Das fremde Ideal

Fremdes Ideal

Ursula Gertrud stürmte so plötzlich ins Zimmer, dass der Saum ihres Hausmantels in die Höhe wirbelte wie ein Segel vor dem Wind. Sie blieb ruckartig an der Tür stehen, stemmte die Hände in die Hüften und musterte ihre Enkelin mit einem Blick, der keinerlei Verständnis erkennen ließ. Marlene saß am Schreibtisch, hatte die Stirn in die Hand gestützt und betrachtete konzentriert den Bildschirm.

Sitzt du hier etwa wieder nur rum? Großmutters Stimme war schneidend. Deine Stunde im Ballettstudio fängt in einer halben Stunde an!

Marlene hob langsam den Kopf. In ihrem Blick lag eine tiefe Erschöpfung, dunkle Schatten zogen sich unter den Augen. Sie bemühte sich um Fassung, doch ihre Stimme zitterte:

Oma, es geht mir wirklich nicht gut. Ich hab schon im Studio Bescheid gesagt, dass ich heute nicht komme.

Ursula Gertrud erstarrte für einen Moment, als könne sie gerade nicht glauben, was sie da hörte. Ihre Lippen wurden zu einem schmalen Strich, die Nasenflügel bebten leicht. Dann fuhr sie scharf aus:

Wer hat dir das erlaubt? Ich habe dir gesagt: Du gehst also gehst du! Kaum heißt es Ballett, wird einem angeblich schlecht. Aber stundenlang vor dem Computer sitzen, das funktioniert bestens!

Marlene umklammerte unwillkürlich die Schreibtischkante. Sie wusste nur zu gut, dass Ballett für die Großmutter mehr war als ein Hobby. Es war Prinzip Disziplin, Durchhaltevermögen und Pflichtbewusstsein. Heute aber ging es Marlene wirklich schlecht: Sie hatte Schwindel, Bauchschmerzen und ihr war leicht übel.

Sie atmete tief durch, sammelte sich und antwortete leise, aber bestimmt:

Ich schreibe ein Referat für Geschichte. Das muss ich morgen abgeben.

Spannung lag in der Luft. Marlene schaute ihre Großmutter flehend an, in der Hoffnung, dass sie Verständnis zeigen, vielleicht sogar nach ihrem Befinden fragen und sie zum Arzt fahren würde.

Doch Ursula Gertrud trat ans Pult und schaltete, ohne ein weiteres Wort zu wechseln, den Computer mit einem entschlossenen Knopfdruck aus. Der Bildschirm wurde augenblicklich schwarz keine Chance, an der Arbeit weiterzuschreiben.

Marlene zuckte zusammen, als hätte sie einen Schlag bekommen. Ihr Blick schnellte zum schwarzen Monitor, als hoffte sie, das Bild würde doch zurückkehren. Die Hände ballten sich zu Fäusten, und die Lippen zitterten vor aufsteigender Empörung. Zwei Stunden konzentrierte Arbeit der sorgsam verfasste Text, das Zusammensuchen der Informationen, das Achten auf Formulierungen alles in einer Sekunde verloren!

Ich habe doch nicht gespeichert Marlenes Stimme brach ab, ihr Schmerz klang unverfälscht. Zwei Stunden umsonst getippt!

Sie blickte zur Großmutter, Tränen glitzerten in ihren Augen. In diesem Moment war sie völlig hilflos wie ein kleines Tier, das in die Enge getrieben wurde.

Ursula Gertrud zuckte nicht einmal mit der Wimper. Ihre Miene blieb hart, die Stimme eiskalt:

Nun zieh dich endlich an, hab ich gesagt!

Marlene presste die Finger noch fester auf die Schreibtischkante und kämpfte gegen die Tränen. Zu widersprechen war zwecklos, das wusste sie. Großmutter setzte immer ihren Willen durch, ganz gleich, wie andere sich dabei fühlten. Marlenes Alltag bestand aus Forderungen, Vorwürfen und strikten Regeln. Sie spürte, wie sich in ihr allmählich eine bittere Mischung aus Zorn und Resignation anstaute.

Ganz der Mutter, fuhr Ursula Gertrud fort, mit einem Ton, in dem alter Groll lag. Die hat auch immer nur vor dem Bildschirm gehockt! Und wohin das geführt hat? Wo ist sie jetzt?

Sie schüttelte heftig den Kopf, als wolle sie unangenehme Erinnerungen vertreiben. Ihre Tochter war für sie ein wunder Punkt, ein Makel in ihrem erzieherischen Selbstverständnis. Damals war Ursula Gertrud noch nachgiebiger, weicher gewesen und das, so fand sie heute, war der größte Fehler gewesen. Die Tochter war fort und Marlene blieb bei der Großmutter zurück.

Ursula Gertrud war schon früh mit der kleinen Thea alleine gewesen, sie musste jeden Pfennig selbst verdienen. Die Tage waren ein einziger Trott aus Frühschicht, Nebenjobs, Berichten und Meetings geworden. Zeit für Gespräche, Spaziergänge oder stille Abende mit einem Buch gab es kaum.

Thea wuchs mehr oder weniger sich selbst überlassen auf. Im Kindergarten nannten sie sie das unsichtbare Mädchen, sie verbrachte Stunden lesend in einer Ecke oder malte kryptische Bilder, ohne je Anschluss zu finden. Auch in der Schule blieb sie unauffällig: Die Lehrer beklagten, sie schwebe ständig in anderen Sphären und verweigere sich jeglicher Anleitung.

Je älter Thea wurde, desto hartnäckiger verweigerte sie jedes nützliche Hobby. Ballett? Zu anstrengend, bringt doch nichts! Musikschule? Ich habe kein Gehör, das Klavier versperrt das halbe Zimmer. Kunst? Ich kanns nicht und wills nicht. Sogar zu den AGs, zu denen Ursula Gertrud sie anmelden wollte, erschien sie nach wenigen Terminen nicht mehr Zeitverschwendung.

Die freie Zeit verbrachte Thea schließlich am Computer: erst Spiele, danach Foren, Chats, stundenlange Diskussionen mit Fremden. Versuchte Ursula Gertrud, das einzuschränken, gab es Streit Thea knallte die Tür, schloss sich ein und zeigte sich teils stundenlang nicht mehr.

Sie ist einfach faul!, dachte Ursula Gertrud, Keine Ambitionen, keine Ziele. Nur vor diesem verdammten Kasten sitzen.

Sie verstand wirklich nicht, warum Thea sich nicht entwickeln wollte. In ihrer Vorstellung strebte ein Mädchen nach Erfolgen, sammelte Urkunden, plante eine Karriere. Aber Thea machte aus Prinzip das Gegenteil.

Mit achtzehn kündigte Thea der Mutter, sie wolle heiraten. Nicht etwa einen ordentlichen jungen Mann, sondern den Nachbarsjungen Jonas, einen Automechaniker, der von einer eigenen Werkstatt träumte.

Ursula Gertrud wurde fassungslos:

Weißt du überhaupt, was du da tust?! Das ist doch kein Mann, sondern eine schlechte Entscheidung!

Doch Thea zuckte nur mit den Schultern:

Mit ihm bin ich glücklich. Deine Perspektiven brauche ich nicht.

Kurz darauf die nächste Nachricht: Thea verließ die Uni. Jene Uni, für die Ursula Gertrud Empfehlungen eingeworben, Dozenten überredet hatte.

Ich will keine Ökonomin werden, erklärte Thea ruhig, das interessiert mich einfach nicht.

Stattdessen arbeitete Thea in einer kleinen Webdesign-Firma. Kaum Geld, keine Perspektive, und der Name der Firma so nichtssagend, dass Ursula ihn Bekannten gegenüber stets verschwieg.

Da hat mein Nachgeben sie ruiniert, dachte sie bitter, ich habe sie verloren. Völlig verloren.

Doch bei Marlene wollte sie ähnliche Fehler unter keinen Umständen wiederholen! Aus ihr sollte etwas werden: Diszipliniert, pflichtbewusst, zielstrebig. Keine leeren Träumereien, kein nutzloses Herumsitzen am Computer. Ordentliche Regeln, ein geregeltes Leben, eine klare Zukunft!

Marlene richtete sich abrupt auf, Empörung blitzte in ihren Augen. Sie ertrug es nicht, wenn jemand abfällig über ihre Mutter sprach. Für Marlene war die Mutter mehr als nur Elternteil sie war ein Vorbild, ein Grund zum Stolz, ein Mensch, der trotz aller Widerstände viel erreicht hatte.

Mama war eine ausgezeichnete Programmiererin! stieß Marlene hervor; ihre Stimme zitterte vor unterdrückter Wut. Sie hatte eigene Projekte, sie wurde auf der Arbeit respektiert, sie sie hätte noch so viel erreichen können!

Die Worte drängten heraus, als hätte Marlene sie jahrelang in sich eingeschlossen.

Und sie ist nicht schuld, fuhr sie aufgebracht fort, dass ein Autofahrer die Kontrolle verloren hat und in den Gegenverkehr krachte! Das war einfach nur ein grausamer Zufall!

Nach diesen Sätzen war es still. Marlene atmete schwer, die Großmutter stand schweigend am Fenster, blickte hinaus.

Wenn sie damals auf mich gehört hätte, sagte Ursula Gertrud in kaltem Ton, hätte sie einen Mann aus unserem Kreis geheiratet. Wäre zu Hause geblieben und hätte sich um die Familie gekümmert. Dann wäre das alles nicht passiert.

Marlene verkrampfte innerlich. Diese Sätze trafen sie schlimmer als jeder Tadel. Wieder drehte sich alles um eines: Hätte Thea nur getan, was verlangt war, dann wäre alles anders.

Du verstehst das nicht! rief Marlene, bitter Mama wollte nie zu Hause sitzen! Sie liebte ihre Arbeit, das Entwickeln neuer Programme, die Gespräche mit Kollegen, das Gefühl, zu helfen!

Ursula Gertrud schüttelte nur den Kopf, als hörte sie ein Kind das Leben erklären.

Glück besteht aus Stabilität, sagte sie mit Nachdruck. Wenn jeder Tag berechenbar ist, man Familie, Wohnung, Fundament hat. Alles andere sie deutete auf das Regal mit Trophäen und Diplomen ist nichtig. Und der Mann deiner Mutter war sowieso eine Fehlbesetzung

Marlene schob ihren Stuhl so energisch zurück, dass er über das Parkett kratzte. Sie hörte längst nicht mehr zu, in ihr brodelten Wut und Zorn, die Worte sprudelten:

Mein Papa ist toll! Wenn er zurückkommt, nimmt er mich zu sich!

Sie sagte das weniger für die Großmutter als für sich als Mantra, um durchzuhalten. Vor ihrem inneren Auge tauchte sofort Papas warmes Lächeln auf, seine starken Arme, seine ruhige Stimme. Bei ihm musste sie sich nicht rechtfertigen.

Marlene wollte nur noch raus aus der stickigen Wohnung, jeder Winkel hier roch nach Streit und Kontrolle.

Schade, dass Papas Vertrag noch drei Monate läuft! dachte sie, während sie die Jacke anzog. Natürlich hat Oma ihn wieder überredet, mich hier zu lassen

Sie erinnerte sich an die Flüstergespräche im Nebenzimmer:

Lass sie die Schule zu Ende machen! Ein Umzug ist für ein Mädchen zu viel

Marlene wusste genau, dass die Entscheidung gegen ihren Willen gefallen war Oma hatte das wieder eingefädelt.

Ursula Gertrud stand in der Tür und beobachtete Marlenes hektische Suche nach Tasche und Tanzschuhen. Es lag ein zufriedenes Lächeln um ihren Mund es lief alles wie geplant. Diskutieren war zwecklos: Marlene tobte schon vor Wut.

Glaub nicht, dass dein Vater dich will, klinkte sich Ursula Gertrud trocken ein Der kümmert sich ja lieber um sein eigenes Leben. Du wirst schon noch lernen, auf mich zu hören mindestens bis du volljährig bist.

Das traf Marlene wie eine Ohrfeige. Für einen Moment hielt sie inne, ballte die Faust um die Spitzenschuhe, dann schüttelte sie sich und setzte die Mütze auf. Nicht nachgeben. Raus, jetzt!

Ohne eine Antwort abzuwarten, wurde Ursula Gertruds Stimme nun sanfter fast fürsorglich:

Ich frage Herrn Meier, dass er dich mit dem Auto rüberbringt. Beeil dich.

Das war kein Angebot, sondern ein Befehl. Marlene nickte, ohne aufzusehen, band sich die Haare zu einem festen Pferdeschwanz, griff zur Tasche und verschwand. Im Brustkorb ein Kloß, aber sie war entschlossen: Lieber Ballettunterricht, als hierbleiben. Wenigstens dort konnte sie für zwei Stunden alles vergessen

********************

Marlene öffnete vorsichtig die schwere Tür des Ballettstudios, vom Licht geblendet, trat sie ein. Der Geruch nach Bohnerwachs und Musik lag in der Luft.

Frau Schreiber, die gerade die Übungsstangen aufstellte, bemerkte sie sofort. Sorge lag in dem Blick der Tanzpädagogin.

Marlene, du siehst gar nicht gut aus, sagte sie sanft, aber mit spürbarer Besorgnis. Sie trat näher und musterte das Gesicht des Mädchens. Was hast du denn?

Marlene ließ die Schultern sinken, zu erschöpft zum Verbergen. Sie antwortete leise:

Bauchweh.

Seit wann? Frau Schreiber legte beruhigend eine Hand auf Marlenes Schulter.

Seit gestern, murmelte Marlene und starrte auf den Boden.

Frau Schreiber runzelte die Stirn: Sie kannte Ursula Gertruds Strenge und Überzeugung, dass jedes Leiden mit ein wenig Willenskraft zu überwinden war.

Hat deine Oma das überhaupt interessiert? fragte sie vorsichtig, doch in ihr wuchs die Besorgnis.

Marlene atmete schwer und hob den Kopf, ahmte Großmutters Stimme nach:

Ach was! Du willst dich bloß vor dem Training drücken!

Der Ton der Pädagogin wurde sofort ganz sachlich, fast energisch:

Das ist kein Spaß, sagte sie entschieden. Du solltest besser ins Krankenhaus. Was, wenn es Blinddarm ist? Tuts sehr weh?

Marlene hielt sich unwillkürlich den Bauch, beugte sich leicht vor. Die Angst war spürbar, sie nickte nur und hauchte:

Ja, und mir ist übel.

Frau Schreibers Gesicht wurde ernst. Sie blickte sich um, niemand sonst war im Raum. Sie griff nach ihrem Handy.

Ich ruf besser den Notarzt, sagte sie sanft, aber bestimmt. Sicher ist sicher.

Sie wählte die Nummer, schilderte ruhig die Situation und gab die Adresse des Studios durch. Dann setzte sie sich zu Marlene auf die Bank.

Bleib sitzen, wies sie an, legte einen Trainingspulli über Marlenes Schultern. Alles wird gut.

Marlene wollte etwas erwidern, aber die Worte blieben stecken, die Kälte und Sorge bohrten sich durch ihren Körper. Frau Schreiber blieb bei ihr, hielt unablässig die Hand, stellte beruhigende Fragen. Aus choreografischem Einmaleins und Klaviermusik im Nebenraum wurde für Marlene ein fernes Rauschen die warme Hand der Lehrerin, der ruhige Zuspruch und der pochende Herzschlag standen im Vordergrund.

Als vor dem Fenster die Sirene erklang, drückte Frau Schreiber noch einmal aufmunternd Marlenes Hand.

Schau, gleich bist du in guten Händen

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Marlene wurde von einem sanften Piepen eines Monitors geweckt. Vorsichtig öffnete sie die Augen. Weiche Kissen, blassblaue Wände, das Fenster mit Blick ins Blätterdach und der Geruch nach Desinfektion. Die Erinnerungen kehrten zurück: Frau Schreiber hatte den Krankenwagen gerufen, Fahrt in der Notaufnahme, Fragen, Untersuchungen dann ein Pieks und Schlaf.

Die Tür öffnete sich. Ihr Vater, Herr Weber, trat energisch ein. Besorgnis stand in seinem Gesicht, dahinter Ursula Gertrud mit verkniffenem Mund. Der Vater kam ans Bett.

Ich nehme Marlene mit zu mir, sagte er fest. Sobald die Ärzte Entwarnung geben, kommt sie nach Hause. Da geht es ihr besser.

Ursula Gertrud schnaubte, verschränkte die Arme:

Was kannst du ihr denn bieten? Immer nur arbeiten! Dann hängt sie doch wieder mit irgendwelchen Freunden draußen rum oder hockt nonstop am Computer, wie ihre Mutter!

Herr Weber ballte die Hände in den Taschen. Mühsam rang er um die Fassung, sein Puls hämmerte in den Schläfen. Doch nun war nicht die Zeit, loszubrüllen. Er zwang sich zur Ruhe.

Wenigstens wird sie dann gesund! Seine Stimme zitterte. Sie wäre beinahe ernsthaft krank geworden!

Er machte eine Pause, atmete tief durch. Dann sah er Ursula Gertrud direkt an:

Haben Sie sich überhaupt je gefragt, was Marlene glücklich macht? Oder ob es irgendetwas gibt, das sie selbst will? Sie ist doch keine Marionette Ihrer Lebensplanung!

Ursula Gertrud hob das Kinn, ein herablassender Zug um den Mund. Sie richtete die Handtasche, so als wollte sie sich für ein Duell rüsten.

Jedes Mädchen sollte tanzen, dozierte sie das ist gut für die Haltung. Ein bisschen Musik schadet auch nicht. Aber wovon, bitte, hätten Sie Ahnung?

Sie musterte Herrn Weber, als sei er bloß ein unqualifizierter Eindringling in ihre perfekte Welt.

Guter Einfall von Thea, Sie in die Familie zu holen! setzte sie bitter hinzu.

Herr Weber fühlte, wie der Kloß im Hals wuchs. Er wusste, Ursula Gertrud hatte ihn nie akzeptiert nicht der Richtige, nicht aus gutem Hause. Aber nun ging es um Marlene.

Ihre Familie geht uns nichts mehr an, erwiderte er ruhig und bestimmt. Marlene lebt jetzt bei mir.

Jede Silbe war ein Felsblock. Er trat noch einen Schritt näher:

Versuchen Sie, sich einzumischen, bereuen Sie es, warnte er mit einem Blick, der Ursula Gertrud innehalten ließ.

Sie schluckte kurz, dann drehte sie sich abrupt auf den Absatz.

Du wirst dich noch wundern! warf sie über die Schulter und verschwand.

Herr Weber sah ihr nach. Die Anspannung fiel langsam ab. Hauptsache jetzt: Marlene klarmachen, dass ein neuer Abschnitt bevorstand. Er atmete durch und ging zu seiner Tochter ans Bett.

****************

Ursula Gertrud verließ das Krankenhaus in Eile, das Klicken ihrer Absätze hallte durch die herbstleere Allee. Der Wind blähte den Mantel, aber sie achtete kaum darauf sie musste alles tun, um nicht loszubrüllen.

Sollen sie doch sehen, was sie davon haben! dachte sie, die Finger so fest um die Handtasche geballt, dass die Knöchel weiß wurden.

Ringsum hallten die Fetzen des eben geführten Streits nach. Sergejs bestimmte Stimme: Ich nehme sie mit. Marlenes sehnsüchtiges Nicken. Und sie, Ursula Gertrud, blieb außen vor eine Frau, die doch alles gegeben hatte, um aus Marlene eine echte Dame zu machen!

Ich wollte doch nur ihr Bestes, und das dieser Gedanke brannte wie undankbare Galle.

Sie verlangsamte ihre Schritte, blieb vor einer Bank stehen, setzte sich aber nicht keine Schwäche zeigen. Stattdessen holte sie einen Taschenspiegel hervor, glättete die Frisur, strich sich über das Gesicht ein altgewohnter Trostspender.

Zweiter Versuch gescheitert, musste sie sich eingestehen. Aber noch lange nicht das Ende!

Ihre Gedanken wanderten zu dem gepflegten Kinderheim in der Nachbarschaft. Vielleicht gab es dort ein Mädchen, das sich nach Fürsorge, Tanzunterricht und gesellschaftlichem Anstand sehnte.

Jemand anderes kann meine Mühe wertschätzen, plante sie bereits. Endlich eine richtige junge Dame ausbilden, dankbar, pflegeleicht, voller Ehrgeiz!

Mit neuer Energie lief sie weiter. Ein gelbes Blatt wirbelte an ihre Schuhe, sie blickte ihm nach und marschierte entschlossen zur Bushaltestelle. In Gedanken entwickelte sie schon die nächsten Schritte. Sie war fest entschlossen: Ich werde mein Ziel erreichen. Ich muss es nur noch einmal versuchen.

***

Nach diesem Tag wurde mir noch klarer, dass es unerlässlich ist, sich selbst treu zu bleiben auch wenn andere stets meinen, besser zu wissen, was gut für einen ist. Unterdrückte Träume führen zu Bitterkeit, egal wie hart jemand versucht, ein Ideales Leben von außen aufzuprägen. Manchmal muss man alte Muster hinter sich lassen, um Platz für echte Nähe zu schaffen erst dann gibt es eine Chance auf Glück.

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Homy
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