Alle meine Freundinnen haben Mütter, die scheinbar spielend auf ihre Enkel aufpassen können. Bei meiner Mutter aber ist der Gedanke, sich um ihre Enkelin zu kümmern, so abwegig wie das Laufen rückwärts durch einen Berliner Winter: Das ist dein Kind, ich habe schon meines großgezogen. Immer und immer wieder sagt sie es mir, ihre Stimme ein Echo durch die endlosen Flure meiner Träume. Meine Tochter heißt Klara, sie ist fünf und besucht den Kindergarten. Vor zwei Jahren, nach dem Elternzeit-Taumel, musste ich zurück in die Schule ich bin Grundschullehrerin, das heißt, ich kann mir selten freinehmen. In solchen Fällen wäre es wie ein warmer Kakao, wenn meine Mutter einfach da wäre.
Ich verliere mich oft in der Zeit, besonders im Winter, wenn unser Schrebergarten im Schlaf liegt. Meine Mutter sitzt den ganzen Tag zu Hause, schaut ARD-Talkshows, ihre Finger tanzen über die Tasten des Festnetztelefons mit ihren Freundinnen. Sonst hat sie wenig zu tun, ihr Alltag wirkt wie eine graue, endlose Tapete. Letzte Woche führte der Weg mich mit Klara zum Augenarzt. Die Ärztin sagte, Klara brauche zehn Tage lang eine Behandlung in der Kinderklinik. Wir müssten Klara jeden Morgen dorthin bringen und sie mittags um 13 Uhr direkt vom Kindergarten abholen. Alles liegt so nah beieinander: Kita, Klinik, Mamas Plattenbau.
Klara ist ein freundliches Kind, das weiß meine Mutter auch. Kein Gezeter, kein wildes Durcheinander, sie isst, was es gibt und stellt keine sonderbaren Fragen. Trotzdem als wäre ein Knoten in ihrer Brust will meine Mutter nichts mit Klara zu tun haben. An einem besonders nebligen Donnerstag, als mein Mann und ich beide arbeiten mussten, hoffte ich im Traum, sie würde einspringen.
Wie schön wäre es, dachte ich, fliegende Uhren um mich kreisend, wenn meine Mutter einfach für ein paar Tage zu uns käme, doch es bleibt beim Wunschtraum. Zum Glück wohnt meine Oma Marie gleich nebenan; wie aus Watte gemacht, sitzt sie oft am Fenster und betrachtet die Tauben. Es wäre logisch, sie um Hilfe zu bitten, denn sie kostet nichts, wohnt nahe, ersparte mir und meinem Mann viel Herzklopfen.
Seitdem meine Mutter in Rente ist, unterstütze ich sie man kann fast sagen, ich überweise ihr regelmäßig Euro auf ihr Konto, bezahle die Miete pünktlich zweimal im Monat. Beim Einkaufen nehmen wir sie mit und sie besteht darauf, alles zu zahlen eine seltsame Umkehr der Dinge. Zu jedem Feiertag schenke ich ihr teure Präsente, als könnten goldene Verpackungen Liebe beweisen. Für meine Mutter scheint all das selbstverständlich, als wäre ich verpflichtet, sie satt und ihr Zuhause warm zu halten. Sie sagt, das sei eben der Lauf der Dinge, ein unausgesprochener Vertrag zwischen Mutter und Tochter.
Aber warum nur, frage ich mich zwischen flatternden Vogelstimmen und weichen Kissen, ist meine Tochter dann einzig meine Angelegenheit, als trüge ich sie wie einen unsichtbaren Rucksack durchs Leben? Offenbar haben Omas hierzulande keinen Auftrag mehr, ihre Enkel zu behüten und dennoch gibt es sie, diese helfenden Hände.
Findet ihr das gerecht? Es tut weh, diese scharfe Kälte, obwohl ich so viel für meine Mutter tue, scheint sie blind zu sein für meine Mühe, als stünde sie im Nebel auf dem Alexanderplatz und winkte einem Zug nach, der längst nicht mehr fährt.





