel.
Frau Vogt, sagt Katharina, wir ziehen im Februar aus.
Die Schwiegermutter bleibt reglos.
Martin hat eine Wohnung. Wir wollen unser eigenes Leben.
Seine Entscheidung?
Unsere.
Sie lässt sich Zeit mit der Antwort.
Verstehe, sagt sie dann.
Mehr nicht. Sie steht langsam auf, spült ihre Tasse, verschwindet im Schlafzimmer. Die Tür fällt leise zu.
Die folgenden vier Wochen verlaufen erstaunlich ruhig. Keine Hinweise mehr, keine Kommentare. Frau Vogt spricht wenig, läuft oft stumm durchs Haus, brüht ihren Tee, sieht abends fern. Manchmal spürt Katharina ihren Blick, forschend, manchmal auch hilflos.
Martin spricht hin und wieder mit seiner Mutter, keine lauten Worte, keine Vorwürfe. Katharina hört nicht hin.
Einmal sehen sie zusammen einen Film und allein dieses gewöhnliche, wortlose Nebeneinander ist für Katharina ein kleines Wunder.
Der Umzug steht für den zweiten Februar fest.
Katharina hat wenig zu packen: Taschen, Kisten, fast nur das, was sie einst mitgebracht hatte. Martin schleppt Bücher, Werkzeug, Sachen zum Auto. Frau Vogt bleibt im Wohnzimmer.
Als alles verstaut ist, geht Martin noch einmal zu ihr.
Mama, wir fahren jetzt. Ich rufe dich heute Abend an.
Stille.
Mama?
Fahr nur, sagt sie tonlos.
Er zögert kurz, gibt ihr einen Kuss auf den Scheitel. Sie regt sich nicht, ihre Hand am Sessel ist ganz fest.
Katharina steht an der Tür.
Auf Wiedersehen, Frau Vogt.
Endlich schaut die Schwiegermutter sie an. Lange. Irgendwas Unlesbares im Blick.
Auf Wiedersehen, sagt sie. Nur das.
Sie gehen hinaus. Der Kombi steht am Gartenzaun, vollgepackt. Katharina wirft einen letzten Blick aufs Haus: Ziegelrot, Gardinen im rechten Winkel, ein Schatten in einem Fenster.
Sie denkt an diese Frau, die ihr Leben lang Sauberkeit und Einsamkeit für Ordnung hielt. Ohne Hass, aber auch ohne Mitleid.
Martin startet den Motor. Der Frost malt weiße Wolken aus dem Auspuff.
Und? fragt er.
Lass uns fahren, antwortet Katharina.
Der Wagen rollt, das Haus wird kleiner, verschwindet hinter der Straße. Sie schaut nach vorn, auf die verschneite Allee.
Sie schweigen erst, zehn Minuten; dann sagt Martin:
Wir brauchen ein neues Bett. Das in der Wohnung ist Schrott.
Kaufen wir.
Und Vorhänge. Da sind nackte Gardinenstangen.
Die such ich aus.
Kannst du das?
Sie lächelt ihn an.
Ich brings mir bei.
Zum ersten Mal seit Langem lächelt er zurück.
Die neue Wohnung riecht nach frischer Farbe und Holz. Leere Zimmer hallen von Schritten wider, Kisten an der Wand. Draußen ein ganz normaler Februarhof: Autos, kahle Bäume, jemand trägt Tüten vom Markt.
Katharina geht durch die Wohnung, schaut in die Küche, ins Bad, bleibt am Fenster stehen und blickt auf den Hof.
Sie fühlt nichts Besonderes. Keine Freude, keine Erleichterung. Nur Stille. Eine leere Stille, bereit, gefüllt zu werden.
Martin kommt, stellt eine Kiste ab.
Na, wie gefällts dir?
Sie schweigt einen Moment.
Frag mich in einem Jahr.




