Die unbequeme Schwiegertochter

– Annika, hast du überhaupt meine Einkaufsliste gelesen? Ich habe sie dir doch gegeben, da steht alles genau drauf, die Stimme von Ingrid Weber klang, als spräche sie mit einem Kind. Da steht klar: Sülze aus drei Fleischsorten. Aus drei. Nicht aus zwei, nicht aus einer. Aus drei.

– Ingrid, ich habe die Liste gelesen. Aber ich wollte gerade deswegen mit dir sprechen. Der Geburtstag ist in einer Woche und ich dachte…

– Du dachtest. Die Schwiegermutter ließ das D-Wort wie einen Vorwurf im Raum stehen. Du hast gedacht, aber ich sage dir: Sülze aus drei Fleischsorten, Krautstrudel und Pilzstrudel, Forelle in Aspik, Heringssalat, Kartoffelsalat, dazu noch der Krabbensalat, gefüllte Eier, Pfannkuchen mit saurer Sahne, Ente mit Boskoop-Äpfeln, Kartoffelrouladen, Quarkauflauf, Frankfurter Kranz und Käsetorte. Das ist das Minimum, Annika. Minimum. Es kommen vierzig Leute.

Annika hielt das Telefon ans Ohr und sah aus dem Fenster. Draußen fiel nasser, grauer November-Schnee schwer und irgendwie genauso fehl am Platz wie dieses Gespräch.

– Ich habs verstanden, Ingrid. Ich rufe dich später nochmal an, ja?

– Aber nicht zu lang warten. Bis Samstag ist kaum Zeit.

Sie legte den Hörer beiseite und saß einen Moment wie gelähmt. Die Liste auf dem karierten Blatt mit Ingrids fordernder Handschrift lag genau daneben, beschwert mit dem Salzstreuer. Annika griff danach und überflog sie nochmal. Vierzehn Gerichte. Überall stand dabei: selbstgemacht, nicht vom Bäcker, wie beim letzten Mal, nur besser.

Wie beim letzten Mal. Damals war Marinas fünfter Hochzeitstag. Annika hatte drei Tage gebraucht, praktisch nicht geschlafen, die Beine versagten am zweiten Abend, die Hände platzten vor kleinen Rissen vom ständigen Spülen. Jens kam nach Hause, nahm sich was vom Herd, schaltete den Fernseher ein. Einmal fragte er, ob sie Hilfe braucht. Annika sagte Nein, und er ging wieder. Nicht böse. Einfach so.

Beim Fest probierte Ingrid die Sülze, winkte Annika heran und meinte leise: Etwas zu viel Salz. Mehr kam nicht. Die Gäste lobten, wollten Nachschlag, meinten, so guten Strudel hätten sie lange nicht gegessen. Ingrid nickte und sagte: So ist es bei uns halt Tradition. Sie erwähnte Annika kein einziges Mal.

Jetzt, am Küchentisch in der Wohnung in der Schillerstraße, wo sie mit Jens seit neunzehn Jahren wohnt, denkt Annika, dass Tradition für Ingrid etwas sehr Konkretes ist. Tradition: Die Schwiegertochter kocht. Tradition: Schwiegertochter räumt auf. Tradition: Schwiegertochter ist dankbar, überhaupt am Tisch zu sitzen.

Das Handy vibriert. Marina.

– Annika, hast du mit Mama gesprochen? Sie meint, du warst komisch am Telefon.

– Ich war ganz normal, nur ein bisschen müde.

– Na ja. Geburtstag ist in einer Woche, wir müssen langsam Zutaten holen. Ich könnte Mittwoch mitkommen und die Taschen halten. Pause. Ach nein, da hab ich Maniküre. Gehts Donnerstag?

– Marina, ich krieg das schon alleine hin.

– Gut. Aber Mama will wirklich Ente mit Boskoop-Äpfeln, nicht irgendeine andere Sorte. Boskoop gibt eben die Säure, du weißt ja.

– Weiß ich.

– Und bitte: Die Sülze klarer als beim letzten Mal. Da war sie etwas trüb.

Annika schließt die Augen. Klare Sülze aus drei Fleischsorten. Boskoop für die Ente. Zwei Torten. Vierzig Personen.

– Alles klar, Marina. Ich habs verstanden.

Sie steckt das Telefon in die Tasche und steht auf. Das Abendessen muss vorbereitet werden. Jens kommt um sieben, ist hungrig, und wenn nichts fertig ist, folgt sein langer, stiller Blick und ein leises: Hast du heute nicht gekocht? Kein Vorwurf. Nur das aufrichtige Erstaunen eines Menschen an der Haltestelle, der den Bus vermisst.

Annika öffnet den Kühlschrank. Holt Hähnchen, Zwiebeln, Karotten raus. Setzt den Topf auf. Die Bewegungen sind Routine, fast automatisch. Neunzehn Jahre die gleichen Abläufe.

Sie lernte Jens mit sechsundzwanzig kennen. Er war lebenslustig, wusste Geschichten so zu erzählen, dass alle lachten. Ingrid sagte beim ersten Treffen: Du bist tüchtig, das merkt man gleich. Annika hielt es für ein Kompliment. Später verstand sie: Tüchtig heißt: Sie widerspricht nicht.

Mit achtundzwanzig heiratete sie. Erst war alles in Ordnung. Dann kam Simon. Dann wurde Simon groß und zog zum Studium nach München. Übrig blieb dies: Wohnung, Küche, Liste mit Gerichten auf kariertem Papier.

Die Suppe kocht. Annika stellt den Herd kleiner und geht ins Wohnzimmer. Will ihre Mutter anrufen, einfach um den Klang ihrer Stimme zu hören. Aber das Handy klingelt schon.

Es ist ihre Mutter.

– Annika, die Stimme leise, aber da ist etwas, das Annika sofort in der Magengegend spürt. Kannst du vielleicht heute noch kommen?

– Ist was passiert?

– Papa gings schlecht. Der Notarzt war da. Wir sind im Krankenhaus.

Annika zieht schon die Jacke an, als sie an die Suppe denkt. Sie geht zurück, schaltet aus. Schreibt Jens eine kurze Nachricht: Papa gehts nicht gut, bin im Krankenhaus, Abendessen steht auf dem Herd. Sie nimmt die Tasche und geht.

Draußen ist es nass und kalt. Mit dem Taxi fährt sie durch regennasse, im Schein der Lichter verschwimmende Straßen. Klaus Weber. Papa. Zweiundsiebzig. Immer kerngesund, nie geklagt. Sagte immer: Ich überlebe euch alle. Sie hoffte, das stimmt. Sie will es jetzt mehr denn je.

Das Krankenhaus riecht nach Desinfektion, die Gänge weiß und endlos. Die Mutter wartet am Fenster in der Notaufnahme. Klein, mit Mantel, ihre Tasche festgehalten.

– Mama.

Ihre Mutter dreht sich um, trockene, aber angespannte Augen, Annika wird der Atem knapp.

– Er hat wahnsinnigen Blutdruck. Und etwas mit dem Kopf. Er ist im Flur gestürzt. Ich bin kurz aus der Küche, als ich zurückkam, lag er schon da.

– Wie geht es ihm jetzt?

– Sie untersuchen ihn. Wir müssen warten.

Sie sitzen auf harten Stühlen, Hand in Hand. Die Hand der Mutter schmal und kühl. Annika denkt daran, wie sie seit Wochen nicht mehr da war. Immer war irgendetwas. Einkaufen, Kochen, Putzen, Ingrids Menübsprechungen.

Nach anderthalb Stunden kommt der junge Arzt. Müde, mit Brille.

– Er ist jetzt stabil, sagt er. Aber Verdacht auf eine Durchblutungsstörung im Gehirn. Weitere Untersuchungen, mindestens eine Woche hier.

– Wird er wieder gesund? fragt die Mutter.

– Wir werden sehen. Prognosen sind noch zu früh.

Annika bringt die Mutter nach Hause, kocht Tee, bleibt, bis sie im Sessel eingeschlafen ist. Dann sitzt sie da, im Elternhaus, und hört die Stille. Dort war es immer sanft still, wie eine Wolldecke. Auf dem Fensterbrett stehen die Geranien ihrer Mutter, die jedes Jahr blühen ohne Erinnerung. An der Wand ein altes Foto: Annika mit sieben, an Papas Hand, strahlend wegschauend Papa blickt sie an.

Zuhause ist sie erst nach Mitternacht.

Jens ist wach. Legt sein Handy weg, als sie kommt.

– Wie geht es ihm?

– Nicht gut. Verdacht auf eine Hirnstörung.

– Das ist ernst, sagt er. Schweigt dann. Hast du wenigstens gegessen?

– Nein.

– Das Hähnchen ist warm, ich habs aufgewärmt. Nimm dir.

Annika isst. Im Stehen, am Spülbecken zu erschöpft, um zu decken. Dann legt sie sich hängen hin. Schlaf bleibt aus. Sie sieht an die Decke, denkt an Papas Gesicht, Mamas Hände, an den Geruch der alten Küche.

Am Morgen ruft Ingrid an.

– Annika, ich habe gehört, du warst gestern weg. Jens sagt, wegen deinem Vater. Du weißt hoffentlich, dass in sechs Tagen schon mein Geburtstag ist?

– Ingrid, mein Vater liegt im Krankenhaus.

– Ja, ja, das hab ich gehört. Aber das Krankenhaus ist doch nicht weit, oder? Du liegst ja nicht selbst drin. Wann willst du mit dem Kochen anfangen?

Annika spürt, wie alles still in ihr wird. Wie Wasser, das aufhört zu fließen und jetzt einfach ruht.

– Ich weiß es noch nicht.

– Wie noch nicht? Jetzt ist Ingrids Tonfall dieses spezielle, ungläubige Staunen bei überraschenden Antworten. Annika, das ist mein Siebzigster. Das wird es nie wieder geben. Verstehst du?

– Ich verstehe. Mein Vater ist aber auch einmalig.

Stille.

– Na ja, sagt Ingrid schließlich. Ich denke, das schaffst du schon. Du musst ja nicht immer im Krankenhaus bleiben. Besuch, fertig.

Annika antwortet nicht. Verabschiedet sich, legt auf.

Jens sitzt in der Küche, trinkt Kaffee. Schaut sie an.

– Hat meine Mutter angerufen?

– Ja.

– Und?

– Wollte wissen, wann ich koche.

Er nickt, trinkt. Dann sagt er:

– Annika, du verstehst doch, wir können den Geburtstag nicht verschieben. Vierzig Gäste. Wird nicht abgesagt.

– Ich will nicht, dass er abgesagt wird.

– Siehst du. Das Kochen schaffst du trotzdem. Du kannst doch morgens im Krankenhaus sein und nachmittags zu Hause kochen, oder nicht?

Annika blickt ihn an. Jens starrt aufs Handy, die Stirn gerunzelt wegen irgendwas auf dem Bildschirm, nicht wegen ihr.

– Jens, sagt sie, was, wenn es deine Mutter im Krankenhaus wäre?

Er schaut auf.

– Wieso denn?

– Einfach eine Frage.

– Das wäre doch was anderes.

– Warum?

– Weils meine Mutter ist, sagt er, als sei das selbstverständlich.

Annika zieht sich an und fährt ins Krankenhaus.

Papa liegt mit drei anderen auf Station. Er ist bewusstlos, ihr Herz zieht sich zusammen doch dann klärt die Schwester auf: Er schläft nur. Annika setzt sich neben ihn, betrachtet sein Gesicht. Falten, grauer Bart, große Hände auf der Decke, knorrige Finger dieselben Hände, die ihr Holzvögel schnitzten als Kind, die sie beim Fahrradsturz auffingen.

Papa öffnet die Augen. Sieht Annika. Lächelt vorsichtig, wie einer, der noch nicht weiß, ob es ein Traum ist.

– Da bist du ja, sagt er, leise, ganz anders als sonst.

– Natürlich bin ich da. Wie gehts dir?

– Ach, geht schon. Ein bisschen schwindelig.

– Nicht geht schon, Papa.

– Na, er zuckt mit den Schultern, so weit es geht. Mal sehen.

Sie bleibt zwei Stunden. Dann ruft sie die Mutter an: Papa ist wach, spricht. Gott sei Dank, sagt die Mutter, und Annika muss schlucken.

Zurück fährt Annika im Bus, sieht auf beschlagene Scheiben. Denkt: Das ist jetzt wichtig. Papa liegt im Krankenhaus. Die Mutter ist allein zu Hause. Das ist wichtig. Ingrids Liste mit Boskoop und klarer Sülze ist es nicht. Überhaupt nicht. Und das wird ihr so klar, dass sie fast überrascht ist, wie sie das bisher ausgehalten hat.

Abends kommt Jens gut gelaunt, bringt Brot, erzählt was über die Arbeit. Sie hört zu, nickt. Dann sagt sie:

– Jens, ich koche nicht für den Geburtstag.

Er hält inne. Setzt das Glas ab.

– Wie meinst du das du kochst nicht?

– Genau so. Mein Vater liegt im Krankenhaus. Meine Mutter braucht mich. Ich kann nicht drei Tage lang in der Küche stehen.

– Annika, sagt Jens, mit voller Länge ihres Namens, wie immer, wenn er verärgert ist. Es kommen vierzig Leute. Für meine Mutter ist das wichtig. Ihr Siebzigster.

– Jens, mein Vater hat einen Hirninfarkt.

– Ich versteh das. Das ist ernst. Aber da sind Ärzte. Du musst ja nicht ständig im Krankenhaus bleiben.

– Nein. Aber ich koche nicht zwölf Gerichte, während mein Vater im Krankenhaus ist.

Jens steht auf, läuft in der Küche herum.

– Du verstehst, dass meine Mutter nicht einfach absagen kann? Die Gäste sind eingeladen. Marina hat bereits alles organisiert.

– Dann sollen sie was bestellen.

– Bestellen? Als hätte sie etwas Unanständiges vorgeschlagen. Mama will alles selbstgekocht. Du kennst sie doch.

– Bestens, sagt Annika leise.

Jens mustert sie. In seinem Blick etwas, das sie nicht gleich einordnen kann. Keine Wut. Eher Staunen, als sei etwas kaputt, das immer funktionierte.

– Annika, komm, überleg doch. Das ist einmal im Leben. Dein Vater liegt im Krankenhaus, ja. Aber das Kochen geht doch trotzdem.

– Nein.

– Nein?

– Nein, Jens.

Er verschwindet im Wohnzimmer. Kurz darauf ruft Marina an.

– Annika, was ist das? Jens sagt, du kochst nicht? Weißt du, wie viele das sind?

– Ich weiß es.

– Es ist Mamas Siebzigster! Bedeutet dir das nichts?

– Doch. Aber dass mein Vater krank ist, bedeutet mir auch was.

– Und der Geburtstag der steht doch fest!

– Marina, sagt Annika, ihr könnt Essen bestellen oder selber kochen. Ich teile die Rezepte gern.

Stille. Dann:

– Wir können das nicht so.

– Dann lernt ihr es.

Sie legt auf. Ihre Hände zittern nicht das erstaunt sie. Sie hatte Angst vor dieser Entscheidung. Sie hatte gedacht, sie würde es nicht schaffen aber es fühlt sich ruhig an. Endlich einmal klar.

Am nächsten Morgen fährt sie wieder ins Krankenhaus. Papa ist munterer, sitzt schon, isst Haferschleim, verzieht das Gesicht, isst aber. Füttern wie im Kindergarten hier. Annika lacht. Sie bringt Brühe im Thermos, die die Mutter früh gekocht hat. Papa trinkt alles aus, sagt: Das ist was anderes.

Später sitzen sie im Elternhaus, trinken Tee. Kleine Küche, Blümchenvorhänge, alter Kühlschrank mit wackelndem Griff. Es riecht nach Brot und getrockneter Minze. Annika denkt: Dieser Geruch ist Heimat, nicht jener, wo sie drei Tage anonym kocht.

– Wie gehts, Annika? fragt die Mutter.

– Es geht schon. Ich schaffs.

– Und bei Jens?

– Schwiegermutter hat Samstag Geburtstag.

– Und, gehst du hin?

– Vielleicht. Aber ich koche nicht.

Die Mutter nickt. Nachdenklich, als hätte sie lange darüber gewartet zu sprechen:

– Annika, bist du dort glücklich?

Annika schaut auf.

– Wie meinst du?

– Na ja. Immer wenn du kommst, bist du erschöpft. Immer in Eile, nie einfach da. Selbst jetzt siehst du dauernd aufs Handy.

Annika sieht auf das Telefon. Es stimmt.

– Gewohnheit.

– Ich verstehs, sagt die Mutter. Schenkt einfach nochmal Tee ein.

Mittwoch ruft Ingrid. Die Stimme ausnahmsweise fast sanft, leicht zitternd.

– Annika, ich will ehrlich reden.

– Ich höre zu, Ingrid.

– Ich versteh, dass dein Vater krank ist. Ich fühle mit dir, wirklich. Aber ich hab zwanzig Jahre auf meinen 70. gewartet. So ein Fest gibts nur einmal.

Annika schweigt.

– Ich verlange nicht, dass du deinen Vater im Stich lässt, fährt Ingrid fort. Aber du bist die beste Köchin. Das weißt du. Das ist dein Beitrag zur Familie. Oder nicht?

– Ingrid, sagt Annika ruhig, ich habe diese Woche etwas verstanden. Mein Beitrag sind nicht Sülze und Strudel. Mein Papa liegt im Krankenhaus, ich will bei ihm sein.

– Dann sei doch bei ihm. Wer hält dich ab? Du kannst morgens im Krankenhaus sein und abends in der Küche.

– Für Sie ist das kein Problem. Für mich ist es eines. Weil ich nicht den Schein eines normalen Alltags wahren kann, wenn nichts normal ist.

Lange Pause.

– Du warst schon immer kompliziert, sagt Ingrid schließlich. Nicht böse. Einfach Feststellung.

– Wahrscheinlich.

– Jens ist enttäuscht.

– Ich weiß.

– Er meint, du hast dich verändert.

– Kann sein.

Sie verabschieden sich. Keine zitternden Hände.

Am Donnerstag packt Annika eine kleine Tasche: Kleidung, Handy, Charger, Kulturbeutel, Ausweis. Sie überlegt nicht lange sie tut es einfach. Schreibt Simon: Opa gehts besser, ich bleib ein paar Tage bei Oma. Alles gut. Simon antwortet sofort: Mama, ruf mich abends an. Gehts dir wirklich gut? Ganz sicher. Kuss.

Als Jens zur Arbeit geht, liegt ein Zettel auf dem Küchentisch: Bin bei den Eltern. Rufe an.

Sie bleibt einen Moment an der Tür der Küche stehen. Schaut sich um. Neunzehn Jahre dieser Küche, dieser Möbel, dieses Geruchs von fremdem Morgen.

Sie schließt ab. Geht die Treppe hinaus. Draußen ist es kalt, aber klar, der Himmel graublau, wie nur Ende Herbst. Sie geht zur Haltestelle und denkt: Neunzehn Jahre fast ihr halbes Leben. Und dass sie das immer für ausreichend hielt, was man ihr zugestand.

Im Elternhaus empfängt sie der Geruch von Minze und das warme Licht im Flur. Die Mutter sieht die Tasche, fragt nicht. Legt nur wortlos den Arm um sie. Annika bleibt einfach stehen und spürt ein seltenes, langsames Loslassen im Innern.

– Bleibst du? fragt die Mutter.

– Für ein paar Tage. Wenns passt.

– Wie wenns passt das ist dein Zuhause, sagt die Mutter und schaut sie leicht empört an.

Annika bleibt vier Tage dort. Jeden Morgen fahren sie die Mutter ins Krankenhaus. Dem Vater geht es zunehmend besser. Bald spricht er wieder normal, schimpft über die Infusionen, bittet, was Anständiges zu essen zu bringen. Der Arzt sagt: vorsichtig gute Prognose; Beobachtung und dann Reha.

Annika schläft viel. Erholt sich wie lang nicht. Sie isst das Essen der Mutter: Buchweizen mit Butter, Borschtsch, gedeckter Apfelkuchen mit den Boskoop, die die Mutter im Herbst vom Schrebergarten brachte. Der Kuchen riecht so, dass Annika die Tränen kommen.

– Was ist? fragt die Mutter.

– Nichts. Es schmeckt so gut.

Die Mutter nickt, fragt nicht weiter.

Jens meldet sich Freitagabend:

– Wann kommst du zurück?

– Ich weiß es nicht.

– Annika, morgen ist Geburtstag. Die ganze Familie kommt.

– Ich weiß.

– Mama ist aufgelöst. Marina versucht zu kochen, aber alles brennt an.

– Dann bestellt doch. Wie gesagt.

– Mama ist beleidigt, weißt du das?

– Ja. Es tut mir leid. Aber ich bleib hier.

Lange Pause.

– Du hast dich verändert, sagt er. Wie Ingrid, aber anders zwischen Vorwurf und Ratlosigkeit.

– Wahrscheinlich.

Am Samstag fährt sie nicht zum Geburtstag.

Morgens bringen sie und die Mutter dem Vater Brühe und ein Brötchen, frisch gebacken. Der Vater isst und meint, er käme wohl bald heim und müsse selber kochen, weil Muttern es verlernt hätte. Die Mutter lacht: Das sehen wir dann. Annika sitzt dabei, hört dem Schlagabtausch zu. Dabei war das nie Streit, sondern der Austausch von zwei Menschen, die schon ewig zusammen sind.

Abends sitzt Annika im Sessel, liest kaum, hält nur das Buch. Die Mutter strickt. Draußen fällt Schnee, friedlich und leise, richtiger Dezember-Schnee. Das Handy vibriert: Marina schreibt: Hier ist ein einziges Chaos, Gäste und nichts zu essen, einfach peinlich. Von Ingrid kommt nichts. Jens schreibt: Und?

Annika legt das Handy weg und nimmt das Buch zur Hand.

Ein paar Tage später, als sie zum ersten Mal wieder in die Wohnung in der Schillerstraße kommt ihre Sachen, Dokumente, ihr Leben, das praktisch , ist der Vater stabil, fast gesund, die Mutter allein zuhause.

Jens sitzt in der Küche, sieht sie lange an. Irgendwas ist anders an ihm.

– Sollen wir reden? fragt er.

– Lass uns reden.

Sie reden lange. Kein Streit, einfach reden vielleicht das erste Mal ehrlich seit Jahren. Annika erklärt, dass sie müde ist müde vom Funktionieren. Neunzehn Jahre bequem und doch leer. Jens hört zu, versucht zu erläutern, dass er nie böse war, dass es einfach so lief, dass seine Mutter eben immer so war. Annika widerspricht nicht.

– Willst du dich trennen? fragt er irgendwann. Direkt, unerwartet.

Annika überlegt.

– Ich will anders leben, sagt sie. Wie, weiß ich noch nicht.

Er nickt, schenkt sich Wasser nach.

– Ich rufe Simon an.

– Gut.

Simon kommt zwei Wochen später, einfach an der Tür, mit Reisetasche und diesem ernsten Blick, den er schon als Kind hatte, wenn es wichtig wurde.

– Mama, wie gehts dir?

– Gut. Wirklich.

– Papa sagt, es ist… schwierig.

– Es ist ehrlich, sagt Annika, das ist das richtige Wort.

Er bleibt drei Tage. Es gibt Gespräche, erst ärgert er sich über die Mutter, dann den Vater, dann bleibt er einfach da. Beim Abschied umarmt er sie fest:

– Du siehst zum ersten Mal seit Jahren nicht mehr übermüdet aus.

– Sieht man das?

– Sehr.

Die Scheidung läuft ruhig. Keine Dramen, wie Menschen auseinandergehen, die schon lange nebeneinander, aber nicht zusammen lebten. Jens bleibt in der Wohnung in der Schillerstraße. Annika nimmt ihre Sachen, zieht für eine Weile zu den Eltern. Die Mutter sagt kein Wort zu viel, richtet das Gästezimmer her, legt frische Wäsche zurecht und auf das Nachtschränkchen den kleinen Holzvogel, den der Vater einst schnitzte. Annika nimmt ihn in die Hand. Leicht, glatt, mit winzigen Kerben vom Messer.

Der Vater kommt Anfang Dezember nach Hause langsam, am Stock, aber er geht. Im Flur hält er an, schaut Annika an.

– Da sind wir wieder. Alle daheim.

Das Weihnachtsfest feiern sie zu viert: Annika, die Mutter, der Vater und Simon, der dafür extra kommt. Sie schmücken den Baum, sehen alte Filme, essen Mamas Kartoffelsalat und Krautstrudel. Ganz schlicht, nichts Überflüssiges. Annika hilft beim Formen, steht mit der Mutter am bemehlten Brett, fühlt: So kocht man für Menschen, nicht für Listen, nicht für Traditionen, sondern füreinander.

Im Februar mietet sie eine kleine Wohnung. Einzimmer, fünfter Stock, mit Blick in einen Innenhof mit Birken. Die Wohnung ist einfach, fast leer, noch riecht es nach frischer Farbe. Annika steht einen Moment mitten im Zimmer, geht dann ans Fenster und sieht ins grüne Baumdach.

Marina ruft einmal im März an beleidigt und zugleich versöhnlich, eine komplizierte Mischung.

– Annika, wie gehts? Mama macht sich Sorgen, aber du weißt ja, sie sagt so was nie.

– Ich weiß.

– Kommst du manchmal vorbei? Wenigstens an Feiertagen?

Annika lächelt. Marina sieht es nicht, aber sie merkt es.

– Ich denke dran, sagt sie. Vielleicht ergibt es sich.

– Na gut. Und, du bist doch Profi für Sülze. Wir habens versucht, die war total trübe.

– Ich schicke dir ein Rezept, Marina. Wichtig: Brühe zweimal durch Mull abseihen. Probiers.

– Im Ernst?

– Klar. Ist doch nicht schwer. Man muss es halt selber tun.

Sie schickt das Rezept. Marina antwortet mit einem erstaunten Emoji und meldet sich sonst nicht mehr.

Der Vater erholt sich langsam. Bis zum Frühjahr ist er fast ohne Stock, beschwert sich über die Ärzte, will in den Garten. Die Ärzte sind skeptisch. Er sagt: Ich mach das schon. Im Mai fährt Annika mit ihm raus, hilft, das Haus zu öffnen, den Ofen anzufeuern. Sie sitzen auf der Veranda, trinken Tee aus alten Bechern mit blauem Rand. Hinterm Garten blüht der Flieder.

– Papa, erinnerst du dich an die Holzvögel?

– Klar. Du hast sie immer verloren.

– Einen hab ich noch.

– Mama hat mir davon erzählt. Er lächelt. Du bist tapfer, Annika.

– Wofür denn?

– Einfach. Er stellt die Tasse ab, schaut in die Natur. Das Leben ist lang. Wichtig ist, sich nicht zu verlieren.

Annika nickt. Es riecht nach feuchter Erde und Flieder, irgendwo ruft ein Kuckuck, es ist vollkommen ruhig.

Im Frühjahr nimmt Annika wieder eine Stelle an. Früher war sie Buchhalterin, zuletzt nur auf kleiner Flamme Familie ist wichtiger, sagte Ingrid immer, und Jens hatte nichts dagegen. Jetzt arbeitet sie in einer kleinen Firma. Die ersten Wochen ist der neue Alltag ungewohnt, dann fühlt es sich gut an. Zum ersten Mal seit Jahren gehört ihr Tag wieder ihr.

Am Wochenende besucht sie die Eltern. Bleibt manchmal über Nacht. Backt mit der Mutter einen Kuchen ohne Liste, ohne vierzig Personen, nur so, für sie. Der Vater gibt Kommentare, die niemand braucht. Die Mutter lächelt und sagt, sie kommt schon zurecht. Der kleine Vogel steht auf dem Nachttisch.

Im Sommer ruft Simon eines Abends an, einfach so.

– Mama, wie gehts dir?

– Gut, mein Junge. Wirklich gut.

– Weißt du, ich bin froh für dich. Du bist richtig verändert.

– Verändert, ja.

– Im besten Sinne.

Sie lacht.

– Simon, und bei dir?

– Alles gut. Wir planen hier, vielleicht komm ich im August. Er erzählt vom Job, vom Pläneschmieden, dass er im Sommer gerne kommt. Annika lauscht seiner Stimme, schaut aus dem Fenster. Die Birken im Hof stehen vollem Blatt, so grün, dass es scheint, der ganze Hof platze vor Grün.

– Komm vorbei, sagt sie. Dann koche ich Borschtsch.

– Einfachen Borschtsch?

– Einfachen. Nach Mamas Rezept.

– Es gibt keinen besseren, sagt Simon. Versprochen.

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Homy
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