Die Schwiegermutter konnte es kaum erwarten, dass ihr Großvater endlich stirbt – sie hoffte auf eine Eigentumswohnung, doch der alte Herr hatte schon lange einen eigenen Plan

Seit zehn Jahren kümmere ich mich um den Großvater meines Mannes. Mit unseren Kindern leben wir in einer Mietwohnung in München. Die Schwester meines Mannes, Frieda, wohnt damals im Apartment des Großvaters. Keiner wollte sich um ihn kümmern weder meine Schwiegermutter noch seine Enkel. Mein Leben verlief nicht besonders gut ich habe nie mein Studium abgeschlossen, da ich schwanger wurde, und eine Karriere habe ich nie wirklich aufgebaut.

Jeder Tag gleicht dem anderen. Ich balanciere zwischen der Pflege des Großvaters und der Erziehung unserer Kinder.

Meinem Mann missfällt die permanente Anspannung zu Hause, also flüchtet er sich oft in Trinkgelage mit Freunden. Für andere Frauen ist er ohnehin nicht interessant mit Kindern, ohne eigenes Heim also kehrt er immer wieder zu mir zurück. Ich habe ihm verziehen, obwohl ich ihn längst nicht mehr liebe. All das nur, damit er uns Geld für die Kinder und den alten Herrn gibt. Frieda kommt kaum zu Besuch und dann auch nur aus einem Grund: Sie will vom Großvater die Rente abstauben oder sich über ihre finanzielle Lage beklagen. Aber schlecht geht es ihr und ihrer Familie wirklich nicht. Sie zahlen keine Miete und können sich sogar Urlaube im Ausland leisten.

Vor fünf Jahren hat mir der Großvater seine Wohnung in seinem Testament hinterlassen: Du bist mir wertvoller geworden als meine ganze Familie zusammen. Mein Enkel ist ein Taugenichts, wird die Wohnung an seine Mutter oder seine Schwester weitergeben. Lass deine Kinder, meine Urenkel, hier einziehen. Das ist so etwas wie eine kleine Belohnung für deine Mühen. Damit du mir später nicht vorwirfst, dass deinetwegen dein Leben an dir vorbeigezogen ist.

Keiner in der Familie wusste davon. Als sich der Gesundheitszustand des Großvaters verschlechterte, tauchten plötzlich sowohl Tochter als auch Enkelin regelmäßig bei ihm auf. Sie merkten, worauf es hinausläuft, und demonstrierten scheinbar “Fürsorge”. Aber der Großvater war nicht dumm und durchschaut ihre Absichten.

Nach seinem Tod wurde die Erbschaft sofort diskutiert. Schwiegermutter und Frieda haben meinen Mann überredet, auf die Wohnung zu verzichten, weil Frieda ja dort wohnt. Er stimmte zu, aber niemand ahnte etwas vom Testament.

Am nächsten Tag fing mein Mann an, seine Sachen zu packen. Er erklärte mir, dass er eine andere Frau habe und eh nur bei mir gelebt habe, um auf seinen Großvater aufzupassen. Er ging und ich fühlte mich plötzlich frei. Als dann die Familie vom Testament erfuhr, begann ein richtiger Kleinkrieg mit Drohungen.

Hör gut zu, du kriegst niemals die Wohnung! Egal, wie du dich “gekümmert” hast oder wie du es geschafft hast, dass er dich als Erbin einsetzt, aber du bekommst das Apartment nicht. Du bist eine Betrügerin und wir werden es vor Gericht beweisen. Lass unseren Sohn in Ruhe mit seinen Kindern, er hat jetzt endlich eine neue, attraktive Freundin.

Weißt du, was ich gelernt habe? Ich kann es mir inzwischen leisten, euch alle für eine lange Zeit einfach rauszuwerfen. Also: verschwindet endlich!

Ihre Worte verletzen mich überhaupt nicht. Ich bin sicher, dass mein Leben jetzt normal wird. Ich habe eine Anstellung gefunden, die Kinder und ich haben endlich unser eigenes Zuhause und das ist das Wichtigste ich habe mit dieser Familie nichts mehr zu tun.

Was würdest du an meiner Stelle tun?

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Die Schwiegermutter konnte es kaum erwarten, dass ihr Großvater endlich stirbt – sie hoffte auf eine Eigentumswohnung, doch der alte Herr hatte schon lange einen eigenen Plan
Fernbedienung für Zwei Als die Uhr vier schlug, knallte die Tür so heftig, dass der alte Daunenmantel an der Garderobe schaukelte und gleich drei Leute in den Flur stolperten: zuerst der große Sascha mit Rucksack und einer Tüte Mandarinen, dann seine Frau Anna, eingepfercht zwischen Kindermantel und Brettspiel, und zum Schluss der achtjährige Leo, der schon die Strickmütze über die Augen zog und aus unerfindlichen Gründen laut brummte. „Wir sind da!“, rief Sascha in die Wohnung, ohne die Schuhe auszuziehen. Aus der Küche lugte sofort die Mutter, Frau Natalia Peters, mit einem Messer in der Hand und kariertem Schürzchen hervor. Die Wangen rosig, die Haare mit einer Klammer hochgesteckt, und auf dem Tisch hinter ihr thronte ein Berg bereits geschnittener Kartoffeln und Wurst. „Ach, meine Lieben!“ Sie klatschte das Messer auf das Brett und kam ihnen, die Hände am Schürzchen abschmierend, entgegen. „Kommt rein, zieht euch aus, macht es euch gemütlich. Nicht im Flur stehen, hier zieht’s.“ Aus dem Wohnzimmer drang die Stimme eines Ansagers und das gedämpfte Stimmengewirr einer Studiokulisse – im Fernsehen lief irgendein Nachmittagskonzert. Vater, Herr Waleri Sergejewitsch, meldete sich von dort, ohne aufzustehen: „Hallo, hallo! Ich bin hier, ich halte die Stellung am Bildschirm.“ Sascha half Leo beim Schuheausziehen und erhaschte schon einen Blick auf den vertrauten Wohnzimmeranblick: Tisch halb gedeckt, auf dem Couchtisch vor dem Sofa lag die Fernbedienung, daneben eine Schale mit Süßigkeiten, an der Wand blinkte die alte Lichterkette. Der Fernseher lief natürlich. Die Lautstärke war nicht hoch, aber das Surren blieb wie das Brummen eines Kühlschranks. Bestimmt läuft der schon den ganzen Tag, dachte Sascha und spürte das altbekannte Genervtsein, das er sich mühsam nicht anmerken ließ. „Mama, ich helfe dir“, sagte er und trug die Tüte in die Küche. „Das ist für dich. Da ist echtes Sekt drin, nicht so ein…“ Er stockte, als er die sowjetische Flasche mit goldener Etikette auf dem Tisch sah. „Na gut, dann haben wir eben zwei Sorten.“ „Ich hab schon alles gekauft“, sagte Frau Peters sanft, aber mit leisem Vorwurf. „Aber kann ruhig noch stehen bleiben – vielleicht schmeckt euer modernes ja besser. Anna, meine Liebe, zieh den Mantel aus. Ich mach grad noch Salat, dann gibt’s Tee.“ Anna lächelte und nickte, obwohl Sascha spürte, dass sie sich leicht verspannte. Auf dem Weg hierher hatten sie darüber gesprochen, dieses Jahr alles mal anders zu machen: Kein endloses Fernsehgedröhne, dafür Spiele, Musik, dass die Kinder nicht nur am Handy hängen. Doch kaum über die Schwelle, da stießen sie sogleich auf den vertrauten Geräuschteppich der ständig laufenden Sendungen. Herr Sergejewitsch hatte sich inzwischen auf seinem angestammten Platz in der Sofaecke eingerichtet, als säße er auf der Brücke eines Schiffes. Die Fernbedienung lag griffbereit, er berührte sie immer wieder, zappte durch die Programme, beinahe schon automatisch, ohne wirklich hinzusehen: Konzert, Glitzer, Moderator, wieder Konzert. Na wunderbar, dachte er mit leichter Sorge. Jetzt kommen sie gleich mit ihren Lautsprechern und Playlists. Soll ich dann etwa alles abschalten? Als gäbe es mein Silvester gar nicht mehr. Den Fernseher hatte er schon am Morgen eingeschaltet, als Frau Peters Kartoffeln schälte, und seitdem lief er durch. Herr Sergejewitsch mochte Stimmen und Musik im Raum. So war das immer gewesen. Schon als Sascha klein war, hin und her zwischen Tisch und Baum tollte, lief der Fernseher als Hintergrund, als Beweis, dass im ganzen Land Fest war. „Opa, dürfen wir Trickfilme gucken?“, polterte Leo ins Zimmer und warf den Rucksack auf den Boden. „Später, jetzt läuft ein gutes Konzert“, antwortete Herr Sergejewitsch, ohne den Blick zu heben. „Schau nur, wie die singen.“ „Aber ich mag die nicht“, brummte Leo und runzelte die Stirn. Sascha kam kurz in das Zimmer, um sich die Hände an der Jeans abzuwischen. „Papa, können wir’s abends wenigstens ein wenig leiser machen? Wir wollten mal ‚Carcassonne‘ spielen, hab ich mitgebracht.“ „Was?“ „Brettspiel, mit Karten, Burgen, Straßen. Macht Spaß.“ „Na spielt doch, euch hält doch keiner auf! Der Fernseher schreit ja nicht. Der kann ruhig weiterlaufen.“ Sascha wollte erklären, dass schon allein das ununterbrochene Gedudel störe, doch sein Blick traf den von Frau Peters, die gerade mit einem Teller Aufschnitt vorbeiging und die beiden abwartend musterte. „Esst erst mal, dann könnt ihr spielen, so viel ihr wollt. Bis Mitternacht ist noch ewig Zeit.“ Sascha kam das nicht wie ein Übermaß an Zeit vor. Er kannte das schon: Erst „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, dann Konzert, dann Bundespräsident, dann wieder Konzert – und ehe man sich’s versieht, gähnen alle und sitzen immer noch über der Spiele-Box. In der Küche roch es nach Mayonnaise, frischer Petersilie und gebratenen Zwiebeln. Auf dem Fensterbrett kühlten Kartoffelspalten für Heringssalat aus. Frau Peters schnippelte flink Gewürzgurken in die Schüssel mit anderen Zutaten. „Mama, lass uns die Hälfte vom Kartoffelsalat mal ohne Wurst machen?“, fragte Anna vorsichtig beim Hinsetzen. „Ich mag’s lieber veggie, und Leo isst auch kaum Fleisch.“ „Ohne Wurst ist das kein richtiger Salat, sondern… keine Ahnung, irgendwas anderes. Na gut, ich leg ihm was auf die Seite.“ „Super,“ atmete Anna auf. Sie mochte ihre Schwiegermutter, wirklich, aber jedes Silvester fühlte sie sich wie Gast in einem Stück, in dem die Rollen fest vergeben waren, und Sashas Mutter hielt sich an ihre Rezepte und Rituale wie an Rettungsleinen. Anna verstand es, wollte aber, dass auch ihre und Sashas Gewohnheiten ihren Platz haben. Nicht nur zu Hause, sondern auch hier. „Du wieder mit deinen Experimente“, rief Herr Sergejewitsch aus dem Wohnzimmer. „Am Ende ist wieder alles ohne Salz und Geschmack. Ich würz’s dann eben nach.“ „Wird schon passen,“ brummte Frau Peters eingeschnappt. Sascha bemerkte den Unterton und dachte, es war vielleicht doch nicht so klug von Anna, die Wurstfrage anzusprechen. Aber er erinnerte sich auch daran, wie Leo letztes Silvester das Salatbesteck weglegte und leise vor sich hin nölte, dass ihm davon übel sei, und wusste: Nein, es war richtig. Nach einer halben Stunde saßen sie alle um den Tisch. Es war noch hell draußen, keine Kerzen angezündet, der Baum leuchtete in der Ecke, der Fernseher lief leiser – ein erster stiller Kompromiss: Sascha hatte im Vorbeigehen den Ton gedrosselt und Herr Sergejewitsch tat, als merkte er nichts. „Auf unser Wiedersehen“, hob Herr Sergejewitsch das Sektglas. „Gut, dass ihr gekommen seid. Wer weiß – die Kinder werden groß…“ Er brach ab und winkte ab. „Egal. Schön, dass ihr da seid.“ Sascha spürte ein Ziehen im Inneren. Er wusste, der Vater hatte Angst, allein zu bleiben in der dreizimmerigen Wohnung mit Teppichen und Vitrine. Angst, dass eines Tages die Kinder sagen: „Wir feiern lieber mit Freunden, wir haben eigene Rituale.“ Und der Fernseher, das Konzert, der Kartoffelsalat schienen Garantien für die Behauptung, dass das Vergangene noch da ist, nichts verschwindet. „Wir auch, wirklich“, sagte Sascha. Sie stießen an, der Sekt war herb mit einem Hauch Bitterkeit. Leo griff nach Mandarinen, Anna füllte Saft nach, Frau Peters portionierte Salat. „Schaut ihr heute wieder ‚Drei Haselnüsse für Aschenbrödel‘?“ fragte Anna möglichst neutral. „Natürlich! Ohne das – kein Silvester. Fängt um neun an. Erst essen, dann Tee, dann Film.“ „Könnten wir’s dieses Jahr auslassen…? Wir kennen den doch alle fast auswendig. Vielleicht könnten wir stattdessen…“ „Du brauchst mich nicht anschauen“, unterbrach Frau Peters, auch wenn Sascha sie gar nicht ansah. „Ohne den Film weiß ich gar nicht, dass Silvester ist. Seit meiner Jugend ist der dabei. Im Krankenhaus hab ich den einmal geschaut. Erinnerst du dich, Waleri, im Flur war damals ein Fernseher.“ „Stimmt“, nickte er. Sascha spürte, wie ihm die Argumente wegschwammen, als rede er nicht bloß über einen Film, sondern begehe einen Angriff auf ihre Lebensgeschichte. „Wir können ihn gucken,“ schob Anna rasch nach. „Nur vielleicht nachher mal spielen? Ich hab das Spiel extra mitgebracht.“ „Ja, ja, wir spielen später,“ winkte Herr Sergejewitsch ab. „Habt doch alle Zeit der Welt.“ Er griff wieder zur Fernbedienung und zappte, Sascha zählte unwillkürlich die Klicks wie Uhrenschläge. Nach dem Essen wurde Leo kribbelig. „Papa, wann spielen wir denn?“ „Gleich, wir räumen erst ab.“ „Ich mach das schon alleine“, mischte sich Frau Peters ein. „Geht und spielt, ich komm später dazu.“ „Mama, wir machen das doch zusammen!“ „Du bringst mir alles durcheinander. Ich hab mein System. Geht schon mal vor!“ Das System: alles in die Spüle, Salat abdecken, Gläser extra, und sie kannte die Platzierung mit verbundenen Augen. Sascha und Anna wechselten einen Blick – helfen wäre nett, aber ein Streit in diesem Moment hätte es verschärft. „Okay, dann machen wir uns schon mal fürs Spiel fertig.“ Sie gingen ins Wohnzimmer. Herr Sergejewitsch hatte zum Start von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ gezappt. Die bekannte Melodie erklang. „Oh, jetzt wird’s spannend!“, freute sich der Vater. „Papa, wir wollten doch…“, setzte Sascha an. „Später, ich liebe den Anfang. Ihr könnt ja in der Küche spielen.“ „Da ist kaum Platz, und Mama räumt noch auf. Wir wollten eigentlich alle zusammen…“ „Wozu zusammen? Ihr spielt, ich schau, wie immer. Oder schaut einfach mit!“ Sascha atmete tief durch. Da war der Moment, vor dem er sich fürchtete. „Papa, jedes Jahr läuft’s gleich. Wir wollten… nur mal ein bisschen anders. Reden, spielen. Ohne Fernseh-Kulisse.“ „Stört dich der Fernseher? Er steht doch nur da. Ich mach leiser.“ „Der kommt nicht in den Teller, sondern in den Kopf“, platzte Sascha heraus. „Man kann einfach nicht reden, wenn immer irgendwas dröhnt.“ „Keiner dröhnt“, beleidigt nahm Herr Sergejewitsch noch lauter. Da kam Frau Peters rein, das Spannungsfeld war sofort spürbar. „Was ist los?“ „Nichts“, sagten Sascha und sein Vater fast gleichzeitig. Auf dem Bildschirm hob der Held schon das Glas in der Sauna. Sprüche, die sie alle kannten, legten sich über sie. „Wir wollen einfach spielen“, murmelte Anna. „Zusammen. Der Film geht bestimmt auch später…“ „Wir schauen den Film“, stellte Frau Peters fest. „So machen wir das immer.“ Sascha wurde wütend und schuldbewusst zugleich. Sie hören uns gar nicht, dachte er. Als wäre der Wunsch, was anders zu machen, bloß Laune. Als hätten sie das Recht auf Tradition und wir nicht. Leo stand in der Tür, drückte seinen Kuschel-Dino, schaute von Erwachsenen zum Fernseher, Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Ich will den Film nicht“, sagte er plötzlich. „Der ist langweilig.“ Pause. Der Fernseher plapperte ins Leere. „Leo, das ist kein langweiliger Film, du bist nur noch zu klein, um den zu verstehen.“ „Aber ich wollte doch spielen. Das war doch so abgemacht.“ Sascha drehte sich um und drückte im Affekt auf AUS. Die Mattscheibe wurde dunkel. Es war plötzlich still – Wasser tropfte, eine Kugel klimperte am Ast. „Sascha“, hauchte Frau Peters. „Papa“, gleichzeitig Herr Sergejewitsch. In beider Stimmen klangen Enttäuschung und Ratlosigkeit. „Wir spielen nur fünf Minuten“, setzte Sascha hastig nach. „Du bist bei mir zu Hause und machst meinen Fernseher aus. Als wär ich hier überflüssig.“ Das traf ihn härter als vermutet. „Ich wollt nicht… Nur, weil Leo…“ Leo schluchzte schon, Anna nahm ihn auf den Arm. „Ganz ruhig. Es wird alles gut.“ Frau Peters schaute Sascha an – Müdigkeit, Angst, Liebe und Sorge in einem Blick. Sie verstehen nicht, dachte sie. Der Film ist wie ein Anker; solange es ihn gibt, gibt es auch mein Früher noch. „Sascha“, sagte sie leise. „Wir sind den ganzen Tag auf den Beinen. Ich will einfach nur sitzen und meinen Film schauen. Spielt doch. Aber warum ausschalten?“ Saschas Argumente verpufften wie Spinnweben. „Weil… wenn er läuft, seid ihr nicht bei uns. Ihr seid beim Fernseher. Wir wollen MIT euch sein, nicht NUR neben euch.“ Das Wort hing im Raum. Herr Sergejewitsch schaute weg. Ich hab mein Lebenlang für dich geschafft, Fernseher angeschafft trotz wenig Geld, und jetzt…? Er dachte an die Abende in der leeren Wohnung, als nur das Gerät Stimmen bot, und seine Furcht vor der Stille. „Also gut“, sagte er plötzlich, sich selbst erstaunt. „Ihr spielt jetzt. Halbe Stunde, Stunde – dann schalten wir wieder ein. In Ordnung?“ Sascha blinzelte. „Papa…“ „Ich stör auch nicht, spiele sogar mit – nur später gucken wir dann weiter, ja?“ Frau Peters war baff, aber in seiner Stimme lag nicht Resignation, sondern der Wille, gemeinsam zu feiern und Altes zu behalten. „Okay“, meinte Anna. „Wir bauen auf dem Wohnzimmertisch auf, Fernseher bleibt aus. Wenn der Präsident kommt, gemeinsam schauen. Danach euer Film, aber leise. Wer will, spielt weiter.“ „Ich will mit Opa und Oma spielen!“, schniefte Leo – aber jetzt schon fröhlicher. Frau Peters atmete auf. Bin doch kein Unmensch, dachte sie. Fürs Kind können die Regeln auch mal lockerer werden. „Na dann her mit dem Spiel! Aber schnell erklären – sonst verlauf ich mich in euren Mini-Straßen.“ Saschas Anspannung wich langsam. Er schaltete den Fernseher auf Pause: der Held blieb mit erhobenem Glas eingefroren. „Der kann warten“, sagte er. „Andreas K. ist geduldig.“ Herr Sergejewitsch schmunzelte – der alte Witz saß. Sie legten das Spiel aus, schoben die Bonbonschale weg, Leo mischte voller Begeisterung die Kärtchen, Herr Sergejewitsch wurde plötzlich eifrig, als er bemerkte, wie viele Punkte seine Straße bringt. „Ich bin eben Stratege“, zwinkerte er. Anna lachte. Die ersten zehn Minuten waren chaotisch, doch langsam wurde es ein gemeinsames Werk, und Frau Peters ertappte sich dabei, dass sie ehrlich lachte. Später, als Leo auf die Toilette rannte, lehnt sich Sascha zu ihr: „Danke, dass du mitmachst.“ „Mach ich nicht. Ich probier nur mal – denk nicht, dass uns das nicht schwer fällt, alles zu ändern. Wir kennen den Ablauf seit Jahrzehnten.“ „Weiß ich. Aber wir brauchen auch mal unsre eigenen Sachen. Damit Leo sich später an unsere Spiele erinnert, nicht nur an Fernsehabende.“ „Wird er sowieso“, seufzte Frau Peters. „Hauptsache, wir sind zusammen.“ Gegen neun war das Spiel aus – überraschend gewann Herr Sergejewitsch, grinste und lugte zum Fernseher. „Jetzt bin ich dran!“ „Deins“, sagte Sascha. „Leg los.“ Alle setzten sich zum Fernsehen. Der Film begann, doch nun war der Kasten nicht mehr alles. Reste des Spiels lagen herum, und erstmals fühlte es sich nicht mehr so an, als sei der Bildschirm das Zentrum. Als der Bundespräsident sprach, holte Frau Peters standesgemäß Sekt und Gläser. „Schenk den Kindern Saft ein – sonst heißt’s, ich bring ihnen das Trinken bei!“ Sie standen beisammen, hörten vertraute Worte über Schwierigkeiten, Hoffnung, Zukunft – Herr Sergejewitsch schaute mehr die Familie als den Bildschirm an. Das sind sie, dachte er. Wenn es ihnen wichtig ist zu spielen, dann egal. Hauptsache, sie kommen. Als das Glockenspiel erklang, stießen sie an, Leo wünschte sicherheitshalber gleich dreimal was, weil er durcheinander war. Danach flimmerte der Fernseher wieder – aber leise, wie ein Flüstern. Der Film blieb Hintergrund statt Hauptfigur. Frau Peters saß am Sofarand, und Anna und Sascha diskutierten schon, wer die nächste Runde „Carcassonne“ anfangen dürfe. „Mama, willst du, dass wir morgen noch einmal den Film allein schauen – nur wir drei?“ „Wozu?“ „Na… du sagst, das ist DEIN Film. Lass uns daraus euer eigenes Ritual machen. Und abends wird gespielt. Dann gibts zwei Silvester für uns.“ Sie überlegte. Das klang so, als würde ihre Tradition nicht geraubt, sondern neues Gewicht bekommen. „Schauen wir morgen. Nach dem Aufstehen.“ Herr Sergejewitsch hörte es, tat aber, als schaute er den Film. Aber es wurde ihm ruhiger ums Herz. Nicht wegen des Kompromisses, sondern weil der Sohn wenigstens suchte, wie sie alle ihren Platz finden. Leo baute aus den Spielsteinen einen Turm, glücklich und konzentriert. Er wusste nicht, dass heute ein leiser Kampf um die Fernbedienung und das Recht auf das Richtige Silvester tobte. Für ihn wird dieser Abend der sein, an dem Opa überraschend gewann, Oma lachte und Mama und Papa sich nicht stritten. Gegen eins merkte Frau Peters, dass sie kaum auf den Bildschirm sah. Der Fernseher war Kulisse, aber erstmalig war ihr wichtiger, was HIER passierte. Sascha saß neben dem Vater, diskutierte die Spielregeln der nächsten Runde. Anna und Leo verstauten Sallatreste und Mandarinenschalen. Der Duft war nach Essen, Tanne und abgestandenen Sekt. „Mama, komm schon! Papa tüftelt an einem Strategieplan!“ „Komme gleich!“ Sie machte in der Küche das Licht aus, blieb sekundenlang in der Tür stehen. Der Fernseher beleuchtete die Gesichter, die Lichterkette blinkte. Das alles schien sehr heimisch. Na, soll doch. So und so – Hauptsache, sie sind hier. Sie setzte sich neben ihren Mann, der heimlich zur Seite rückte, damit sie Platz hatte. Die Fernbedienung lag zwischen ihnen – heute Symbol des Zusammenrückens, nicht des Streitens. „Na dann, zeigt mal eure Straßen.“ Das neue Jahr nahm seinen Lauf. Draußen krachte Feuerwerk, im Fernsehen liefen die Helden weiter durch vertraute Adressen. Doch im Wohnzimmer hatte sich eine eigene, kleine Landkarte gebildet: Fernsehzone, Spielzone, Küchenzone, und dazwischen kleine, feste Wege, auf denen man zueinander fand. Niemand hatte verloren oder gewonnen. Jeder war ein Stück gerückt. Und es wurde spürbar wärmer.