Die Jubiläumstorte setzt das krönende Ende!

Der Kuchen zum Jubiläum hat den Schlussstrich gezogen.

Waltraud Peters richtete mit zitternden Händen die Serviette unter die Blumenvasen, warf einen Blick auf die Uhr und seufzte. Noch weniger als eine Stunde bis zum Eintreffen der Gäste ihr 60. Geburtstag stand vor der Tür, und sie wollte, dass alles perfekt läuft.

Leni, bist du gleich fertig? rief sie aus der Küche, wo das Klirren von Geschirr zu hören war.

Ja, Mama, ich bring die Salate fertig!, rief ihre Tochter zurück. Du solltest lieber Kost prüfen, er wollte ja noch Mineralwasser holen.

Waltraud nickte und ging zum Zimmer ihres Schwiegersohns. Seit zehn Jahren lebte Kurt unter einem Dach, und sie hatte nie gelernt, seine gemächliche Art zu akzeptieren. Bei ihm hieß es immer gleich und bin gleich da. Und jetzt saß er vor dem Laptop, vertieft in etwas auf dem Bildschirm.

Kurt, du wolltest doch noch zum Laden, versuchte Waltraud, die Stimme weich, doch ein bisschen genervt.

Ja, ja, Schwiegermutter, bin gleich, murmelte er ohne aufzublicken und klickte weiter.

Die Gäste kommen gleich, drängte sie.

Keine Sorge, ich schaffe das.

Sie verließ das Zimmer und biss die Zähne zusammen. Immer das gleiche. Ohne Leni wäre sie längst zur Tür gegangen und hätte Kurt rausgeschickt. Zehn Jahre zusammen, und nichts ändert sich. Er verspricht immer, ein eigenes Heim zu sparen, doch das Ende dieser Versprechen bleibt aus. Zum Glück gibt es die kleine Enkelin, Karla, die ihr Herz erwärmt.

Oma, gibts den Kuchen? kam Karla aus dem Flur, als hätte sie Waltrauds Gedanken gelesen.

Ja, Liebling, dein Papa holt ihn von der Konditorei.

Karla runzelte die Stirn.

Und er vergisst das nicht? Gestern hat er mein Schwimmtraining verpasst, obwohl er mich absetzen wollte.

Waltraud streichelte ihr zärtlich den Kopf.

Mach dir keinen Kopf, ich erinnere ihn. Und zieh jetzt das hübsche Kleid an, das wir letzte Woche gekauft haben.

Nachdem Karla gegangen war, wandte sich Waltraud wieder an Kurt.

Kurt, vergiss den Kuchen nicht. Ich habe ihn bei Süßer Eck in der Lindenstraße bestellt.

Ja, ich habs, winkte er ab. Erst das Wasser, dann der Kuchen. Alles wird super!

Nach fünfzehn Minuten ließ Kurt endlich den Laptop beiseite, zog seine Jacke an und ging zur Tür.

Kurt, hast du das Geld für den Kuchen? rief Waltraud.

Ist das nicht schon bezahlt? fragte er.

Nee, ich habe nur die Anzahlung gemacht. Der Rest muss bei Abholung gezahlt werden.

Leni kam aus der Küche, ein Handtuch in der Hand.

Mama, meine Karte liegt auf dem Tisch, nimm sie, sonst hat Kurt gerade wieder Geldprobleme. Sie lächelte entschuldigend.

Kurt hatte immer Geldsorgen, aber Waltraud wollte keinen Streit am Geburtstag. Sie griff nach dem Geld in ihrer Geldbörse, reichte es ihm.

Nur nicht zu lange, und das Wasser nicht vergessen!

Als Kurt ging, kehrte Waltraud zum Tisch zurück. Heute sollten nicht nur Verwandte, sondern auch ehemalige Kolleginnen und Kollegen kommen. Dreißig fünf Jahre hatte sie an der Schule Russisch und Literatur unterrichtet, war dort respektiert und geschätzt worden. Jetzt, fünf Jahre nach der Pension, wollte sie nicht im Regen stehen.

Keine Sorge, Mama, alles wird gut, umarmte Leni sie.

Ich mach mir nur ein bisschen Sorgen, dass alles… würdig wird.

Du bist die beste Gastgeberin, das weiß ich.

Die Tür klingelte. Erst kamen Waltrauds Bruder Nikolaus und seine Frau Tamara.

Herzlichen Glückwunsch, Waltraud!, drückte Tamara ihr eine große Geschenkbox zu. Du siehst fabelhaft aus! Sechzig ist das neue Vierzig!

Danke, ihr Lieben, sagte Waltraud gerührt. Kommt rein, legt eure Mäntel ab.

Kurz darauf strömten weitere Gäste herein: ehemalige Kolleginnen, die Nachbarin Irma mit ihrem Mann, eine Cousine aus dem Umland. Die Wohnung füllte sich mit Lachen, Gläserklirren und herzlichen Glückwünschen. Doch Kurt kam immer noch nicht zurück.

Leni, ruf doch deinen Mann an, flüsterte Waltraud, während die Gäste sich setzten. Er dauert zu lange.

Leni schlich sich mit dem Handy weg, kam dann mit einem gezwungenen Lächeln zurück.

Er ist auf dem Weg, Mama. Im Laden gabs wohl eine lange Schlange.

Waltraud zuckte mit den Schultern. Sie kannte diese Ausreden. Sicherlich steckte er irgendwo im Telefon oder mit Freunden fest.

Na dann, lasst uns essen, sagte sie aufmunternd.

Die Tafel war ein Fest. Es gab Klassiker: Bunter Kartoffelsalat, Matjesfilet, Schweinebraten nach Art Roulade, selbstgepresste Gurken, gefüllte Paprika einfach alles, was das Herz begehrt.

Während das Essen floss, kam Leni immer wieder zu ihrer Mutter, um zu fragen, wo Kurt sei. Waltraud versuchte, die Aufmerksamkeit der Gäste zu lenken.

Erinnert ihr euch noch an unseren Betriebsausflug an die Ostsee?, lachte Tamara. Damals hast du, Leni, den Schwimmtrainer verführt!

Halt die Klappe, Tamara!, rief Leni lachend. Nikolaus ist noch eifersüchtig!

Alle lachten, und Waltraud fühlte sich ein Stück weit erleichtert. Doch plötzlich hörte man ein Klingeln an der Tür.

Leni rannte los, öffnete und kam blass zurück.

Mama, kurz was?, fragte Waltraud.

Leni flüsterte, dass ihr Schwager am Telefon nicht reagierte.

Waltraud entschuldigte sich bei den Gästen und trat in den Flur. Dort stand ein Mann mit einer großen Schachtel.

Guten Tag, ich komme von der Konditorei Süßer Eck. Sie haben den Kuchen bestellt?

Ja, haben Sie ihn nicht abgeholt? stammelte Waltraud.

Nein, wir schließen gleich, und weil er noch nicht abgeholt wurde, habe ich ihn selbst gebracht.

Ein Schwall von Erleichterung überkam Waltraud, doch gleichzeitig wuchs die Sorge um Kurt.

Wie viel schulden wir? fragte sie.

Der Mann nannte den Preis in Euro, sie zahlte und stellte den Kuchen auf die Theke.

Leni, wo ist dein Mann? fragte Waltraud.

Ich weiß es nicht, Mama. Sein Handy ist seit einer halben Stunde tot.

Waltraud atmete tief durch. Sie setzte sich wieder an den Tisch, während Leni zu den Gästen ging.

Als die Gäste weiter aßen, spürte Waltraud das Gewicht von zehn Jahren Geduld mit Kurt. Es war an der Zeit, klare Grenzen zu setzen.

Kurt kam endlich, schwankend, kaum fähig, gerade zu stehen.

Ich bin da!, rief er, fast lachend. Frohes Fest!

Ein unangenehmes Schweigen folgte. Die Augen von Leni waren kalt, voller Enttäuschung.

Kurt, flüsterte Leni, wo warst du?

Was soll’s?, zuckte er mit den Schultern und ging zur Torte. Der Kuchen ist ja da, ich habs erledigt.

Waltraud sagte mit eisiger Stimme: Der Kuchen kam von der Konditorei, weil du ihn nicht abgeholt hast.

Kurt zuckte die Schultern: Ist doch egal. Jetzt trinkt euch was!

Der Raum wurde unruhig, ein Kollege räusperte sich, Tamara packte ihre Tasche.

Plötzlich stand Waltraud auf, räusperte sich und sagte laut:

Ich danke euch allen, dass ihr hier seid. Und ich habe etwas Wichtiges zu sagen.

Alle verstummten, sogar Kurt hielt inne.

Zehn Jahre lang habe ich das Leben von Leni und Kurt in meiner Wohnung toleriert, ohne ein Wort zu sagen. Ich habe Unhöflichkeit, Verantwortungslosigkeit und Faulheit ertragen alles für meine Tochter und Enkelin. Aber heute ist mein Geburtstag, und ich mache mir selbst ein Geschenk.

Sie wandte sich zu Kurt.

Kurt, ab morgen wohnst du nicht mehr hier. Du hast 24 Stunden, um deine Sachen zu packen und woanders hinzuziehen.

Was?, stammelte er. Du hast kein Recht!

Doch, habe ich, antwortete Waltraud fest. Das ist meine Wohnung, und ich bestimme, wer hier lebt.

Leni schaute hinab, ihre Hände zitterten.

Mama, bist du sicher?

Ganz sicher, nickte Waltraud. Ich habe entschieden.

Kurt schlug wütend mit der Faust auf den Tisch, das Geschirr klang.

Ihr könnt mich doch nicht einfach so rauswerfen!

Er stand hastig auf, fast den Stuhl umstoßend, und schlurfte zur Tür. Hinter ihm krachte etwas, die Tür schloss laut.

Karla, die das Ganze beobachtet hatte, rief:

Darf ich jetzt den Kuchen haben?

Alle kicherten, die Anspannung löste sich ein wenig. Waltraud schnitt den Kuchen vorsichtig an, verbarg ihr Zittern. Sie wusste, dass das die richtige Entscheidung war.

Die Gäste gingen nach und nach, und schließlich blieben nur Waltraud, Leni und Karla zurück.

Mama, begann Leni, ich muss dir etwas sagen.

Schweig nicht, mein Kind. Ich verstehe dich.

Ich will mich von ihm trennen, aber ich hatte Angst, dass du dagegen bist.

Waltraud zog Leni in eine feste Umarmung.

Du bist nicht dumm, ich sehe, wie sehr du leidest. Karla sieht das auch. Du brauchst ein glückliches Leben, nicht nur eine formale Ehe.

Was machen wir jetzt? flüsterte Leni, die sich an die Mutter drückte wie einst.

Alles wird gut, versicherte Waltraud. Wir schaffen das zusammen.

Am Abend kam Kurt, nüchtern und still, packte seine wenigen Sachen und verließ die Wohnung. Leni hielt die Tür zu.

Vielleicht gibst du mir ja noch den Fernseher? brummte er, während er die Tasche schloss.

Auf meine Kosten, sagte Leni kühl. Geh einfach.

Nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, umarmte Waltraud ihre Tochter.

Weißt du, ich habe ein wenig Geld gespart. Es reicht für die Anzahlung einer eigenen Wohnung für dich und Karla. Den Rest könntest du über einen Kredit aufnehmen du bist doch jetzt Abteilungsleiterin, die Bank wird zustimmen.

Leni staunte.

Ernsthaft? Ich dachte, wir bleiben noch zusammen.

Wir bleiben, bis ihr ein eigenständiges Heim habt, lächelte Waltraud. Dann komme ich vorbei, trinke Tee und helfe beim Umzug.

Leni lachte zwischen Tränen.

Du bist unmöglich!

Ich will nur, dass ihr glücklich seid.

Und dieser Geburtstag ist sogar besser geworden, als ich dachte. Er markiert den Anfang von etwas Neuem.

Sie standen in der Küche, umarmten sich, und draußen ging die Sonne unter das letzte Licht eines alten Lebensabschnitts. Auf dem Tisch lag ein unberührtes Stück Kuchen mit Rosen aus Sahne und der Aufschrift Zum Geburtstag!.

Ein halbes Jahr später zogen Leni und Karla in eine kleine, aber gemütliche Zweizimmerwohnung im neuen Stadtteil. Waltraud besuchte sie oft, half beim Renovieren und gab Tipps zum Einrichten. Ein Jahr danach stand ein neuer Gast an ihrer Tür: Sergej Ivanov, ein neuer Physiklehrer an ihrer alten Schule, mit einem Strauß Gänseblümchen und Eintrittskarten für das Theater.

Man sagt, Sie lieben Chekhov, sagte er schüchtern. Im Schauspielhaus läuft gerade Der Kirschgarten.

Waltraud lächelte und lud ihn ein:

Kommen Sie rein, Herr Ivanov, ich habe gerade einen Kuchen und Tee bereit.

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Homy
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