Liebe
Im Verständnis der meisten Frauen und auch Männer im Ort, hatte sich Lieselotte Kornfeld gegenüber ihrer eigenen Schwester Johanna unmoralisch verhalten.
Die Geschichte begann so:
Die Familie Kornfeld galt als angesehen. Franz Kornfeld arbeitete sein ganzes Leben als Landwirt, Hedwig Kornfeld war Köchin an der örtlichen Grundschule.
Schon in jungen Jahren hatte Hedwig große Schwierigkeiten, schwanger zu werden. Sie besuchte verschiedene Heilpraktikerinnen, setzte auf Naturheilmittel und betete inständig. Schließlich wurde ihr Wunsch erfüllt: Sie bekam eine Tochter, Lieselotte.
Trotz des liebevollen und schönen Namens war das Mädchen äußerlich nicht wirklich hübsch. Doch für die Kornfelds zählte nur das eine ihr heiß ersehntes Kind war endlich da. Ob das Kind nun etwas schief ging, etwas humpelte oder den Kopf leicht schief hielt, ja selbst der kleine Buckel auf ihrem Rücken tat der Liebe keinen Abbruch.
Lieselotte wurde ein sanftes, häusliches Kind, das sich lieber an die Eltern hielt und als stille Träumerin nie Anschluss unter Gleichaltrigen fand.
Als sich Lieselotte dem Ende der Schulzeit näherte, geschah das große Wunder: Noch ein Kind kündigte sich an.
Johanna wurde geboren.
Im Gegensatz zur älteren Schwester wuchs Johanna als hübsches, freches Mädchen auf, immer zu einem Streich aufgelegt und ständig mit dem Stock unterwegs, um die Jungs im Hof zu scheuchen.
Lieselotte kümmerte sich rührend um die kleine Schwester. Sie investierte so viel Zeit in die Betreuung Johannas, dass sie selbst ihre beruflichen Ziele schleifen ließ. Besonders clever war Lieselotte nie, weshalb ihre Eltern keine Eile sahen, sie für irgendeinen kaufmännischen Beruf nach München zu schicken.
Später lernte sie schließlich doch noch Köchin und Konditorin, weigerte sich aber, den Beruf auszuüben zu viel Verantwortung! Zurück im Dorf fand die Mutter für sie einen Job bei der Post: Briefe austragen.
***
Die Jahre vergingen wie im Flug und eines Tages wurde aus Johanna selbst eine Studentin.
Inzwischen lebte Lieselotte im eigenen kleinen Holzhaus hinter dem elterlichen Grundstück. Die Eltern halfen ihr beim Einrichten. Es wurde richtig gemütlich.
Niemals hätte Lieselotte das Dorf verlassen. “Hier ist meine Heimat, hier will ich bleiben”, erklärte sie den Eltern.
Doch mit dem Heiraten wollte es nicht klappen im Dorf gab es nicht den passenden Mann für sie. Außerdem hatte sie sich selbst längst aufgegeben, wie alle glaubten. (Aber das war zu früh…)
***
Gleich am ersten Wochenende kam Johanna nicht allein aus der Stadt nach Hause, sondern brachte erst eine Freundin, dann, nach ein paar Wochen, einen jungen Mann mit.
Die Kornfelds waren entsetzt.
“Wer ist das?”, fragte die Mutter streng.
“Mama, Papa, das ist mein Freund. Aber keine Sorge, wir sind nur Freunde! Wirklich!”
“Johanna!”, schimpfte die Mutter. “Wir haben dich zum Studieren nach Regensburg geschickt, nicht zum Männerfangen! Lass das gefälligst!”
“Er wohnt im Studentenwohnheim”, verteidigte Johanna ihren Gast, “und ich koche für ihn, damit er nicht immer Fertigsuppe essen muss. Dafür hilft er mir beim Lernen.”
Die Mutter musterte den jungen Mann skeptisch: etwa dreißig, unrasierte Wangen, abgewetztes T-Shirt, kaputte Turnschuhe. Am liebsten hätte Franz den Mann gleich wieder zur Bushaltestelle geschickt.
“Du kannst bleiben, Tochter, aber er nicht”, beschied Hedwig trocken.
“Und wo soll er dann hin?”, protestierte Johanna.
“Zurück nach Regensburg! Soll er eine Mitfahrgelegenheit suchen.”
Der junge Mann, Dominik, tat so, als störe ihn nichts. Er blinzelte in die Sonne und seufzte: “Ich weiß gar nicht mehr, wo die Bushaltestelle liegt.”
“Ich bring dich hin!”, rief Johanna und führte ihn anstatt zur Haltestelle kurzerhand in das Haus der Schwester.
***
Lieselotte staunte nicht schlecht über die unerwarteten Gäste. Im Umgang mit Fremden war sie ohnehin sehr zurückhaltend; sie wurde rot vor Verlegenheit, senkte den Kopf.
“Bitte, Liese, du musst ihn doch nicht auf der Straße schlafen lassen! Bis morgen früh geht kein Bus!”, flehte Johanna. “Er bleibt nur für diese eine Nacht, sag es bloß nicht den Eltern!”
Wer konnte damals ahnen, was aus dieser Nacht werden sollte?
Nach dem Mittagessen musterte Dominik das Häuschen: “Du wohnst echt alleine hier?”
“Ja. Das Haus gehört mir, einen Mann hab ich nicht”, murmelte Lieselotte.
“Wie? Keine Männer hier im Dorf?”
Die Frage ließ ihr das Blut in den Kopf schießen. Sie wich Dominik aus, blieb den Rest des Tages draußen und bereitete dann ein Abendessen.
Als sie ihm schließlich das Gästezimmer herrichtete, wollte sie nur noch fortlaufen und das Haus abschließen, um früh morgens wiederzukehren.
Doch als sie das Kissen aufschüttelte, legten sich plötzlich starke Arme um sie. Sie erstarrte.
“Lieselotte, hast du Angst vor mir?”, fragte Dominik mit leiser Stimme.
“Nein”, hauchte sie.
“Warum zitterst du dann so?”
Zum ersten Mal in ihrem Leben spürte sie eine solche Nähe sie wusste nicht, wie ihr geschah.
Das Bewusstsein verließ sie fast. Als sie wieder zu sich kam, sangen die Hähne, und der Morgen graute durchs Fenster.
***
Schon bald sprach das ganze bayerische Dorf Hohenwald darüber, dass Lieselotte, bisher als “alte Jungfer” und “graue Maus” tituliert, plötzlich einen jungen Bräutigam hatte. Alle tuschelten über die seltsame Verbindung zwischen der nicht schönen Frau und dem auffällig viel jüngeren Mann. Frisch gewaschen und ordentlich angezogen fiel Dominik nun erst recht auf.
“Wo hat sie den denn aufgetrieben? Die geht doch nie aus dem Haus! Was für ein Wunder!”
Die Dorfweiber lästerten: “Er ist doch keine Dreißig, sie ist fast vierzig was für ein Alterunterschied!”
Andere flüsterten böser: “Für unsere Mädels gibt’s keinen Mann, aber Lieselotte schnappt sich so einen! Das kann nicht gut gehen, das hält nie! Sie sollte den Jungen freilassen schließlich gibt es genug junge, hübsche Frauen, die ihn brauchen könnten. Wir hier hätten zum Beispiel die Bäuerin Christa, die sucht doch längst einen Mann!”
Selbst die Familie Kornfeld wusste zunächst nicht, wie Dominik ins Haus kam, bis es ihnen dämmerte: Die Jüngere, Johanna, hatte ihn hergebracht. Aber da war es längst zu spät Johanna zog sich zurück, die Mutter bemerkte, dass Lieselotte kaum noch zum Haus kam, und als sie doch mal aufkreuzte, wirkte sie verändert, mit zitternden Händen und leuchtenden Augen.
“Einen Teil trinken die vielleicht?”, raunte Hedwig dem Ehemann zu. Sie beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen und fand schließlich heraus: Dominik hauste heimlich bei Lieselotte.
Das erste Zusammentreffen zwischen Eltern und zukünftigen Schwiegersohn war peinlich: Dominik versteckte sich im Schrank, als Franz und Hedwig zu Besuch kamen.
“Nun zeig uns, wem du versteckst”, forderte der Vater.
Lieselotte stand ganz eingeschüchtert in der Ecke.
“Kind, du kannst nicht lügen, lass es”, seufzte Franz. “Na, zeig dich!”
Nachdem Dominik aus dem Schrank getreten war, fragte Franz: “Werdet ihr heiraten?”
Lieselotte senkte beschämt den Kopf, Dominik murmelte unsicher: “Ich habe kein Geld nur falls ihr eine große Hochzeit plant.”
Die Eltern blickten sich resigniert an. Besser war es wohl, die älteste Tochter zu verheiraten, als ihr Ruf weiter zu beschädigen.
Zwei Monate später gingen Lieselotte und Dominik aufs Standesamt und wurden Mann und Frau. Für Lieselotte war Dominik schon längst der wichtigste Mensch der Welt geworden.
***
Das junge Eheglück sah in etwa so aus: Dominik lag den Tag im Bett wie ein König, Lieselotte kochte für ihn, strickte für ihn, umsorgte ihn.
Nach der Hochzeit kam der Vater nach einer Woche höflich vorbei: “Dominik, hilf mir doch beim Holz hacken!”
“Holz? Ich kann das nicht.”
“Das kann man lernen!”, lachte Franz.
Dominik zog ein Gesicht, wollte nur ungern raus, doch Lieselotte packte ihm die Arbeitsklamotten, gab ihm einen freundlichen Kuss, und ab ging es mit dem Schwiegervater aufs Feld.
Kaum war der Mann aus dem Haus, stand die Mutter vor Lieselottes Tür: “Komm, wir fahren in die Stadt! Die Leute sagen, du läufst rum wie ein Kartoffelsack! Jetzt kaufen wir dir mal was Schickes, ein Kleid, neue Schuhe, und gehen zum Friseur du musst dich doch für deinen Mann zurecht machen!”
Bald stellte Lieselotte fest, dass ihre Mutter recht hatte: Die Frauen aus dem Dorf kamen in ihren besten Kleidern vorbei, warfen Dominik kokette Blicke zu offensichtlich wollten sie ihn ihr ausspannen.
Doch das nächste Unheil kam von der Schwester Johanna: Sie zog es vor, die Eltern nicht mehr zu besuchen, so gekränkt war sie.
“Ich bat dich, auf Dominik aufzupassen aber DAS? Das war mein Freund! Jetzt hast du keinen Mann, keine Schwester mehr!”
Und zu Dominik: “Du weißt genau, dass du nur auf das Haus aus bist!”
Lieselotte schmerzten die Worte sehr.
“Stimmt das, Dominik? Bist du nur meinetwegen hier, weil ich eine Wohnung habe?”
Dominik rang sich schließlich eine Erklärung ab: “Es ist kompliziert. Johanna ist hübsch, aber sie wollte alles auf einmal: Auto, Wohnung, Luxus. Ich konnte ihr das nicht bieten. Ich bin der Älteste von vier Kindern, meine Eltern haben nichts, und mich warf man aus der Schule. Mit Mühe halte ich mich über Wasser dann kam eben eure Gastfreundschaft, und ich konnte hierbleiben.”
Lieselotte merkte, dass Dominik sie nicht aus Liebe gewählt hatte, sondern weil sie genügsam war, ein Zuhause bot, und ihn durchfütterte. Aber er log: “Du bist meine Frau, das zählt.”
***
Im Dorf kamen Gerüchte auf: Dominik sei ein Schmarotzer, arbeite nicht, halte sich nur irgendwo, wo es warm ist.
Lieselotte hörte die bösen Worte, aber sie hatte andere Sorgen. Sie kümmerte sich um ihr eigenes Leben und zog sich zurück zu Hause fühlte sie sich mit Dominik trotzdem geborgen.
***
Die Kornfelds mussten sich daran gewöhnen, dass Lieselotte nun verheiratet war und schließlich sogar an Dominik. Immerhin, er trank nicht, schlug seine Frau nicht, das mochte man.
Doch dann verschwand Johanna plötzlich. Sie besuchte ihre Eltern monatelang nicht.
Hedwig war in Sorge und fuhr schließlich nach Regensburg, um nach der Tochter zu suchen. An der Wohnheimpforte hörte sie: “Johanna wohnt schon lange nicht mehr hier. Aber sie kommt ab und zu vorbei und sie ist schwanger. Wussten Sie das nicht?”
Mit der Hilfe von Johannas Freundinnen fand Hedwig schließlich ihre Tochter die lebte längst mit einem jungen Mann, Martin, in einer kleinen gemieteten Bude.
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Franz Kornfeld fiel bei dieser Nachricht in eine Depression. Die Töchter hatten sein Leben auf den Kopf gestellt. Nun brachte auch Johanna einen Schwiegersohn aus der Stadt: Martin.
Auch er kam arm daher, aber hatte Charme. Auf seiner Hochzeit sang und tanzte er, dass alle Spaß hatten. Die Eltern verliebten sich förmlich in ihn.
Doch das Glück hielt nicht. Johanna und Martin stritten täglich, und nach einem halben Jahr verschwand Martin den kleinen Sohn, Lukas, überließ er den Großeltern.
Johanna machte sich keine Sorgen, sondern war froh darüber. Sie ließ den Sohn bei Hedwig und Franz, kehrte in die Stadt zurück und beendete ihr Studium.
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Lukas wurde nun von allen betreut: Hedwig, Franz, Lieselotte, sogar Dominik musste Babysitten.
“Na Dominik, wieder absichtlich die Hand verdreht, damit Liese zur Heuernte muss?”, witzelte Franz.
So kontrollierte der Schwiegervater jeden Tag, dass im Hause Lieselotte alles lief.
Dominik war genervt, doch widersprechen konnte er nicht zu abhängig war er von Lieselottes Einkommen.
In wenigen Jahren wurde Dominik rundlich und bequem und immer mehr zu einem Sorgenkind.
Doch das Leben im Dorf forderte seinen Preis. Arbeit gab es genug und hielt alle auf Trab.
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Nach einem langen Tag kehrte Lieselotte erschöpft von der Heuernte zurück. Sie wollte nur noch ins Bett fallen. Doch Dominik war verschwunden. Die Nachbarin übergab ihr ein Kind und eine Nachricht von Dominik.
“Liese, du warst eine gute Frau. Dank dir habe ich wieder Kraft gefunden. Doch das hier ist nicht meine Zukunft ich gehe. Wir lassen uns scheiden, wehr dich nicht dagegen. Ich habe mir ein wenig Geld genommen, aber das habe ich mir verdient. Und noch etwas: Wäre deine Familie nicht hier, wärst du ein Schatz wert gewesen.”
Mit leerem Blick starrte Lieselotte auf den Zettel.
Sie nahm ihren Neffen, kümmerte sich um ihn, und spielte mit ihm, obwohl ihre Gedanken ständig um Dominiks Abschied kreisten.
Wie oft sie weinte, weiß nur sie allein. Erst nach Jahren konnte sie ihn innerlich loslassen.
Inzwischen war ihr eigener Sohn geboren sie nannte ihn Benjamin. Dominik erfuhr nichts davon.
Lukas, der Neffe, akzeptierte Lieselotte als Mutter.
“Es gibt keinen Grund, auf das Leben böse zu sein”, zog sie Resümee. “Dominik war ein wichtiger Mensch für mich, der mich gelehrt hat, was Liebe ist. Durch ihn bin ich Mutter geworden. Ich halte ihn nicht fest: Möge er seinen Weg gehen. Ich danke ihm, dass ich Mutter geworden bin. Jetzt bin ich zufrieden mit meinen Kindern und meiner Familie.”
***
“Ach, die Liese, die ist halt dumm”, tuschelten die Frauen im Dorf. “Hat sich einen Schmarotzer angelacht, der sie mit Kind sitzen ließ. Kein junger Mann bleibt bei einer viel älteren Frau.”
Lieselotte lächelt, hört es, zieht mit den Kindern durch die Felder. Sie ist es gewohnt, dass getratscht wird vielleicht wird sie selbst eines Tages klatschen, denn im Dorf gibt es wenig anderes zu erzählen.
Und noch immer sagen die Leute: “Und sie lächelt noch verrückt ist sie.”
***
Dominik kehrte zurück, als niemand mehr damit rechnete.
Vom Leben gezeichnet, mit kaputten Schuhen, stand er wieder vor Lieselottes Türe.
“Nimmst du mich wieder auf? Und das ist Lukas, mein Gott wie der gewachsen ist!”
Lieselotte brachte die Kinder in die Küche zurück, schaute Dominik ernst an.
“Du bist zurück, obwohl wir alles geklärt hatten?”
“Ich will zu dir zurück.”
“Was ist mit deiner Suche nach dem Sinn des Lebens, Dominik?”
“Ach, das ist Unsinn. Zuhause ist, wo man erwartet wird, wo es warm ist.”
“Da hast du recht”, nickte Lieselotte. “Aber mein Zuhause ist eben mein Zuhause und du musst nun deins finden.”
“Was, das war’s?”, war er konsterniert. “Und deine Gefühle?”
“Gefühle sind bequem als Rechtfertigung. Aber Vertrauen ist wichtiger. Davon habe ich keines mehr für dich.”
“Und der Franz lebt immer noch?”, fragte Dominik überrascht.
Das Gespräch verlief kühl, belanglos, und Dominik merkte, dass Lieselottes Liebe vergangen war.
Er schnallte seine alte Tasche um und ging ohne einen Blick zurück.
“Melde dich, wenn du mich brauchst.”
***
“Liese ist schon komisch. Männer liegen nicht auf der Straße, hätte sie ihn doch aufnehmen können”, meinten im Dorf immer noch viele.
Doch Lieselotte lächelte wieder, ehrliche Freude im Gesicht, die Kinder an der Hand.
Und wenn das Dorf sie wunderlich fand, wusste sie nun umso mehr: Im Leben geht es nicht darum, was andere von einem denken, sondern wie man selbst mit den eigenen Entscheidungen lebt mit Herz, Stolz und einem offenen Blick für das, was bleibt.
Das Wichtigste ist: Nur, wer wirklich liebt, kann auch loslassen. Und wer seinen eigenen Weg geht, findet Frieden ganz gleich, was die anderen reden.





