Liebes Tagebuch,
Vor einem Jahr haben Friederike und Martin geheiratet. Unsere Eltern, sowohl meine als auch seine, organisierten eine prachtvolle Hochzeitsfeier. Da wir beide Einzelkinder sind, beschlossen unsere Familien gemeinsam, dass die Hochzeit etwas ganz Besonderes sein sollte. Die Idee, unsere Freunde nach der Trauung zu einer Grillparty einzuladen, wurde von unseren Müttern gar nicht erst ernst genommen. Sie träumten von einer traditionellen Hochzeit, einem weißen Kleid und einer Kutsche.
Martin und ich mussten schnell einsehen, dass wir um das große Fest nicht herumkommen würden und begannen, gewissenhaft alles vorzubereiten. Es gab viel zu tun: Maniküre, Make-up, das Aussuchen von Kleid und Anzug, und all die kleinen Details, die dazugehören. Unsere Eltern übernahmen sämtliche Kosten außer für mein Kleid und Martins Anzug. Sie reservierten das beste Restaurant in Berlin, suchten den Brautstrauß aus und der dreistöckige Kuchen sollte von einer guten Freundin meiner Mutter gebacken werden, die seit Jahren für ihre Backkunst bekannt ist.
Beim Erstellen der Gästeliste achteten unsere Eltern besonders darauf, möglichst alle Verwandten einzuladen, selbst jene, mit denen sie kaum Kontakt haben. Die haben alle gutes Geld, sagten sie, und so könnt ihr euch vielleicht ein Auto kaufen oder für eine eigene Wohnung sparen. Nach langen Diskussionen entschieden wir, die ganz entfernten Verwandten nicht einzuladen. Einige sagten ohnehin aus triftigen Gründen ab. Am Ende bestand die Gästeliste fast nur aus unseren Freunden, so wie wir es uns gewünscht hatten.
Am Tag der Hochzeit war das Wetter überraschend schön trotz Regenprognose. Ich trug ein edles Seidenkleid mit filigraner Spitze und fühlte mich einfach wunderbar. Martin schwärmte den ganzen Tag von mir, und konnte kaum die Augen von mir abwenden. Die Stimmung war großartig voller Freude und Lachen. Unser Fotograf arbeitete mit bewundernswerter Leidenschaft und knipste unermüdlich. Die Gäste waren schon ganz gespannt auf das Festessen im Restaurant.
Nach dem Fotoshooting stiegen Martin und ich in eine schneeweiße Kutsche und fuhren zum Restaurant. Der Sekt floss in Strömen, und die Glückwünsche hörten nicht auf. Geschenke gab es hauptsächlich Geld in Umschlägen, wie wir es zuvor angedeutet hatten. Ein paar ältere Gäste konnten nicht widerstehen und schenkten uns Wolldecken, Bettwäsche und Geschirr.
Der dreistöckige Hochzeitstorte war ein echtes Kunstwerk mit kunstvoller Spitze, cremefarbenen Blumen und Perlen dekoriert. Die Feier war stilvoll, und erst am Morgen verabschiedeten sich die letzten Gäste müde nach Hause. Wir verbrachten die Nacht im vorab gebuchten Hotelzimmer.
Am darauffolgenden Tag, als wir bei meiner Mutter ankamen, erzählte sie uns, dass einer der Umschläge leer gewesen sei. Ausgerechnet von einer engen Freundin, Sabine. Der Umschlag war nicht unterschrieben, daher war es leicht, festzustellen, von wem er kam. Diese Nachricht traf mich hart.
Die Sache wurde noch komplizierter, weil Sabine vor der Hochzeit betonte, dass es heute üblich sei, mindestens tausend Euro für das Hochzeitspaar zu geben und versprach, mich zu unterstützen. Etwas weniger als ein Jahr später heiratete Sabine selbst und lud uns ein. Auch sie riet uns, ihr Geld zu schenken, weil sie hoffte, damit ihre Hochzeit zu finanzieren.
Martin und ich fragten uns, was wir tun sollten. Ich schlug vor, ihr ebenfalls einen leeren Umschlag zu schenken, so wie sie es bei uns gemacht hatte. Martin meinte, wir könnten ihr sogar mehr geben ganz im Stil eines kleinen Triumphs. Meine Mutter empfahl mir, den Mindestbetrag in den Umschlag zu legen. So würde ich Sabine nichts über die leere Geldgabe sagen und wäre nicht auf Vergeltung aus.
Die Hochzeit meiner Freundin steht nun bevor und ich grüble noch immer, wie ich handeln soll.




