Du bist für mich geboren

Ich habe dich für mich geboren!

Und wohin willst du denn jetzt schon wieder? Veronika Bergers Stimme klang scharf und vorwurfsvoll.

Sophia seufzte tief, während sie ihre Tasche schloss. Allein der Ton ihrer Mutter ließ ihr Herz verkrampfen er kündigte wieder einmal ein Verhör an.

Zur Arbeit, Mama, antwortete Sophia mit möglichst ruhiger Stimme.

Zu welcher Arbeit?! Veronika Bergers Stimme überschlug sich fast. Du hast heute laut Dienstplan frei! Ich erinnere mich genau! Also, wo willst du hin? Heraus mit der Sprache!

Sophia drehte sich zu ihr um. Ihre Mutter stand im Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt.

Ich soll in der Filiale einspringen. Das zusätzliche Geld kann ich gebrauchen, erklärte Sophia gelassen.

Du lügst! Die Mutter stürmte einen Schritt vor. Glaubst du, ich weiß nicht, was du vorhast? Du willst dich mit irgendeinem Kerl amüsieren! Undankbares Ding! Ich habe dich aufgezogen, mein Leben für dich gegeben, und du lügst mir dreist ins Gesicht!

Veronika Berger war jetzt vollends in Rage. Ihr Gesicht lief rot an.

Sophia sah ihr direkt in die Augen. Ihr Blick war so müde, so voller angestauter Schmerzen, dass die Mutter für einen Moment verstummte.

Du kannst ja mitkommen, wenn du mir nicht glaubst, sagte Sophia leise und ging, ohne eine Antwort abzuwarten, zur Tür hinaus.

Hinter sich hörte sie noch Geschrei, doch die Worte verlor sie im Wind.

Auf dem Weg zur Arbeit wanderten ihre Gedanken wie gefangene Vögel in einem Käfig. Vierundzwanzig Jahre. Vierundzwanzig Jahre alt, und doch fühlte sie sich wie ein zwölfjähriges Mädchen, das jeden Schritt rechtfertigen musste. Das ist nicht normal, dachte Sophia, während sie einer Pfütze auf dem Gehweg auswich. Andere Frauen in ihrem Alter lebten längst allein, machten Karriere, hatten Beziehungen. Und sie? Sie hatte nicht einmal studieren dürfen.

Die Erinnerung schmerzte. Damals hatte Sophia davon geträumt, Lehrerin zu werden. Sie hatte gelernt, die Prüfungen bestanden, sogar die Punktzahl erreicht. Doch ihre Mutter hatte einen solchen Aufstand gemacht, dass sie nachgegeben hatte.

Wozu brauchst du dieses Studium? Du wirst nur herumhuren wie diese Studentinnen! Und ich? Wer kümmert sich dann um mich? hatte Veronika Berger gebrüllt.

Und Sophia hatte aufgegeben. Wie immer.

Ihre Mutter hatte sie stattdessen in den Supermarkt um die Ecke gebracht. Fünf Minuten zu Fuß, nicht mehr. Damit ich weiß, wo du bist.

Und sie kam. Regelmäßig. Jeden Tag konnte sie plötzlich da stehen, vorgab, Brot oder Milch zu kaufen, doch in Wahrheit kontrollierte sie nur, ob ihre Tochter auch wirklich arbeitete.

Dabei hatte alles viel früher begonnen. Sophia erinnerte sich an ihre Teenagerjahre. Von der Schule nach Hause streng nach Zeitplan. Jede Verspätung von zwei Minuten löste ein Verhör aus: Wo warst du? Mit wem? Warum bist du spät? Wollte sie mit Klassenkameraden etwas unternehmen? Skandal. Eingeladen zu einer Geburtstagsfeier? Stunde

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: