Lebensträume
Marlene Wilhelmine blickte misstrauisch auf ihre Schwiegertochter. Normalerweise kam Annika mit fröhlichem Lachen ins Haus, plauderte über den Alltag, fragte nach dem Befinden. Doch heute hatte sie nur leise die Schuhe ausgezogen, war in die Küche geglitten und saß nun am Tisch, starrte ins Leere und wirkte dabei wie eine Regentropfenspur auf Fensterglas. Marlene, die Annika längst durchschaute, spürte sofort: Etwas war anders, irgendetwas drückte schwer auf ihre Gedanken.
Ist was mit Johanna passiert? fragte Marlene voller Sorge, schob sich neben Annika und legte vorsichtig ihre Hand auf deren Schulter. Die Enkelin war für sie Sonne und Regen gleichermaßen; der Gedanke, ihr könnte etwas fehlen, ließ Marlene innerlich taub werden. Ist sie krank? Gab’s Ärger in der Schule? Oder quält sie jemand?
Annika hob nur müde den Blick, ein matter Versuch eines Lächelns zuckte über ihr Gesicht, doch es blieb ohne jede Wärme. Mit einer fahrigen Bewegung wischte sie sich durchs Gesicht, als wolle sie düstere Gedanken vertreiben, dann flüsterte sie:
Es geht gar nicht um Johanna, bitte, macht dir keine Sorgen Ich hab einfach Angst, meinen Job zu verlieren.
Marlene entspannte sich, als sei das Schlimmste abgewendet. Wenn mit dem Kind alles in Ordnung war, wars schon halb gerettet! Doch Annikas Aussage erschien ihr nicht weniger ernst.
Wieso denn das? Bisher liefs doch immer bestens bei dir, fragte sie zaghaft und beobachtete Annikas Gesicht wie Wolken am Sommerhimmel.
Ich soll befördert werden. Ablehnen kann ich nicht, dann feuern sie mich. Aber zustimmen kann ich auch nicht! Da zitterte schon Verzweiflung in Annikas Stimme, und die Tränen blinkerten wie Regentropfen in ihren Augen. Die neue Stelle bedeutet ständige Dienstreisen. Mit wem soll ich Johanna lassen? Sie ist doch noch klein, braucht eine Mutter!
Sie verstummte, der Blick glitt aus dem Fenster ins Ungefähre. Die Bäume draußen wirkten wie Schattenrisse. Für einen Augenblick herrschte dumpfe Stille. Marlene legte leicht die Hand auf Annikas Arm und sagte mit einer sanften, ruhigen Herzlichkeit:
Lass sie doch einfach bei mir, was spricht denn dagegen? Ich hab Rente, was soll ich sonst den ganzen Tag machen? Ich passe gern auf unsere Kleine auf.
Annika hob den Kopf, durchbohrte ihre Schwiegermutter mit einem verwunderten Blick. Irgendwie… Sie hatte Marlene nie als besonders hilfsbereit erlebt, hielt sich sonst raus und fragte immer nur höflich nach Johannas Gesundheit und kleinen Erfolgen. Weshalb bot sie es jetzt an?
Die Gedanken rotierten in Annikas Kopf, aber sie sagte nur leise:
Glauben Sie, das geht wirklich? Es wird manchmal Wochen geben, da bin ich nicht daheim.
Marlene winkte ab:
Wie ich einen Sohn großgezogen hab, schaff ich auch die Enkelin. Keine Sorge.
Annika biss sich auf die Lippe, musste sich verkneifen, gleich eine Spitze über die Erziehung ihres Ehemannes loszulassen. Andre war ihr ewiges Bild eines Mannes, der auf dem Sofa lümmelte, die Fernbedienung wie einen Talisman in der Hand und der Bildschirm sein Universum. Oder wie er mit leuchtenden Augen vorm Computer saß, während Johanna rief und das Essen im Topf erkalte. Faul, eigennützig, immer selbstsüchtig arbeitsmüde, zufrieden im Schatten der Bildschirme, die Computerwelten liebend, und ja, da war noch: das Verlangen nach Geschwindigkeit, nach Autorennen. Genau das wurde ihm zum Verhängnis…
Andre sehnte sich nach Geschwindigkeit. Jeden Freitag, nach der Arbeit, setzte er sich mit Kumpels in Verbindung und wenig später röhrten sie auf einer verlassenen Landstraße im Morgendunst rasend, als gäbe es kein Morgen. Andre warf mit quietschenden Reifen den Wagen in nasse Kurven, ließ sich von Sturm und Regen nicht beirren.
Das kitzelt doch nur den Nervenkitzel raus! lachte er, setzte seinen Helm auf.
Unfall folgte auf Unfall. Mal rutschte er in den Graben, mal schrammte er die Leitplanke. Bis auf Kratzer und blaue Flecken kam er immer heil davon, wuchs in die trügerische Sicherheit eigener Unverwundbarkeit. Meister am Steuer, Glückskind durch und durch glaubte er. Doch das Schicksal liebt keine Übermutigen. An jenem Abend, als alles wie immer begann, reichten ein einziger Fehlgriff, ein kontrollverlustener Dreher und das Schmettern von Metall. Andre prallte gegen einen Laternenmast. Hilfe kam zu spät.
Dieser Tag brannte sich in Annikas Herz wie ein Nebel aus Blei. Marlene alterte rapide, wurde blass und grau. Mit der Zeit vernarbte die Wunde; das Leben kehrte vorsichtig in alte Bahnen zurück. Manchmal fragte sich Annika: Was wäre gewesen, hätte Andre überlebt, aber als Pflegefall? Wäre sie eine treue Pflegerin geworden? Sie wusste, tief drinnen, dass sie dazu nicht bereit gewesen wäre. Vielleicht, so hart es klang, war das Ende, das kam, gnädiger als ein Leben im Schatten von Mitleid und Hilflosigkeit.
Sitzend Annika nun ihrer Schwiegermutter gegenüber, durchströmte sie plötzlich Dankbarkeit. Marlene, die schon so viel gelitten hatte, war bereit, wieder Verantwortung zu übernehmen diesmal für Johanna.
Danke Ihnen, murmelte Annika, umklammerte die Teetasse. Ich will versuchen, trotz Arbeit so viel wie möglich mit Johanna zu unternehmen.
Marlene schüttelte lächelnd den Kopf:
Mach dir keinen Kopf. Stell die Karriere auf die Beine, für alles andere sorge ich. Johanna ist doch mein Herzenskind. Denk an die Zukunft, ich wache über die Enkelin.
In dem liebevollen Ton zerschmolz Annikas letzte Sorge. Vielleicht würde doch alles gut werden?
*****
Erst lief alles wie im Traum. Johanna war die Tage über bei Marlene, abends mal kurz daheim, öfter aber auch für längere Zeit bei Oma, während Annika beruflich in der Republik unterwegs war. Die Zeit reichte nie für mehr als ein Gespräch über Hausaufgaben und ein oder zwei Ratschläge. Annika war sicher, dass Marlene alles im Griff hielt.
Doch allmählich kamen die Alarmzeichen, wie leise tropfendes Wasser. Anfangs Anrufe von Lehrern, dann Tadel im Klassenbuch: Johanna machte kaum Hausaufgaben. Die Noten fielen, Wissen wurde dünner. Schlimmer noch Johanna fehlte hin und wieder in der Schule, klagte über Unwohlsein oder vergaß schlicht.
Annika spürte die steigende Panik, jede neue Beschwerde kratzte an ihrer Selbstkontrolle. Gespräche mit der Tochter verliefen im Sand, Johanna winkte ab: Ist alles okay, Mama. Für lange Gespräche fehlte Annika ohnehin die Kraft nach endlosen Tagen.
Eines Abends, erschöpfter als sonst, beschloss sie, Marlene zur Rede zu stellen. Sie wartete, bis Johanna in ihrem Zimmer verschwunden war und wandte sich leise an die Schwiegermutter:
Marlene, bitte achten Sie darauf, dass Johanna ihre Aufgaben macht. Ich kann mir den Ärger der Lehrer langsam selbst nicht mehr anhören! Sie gestand ihre Hilflosigkeit, fast schon flehentlich. Ich schaffe einfach nicht, immer hinterher zu sein. Wenn ich heimkomme, ist es schon spät, zum Reden kaum Zeit.
Marlene legte ihr Strickzeug beiseite, zog die Augenbrauen minimal hoch und antwortete betont gelassen:
Ach, du machst dir zu viele Gedanken. Ist mit der Schule alles halb so wild! Nicht jeder muss Einser haben! Wischte mit einer Handbewegung Sorgen weg wie lästige Fliegen. Andre war auch ein mittelmäßiger Schüler, ist trotzdem ein guter Mensch geworden.
Annika erstarrte. Worte brodelten unter ihrer Zunge, schnappten nach Ausgang: Guter Mensch? Andre? Der sich nie kümmerte…? Doch sie verbiss sich. Einen Streit mit Marlene riskieren? Das wäre dumm, brächte Marlene doch womöglich dazu, sich zurückzuziehen und was dann? Annika hätte den Job verloren, Geldsorgen gehabt, alles hing am seidenen Faden.
Sie atmete leise durch, rang um Beherrschung:
Mir ist wichtig, dass Johanna den Anschluss nicht verliert. Für ihre Zukunft…
Marlene lächelte, als würde sie ein Einschlaflied singen:
Schon gut, Annika, reg dich nicht auf. Kinder wachsen daran. Die Zeit heilt alles.
Annika presste vor Frustration die Tasse so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten.
Aber bitte schauen Sie wenigstens ab und zu auf die Hausaufgaben, wiederholte sie, jedes Wort mit Bedacht. Die Prüfungen stehen bald an, es zählt jetzt.
Marlene knallte prompt die Zeitung beiseite, das Gesicht verschloss sich, Lippen zogen sich schmal zusammen:
Immer dasselbe! knurrte sie missmutig. Johanna macht sich schon, die kommt zurecht. Ich zwinge keine Kinder, über den Heften zu brüten. Sie soll lieber draußen Freunde treffen. Entwickeln muss sie sich! Die Prüfungen schafft sie schon, keine Sorge.
Ihre Stimme war hart, das Thema für sie abgeschlossen. Marlene vertiefte sich wieder in ihre Zeitung.
Annika schwieg. Noch musste sie einfach durchhalten. Was sollte sie sonst machen? Johanna nach Hause holen und riskieren, dass sie die meiste Zeit allein wäre das wäre noch schlimmer!
Sie schwor sich: Durchhalten, nur noch zwei Jahre. Dann holt sie Johanna wieder fest zu sich, richtet ihr Leben neu aus, fördert sie beim Lernen, schärft das Verantwortungsgefühl. Es wird hart, voller Reibung aber sie schafft es. Sie beide würden es schaffen!
Was für ein Traum.
*****
Zwei Jahre zogen vorüber und alles, was Annika tun konnte, war, sich einzugestehen, dass die Lage schlimmer wurde. Endlich, nach langem Kampf, hatte sie geregelte Arbeitszeiten, keine Reisen mehr, konnte ihre Tage wieder planen. Kein Grund mehr, Johanna der Oma zu überlassen.
An einem dieser Abende setzte Annika sich ihrer Tochter gegenüber, und sprach ruhig und entschieden:
Johanna, ich habe mir Gedanken gemacht… Ich kann jetzt immer für dich da sein. Ziehst du nicht lieber ganz zu mir? Die Wochenenden können wir wie früher Oma besuchen.
Johanna runzelte sofort die Stirn. Ihre Lippen wurden schmallippig, sie wich Annikas Blick aus. Doch sie widersprach nicht offen; ein schlichtes, trotziges “Okay” reichte.
Doch insgeheim wollte sie nichts ändern. Ob bei Mama oder Oma Hauptsache, Freiheit. Johanna lebte weiter, wie sie es gewohnt war: Treffen mit Freundinnen, Hausaufgaben aufschieben oder auch ganz weglassen. Oma sagte immer: Noten sind zweitrangig, es zählt nur, ein guter Mensch zu werden. Lernen? Och nö. Der Lebensweg war, wie Marlene oft sagte, ohnehin klar:
Wenn du mal einen netten Mann findest, hast du alles, was du brauchst.
Johanna ahnte nicht, wie sehr sie Annikas Sicht auf die Welt niemals teilte.
Machen wir erst die Hausaufgaben, dann kannst du alles andere tun, schlug Annika ruhig vor.
Johanna hob die Brauen, als glaubte sie, ein Kuckuck hätte gesprochen.
Mama, das ist doch Quatsch. Die Dreier reichen, ich mach mir keinen Stress.
Du willst doch deine Prüfungen bestehen, oder? Dazu musst du regelmäßig lernen.
Ach was! Oma sagt, dass im Leben andere Dinge wichtiger sind, wie Freundschaft. Und die Sonne scheint ich geh raus.
Annika starrte ihre Tochter an, erkannte plötzlich: In zwei Jahren hatte sich Johannas Sicht auf die Schule grundlegend gewandelt. Was für Annika bedeutend war, wurde für Johanna unwesentlich.
Hör zu: Erst lernen, dann Freizeit. Wir machen das ab jetzt so.
Diese Regeln gabs nie! Oma hat mich nie gezwungen!
Annika atmete durch, fest entschlossen, sich nicht einschüchtern zu lassen.
Wir leben jetzt zusammen, da gibts unsere Regeln. Hausaufgaben zuerst.
Klar, von wegen. Ich geh jetzt raus!
Im Nu griff Johanna ihre Jacke, war schon fast an der Tür, als Annika ihr die Schlüssel abnahm.
Nein, du bleibst und machst deine Aufgaben. Jetzt, bitte.
Johanna ging keinen Zentimeter zurück. Sie verschränkte die Arme und grinste herausfordernd:
Keine Chance. Meine Freundinnen warten. Du hast kein Recht, mich zu zwingen.
Annika wollte schreien, aber sie hielt sich. Sie trat einen Schritt näher, sah Johanna direkt an:
Ich habe jedes Recht. Ich bin deine Mutter.
Johanna lachte schrill, spitz, der Klang schnitt Annika wie ein Messer.
Mutter? Du? Von dir hab ich ja monatelang nichts gesehen! Alte Kuckucksmutter, die ihr Kind der Oma aufs Auge drückt. Jetzt willst du plötzlich was von mir? Lustig!
Annika wurde eiskalt. War das ihre Tochter, vierzehn Jahre alt, die noch nie gearbeitet, nie Verantwortung getragen hatte? Die nicht wusste, was es kostete, Essen auf den Tisch zu bringen?
Sie ballte die Fäuste gegen das Zittern. Groll, Enttäuschung, Ohnmacht alles mischte sich. War alles, was sie tat, am Ende nichts als Verrat?
Johanna, ihr Ton zitterte, aber sie zwang sich zur Ruhe, ich habe dich nie im Stich gelassen. Ich habe gearbeitet, damit du alles hast, war immer in Gedanken bei dir.
Ich wollte nie zu Oma! brach es aus Johanna hervor, Tränen in den Augen. Du warst immer weg! Ich wurde einfach bei der alten Frau abgeladen und du hast nur selten angerufen!
Annika schnürte die Kehle zu, Worte blieben hängen. Sie wollte erklären, doch sie brachte es nicht hervor.
Ich… ich dachte, es sei richtig so, flüsterte sie schließlich.
Johanna schnaubte, machte auf dem Absatz kehrt.
Was du immer denkst, ist mir egal. Ich geh wieder zu Oma, da hört wenigstens jemand zu.
Sie verschwand im Zimmer, knallte die Tür. Annika blieb stumm im Flur zurück, die Schlüssel in der Hand. Sie wusste: Es würde schwer werden, Kontrolle zurückzugewinnen.
Im Zimmer stopfte Johanna Sachen in den Koffer, wie im Fieber. Hemden, Bücher, Kopfhörer, alles flog hinein. Der Raum blieb ein Orkan.
Scheiß drauf ich bleib keine Minute länger! Niemand liebt mich. Ich soll nur schuften! Was soll ich putzen, was soll ich helfen ich bin doch nicht eure Magd!
Sie packte alles zusammen. Am Türgriff verharrte sie kurz, der Zweifel nagte doch nein, sie hielt daran fest. Ich bin im Recht!
Im Flur hielt Johanna einen Moment inne. Aus der Küche klirrte Geschirr, vermutlich spülte Annika. Nicht mal aufhalten will sie mich…, dachte sie bitter, zog die Tür hinter sich zu.
Annika sank auf das Sofa, wie aus den Knochen gefallen, und starrte vor sich hin. Das war unvorstellbar so hatte sie es sich nicht vorgestellt. Sie wusste, das gemeinsame Leben bedeutete Mühen, Streits, wieder und wieder. Aber dass Johanna sowas schrie, durfte nicht sein. Das Messer der Worte Kuckucksmutter schnitt noch, als Annika ihr Handy griff.
Mit zittrigen Fingern fand sie Marlenes Nummer. Nach zwei Tönen meldete sich Marlenes ruhige, fast spöttische Stimme:
Ja?
Annika schnappte nach Luft, hatte ihre Stimme kaum im Griff, aber die Worte platzten heraus, feurig und verletzt:
Marlene, was haben Sie nur mit meinem Kind gemacht? Sie hört kein Wort mehr auf mich! Hat ausgerechnet bei Ihnen Zuflucht gesucht, schimpfte, ich sei keine Mutter…
Marlene lachte leise, als habe sie das erwartet.
Lass mich raten: Kaum kommt sie heim, bist du wieder mit Schulaufgaben hinterher. Hab dir immer gesagt, lass das Kind Kind sein! Mädchen sollen Freude am Leben haben, nicht an Hausaufgaben büffeln.
Annika fing an zu zittern.
Sie… meinen… unnötig? Haben Sie überhaupt verstanden, wie wichtig Abschlussprüfungen sind? Wollen Sie die Zukunft der Tochter auch noch ruinieren? So eine Nachlässigkeit, das macht alles kaputt!
Lange war es still in der Leitung, dann Marlenes kühle, schneidende Stimme:
‘S ist mir egal! Johanna soll selbst entscheiden, bei wem sie leben will. Von dir will sie ja gar nichts wissen. Zahl einfach weiter pünktlich das Geld. Du weißt schon, sonst gibts auch bei deiner Arbeit Ärger.
Annika war wie vom Donner gerührt. Diese Drohung schnitt noch tiefer. Sie wollte protestieren, aber Marlene hatte bereits aufgelegt. Die Stille der Wohnung war schwer wie dichter Nebel. Annika blieb zurück, Herz voll Blei.
*****
Sie sah Johanna fast gar nicht mehr. Die Tochter weigerte sich, zu ihrer Mutter zu kommen und wenn, dann nur mit Verschlossenheit oder spitzen Vorwürfen.
Annika musste mit Bitterkeit akzeptieren: Sie hatte Johanna verloren, sie selbst in die Arme der Oma getrieben. Für Marlene war Johanna der Abglanz eines verlorenen Sohnes, sie verwöhnte sie, sagte: Lernen ist nebensächlich, wichtig ist Heiterkeit. Johanna sog das wie Schwammwasser auf.
Nur der Geldhahn verband noch Mutter und Tochter. Annika überwies ihr einen Betrag für kleine Ausgaben, traute sich aber nicht, diesen zu kürzen. Die restlichen Überweisungen landeten regelmäßig auf Marlenes deutschem Sparkonto.
Als der Prüfungsbescheid kam, wunderte sich Annika nicht: Johanna war durchgerasselt, in praktisch allen Fächern ungenügend.
Einmal erschien Johanna dann im Büro ihrer Mutter, unangekündigt, und platzierte sich selbstbewusst vor Annikas Schreibtisch.
Bezahle mein Studium, forderte sie, als wär’s eine Bestellung. Ich hab mir was rausgesucht, nichts Anstrengendes, easy.
Annika ließ die Akten sinken, musterte ihre Tochter, dieses trotzig-verletzte Gesicht. Ein merkwürdiger Kummer rauschte in ihr auf.
Auf keinen Fall, antwortete sie kalt. Wie oft habe ich dich gebeten, dich zusammenzureißen? Wie oft, für die Schule zu lernen? Aber du lieber Serien, Freundinnen, Spaß. Jetzt bist du für die Ernte deiner Entscheidungen selbst zuständig!
Johanna zuckte, ein kurzer Schimmer von Unsicherheit, der dann sofort im Trotz versank.
Für dich sind das doch Peanuts! wetterte sie. Nie warst du für mich da, jetzt kannst du dich wenigstens mal nützlich machen!
Annika presste die Lippen zusammen, schluckte alle Wut.
Nützlich bin ich nur, wenn ich dir Selbständigkeit beibringe. Erwachsen sein heißt, Verantwortung übernehmen. Leben ist keine Party.
Johanna sprang wütend auf.
Du bist einfach herzlos! Du hast dich nie für mich interessiert!
Annika begegnete dem Sturm gelassen, als falle mit jeder Antwort ein schwerer Stein von ihren Schultern:
Wenn du dich nur ein bisschen für mich interessiert hättest, wüsstest du, dass ich in drei Monaten in Mutterschutz gehe. Ich habe kein Geld für deine Nachlässigkeiten übrig. Verdien dir dein Studium selbst!
Johannas Gesicht erstarrte, dann schrie sie:
Bist du verrückt? Ein Bruder oder Schwester? Niemand hat dich darum gebeten! Willst mein Erbe verschenken?
Annika ließ sich nicht beirren, blickte Johanna direkt an, die Stimme wurde stählern:
Dein Erbe? Du wirst von mir keinen Cent bekommen! Alles geht an meinen Sohn. Du hast ja selbst gesagt, ich sei dir nichts wert.
Johanna wurde blass, suchte eine Erwiderung, fand keine.
Annika drehte sich zur Sekretärin:
Lydia, bitte verständige den Sicherheitsdienst.
Die Sekretärin nickte, griff zum Telefon. Der Sicherheitsmann, ein Hüne, erschien schon. Annika fuhr fort, Johanna im Blick:
Du bist groß genug. Deine Oma bewunderst du, mich willst du nicht. Aber mit 18 keinen einzigen Cent mehr von mir. Schluss!
Johanna wollte protestieren, doch aus ihrem Hals kam nur Stille. Der Sicherheitsmann blockierte die Tür. Ohne weitere Worte drehte sie sich um, verschwand.
Der Knall der Bürotür hallte durch den Raum. Annika atmete stoisch durch, die zerbrochene Kugelschreiberfeder in der Faust.
Die Sekretärin Lydia schielte zaghaft zu ihr hinüber:
Annika, alles in Ordnung?
Annika zählte innerlich bis zehn, dann nickte sie leise:
Alles gut. Wir machen weiter.
*****
Zwei Jahre später beschloss Johanna, sich ein neues Kleid zu gönnen. Sie suchte die Bank, stellte die Karte in den Automaten und erstarrte.
Null Euro. Leere.
Was soll das jetzt? Wo ist mein Geld? murmelte sie, spürte wütende Hitze.
Sie rief die Mutter an, doch das Die von Ihnen gewählte Nummer ist nicht vergeben-Band rauschte blechern.
Was für ein Zirkus… fauchte Johanna, mit dir ist wirklich alles Chaos!
Sie kannte Annikas neue Adresse nicht, diese hatte längst erneut geheiratet, einen Sohn bekommen einen weiteren, lästigen Erben! Trotz Annikas Drohung, sie bekomme nichts, hielt Johanna daran fest.
Bleibt nur der Weg in Mamas früheres Büro. Johanna fand das Gebäude, passierte den Pförtner, steuerte auf die Rezeption zu.
Guten Tag, kann ich Frau Annika Hartwig sprechen?
Leider arbeitet Frau Hartwig nicht mehr hier, lächelte die Dame höflich. Schon einige Monate nicht. Wer sind Sie denn?
Ihre Tochter… ich könnten Sie mir bitte sagen, wo… brachte Johanna hervor.
Die Dame hob entschuldigend die Schultern:
Leider dürfen wir keine privaten Daten herausgeben. Aber hier, sie überreichte ihr einen Umschlag, das wurde für Sie hinterlegt, falls Sie mal vorbeikommen.
Verwundert öffnete Johanna den schlichten, weißen Umschlag, entnahm ein gefaltetes Blatt. In sauberer Handschrift stand:
Alles Gute zum 18. Geburtstag, Tochter. Zeit, dein eigenes Leben zu leben.
Johannas Hände sanken langsam herab. Mitten im Lärm des Büros blieb sie allein, wie eine Insel im Nebel. Ein seltsam fremdes Gefühl durchströmte sie: Das wars. Keine Unterstützung mehr. Niemand mehr, der alles regeln würde. Keine Mutter mehr, nur der eigene, seltsam leere Weg.
Schweigend steckte sie das Blatt ein, drehte sich um und trat, einen Schatten hinter sich herziehend, hinaus in die deutschen Straßen.





